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Titel
Hans-Günther Sohl als Stahlunternehmer und Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie 1906–1989.


Autor(en)
Berghahn, Volker
Erschienen
Göttingen 2020: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
589 S.
Preis
€ 56,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jörg Lesczenski, Historisches Seminar, Goethe-Universität Frankfurt am Main

Im Kreis jener „Wirtschaftskapitäne“, die in der NS-Diktatur zu den Top-Managern der Großindustrie zählten und in der Bundesrepublik die Beziehungen zwischen Wirtschaft und Politik als Unternehmer und Spitzenfunktionäre wesentlich arrangierten, nimmt Hans-Günther Sohl (1906-1989) gewiss eine exponierte Position ein. Er gehörte dem Vorstand der Vereinigten Stahlwerke (VSt.) an, rückte 1953 an die Spitze der August Thyssen-Hütte und leitete von 1973 bis 1976 den Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Zu seiner Vita hat nun Volker Berghahn eine voluminöse Studie vorgelegt, die, erstens, das Verhalten Sohls während der NS-Zeit und seine Mitverantwortung für die Rüstungsproduktion beleuchtet. Überdies fragt der Autor, zweitens, danach, welche Einsichten Sohl unter den Bedingungen des NS-Systems gewonnen hatte und wie seine Erfahrungen auf seine wirtschaftspolitischen Ideen und Praktiken in der Bundesrepublik zurückwirkten. Hier steht in erster Linie die Haltung Sohls zur Mitbestimmung und zur Vermögensbildung im Vordergrund.

Die Fragestellungen sind nicht ganz neu, der analytische Zugriff ist eher konventionell und auf eine genauere Verortung der Untersuchung in der mittlerweile methodisch breit ausdifferenzierten biographischen Forschung verzichtet der Autor.[1] Allerdings ist der Zugang unverändert interessant, zumal zur Biographie Sohls bislang lediglich ein größerer Essay von Toni Pierenkemper und skizzenhafte Hinweise in Studien zum Wiederaufbau des Thyssen-Konzerns in der Adenauer-Ära und zur Geschichte des BDI vorliegen.[2] Überdies hält Berghahn die bisherigen Forschungsergebnisse für zu kurz gegriffen und stemmt sich namentlich gegen die Interpretationen Pierenkempers, der davon spricht, dass Sohl seine Erfahrungen in der NS-Diktatur samt und sonders verdrängt habe und einem gesellschaftspolitischen Leitbild der „autoritären Harmonie“ gefolgt sei. Berghahn nimmt hingegen für sich in Anspruch, ein differenzierteres Bild seines Protagonisten zu zeichnen und sieht sich dabei im Vorteil, stand ihm doch der umfangreiche Nachlass Sohls im Duisburger ThyssenKrupp-Konzernarchiv ohne Einschränkungen zur Verfügung.

Der Sohn eines Danziger Kriegsgerichtsrats wurde in einer gutsituierten bürgerlichen Familie groß und erlebte nach der Versetzung seines Vaters Georg seit 1917 in Berlin seine prägenden Jugendjahre. Musisch begabt und am pulsierenden großstädtischen Kulturleben lebhaft interessiert, absolvierte Sohl nach dem Abitur aus pragmatischen Gründen zwischen 1924 und 1932 ein Studium zum Bergassessor. Der Eintritt in die Rohstoffabteilung der Essener Fried. Krupp AG am 1. April 1933 markiert den Beginn eines raschen beruflichen Aufstiegs, der ihn bereits im September 1934 an die Abteilungsspitze führte, nachdem der bisherige Leiter Joachim Führer bei einem Autounfall sein Leben verloren hatte. Seine „Kollaboration“ (S. 12) mit dem NS-System habe Sohl bereits mit dem Eintritt in die NSDAP zum 1. Mai 1933 bewiesen. Ihm sei die wachsende Bereitschaft seines Arbeitgebers, mit dem NS-Staat zu kooperieren, wohl nicht entgangen. Dem Parteieintritt habe daher ein „opportunistisches Kalkül“ (S. 489) zu Grunde gelegen, er sei einer „Rückversicherung seiner beruflichen Zukunft“ (S. 51) gleichgekommen.

Sohl bewährte sich als Rohstoffexperte ausgesprochen gut. Seit dem 1. Oktober 1941 gehörte er dem Vorstand der VSt. an und wurde im November 1943 zum stellvertretenden Vorsitzenden ernannt. Die Frage nach seiner Mitverantwortung für die Rüstungspolitik und den Einsatz von Zwangsarbeitern lässt sich laut Berghahn nicht einfach beantworten, da so gut wie keine belastbaren Quellen vorlägen und Sohl zeitlebens seine Vergangenheit in der NS-Zeit beschwiegen habe. Stattdessen stellt Berghahn genauer die Haltungen seiner Vorstandskollegen Walther Roland und Ernst Poensgen sowie des Aufsichtsratsvorsitzenden Albert Vögler dar, um zu resümieren, dass Sohl „als stellvertretender Vorstandsvorsitzender der VSt. die Beschlüsse des Konzerns mittrug“ (S. 72). Ferner habe er sich bis zum Kriegsende mit Eifer der Rohstoffbeschaffung gewidmet, um die Produktion kriegsrelevanter Güter aufrechtzuerhalten.

Nach dem Kriegsende ging Sohl unverzüglich dazu über, die Wiederaufnahme der Stahlproduktion voranzutreiben, bis ihn die britischen Besatzungsbehörden am 5. Dezember 1945 in Haft nahmen, die er bis in den Mai 1947 hinein in verschiedenen Internierungslagern verbrachte. Als „Mitläufer“ entnazifiziert, nahm er im März 1948 seine Arbeit im Vorstand der VSt. wieder auf. Der Autor beschreibt seine Rolle bei der Entflechtung des Stahlkonzerns, seinen Widerstand gegen die Demontagepolitik und den Aufstieg der 1953 neu gegründeten August Thyssen-Hütte AG unter seiner Führung zum größten diversifizierten Stahlkonzern in Westeuropa. Als Sohl bei Thyssen das Ruder übernahm, hatte er in der Unternehmenspolitik bereits das Montan-Mitbestimmungsgesetz von 1951 mitzuberücksichtigen. An der lebhaften Debatte über die Forderungen der Gewerkschaften nach einer Mitsprache in der Betriebspolitik über Aufsichtsrats- und Vorstandsmandate war er von Beginn an beteiligt. Während Pierenkemper ihm eine „retardierende Rolle“[3] in der Diskussion attestiert, beschreibt Berghahn Sohl alles in allem als „weitsichtigen und sozialen Unternehmer“ (S. 495), der den persönlichen Kontakt zu führenden Gewerkschaftern gesucht und die Mitbestimmung begrüßt habe. Seine Bereitschaft zur Kooperation hatte freilich auch Grenzen. Die gesetzlichen Bestimmungen auch in anderen Branchen zu institutionalisieren, hielt er für ausgeschlossen.

Inmitten wirtschaftlicher Krisen, politischer Umbrüche und zahlreicher Reformvorhaben der sozialliberalen Koalition wurde Sohl 1973 zum BDI-Präsidenten gewählt. Anders als sein Vorgänger Fritz Berg, der „mittelständische Polterer aus Altena“ (S. 267), stand er für einen kritisch-konstruktiven Kurs gegenüber der Regierung und galt als Integrationsfigur, die geeignet war, die gesamte Unternehmerschaft durch die Jahre politischer und wirtschaftlicher Unsicherheit zu führen. Unter Rückgriff auf zahlreiche Protokolle, Briefe, Aktenvermerke, Presseartikel, die bisweilen sehr ausführlich wiedergegeben werden, rekonstruiert der Autor die Positionen Sohls zu den zentralen politischen und wirtschaftlichen Themen seiner Ära. Zu den „Dauerbrennern“ (S. 310) zählte die Diskussion über die Vermögensbildung in Händen der Arbeitnehmer. Forderungen nach einer überbetrieblichen Gewinnbeteiligung und die Bildung eines von den Gewerkschaften verwalteten Vermögensfonds begegnete er mit Vorbehalten, da sie seiner Meinung einem übermäßigen Machtzuwachs für die organisierten Arbeitnehmer/innen gleichgekommen wären und die Wirtschaftsordnung gefährdet hätten. In seiner Amtsperiode spitzte sich zudem die Debatte über die Ausweitung der paritätischen Mitbestimmung erneut zu. Die Haltung Sohls blieb unverändert: Ein derartiges Konstrukt bringe die Gesamtbeziehungen zwischen Arbeitgebern und -nehmer/innen in eine Schieflage. Daneben zweifelte er an der Bereitschaft der Gewerkschaften, die Bestimmungen des Mitbestimmungsgesetzes von 1976 loyal zu erfüllen.

Sohls unternehmensstrategische Ziele und wirtschaftspolitische Auffassungen lassen sich nach Meinung Berghahns wesentlich auf seine Erfahrungen in der NS-Zeit zurückführen: Die Überzeugung, dem „Gespenst der VSt.“ (S. 202) keine zweite Chance einzuräumen, seine Abkehr von „nationalistisch-autarkistischen Lösungen“ (S. 210) und von alten Kartell- und Monopolvorstellungen“ (S. 272), seine Skepsis gegen eine „staatliche Investitionslenkung“ (S. 430), sein Bekenntnis zur sozialen Marktwirtschaft und schließlich seine Haltung, „die Arbeitsbeziehungen nicht im Geiste der Ley’schen Deutschen Arbeitsfront zu handhaben“ (S. 232) und vielmehr auf „partnerschaftliche Arbeitsbeziehungen“ zu setzen, gehörten zu seinen wichtigsten Lernprozessen. Es hätte der Darstellung noch gut zu Gesicht gestanden, dem Wechselspiel zwischen Lernbereitschaft, Opportunismus und „pragmatischen Lösungen und Balanceakten“ (S. 316) genauer nachzugehen.

Um die Positionen Sohls, und vor allem auch seine bemerkenswerte Karriere, schlüssig zu erklären, die ihn in unterschiedlichen Systemen binnen Kurzem in gesellschaftliche Schlüsselpositionen führte, ist es wohl auch nötig, nicht nur Lerneffekte und Brüche, sondern auch Kontinuitäten in seinen Überzeugungen und in seinem Selbstverständnis herauszuarbeiten. Gab es eine signifikante Bereitschaft, das politische Umfeld so zu nehmen, wie es ist? Inwieweit bestimmte die Auffassung, dass die wichtigste Funktion eines Unternehmers – ungeachtet des politischen Systems – in der sachgerechten Bewältigung anstehender ökonomischer Herausforderung liegt, sein Selbstverständnis als Unternehmer, etc.? Berghahn hat dem bisher gezeichneten Lebensbild Sohls gewiss neue Facetten hinzugefügt. Gleichwohl sind ergänzende Mosaiksteine weiter erwünscht.

Anmerkungen:
[1] Aus interdisziplinärer Sicht u.a.: Helma Lutz u.a. (Hg.), Handbuch der Biographieforschung, 2. korr. Aufl., Wiesbaden 2018.
[2] Toni Pierenkemper, Hans-Günther Sohl: Funktionale Effizienz und autoritäre Harmonie in der Eisen- und Stahlindustrie, in: Ders./ Paul Erker (Hg.), Deutsche Unternehmer zwischen Kriegswirtschaft und Wiederaufbau. Studien zur Erfahrungsbildung von Industrie-Eliten, München 1999, S. 54-108; Johannes Bähr, Thyssen in der Adenauerzeit. Konzernbildung und Familienkapitalismus, Paderborn 2015; Johannes Bähr/Christopher Kopper, Industrie, Politik, Gesellschaft. Der BDI und seine Vorgänger 1919-1990, Göttingen 2019.
[3] Pierenkemper, Funktionale Effizienz, S. 101.