J. Mathieu: Zeit und Zeitperzeption

Cover
Titel
Zeit und Zeitperzeption. Historische Beiträge zur interdisziplinären Debatte


Autor(en)
Mathieu, Jon
Erschienen
Göttingen 2020: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
129 S.
Preis
€ 20,00
Jürgen Osterhammel, Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS)

Insofern Geschichtswissenschaft das Studium von Veränderung ist, haben es Historikerinnen und Historiker in ihrer alltäglichen Praxis ständig mit dem Phänomen Zeit zu tun. Obwohl es in der Geschichtstheorie gut aufgehoben ist, sollte man es nicht ganz der Theorie überlassen. Viele von uns denken über Zeit nach, und manche schreiben ihre Überlegungen auf. Auch Jon Mathieu, der bekannte Historiker der Alpen und der Bergwelt überhaupt, hat dies getan. In einem schmalen Band hat er sechs seiner Aufsätze gesammelt; zwei davon werden hier zum ersten Mal veröffentlicht.

Das leitende Interesse des Autors gilt der „Methodik, mit der wir Entscheide über Zeitfragen treffen“ (S. 8). Er selbst hat nicht den Ehrgeiz, eine eigene Methodenlehre zu entwickeln. Sein Ansatz ist pluralistisch oder pluralisierend: Die Entscheide über Zeitfragen sind unvermeidlich; wir müssen uns so klar wie möglich darüber werden, welche Optionen es gibt und wie wir rational zwischen ihnen wählen. Dabei helfen Methodiken, die nicht selten aus den Sozialwissenschaften stammen und an die Bedürfnisse der historiographischen Arbeit angepasst werden können und müssen. Jon Mathieus verschiedene Expeditionen in die soziologische Literatur sind der interessanteste Aspekt dieses Buches. Der Aufsatz oder Essay ist die dafür am besten geeignete Form. Sogar Reinhart Koselleck, der auch über dieser Sammlung – wie über dem größeren Teil der heutigen Zeitdebatte – als maßgebender Zeitdenker schwebt, hat sie dem systematischen Aufriss vorgezogen.

Der Band beginnt mit dem Aufsatz Trendinflation und Trendselektion – für einen kritischen Umgang mit langfristiger Geschichte aus dem Jahrgang 2000 von Geschichte und Gesellschaft, einer beinahe schon klassischen Studie über den Aufstieg von Begriffen, die mit den Suffixen -ung oder -ierung enden. An dem Befund, dass sich Historikerinnen und Historiker von solchen Begriffen „fast magisch angezogen fühlen“ (S. 27), hat sich seither nichts geändert. Gültigkeit behalten auch die kritischen Rückfragen an schnell und leichtfertig konstruierbare Trendbehauptungen: „Wie schnell? Wie verbreitet? Und zuerst: Wie sicher belegt?“ (S. 28) „Erhöhte empirische Wachsamkeit“ (S. 28) gegenüber wohlklingenden Makroprozessen bleibt geboten. Dazu gehört es, den Sinn für feine Zeitdifferenzen zu schärfen. Denn: „[...] wenn alles zum Prozess wird, verlieren wir jedes Prozessgefühl.“ (S. 28)

Synthese und Indiz. Zwei Arten von Kulturgeschichte (zuerst 2000) erhebt genau diesen Vorwurf des Differenzierungsverlusts durch Übergeneralisierung einer epochalen Verlaufsthese, nämlich der „Zivilisierung“ europäischer Gesellschaften während der Frühen Neuzeit, gegenüber Norbert Elias. Elias wird als Dogmatiker dessen überzeichnet, was Andere damals ein „master narrative“ nannten. Dem werden die Spurensucher David Sabean und Carlo Ginzburg als die feineren Geister und redlicheren Forscher gegenübergestellt. Aber interessiert uns das heute noch? Die Makro-Mikro-Diskussion hat seither die Grautöne der „Meso-Ebene“ entdeckt.

Temporalitäten und Transitionen in der europäischen Geschichte der Familie: rivalisierende Ansätze (2019, zuerst auf Englisch) bringt Zeittheorie und Familiengeschichte nur bedingt in einen plausiblen Zusammenhang. Willkommen ist der Hinweis auf den amerikanischen Soziologen Andrew Abbott, für dessen „prozessuale Soziologie“ seit Jahren auch Wolfgang Knöbl und sein Hamburger Institut für Sozialforschung werben, zuletzt durch eine deutsche Ausgabe seiner Aufsätze.[1] Mathieu wäre sicher zufrieden, wenn seine Diskussion die Leserinnen und Leser zum Studium Abbottscher Originaltexte motivieren könnte. Ebenfalls wenig mehr als ein Appetitanreger ist der Bericht über einen Besuch des Autors 2019 in Bochum bei dem prominenten Zeittheoretiker Lucian Hölscher, der in einen „Korbstuhl“ zurückgelehnt (S. 74), Äußerungen von sich gibt, die man in ausgearbeiteter Form inzwischen zitierfähig nachlesen kann.[2]

Im fünften Kapitel gerät eine Diskussion des amerikanischen Historikers und Soziologen William H. Sewell, Jr. und seines Buches Logics of History: Social Theory and Social Transformation (2005), das unter anderem eine Kategorisierung und Merkmalsbeschreibung historischer Temporalitäten entwickelt, zu einer breiter ausgreifenden Betrachtung über wissenschaftliche Positionierung zwischen verschiedenen Stühlen. Denn als Brückenbauer zwischen Geschichte und Soziologie war Sewell am Ende wenig erfolgreich. Das führt unmittelbar zur den verhalten theorieskeptischen Schlussfolgerungen auf den letzten Seiten des Buches: Die Zeit des „Theoriehungers“ (S. 106) ist vorüber. Theoriekonzepte wie die von Sewell und Abbott lassen sich kaum miteinander vereinbaren. Wie soll man sich zwischen ihnen entscheiden? Bei großen Themen der Zeittheorie wie der „Beschleunigung“ sind Theoretiker wie Hartmut Rosa und selbst der große Koselleck empirische Nachweise dafür schuldig geblieben, dass es so etwas überhaupt gab. Die Geschichtswissenschaft sollte sich weiterhin in „interdisziplinärer Solidarität“ (S. 113) für Zeitstudien in den Nachbarfächern interessieren, sich aber sonst mit überschaubaren Thematiken wie Periodisierung und einer chronologischen Mikroperspektive begnügen.

Das Buch leistet keinen prononcierten eigenen Beitrag zur Theorie der historischen Zeiten, beansprucht auch gar nicht, dies zu tun. Es sammelt Leseeindrücke und kritische Kommentare eines erfahrenen Empirikers, der seine Hellhörigkeit für Zeitphänomene in besonderem Maße geschult hat.

Anmerkungen:
[1] Andrew Abbott, Zeit zählt. Grundzüge einer prozessualen Soziologie, Hamburg 2020.
[2] Lucian Hölscher, Zeitgärten. Zeitfiguren in der Geschichte der Neuzeit, Göttingen 2020.

Redaktion
Veröffentlicht am
24.03.2021
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit infoclio.ch (Redaktionelle Betreuung: Eliane Kurmann und Philippe Rogger). http://www.infoclio.ch/