J. Thyroff u.a. (Hrsg.): Die Jugoslawienkriege in Geschichtskultur und Geschichtsvermittlung

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Titel
Die Jugoslawienkriege in Geschichtskultur und Geschichtsvermittlung.


Herausgeber
Thyroff, Julia; Ziegler, Béatrice
Erschienen
Zürich 2020: Chronos Verlag
Anzahl Seiten
232 S.
Preis
€ 38,00
Jan Dutoit, Schweizerische Osteuropabibliothek, Bern

Viele Ereignisse der sogenannten Jugoslawienkriege werden bis heute kontrovers diskutiert. Man kann sich gut vorstellen, wie schwierig es für Lehrer:innen ist, sie ihrer Komplexität angemessen zu unterrichten. In vielen Schweizer Schulklassen gibt es zudem Schüler:innen, die enge Beziehungen zu Ländern des ehemaligen Jugoslawiens aufweisen. Dies macht das Thema relevant für die Jugendlichen, zugleich aber auch herausfordernd für die Vermittlung im Unterricht. Julia Thyroff, Mitherausgeberin des Konferenzbandes Die Jugoslawienkriege in Geschichtskultur und Geschichtsvermittlung, gibt denn auch zu bedenken, dass es „wohl wenige Themen“ wie diese Kriege gibt, „bei welchen derart viele Herausforderungen zusammenkommen und die deshalb für Lehrpersonen derart anspruchsvoll sein dürften“ (S. 38–39).

Die Publikation beruht auf zwei Tagungen, wobei sich die eine den Kriegen vorwiegend aus einer geschichtswissenschaftlichen Perspektive widmete und die andere sich auf die Frage konzentrierte, wie die Jugoslawienkriege konkret im Schulunterricht insbesondere in der Schweiz behandelt werden können.[1] Bei den sieben historisch ausgerichteten Beiträgen, die auf die erste Konferenz zurückgehen und ganz unterschiedliche Aspekte und Hintergründe der Jugoslawienkriege beleuchten, stellt sich die Frage, in welcher Beziehung sie zum Geschichtsunterricht stehen. Da die Herausgeberinnen in der Einleitung betonen, der „Flucht- und Zielpunkt“ des Buches liege auf dem Geschichtsunterricht in der Schweiz (S. 12), liest man die Beiträge letztlich insbesondere aus einer didaktischen Perspektive. So wird nicht eindeutig klar, ob die behandelten Themen als mögliche Unterrichtsthemen vorgeschlagen werden oder ob es sich bei den Artikeln, die größtenteils keine neuen Forschungsergebnisse präsentieren, sondern auf umfassendere Arbeiten der Autor:innen zurückgehen, schlichtweg um Schlaglichter auf einzelne Bereiche rund um die Kriege handelt.

Mehrere der Artikel behandeln Themen, die sich tatsächlich gut für den Geschichtsunterricht eignen. Dies betrifft insbesondere erinnerungspolitische Ereignisse: So zeichnet etwa Elisa Satjukow in ihrem äußerst lesenswerten Artikel nach, wie sich das serbische Gedenken an die NATO-Bombardierung 1999 vom ersten Jahrestag unter Slobodan Milošević bis in die Gegenwart unter Aleksandar Vučić entwickelte. Eindrücklich beschreibt die Autorin mitunter die Erinnerungspolitik seit 2015 unter Vučić, die sich durch eine pathetische Inszenierung des Gedenkens, die Übertreibung der Opferzahlen und das Ausblenden der historischen Zusammenhänge auszeichnet. Anschaulich beschreibt auch Thomas Bürgisser die verschiedenen Facetten des schweizerischen Jugoslawienbildes im Kalten Krieg. Dabei rollt er die Geschichte insbesondere anhand der Biographie des Schweizer Diplomaten und ehemaligen Präsidenten des IKRK Cornelio Sommaruga auf und zeigt mit eindrücklichen Zitaten von Sommaruga, wie eng die politischen und auch wirtschaftlichen Verbindungen zwischen den beiden Ländern waren. Bürgissers Herangehensweise erinnert an lebensweltliche Ansätze, die die Geschichte aus der Sicht einzelner Menschen und ihren Lebenswelten erzählen. Auch die Auseinandersetzung mit den Kriegen anhand einer bestimmten Stadt, ihrer Geschichte und Erinnerungskultur, wie dies Franziska Anna Zaugg am Beispiel der kosovarischen Stadt Mitrovica tut, scheint eine geeignete und spannende Herangehensweise für den Unterricht zu sein. Die weiteren durchaus lesenswerten historisch-ausgerichteten Beiträge, die sich zum Beispiel dem Kosovokrieg in serbischen und kosovarischen Schulbüchern oder patriotischen Liedern im besetzten Sarajevo widmen, zeugen auch davon, dass zahlreiche Quellen im Unterricht nicht zur Verfügung stehen, da sie nicht auf Deutsch oder Englisch vorliegen. Die Frage nach den für den Unterricht vorhandenen Quellen hätte man durchaus diskutieren können, gerade weil Thyroff zurecht eine multiperspektivische Darstellung des Themas fordert.

Liest man auch die Beiträge von Nada Boškovska und Kathrin Pavić gerade im Hinblick auf den Geschichtsunterricht, stolpert man irittiert über einige Stellen. So spricht Pavić in ihrem Beitrag zum Schweizer „Serbenbild“ während der Jugoslawienkriege etwa fälschlicherweise von „mehr als 7000“ Opfern des Massakers von Srebrenica (S. 88), obwohl mehr als 8000 muslimische Männer und Jugendliche ihr Leben verloren. Auch methodisch hinterlässt der Beitrag einige Fragezeichen. Der einleitende Beitrag von Nada Boškovska liefert grundsätzlich einen soliden Überblick über die Jugoslawienkriege bis 1995, obwohl hier unklar bleibt, weshalb der Kosovokrieg nicht thematisiert wird. Der Text enthält im Abschnitt zur Rolle der Medien einige problematische Stellen wie etwa die pauschale Formulierung „Allerdings erweckten die Medien und die westliche Politik den Eindruck, die serbische Seite habe nur aus Tätern bestanden, während die kroatische und die muslimische immer nur als Opfer dargestellt wurden.“ (S. 29) Eine solche Aussage wird der Komplexität der damaligen Debatten nicht gerecht[2] und trägt auch nicht zu einer differenzierten Diskussion bei. Neben diesen vereinzelten problematischen Passagen sind die historisch ausgerichteten Beiträge jedoch wissenschaftlich durchaus fundiert.

Zwei Artikel von Thyroff bilden den zweiten Teil „Geschichtsdidaktische Ausgangslagen“ und sind gleichzeitig das eigentliche Herzstück des Bandes, da sich die Autorin hier eingehend mit den Grundlagen zur Vermittlung der Jugoslawienkriege auseinandersetzt. Im ersten Artikel geht sie auf die zahlreichen Herausforderungen für die Vermittlung der Jugoslawienkriege ein. Neben der Komplexität und der Kontroversität des Themas haben die Jugoslawienkriege eine starke „Gegenwartsrelevanz“ und – da viele Schüler:innen familiär eng mit Ländern des ehemaligen Jugoslawien verbunden sind – eine sogenannte „Lebensweltrelevanz“ (S. 37). Ausgiebig diskutiert Thyroff anschließend Ansätze in der Geschichtsdidaktik, die sich dem Umgang mit Heterogenität im Geschichtsunterricht widmen. Heterogenität wird dabei zum Beispiel als Multiperspektivität in Bezug auf das Thema oder auch auf das Zulassen von unterschiedlichen Positionen verstanden. Nach der einleuchtenden Feststellung, dass insbesondere die Beschäftigung mit kontroversen Themen eine Auseinandersetzung mit Heterogenität zur Folge hat, werden mögliche auf Kontroversität ausgerichtete Formen des Unterrichts diskutiert, etwa das Nachspielen vergangener Auseinandersetzungen, die Beschäftigung mit historischen Kontroversen oder Debatten in der Erinnerungskultur. Didaktisch geschickt folgen am Ende des dichten Aufsatzes die genannten Herausforderungen gebündelt als 13 Leitfragen formuliert.

Während dieser methodische Beitrag geradezu Lust macht, sich dem Thema zusammen mit einer heterogenen Schülerschaft zu widmen, dämpft Thyroff den Enthusiasmus in ihrer darauffolgenden Studie, in der sie sich mit der konkreten Vermittlung in der Sekundarstufe I auseinandersetzt. Es gibt zwar die Möglichkeit, die Jugoslawienkriege im Lehrplan 21 in verschiedenen Fächern zu unterrichten, sei es als historisches Ereignis oder im Kontext der Erinnerungskultur. Problematisch seien jedoch insbesondere die Lehrmittel, die „Objektivität, Eindeutigkeit und Erreichbarkeit von Neutralität“ suggerieren, „indem sie eine ‘geglättete’ Geschichte präsentieren“ (S. 69). Interessant wäre, wie sich die Darstellung der Jugoslawienkriege in den Schweizer Geschichtslehrbüchern im europäischen Kontext verhält.[3] Zudem hätte man sich gewünscht, dass auch die Vermittlung an Schweizer Gymnasien zumindest kurz thematisiert wird.[4]

Der fünfte Teil des Buches über didaktische Zugänge enthält mehrere Artikel, die sich möglichen Unterrichtsthemen widmen. Eingehend untersucht beispielsweise Oliver Plessow das Potential der Filme von Andrea Štaka, um sie für ein „identitätssensibles historisches Lernen“, wie es im Titel heißt, fruchtbar zu machen. Und tatsächlich scheinen sich einzelne Szenen etwa aus dem Film Cure (2014) gut zu eignen, um sich mit den Folgen der Jugoslawienkriege für Jugendliche auseinanderzusetzen. Neben Beiträgen, deren vorgeschlagene Themen eher altbacken (Karikaturen) oder sehr abstrakt (Internationale Friedenssicherung) erscheinen, sticht der Praxisbericht von Elke Schlote und Susanne Grubenmann heraus, weil hier das Thema für einmal sehr konkret betrachtet wird. Die Autorinnen berichten von der Durchführung einer Doppellektion zu den Jugoslawienkriegen an der Sekundarschule Pratteln (BL). Als Quellen wurden zwei ganz unterschiedliche YouTube-Videos – ein Erfahrungsbericht aus dem belagerten Sarajevo und ein kurzes Video, das die Jugoslawienkriege allgemein erklärt – verwendet, die die Schüler:innen anhand der Webapp Travis Go untersuchten. Hierdurch konnten beispielsweise Fragen nach der Machart von solchen Videos, nach Auslassungen und Perspektiven thematisiert werden.

Der Band Die Jugoslawienkriege in Geschichtskultur und Geschichtsvermittlung widmet sich einem gerade in der Schweiz, wo über 300.000 Staatsbürger:innen aus den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens sowie zahlreiche Schweizer:innen mit familiären Verbindungen in diese Länder leben, sehr relevanten schulischen Thema, das bisher wissenschaftlich noch nicht untersucht wurde. Insbesondere (aber nicht nur) Lehrer:innen, die sich mit den Jugoslawienkriegen im Unterricht befassen, werden von der Lektüre der meisten hier versammelten Beiträge zweifellos profitieren.

Anmerkungen:
[1] Die Tagungen „Jugoslawienkriege und Geschichtskultur: Vergangenes Unrecht, Umgangsweisen und Herausforderungen“ (2018) sowie „Die Jugoslawienkriege vermitteln: Zugänge und Herausforderungen“ (2019) wurden beide vom Zentrum Politische Bildung und Geschichtsdidaktik der Pädagogischen Hochschule Nordwestschweiz am Zentrum für Demokratie in Aarau organisiert.
[2] Man denke hier beispielsweise nur an die intensive Diskussion in der Schweizer WOZ. Siehe Marcel Hänggi, War das Mass voll?, in: WOZ, 22.06.2006, https://www.woz.ch/-87c (28.07.2021).
[3] Die Beiträge des 2007 von Andreas Helmedach veröffentlichten Sammelbandes zu Südosteuropa im europäischen Geschichtsschulbuch hätten eine ideale Grundlage für eine solche Kontextualisierung geboten. Andreas Helmedach (Hrsg.), Pulverfass, Powder Keg, Baril de Poudre? Südosteuropa im europäischen Geschichtsschulbuch (Studien zur internationalen Schulbuchforschung 118), Hannover 2007.
[4] Das „Schweizer Geschichtsbuch“, das an Schweizer Gymnasien verwendet wird, thematisiert die Jugoslawienkriege sowohl in der 2008 wie auch in der 2020 erschienenen Ausgabe ausführlich. Thomas Notz u.a. (Hrsg.), Zeitgeschichte seit 1945 (Schweizer Geschichtsbuch 4), Berlin 2008, S. 210–219; Patrick Grob u.a. (Hrsg.), Vom Ende des Ersten Weltkrieges bis zur Gegenwart (Schweizer Geschichtsbuch 3), Berlin 2020, S. 348–350.

Redaktion
Veröffentlicht am
15.09.2021
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit infoclio.ch (Redaktionelle Betreuung: Eliane Kurmann und Philippe Rogger). http://www.infoclio.ch/