A. Feustel: Alice Salomon (1872–1948)

Cover
Titel
Alice Salomon (1872–1948). Sozialreformerin und Frauenrechtlerin


Autor(en)
Feustel, Adriane
Reihe
Humanistische Porträts
Erschienen
Anzahl Seiten
79 S.
Preis
€ 9,80 (DE); € 10,10 (AT)
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Melanie Werner, Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften, Technische Hochschule Köln

Wir mussten lange warten: 22 Jahre nach Manfred Bergers „Alice Salomon – Pionierin der Sozialen Arbeit“1 erschien im vergangenen Jahr ein neues Portrait von Alice Salomon. Die Autorin ist Adriane Feustel, Mitbegründerin des Alices Salomon Archivs in Berlin und dessen langjährige Leiterin sowie Autorin zahlreicher Texte über Salomon und Herausgeberin ihres Oeuvres.

Das schlanke Büchlein hält, was man von einer solch ausgewiesenen Kennerin von Alice Salomon erwartet: Feustel wertet eine Vielzahl von Quellen aus und verdichtet sie zu einem eindrucksvollen Porträt. Dabei schafft sie es, trotz historischer Präzision einen kurzweiligen Text zu schreiben, der durch den Nachdruck von Fotos und Originaldokumenten auch visuell ansprechend ist. Der Aufbau des Buches ist ungewöhnlich, denn Feustel zäumt das Pferd von hinten auf und beginnt mit einer zusammenfassenden Würdigung von Salomons Lebensleistung. Dies macht neugierig die Person, die sowohl mit Ehrendoktortiteln gewürdigt wurde, als auch an der „Verwirklichung einer sozialen Gesellschaft“ (S. 9) beteiligt gewesen war, näher kennen zu lernen. Die nächsten sechs Kapitel nehmen die Leser:innen dann mit in das Leben und Wirken Alice Salomons. Feustels Buch wird dabei von der These geleitet, dass Salomons Engagement in der Frauenbewegung, in der sozialen Arbeit und in der Wissenschaft nicht voneinander zu trennen sind.

In Kapitel 2 beschreibt Feustel, wie Alice Salomon zur Sozialen Arbeit kommt und zieht eine Parallele zwischen ihrem Engagement in einem Berliner Arbeiterinnenklub einerseits und dem bürgerlichen „Berliner Frauenklub von 1900“ andererseits. Die Autorin nimmt also Bezug auf die in der Literatur häufig beschriebene Verwobenheit von sozialer Frage und Frauenfrage, konkretisiert diese aber in der Lebenserfahrung Salomons. Die Leser:innen können nachempfinden, welche Anziehungskraft beide Clubs für junge bürgerliche Frauen im Allgemeinen und für Alice Salomon im Besonderen hatten. Eine solche Anziehungskraft entfaltet dann auch ein Flugblatt der „Berliner Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hilfsarbeit“, das bürgerliche Mädchen aufruft, sich sozial zu engagieren. Diesen viel zitierten Aufruf bekommen die Leser:innen erstmals auch in einem Reprint zu sehen (Kapitel 2). Inspiriert von diesem Aufruf engagiert sich Alice Salomon in der sozialen Arbeit, der sie fortan ihr ganzes Leben widmet. „Die Gruppen“ wecken nicht nur Salomons praktisches Interesse, sondern prägen auch ihren akademischen Werdegang: Begleitend zu ihrer Tätigkeit in der Praxis sozialer Arbeit bilden die Berliner Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hilfsarbeit ihre Mitglieder fort – und zwar auf höchstem akademischen Niveau; Alice Salomon lernt u.a. bei Max Weber, Gustav Schmoller und Max Sering und kommt in Kontakt mit den führenden Sozialreformer:innen ihrer Zeit. Ausgehend von diesem Engagement, so die These Adriane Feustels, habe sich Alice Salomon zu einer Sozialreformerin und Sozialarbeiterin, Frauenrechtlerin, Nationalökonomin, Lehrerin, Dozentin und Pädagogin, Autorin und Rednerin, Organisatorin, Internationalistin und Pazifistin entwickelt (S. 25).

In dieser Vielzahl von Rollen schreibt Salomon eine beeindruckende Anzahl an Büchern und Artikeln, die Adriane Feustel in den folgenden Kapiteln anhand ihrer grundlegenden Fragestellungen zu systematisieren sucht (Kapitel 4). Salomons Ansatz sei durch eine Verbindung von Theorie und Praxis, Selbstreflexion und Perspektivenvielfalt, Respekt vor dem Einzelnen und eine Auseinandersetzung mit der Frage „Was schulde ich der Gesellschaft?“ gekennzeichnet (S. 28). Dies zeige sich auch in Salomons Wissenschaftsverständnis (ebenfalls Kapitel 4), ihrer Ethik (Kapitel 5) und ihrem Theorieansatz (Kapitel 6). Alle drei Kapitel hätten auch in einem Platz finden können, sind doch Ethik und Wissenschaftsverständnis Bestandteil einer Theorie Sozialer Arbeit. Die Autorin beschreibt den Ansatz Salomons nicht anhand von Kristallisationspunkten einer Theorie Sozialer Arbeit3, sondern in Verbindung mit zeitgenössischen Entwicklungen und Lebensereignissen Alice Salomons. Damit versucht die Autorin in der Darstellung das einzulösen, was auch Salomon selbst mit ihrem Ansatz bezweckte: Nicht abstrakt zu bleiben, sondern konkrete Antworten in der ständigen Auseinandersetzung mit der Praxis zu finden (S. 9). Mit einer abschließenden Reflexion Salomons Bedeutung im Diskurs der Sozialen Arbeit endet das Buch.

Insgesamt gelingt es Adriane Feustel, ein plastisches Porträt Salomons zu zeichnen. Das Buch erfüllt dem selbstgesetzten Anspruch der Reihe „Humanistische Porträts“, den „ganzen Menschen, seine Lebenspraxis und sein Werk“ (S. 1) darzustellen. An manchen Stellen verfängt sich das Buch jedoch in den Fallstricken, die mit einem Porträt verbunden sind: In dem Bemühen, die Person in ihrer Ganzheit darzustellen, werden erstens ihre Ecken und Kanten weichgezeichnet, Widersprüchlichkeiten treten in den Hintergrund. So lesen wir, Salomon sei eine „Pazifistin“ (S. 25). Dies mag auf die Weimarer Republik und insbesondere auf Salomons Zeit im amerikanischen Exil zutreffen, nicht aber für den ersten Weltkrieg. Hier übernahm Alice Salomon eine führende Rolle im „Nationalen Frauendienst“ und war maßgeblich an der Organisation der „Heimatfront“ beteiligt. Auch die Aussage, Salomon habe jeglichen Nationalismus abgelehnt (S. 34), ist in ihrer Pauschalität nicht zutreffend.4 Fraglos findet sich in Salomons Werk ein großes Vertrauen in die Selbstheilungskräfte der Adressat:innen. Es finden sich aber ebenso Textstellen, in denen Salomon von den „asozialen Elementen“ schreibt, denen nicht mehr zu helfen sei oder von den „arbeitsscheuen Parasiten“, die der Gesellschaft zur Last fallen würden.5 Dies zu benennen meint nicht, Alice Salomon einer vollkommen ahistorischen Kritik zu unterziehen. Aber es lohnt, darüber nachzudenken, an welchen Stellen auch wertgeschätzte Klassiker:innen und Vorbilder anschlussfähig für nationalistisches und aus heutiger Sicht problematischen Gedankengut wurden.6

Zweitens neigen Porträts dazu, Menschen als Gründerfiguren zu inszenieren und sie an den Anfang einer Entwicklung zu stellen. Dies ist schon theoretisch problematisch, sind doch Entwicklungen komplex und meistens nicht auf einen Punkt zurück zu führen. So hat Alice Salomon die Entwicklung der Sozialen Arbeit zwar maßgeblich beeinflusst, sie aber als „Gründerin der Sozialen Arbeit in Theorie und Praxis“ darzustellen, blendet andere Entwicklungslinien, etwa die evangelische Rettungshausbewegung aus. Auch das viel zitierte Postulat „Hilfe zur Selbsthilfe“ ist nicht eine Wende, die Alice Salomon allein herbei geführt hat (S. 50), sondern war eine im Theoriediskurs weit verbreitete Idee, die sich beispielsweise auch bei Herman Nohl findet.

Von diesem Kritikpunkten abgesehen, bleibt das Buch eine empfehlenswerte Lektüre: Für Studierende und anderen Salomon-Laien ist dieses Buch ein guter Einstieg, Salomon Kenner:innen werden vor allem die Vielzahl der neuerschlossenen Quellen zu schätzen wissen. Aufgrund seiner Kurzweiligkeit einerseits und seinem hohen fachlichen Anspruch andererseits eignet es sich ebenso zum Studium am Schreibtisch wie für einen sonntäglichen Schmöker auf dem Sofa.

Anmerkungen:
1 Manfred Berger, Alice Salomon: Pionierin der Sozialen Arbeit und der Frauenbewegung, Frankfurt am Main 1994.
[2] Barbara Beuys, Die neuen Frauen. Revolution im Kaiserreich. 1900–1914, Berlin 2015.
3 Cornelia Füssenhäuser, Theoriekonstruktion und Positionen der Sozialen Arbeit, in: Hans-Uwe Otto / Hans Thiersch / Rainer Treptow / Holger Ziegler (Hrsg.), Handbuch Soziale Arbeit, 6. überarbeitete Aufl., München 2018, S. 1734–1747.
4 Vgl. hierzu Alice Salomon, Von Kriegsnot und -hilfe und der Jugend Zukunft, Leipzig 1916. In der empirischen Auseinandersetzung auch Manfred Kappler, Der schreckliche Traum vom vollkommenen Menschen. Rassenhygiene und Eugenik in der Sozialen Arbeit, Marburg 2000.
5 Alice Salomon, Leitfaden der Wohlfahrtspflege, 3. Aufl., Leipzig 1921, S. 9.
6 Vgl. hierzu Kappler, Der schreckliche Traum; auch Monika Simmel, Alice Salomon. Vom Dienst der bürgerlichen Tochter am Volksganzen, in: Christoph Sachße / Florian Tennstedt (Hrsg.), jahrbuch der sozialarbeit 4. geschichte und geschichten, Reinbek bei Hamburg, S. 369–402.

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