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Titel
The Quaestorship in the Roman Republic.


Autor(en)
Pina Polo, Francisco; Diaz Fernandez, Alejandro
Erschienen
Berlin 2019: de Gruyter
Anzahl Seiten
X, 376 S.
Preis
€ 99,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Uwe Walter, Alte Geschichte, Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie, Universität Bielefeld

Das Staatsrecht ist wieder da! Dieser Satz gilt selbstverständlich nicht in dem Sinne, dass Theodor Mommsens rechtssystematisch angelegter Entwurf unverändert den Rahmen für die Erforschung der politischen Ordnung Roms darstellte. Wie bedeutsam jedoch Institutionen, zumal die Magistraturen, für das Verständnis dieser Ordnung während der Republik sind, zeigen die neueren monographischen Studien über das Konsulat und die Prätur sowie generell über die Entwicklung der Funktionen mit imperium, und die besseren von ihnen ruhen ebenfalls auf einem Fundament aus intimer Quellenkenntnis, common sense und konstruktiver Fantasie.

Eine umfassende Studie zur Quästur steht nun vor einer offenkundigen Schwierigkeit. Denn einerseits ist klar, dass dieses Amt für das Funktionieren der römischen Herrschaft in der Fläche ohne stehenden administrativen Apparat von zentraler Bedeutung war – wie die Prätur stellte auch die Quästur ein vielfältig einsetzbares „Arbeitspferd“ dar, während das Wirken etwa von Ädilen[1], Konsuln und Censoren schärfer umrissen war und mehr Chancen bot, sichtbar Außergewöhnliches zu tun – und auf diese Weise in die Überlieferung einzugehen. Damit ist das „Andererseits“ bestimmt: Für Quästoren hat sich kaum jemand interessiert, wie nicht nur Cicero bei der Rückkehr aus seiner Provinz enttäuscht feststellen musste (Planc. 64–66). Nur in seltenen Ausnahmen konnte ein Quästor einmal erinnerungswürdig hervortreten, doch in der Regel wissen wir nur, dass ein prominenter oder weniger prominenter Konsul früher einmal das Einstiegsamt in den cursus honorum innegehabt haben könnte (s.u.) – die Quästorenfasten sind höchst lückenhaft.

Die Autoren – Pina Polo hat die Kapitel eins bis fünf verfasst, Díaz Fernández das abschließende lange Stück über die Quästur in den Provinzen – gehen systematisch und transparent vor, indem sie jeweils den Quellenbefund darlegen und die bisherige Forschung breit referieren, um am Ende jeweils eine eigene Einschätzung vorzutragen. Nicht nur den Stand, sondern auch den Gang der Forschung darzulegen zeigt sehr schön, wie bestimmte Lehren – meist Mommsens – zu vermeintlich festen Einsichten erstarrten, die auch von gut argumentierten Einreden nicht immer erschüttert werden konnten. Die dünne Quellenlage hat den Vorteil, dass jedes relevante Zeugnis eigens besprochen werden kann.

Kapitel eins (S. 5–24) bietet einen „fresh and critical look“ auf die höchst strittigen Ursprünge der Quästur. Bereits hier stellt Pina Polo unter Verweis auf den tribunus heraus, dass in Rom unterschiedliche Funktionen die gleichen Bezeichnungen tragen konnten. Daher seien auch die rätselhaften, wohl nur bei Bedarf bestellten quaestores parricidii von der mit fiskalischen und administrativen Aufgaben betrauten Quästur zu unterscheiden. Wann und wie letztere in Funktion trat, wissen wir nicht sicher; wie auch beim Oberamt ist hier mit einer Phase des Experimentierens zu rechnen, doch seien zwei vom Volk seit 447/446 gewählte Quästoren wahrscheinlich. Später gab es dann deren vier: zwei städtische für administrative Aufgaben, speziell die Verwaltung des Staatsschatzes, und zwei, die den Oberbeamten zur Seite standen. Dass die Option, auch Plebeier zu Quästoren zu machen, bereits mit der von Livius auf 421 datierten Verdoppelung der Stellen auf vier gegeben war, scheint mir unsicher zu sein; die erste tatsächliche Wahl von gleich drei Nicht-Patriziern in das Amt i. J. 409 (Liv. 4,54, 2f.) könnte aber authentisch sein.

Kapitel zwei (S. 25–40) behandelt die Entwicklung der Quästur bis zur Neugestaltung durch Sulla. Mit Recht hebt Pina Polo hervor, dass „Roman institutional innovations were based on pragmatic flexibility“ (S. 35), und lehnt Mommsens einflussreiche Rekonstruktion als zu dogmatisch ab. Als sicher kann gelten, dass im Laufe des dritten Jahrhunderts die Stellen auf acht vermehrt wurden. Wahrscheinlich seien zunächst nach dem Pyrrhoskrieg zwei weitere Quästoren mit dem Aufbau und Betrieb einer Flotte betraut worden, nahmen aber wohl situativ auch andere Aufgaben wahr. Als Sizilien und Sardinien dann jeweils einem prätorischen Statthalter unterstellt wurden, begleitete diesen jeweils ein zusätzlich bestellter Quästor, analog zum Helfer des Konsuls. Dabei blieb es das ganze zweite Jahrhundert über: zwei Quästoren bei den Konsuln, zwei in der Stadt, vier in den Provinzen; die einstigen „Flottenquästoren“ tauschten diese provincia gegen eine territoriale. Zutreffend warnt Pina Polo davor, vereinzelt überlieferte Verbindungen von quaestores mit einer spezifischen Aufgabe oder einem Ort als fixe Termini zu lesen: Wie auch bei anderen Magistraten konnte der Senat den Aufgabenbereich eines solchen „Allrounders“ nach Bedarf festlegen; so kamen Sonderaufgaben wie die durch Cicero bekannte provincia aquaria des Vatinius i. J. 63 oder der quaestor Ostiensis (Cic. Mur. 18) zustande.

Im dritten Kapitel (S. 51–64) geht es um die alte Frage, wie die Quästur im cursus honorum verankert war. Hier bestätigt sich das gängige Bild: Die Quästur bildete einen Einstieg in die Ämterlaufbahn nach dem Militärdienst, und zwar auch schon zu Zeiten, als es noch keinen regelhaften cursus gab. Das galt besonders für Patrizier, denen nicht das Volkstribunat als Alternative offenstand. Ein Mindestalter von 30 Jahren wurde wohl erst durch Sullas Fixierung der gesamten Ämterlaufbahn eingeführt, doch auch zuvor schon dürften aufstrebende Aristokraten in ihren späten Zwanzigern die Quästur bekleidet haben. Zum regulären Einstiegsamt, das nicht mehr ausgelassen oder durch attraktivere Tätigkeiten, etwa als Münzmeister, ersetzt werden konnte, sowie zum automatischen Zugang in den Senat machte Sulla die Quästur auch deshalb, um immer genug geeignete Bewerber für die auf 20 Köpfe vermehrte Funktionsstelle zu haben. Pina Polo hält es mit Recht für sehr wahrscheinlich, dass vor Sullas Reform viele junge Politiker die eher unattraktive, weil wenig „sichtbare“ Quästur ausließen; das dürfte zumal für Sprösslinge bekannter Nobilitätsfamilien gegolten haben.

Das kurze Kapitel vier (S. 64–78) behandelt die Wahl, die Verteilung der Quästoren auf ihren jeweiligen Aufgabenbereich sowie den Amtsantritt. Wohl seit 153, in jedem Fall aber seit Sulla traten diese ihren Dienst am fünften Dezember an, knapp einen Monat vor den Konsuln und anderen Magistraten, den sie offenbar nutzten, um die Bücher zu prüfen, sich zu orientieren, ihr Hilfspersonal auszuwählen und gegebenenfalls einzuarbeiten oder das Album der Richter aufzustellen. Ihre provincia erhielten sie bei Amtsantritt durch das Los, wovon es freilich Ausnahmen gab, wenn der Senat einen „Spezialauftrag“ zu vergeben hatte (s.o.) oder ein höherer Amtsträger einen bestimmten Quästor wünschte. Solche extra sortem-Zuweisungen kamen auch vor, falls ein Imperiumträger seinen Quästor feuerte, wobei dafür nur ein Fall sicher überliefert ist.

Ausführlich behandelt Pina Polo dann die vielfältigen Aufgaben der beiden in Rom tätigen Quästoren, von denen wir gut 30 namentlich kennen (Kapitel fünf, S. 79–124). Sie handelten stets im Auftrag des Senats; ihre Hauptaufgabe war es, das aerarium zu führen, in gemeinsamer Verantwortlichkeit, jedoch praktisch oft einzeln. Da sie nicht nur Gelder an andere Magistrate ausgaben, sondern auch Beuteerträge in die Kasse überführten und dabei generell die Finanzdokumentation der Magistrate zu überprüfen hatten, konnten sie in Skandalisierungen durch Volkstribune verwickelt werden. Andere Tätigkeiten hingen mit der Hauptaufgabe zusammen, darunter öffentliche Auktionen von Land und durch Bußen eingegangenen Werten, Registrierung des tributum, Empfangen und Ausstatten ausländischer Gesandter sowie das Ausrichten von Staatsbegräbnissen. Viele Aufgaben nahmen sie im Verbund mit anderen Magistraten oder (seltener) alternativ zu diesen wahr; so waren sie bisweilen „directly in charge of the minting of coins“ (S. 111). Gesondert bespricht der Autor die wenigen Fälle, in denen eine politisch aktive Rolle eines Stadtquästors erkennbar ist. Dass das Amt durchaus Spielräume bot, politisches Profil zu entwickeln, zeige der Jüngere Cato als quaestor urbanus i. J. 64, auch wenn gegenüber Plutarchs emphatischer Schilderung gewiss Vorsicht angebracht sei. Die generalisierende Bilanz geht nach Ansicht des Rezensenten zu weit,[2] zumal zu beachten ist, dass seit Sulla auch die höheren Magistrate regelmäßig in der urbs tätig waren, was zu einem verschärften Aufmerksamkeitswettbewerb führen musste. Plutarchs Darstellung macht zugleich darauf aufmerksam, dass die Quästoren trotz ihrer vielfältigen und wohl auch zeitraubenden administrativen Tätigkeiten sicher keine durch besondere Sachkompetenz und Eigenarbeit ausgezeichneten „Beamten“ waren: Die echte Arbeit ruhte auf den scribae und apparitores; durch ihre wohl oft langjährige Tätigkeit „these clercs were much better versed in the workings of the institution than the inexpert quaestors, who changed every year“ (S. 120). Wenn Cato das anders handhaben wollte, machte er damit bestimmt keine Schule. Die Pointe dieser zutreffenden Feststellung lässt sich Pina Polo leider entgehen: Obwohl die Quästoren in so hohem Maße weisungsgebunden waren, erforderte doch schon dieses Amt, genau jene aristokratische Herrschaftskompetenz einzuüben, die dann für die höheren Ämter unabdingbar war – man musste Autorität ausstrahlen und seine Leute im Griff haben!

In noch viel größerem Maße galt dies dort, wo der Imperiumträger und der Quästor als sein „trusted right-hand man“ (S. 203) die einzigen Repräsentanten römischer Macht waren: in den Provinzen (Alejandro Díaz Fernández[3], Kapitel sechs, S. 125–195). Solange für die prätorischen Provinzen nur vier Quästoren zur Verfügung standen, half man sich mit Prorogationen; für die Zeit ab 81 (Vermehrung auf 20 Stellen) stellt Díaz Fernández die paradox erscheinende Frage, was all diese neuen Quästoren zu tun bekamen. Immerhin konnten jetzt zusätzliche Bedarfe leichter gedeckt werden. Für das notorische Problem der von Cicero genannten zwei Quästoren auf Sizilien postuliert der Autor plausibel, dass dies auf eine Getreide- und Geldversorgungskrise Mitte der 70er-Jahre reagierte und wohl „a temporary arrangement“ blieb (S. 151). In der Provinz war der Quästor, analog zu seinen beiden Kollegen in Rom, zunächst für die Versorgung mit Geld zuständig (Soldzahlungen, Ausstattung des Statthalterstabs, ggf. Prägen von Münzen), sorgte für die Rechnungsbücher (in dreifacher Ausfertigung) und beaufsichtigte die Versteigerungen von Beute und beschlagnahmtem Gut.

Etwas versteckt in einer Fülle von Detaildiskussionen stellt der Autor mit Recht fest, dass „the quaestors considerably broadened their field of action in the provinces“ (S. 129). Denn dort stellten sie, wenn der Statthalter woanders tätig oder ganz absent war, das Haupt der römischen Präsenz dar und waren sowohl jurisdiktionell wie (abgeleitet) militärisch handlungsfähig (S. 164). Wie der Statthalter selbst hatten sie ihren Auftrag von Senat und Volk erhalten und standen dadurch in der Hierarchie höher als etwa legati. Just in der nach außen meist so wenig spektakulären Provinzquästur dürfte sich, ohne dass wir das im Detail nachweisen könnten, mit Blick auf die weitere Karriere bisweilen auch die Spreu vom Weizen getrennt haben, was Befähigung und „Nobilitätskonformität“ anging – Díaz Fernández hält das jugendliche Alter der Provinzquästoren gar für „shocking when we consider the important responsibilities that they took during their tenures“ (S. 193). Doch wie schon oben angedeutet: Die Quästoren brauchten keinen Master in Business Administration, sondern die Autorität, auch als Nachgeordnete zu führen, wo und sobald immer dies nötig war. Wie weit der Bewährungsspielraum reichen konnte, wird am Beispiel des Lucullus deutlich (S. 183f.). Dass dabei auch das Verhalten der jungen Männer gegenüber dem Statthalter in einer oft genug spannungsreichen Konstellation sehr genau beobachtet wurde, leuchtet ebenso ein. Cicero überhöhte dieses Verhältnis zu einer necessitudo wie zwischen Vater und Sohn; in jedem Fall „a certain degree of complicity […] was necessary between both parties for the administration to run smoothly and even to conceal anything that could compromise the magistrates' reputations“ (S. 194). Díaz Fernández' Erörterung gibt einen sehr guten, detailreichen Einblick in das komplexe Feld, verbleibt aber – wenn man leise ein Desiderat andeuten möchte – in der römischen Binnenperspektive. Die Interaktion der römischen Amtsträger mit den lokalen Eliten sowie den römisch-italischen Geschäftsleuten, die für ein halbwegs reibungsloses Funktionieren des gesamten Provinzialsystems unabdingbar waren, kommt so nicht in den Blick.[4]

In den „Conclusions“ (S. 196–204) fassen Pina Polo und Díaz Fernández die Ergebnisse zusammen. Appendix 1 bietet eine gemeinsam erarbeitete, ausführlich Quellenbelege, Chronologie und Identifizierung kritisch erörternde Prosopographie aller bekannten Quästoren, geordnet nach Gentilnomina (S. 205–335), während Appendix 2 die Namen in chronologischer Folge auflistet (S. 336–347), von Mam. Aemilius (Mamercinus) und L. Valerius Poplicola Potitus (446) bis zu einem undatierten M. Se– von einer delischen Inschrift. Damit ist Broughton für die Quästoren ersetzt. Am Schluss stehen die Bibliographie sowie ein Namen- und Sachregister. Die Autoren haben nicht nur die wohl für lange Zeit definitive Spezialmonographie über die Quästur vorgelegt; ihre besonnene, gewissenhafte und gründliche, in schmucklosem Englisch vorgelegte Studie[5] gibt auch den Bemühungen um die politische Kultur der Republik mit ihren komplementären Leitvokabeln Flexibilität, Stabilität und Konkurrenz wertvolle Impulse. Einen Fingerzeig geben die Autoren am Schluss: Es sei „striking how confident the Roman system was in its young citizens, given that the quaestorship was far from being an office with minor responsibilities“ (S. 202). Um diesen Befund zu erklären, muss das Amt, muss der gesamte cursus honorum weiter kontextualisiert werden. Dabei wäre die aristokratische Sozialisierung in den Blick zu nehmen, ferner die Bereitschaft sowohl der Individuen wie der res publica insgesamt, Chancen zu produzieren und zu nutzen, Risiken einzugehen und Rückschläge durch Resilienz aufzufangen.

Anmerkungen:
[1] Siehe zuletzt Maximilian Becker, Suntoque aediles curatores urbis … . Die Entwicklung der stadtrömischen Aedilität in republikanischer Zeit, Stuttgart 2018.
[2] Vgl. S. 122: „Given the duties that it entailed in the city, the urban quaestorship provided an excellent chance for young and ambitious politicians to showcase their talents to the people and, in particular, to members of the senate; this would have increased their chances of progressing up the cursus honorum.“
[3] Vgl. ders., Provincia et Imperium. El manda provincial en la República romana (227–44 a. C.), Sevilla 2015.
[4] Die grundlegende einschlägige Studie von Raimund Schulz (Herrschaft und Regierung. Roms Regiment in den Provinzen in der Zeit der Republik, Paderborn 1997) fehlt in der ansonsten sehr umfassenden und polyglotten Bibliographie (S. 348–365).
[5] Einige kleinere sprachliche Versehen stören kaum. Junkturen wie „aerarium provincia“ (S. 131) oder „[pro] quaestor propraetor“ (S. 161) lassen einen kurz stolpern. „Kunkel and Wittmann 1995“ ist kein „article“, sondern ein Handbuch (S. 31).

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02.08.2021
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