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Titel
"Wer helfen kann, der helfe!". Deutsche SklavereigegnerInnen und die atlantische Abolitionsbewegung, 1780–1860


Autor(en)
Lentz, Sarah
Reihe
Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz 261
Erschienen
Göttingen 2020: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
456 S.
Preis
€ 85,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Saskia Geisler, Lehrgebiet Geschichte der Europäischen Moderne, FernUniversität in Hagen

Dass das alte Narrativ vom alten Reich oder den deutschen Staaten als sklavereifreien Gebieten kritischer wissenschaftlicher Prüfung nicht standhält, hat vor nicht allzu langer Zeit Rebecca von Mallinckrodt in einem vom Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands ausgezeichneten Aufsatz dargelegt.[1] Angesichts aktueller Entwicklungen wie der Black Lives Matter-Bewegung und einem auch in Deutschland zunehmenden Bewusstsein über das koloniale Erbe, wundert es nicht, dass die Thematik sich auch in hochkarätigen Forschungsprojekten wiederfindet.[2] Nun hat Sarah Lentz, Universität Bremen, eine umfassende und beeindruckende Studie vorgelegt, die sich mit Sklavereigegner/innen im ausgehenden 18. und dem 19. Jahrhundert beschäftigt. Mit ihrer Doktorarbeit räumt sie mit einigen Vorurteilen über deutsche Abolitionist/innen auf und kann wichtige Forschungsdesiderate erhellen.

Lentz stellt sich in ihrer Arbeit vor allem zwei bisher für die Forschung ausschlaggebenden Thesen entgegen. So hatte Seymour Drescher eine starke Dichotomie zwischen den Antisklavereibewegungen Großbritanniens und Nordamerikas einerseits sowie des europäischen Festlandes andererseits postuliert und dabei Letztere als gewissermaßen nicht-existent oder defizitär definiert (S. 23). Während für Großbritannien und Nordamerika zahlreiche detaillierte Studien vorliegen, die die Antisklaverei-Bewegungen dort untersuchen, schien dieser Bereich für Europa damit abgehakt. In jüngster Zeit jedoch erscheinen zunehmend Studien, die dieser These widersprechen, besonders hebt Lentz in diesem Zusammenhang zu Recht Maartje Janses Analyse der niederländischen Antisklavereibewegungen hervor, die deutlich macht, dass die jeweiligen Motivationen der Akteur/innen genauer betrachtet werden müssen und eine Differenz zum britischen Vorgehen nicht unbedingt als Defizit gedeutet werden muss (S. 24). Jürgen Osterhammel, der zweite Wissenschaftler, dessen These Lentz programmatisch widerlegt, bescheinigt gerade den deutschen Staaten ein solches moralisches Defizit, da es eben keine gemeinsame Bemühung zur „Befreiung von der eigenen Sklavenhaltervergangenheit“ gegeben habe (S. 35). Lentz hält dem ihre detailreiche Studie entgegen: Es gab durchaus Engagement gegen Sklaverei, das über reine akademische Interessen und Tätigkeiten hinausging.

Dennoch steigt Lentz zunächst mit dem akademischen Bereich ein. Sie teilt ihren Untersuchungszeitraum in drei Phasen ein – nicht ohne darauf hinzuweisen, dass daraus keineswegs auf eine Linearität der Bewegungsentwicklung geschlossen werden kann. Die erste Phase umfasst den Umbruch zum 19. Jahrhundert (1780–1810) und fokussiert auf Einzelakteure und deren Beiträge zur Antisklavereibewegung. Lentz kann bereits hier an Beispielen wie August von Kotzebue nachweisen, dass deutsche Publikationen durchaus in die transatlantische Bewegung eingebunden wurden. Dennoch blieb es zunächst bei rein intellektuellen Praktiken. Agitation oder andere Formen der Aktivierung blieben aus. Den Titel der Lehnstuhlaktivisten gibt sie ihnen keineswegs pejorativ, sondern zunächst einmal abgrenzend von den folgenden Phasen.

Die zweite von Lentz vorgeschlagene Phase umfasst die Jahre 1810 bis 1840. Erneut stellt Lentz ein einleitendes Kapitel zu allgemeinen Bewegungsverläufen vorweg, um dann auf Einzelakteur/innen, hier spezifisch Alexander von Humboldt sowie Therese und Victor Aimé Huber, einzugehen. Diese Phase kann gewissermaßen als Hybrid zwischen dem vollen Aktivismus der dritten Phase sowie dem rein intellektuellen Begleiten der ersten Phase gesehen werden. So ist Alexander von Humboldt zwar – wohl aus Sorge um seine wissenschaftliche Neutralität – nicht bereit, aktives Gründungsmitglied einer Antisklavereigesellschaft zu werden, gleichwohl liefert er Daten an Abolitionist/innen und nutzt umgekehrt Daten derselben für seine Forschungszwecke. In seinen Publikationen und Vorträgen stellt er sich immer wieder gegen die Sklaverei, gleichwohl macht Lentz hier auch das Problem der Handlungsspielräume deutlich: Zurück in Preußen schwieg Humboldt nach einem ersten Vortrag zum Thema, zu nah war der Komplex der Bauernbefreiung. Deutlich wird: Die Vernetzung wird enger, das gezielte Ansprechen des Publikums gegen die Sklaverei auch. Lentz schlägt hier den Begriff des Lobbyismus vor.

In der Phase 1840 bis 1860 dann stellt Lentz die Frage nach einer ersten deutschen Antisklavereibewegung. An zahlreichen Beispielen wie etwa dem „Nationalverein für Abschaffung der Sklaverei“ (1848–1853) macht sie deutlich, wie Bewegungsmomente in den deutschen Staaten entstanden, mit welchen Schwierigkeiten diese aber auch zu kämpfen hatten. Klar wird: Zwar ist Drescher und Osterhammel sicherlich in der Hinsicht Recht zu geben, dass in den deutschen Staaten keine Antisklavereibewegung im Sinne eines Massenprotestes wie in Großbritannien entstanden ist, dennoch gelingt Lentz der Nachweis zahlreicher Bewegungsformationen, die durchaus größere Handlungsmöglichkeiten und Heterogenität aufweisen, als dies bisher vermutet wurde. In diesem Rahmen kann sie auch Beispiele für black agency nachweisen.

Wirkt die Aufteilung in Phasen gelegentlich etwas absichtsvoll ordnend, so schafft es Lentz beeindruckend, die Kapitel durch übergreifende Muster zu verbinden. Immer wieder fragt sie nach individuellen Motivationsfaktoren. Deutlich wird dabei: Die Antisklavereibewegung trug durchaus auch zu einem imaginierten Deutschtum bei. So hielt sich das Narrativ, deutsche Bürger/innen hätten nichts mit Sklaverei zu tun, selbst unter den deutschen Abolitionist/innen und sorgte für eine imaginierte, einende moralische Überlegenheit. Auch die Kategorie moralischen Kapitals begegnet immer wieder, ist zentral für das Erkennen individueller Motivation. Monetäre Interessen werden dabei an keiner Stelle dem moralischen Impetus wertend gegenübergestellt. Wenn Lentz etwa beobachtet, dass sich die spendenden Handwerker für einen Antisklavereibasar in Boston wohl durchaus auch erhofften, mit der Entsendung ihrer Waren auch neue Absatzmärkte zu erschließen, schmälert das nicht ihren Einsatz oder ihre Überzeugung.

Wie hoch Lentz’ Rechercheaufwand einzuschätzen ist, zeigt ein Blick auf das Quellen- und Literaturverzeichnis: Die Autorin suchte zur Einsicht in die Nachlässe ihrer Akteur/innen zahlreiche Archive auf, um so Stück für Stück ein Gesamtbild zusammenzusetzen. Diese Diversität der genutzten Quellenbestände lässt jedoch auch vermuten, dass mit dieser Arbeit bei Weitem noch nicht alle Antisklavereivereine oder Antisklaverei-Aktivitäten des 19. Jahrhunderts in den deutschen Staaten aufgedeckt sind. Doch dieser Anspruch wird auch nicht erhoben, vielmehr weist Lentz selbst darauf hin, dass weitere Recherchen und Forschungen nötig und möglich sind.

So ist Lentz’ mit dem Dissertationspreis der Universität Bremen ausgezeichnete Doktorarbeit eine durch und durch lohnenswerte Lektüre, die mit zentralen Forschungsannahmen bricht und diesen detaillierte Mikrostudien entgegensetzt. Zukünftige Forscher/innen haben Raum, diese ersten Schlaglichter auf die deutschen Abolitionist/innen weiter zu ergänzen und etwa die von Lentz vorgeschlagene Periodisierung so zu stärken oder zu hinterfragen.

Anmerkungen:
[1] Rebekka von Mallinckrodt, Verhandelte (Un-)Freiheit. Sklaverei, Leibeigenschaft und innereuropäischer Wissenstransfer am Ausgang des 18. Jahrhunderts, in: Geschichte und Gesellschaft 43 (2017), S. 347–380.
[2] So etwa im Cluster of Excellence „Beyond Slavery and Freedom“ am Bonn Center for Dependency and Slavery Studies (BCDSS), siehe: https://www.dependency.uni-bonn.de/en (28.11.2020).

Redaktion
Veröffentlicht am
08.01.2021
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