J. Müller: Die importierte Nation

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Titel
Die importierte Nation. Deutschland und die Entstehung des flämischen Nationalismus 1914 bis 1945


Autor(en)
Müller, Jakob
Reihe
Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 238
Erschienen
Göttingen 2020: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
361 S.
Preis
€ 70,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christoph Brüll, Centre for Contemporary and Digital History, Universität Luxembourg

In einer Reihe von Interviews, die er im Herbst 2020 gab[1], bezweifelte der Nestor der Historiographie des flämischen Nationalismus, Lode Wils (Jahrgang 1929), dass Belgien 2030 seinen 200. Geburtstag noch werde feiern können.[2] Einigermaßen desillusioniert stellte er fest, dass die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem flämischen Nationalismus gegenüber den Mythen, die sich um ihn rankten, eigentlich kaum eine Chance habe. Gerade über die Formierung des flämischen Nationalismus und einer flämischen Nation gebe es mehr gefühltes denn gesichertes Wissen. In diesem Zusammenhang verwies Wils auf das hier zu besprechende Buch, in dem Jakob Müller eindrücklich zeige, dass es sich bei Flandern um eine „importierte Nation“ handele, die die deutschen Besatzer im Ersten Weltkrieg als Geschenk offeriert hätten. Dieses sei von einer kleinen Gruppe radikaler Flamen angenommen worden. Müller habe die erste umfassende Studie zur deutschen Flamenpolitik zwischen 1914 und 1945 verfasst und trage maßgeblich zum Verständnis der Frage bei, wie diese den belgischen Nationalstaat nachhaltig destabilisiert habe.

Um es gleich vorwegzunehmen: Die Vorschusslorbeeren sind weitgehend gerechtfertigt. Jakob Müller hat ein lehrreiches Buch geschrieben, das seine Hauptthese sehr klar darlegt und entwickelt. Dies geschieht zudem in einer leserfreundlichen Gliederung und einer flüssig zu lesenden Sprache. Die Stringenz hat freilich auch einen Preis: Der Autor bleibt sehr nah an seinem Untersuchungsgegenstand – dies zeigt sich vor allem an der zitierten Sekundärliteratur – und lässt sich nur selten auf weiterführende historiografische Erörterungen ein. So fehlt beispielsweise eine Auseinandersetzung mit den Thesen von Paul Delforge zur „Wallonenpolitik“ im Ersten Weltkrieg.[3] Darüber hinaus haben sich in die allgemeinhistorischen Passagen zur belgischen Geschichte oder zu den deutsch-belgischen Beziehungen der Zwischenkriegszeit einige kleinere Ungenauigkeiten eingeschlichen. Zudem wurde für die Publikation dieser 2018 eingereichten Dissertation neuere Literatur nicht mehr berücksichtigt.[4]

In der konzisen Einleitung stellt Müller im Kontext der Historiografie des flämischen Nationalismus fest, dass „externe Faktoren in der Entstehung nationalistischer Bewegungen oder sogar von Nationalstaaten wenig untersucht sind“ (S. 19). Dabei sei es, so die Hauptthese, offensichtlich, dass die „Vorstellung einer prinzipiellen Unvereinbarkeit zwischen den Zielen der Flämischen Bewegung und der Existenz Belgiens erst durch eine während der Besatzung ‚importierte Nation‘ hervorgerufen wurde“ (S. 12). Die Maßnahmen der Besatzungsmacht – allen voran die Flämisierung der Universität Gent, die Schaffung eines Rates von Flandern und die administrative Teilung Belgiens im Jahr 1917 hätten Bezugspunkte geschaffen, auf die der flämische Nationalismus nunmehr habe rekurrieren können. Aus dieser These resultiert dann auch die Gliederung des Buches. Im ersten und ausführlicheren Teil stellt Müller die deutsche Flamenpolitik im Ersten Weltkrieg dar – er nimmt knapp zwei Drittel des Werks ein. Der zweite Teil analysiert die „importierte Nation“ in Zwischenkriegszeit und Zweitem Weltkrieg. Die Herausarbeitung der Kontinuitäten deutscher Flamenpolitik von der Besatzung 1914 bis 1918 zur Besatzung 1940 bis 1944 bildet zweifelsohne eine historiografische Premiere.

Die deutsche Flamenpolitik im Ersten Weltkrieg ist seit Langem Gegenstand historischer Forschung. Diese konzentrierte sich jedoch, ganz in der Tradition der Nationalgeschichtsschreibung, auf ihre Rezeption und Aneignung durch flämische Akteure. Müller konzentriert sich hingegen auf die deutschen Akteure. Detailliert, aber nicht vor zuspitzenden Thesen zurückschreckend, lässt der Autor ein sehr komplexes Bild der deutschen Vorstellungen und Pläne für Belgien und Flandern entstehen. Die Vielzahl der zivilen und militärischen Akteure, ihre Verortung in Brüssel, Berlin oder auch Den Haag sorgten für polykratische Entscheidungsstrukturen und widerstreitende Interessenlagen. Zwischen den kurzfristigen Imperativen der Besatzungspolitik und den militärischen Erfordernissen und den über das Kriegsende hinausgehenden Planungen konnten Welten liegen.

Eine deutsche Nation-Building-Politik gegenüber Flandern wurde erst spät ins Auge gefasst, ihre Institutionalisierung erfolgte ab dem Sommer 1917. Vorstellungen von der Erhaltung Belgiens, seiner Annexion durch das Reich oder von seiner häufig völkisch legitimierten Zerschlagung zugunsten Flanderns konkurrierten miteinander und konnten von einzelnen Akteuren situativ angepasst werden. Ein bemerkenswertes Beispiel liefert Richard von Kühlmann. Als deutscher Gesandter in Den Haag zögerte er nicht, von den neutralen Niederlanden aus in die Besatzungspolitik in Belgien einzugreifen und die Flämisierung der Universität Gent – eine historische Forderung der Flämischen Bewegung – zu forcieren und so zur Lancierung der Flamenpolitik beizutragen. Einmal zurück in Berlin gelangte er 1917 als Staatssekretär des Äußeren zu der Auffassung, dass nur der Verzicht auf Forderungen in Belgien eine Annäherung mit Großbritannien würde ermöglichen können.

Müller widmet sich selbstverständlich auch den flämischen Akteuren, wobei er hier – kaum überraschend – die Befunde der älteren Forschung bestätigt, wonach die Flamenpolitik nur auf geringe Resonanz stieß und heftigen Widerstand provozierte. Kaum zu überschätzen für die Rolle der deutschen Propaganda bei der Bildung des flämischen Nationalbewusstseins sind jedoch die Beziehungen zwischen Deutschen und der flämischen Frontbewegung, also jenen Flamen, die als Soldaten im unbesetzten Gebiet Belgiens ein anti-belgisches, flämisch-nationales Bewusstsein entwickelten. Hierbei handelt es sich ohne Zweifel um einen der wichtigsten Befunde der Studie.

Mit dem Ende der Besatzung 1918 endete auch die offizielle deutsche Flamenpolitik. Neuigkeitswert haben hier Müllers Ausführungen zur Abwicklungsbehörde (S. 187–191), die zeigen, dass auf deutscher Seite zumindest in Teilen die Bereitschaft bestand, Verantwortung gegenüber flämischen Akteuren der Flamenpolitik zu übernehmen, indem finanzielle Verbindlichkeiten und Entschädigungszahlungen geregelt wurden.

Die den zweiten Teil eröffnenden Kapitel zur Zwischenkriegszeit beruhen weitgehend auf der vorhandenen Forschungsliteratur und geben einen guten Überblick über die Entwicklung des flämischen Nationalismus – vor allem in seinen radikalen Ausprägungen, dessen Akteure recht deutschfreundlich agierten. Der Vorschlag für eine Föderalisierung Belgiens, den der flämische Nationalist Herman Vos in der Kammer unterbreitete, war wohl der deutlichste Rekurs auf die deutsche Besatzungspolitik im Ersten Weltkrieg. Müller zeigt, dass die deutsche Beschäftigung mit Flandern vor allem im Rahmen der „Westforschung“ erfolgte. Das Interesse für die flämische Bewegung und ihre politischen Vertreter nahm nach 1933 zu. Auch finanzielle Mittel flossen aus NS-Deutschland Richtung Flandern. Große politische Erfolge für die flämische Bewegung waren die Aufkündigung des belgisch-französischen Militärabkommens und die Implementierung der Unabhängigkeitspolitik nach der Rheinlandbesetzung im März 1936 – die nicht zuletzt auf Drängen von König Leopold III. erfolgten.

Mit Spannung erwartet der Leser die Kapitel zur deutschen Besatzung Belgiens im Zweiten Weltkrieg, bildet die Flamenpolitik der ersten Besatzung hierfür doch gleichermaßen Bezugs- und Vergleichspunkt. Müllers Herangehensweise ist an dieser Stelle jedoch deutlich weniger systematisch und detailliert. Vielmehr versucht er herauszuarbeiten, wie der Erste Weltkrieg als Erfahrungshintergrund für die deutsche Militärverwaltung gegenüber den flämischen Nationalisten wirkte. Er tut dies hauptsächlich am gut erforschten Beispiel des Vlaams Nationaal Verbond (VNV) und seiner Leiter Staf de Clercq und Hendrik Elias. Dabei wird einmal mehr das traditionelle Spannungsfeld zwischen den Vorstellungen eines eng mit Deutschland verbundenen unabhängigen Flanderns und den Verfechtern eines Flanderns als Teil des Großdeutschen Reiches deutlich. Die von Hitler nach der Besetzung Belgiens ausgegebene Richtlinie, nach der die Besatzungspolitik die Flamen bevorzugen sollte, stieß rasch auf politische und ökonomische Realitäten, die für die Militärverwaltung auch Arrangements mit den alten belgischen nationalen Eliten erforderlich machten.

Für die Historiografie erscheinen zwei Punkte zentral. In der Folge der jüngeren Forschung kritisiert Müller die Geschichtsschreibung zur Besatzungszeit der 1970er-Jahre, die aufgrund übergroßer Nähe zu den Zeitzeugen ein Bild zeichnete, in dem Militärverwaltung und „Schutzstaffel“ (SS) rivalisierten. Stattdessen bestätigt er, dass Zielkongruenz und Arbeitsteilung gegenüber Konflikten in der Durchführung schwerer wogen, und weitet diesen Befund auch auf die Volkstumspolitik aus, die bisher – auch vom Rezensenten – als Feld tatsächlicher Rivalitäten, die dann von den Akteuren der Militärverwaltung in der Nachkriegszeit auf die gesamte Besatzungspolitik übertragen wurden, ausgemacht wurde.

Zum Zweiten weisen Müllers leider allzu knapp geratenen Ausführungen zum Erbe des Zweiten Weltkriegs eindrücklich darauf hin, wie wichtig auch für Belgien eine stärkere Erforschung der (Eliten-)Kontinuitäten über die großen Zäsuren des 20. Jahrhunderts hinaus wäre. Müllers strukturgeschichtlich zutreffende These, dass es zwischen den Konzepten der deutschen Besatzungspolitik im Ersten Weltkrieg und der Föderalisierung Belgiens seit den späten 1960er-Jahren trotz ihrer frappanten Ähnlichkeit keine direkte Verbindung gebe, könnte dann gegebenenfalls anhand von individuellen Beispielen nuanciert werden.

Auch wenn die Erkenntnisdichte des zweiten Teils hinter derjenigen des ersten zurücksteht, hat Jakob Müller mit „die importierte Nation“ einen überaus anregenden Forschungsbeitrag geleistet, dem viele Leser zu wünschen sind – jenseits aller Staats- und Sprachengrenzen.

Anmerkungen:
[1] Anlass war die Veröffentlichung einer Aufsatzsammlung: Lode Wils, Op zoek naar een natie. Het ontstaan van Vlaanderen binnen België, Kalmthout 2020.
[2]https://www.arts.kuleuven.be/nieuws/lode-wils-vreest-voor-toekomst-belgie-twijfelachtig-of-ons-land-over-10-jaar-zijn-200ste-verjaardag-zal-halen (10.01.2021).
[3] Paul Delforge, La Wallonie et la Première Guerre mondiale. Pour une histoire de la séparation administrative, Namur 2008.
[4] Besonders: Maarten Van Ginderachter, The Everyday Nationalism of Workers. A Social History of Modern Belgium, Stanford 2019.

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Veröffentlicht am
11.02.2021
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