C. Beltrão da Rosa u.a. (Hrsg.): Cicero and Roman Religion

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Titel
Cicero and Roman Religion. Eight Studies


Herausgeber
Beltrão da Rosa, Claudia; Santangelo, Federico
Reihe
Potsdamer Altertumswissenschaftliche Beiträge 72
Erschienen
Stuttgart 2020: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
160 S.
Preis
€ 39,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Annina Frangenberg, Historisches Institut, Universität zu Köln

Für jedwede Beschäftigung mit der römischen Republik ist die Lektüre Ciceros unumgänglich. Seine philosophischen, rhetorischen und „staatstheoretischen“ Schriften sowie seine Briefe geben Aufschluss über verschiedene Themenbereiche des sozialen, politischen und kulturellen Lebens in Rom. Der vorliegende Sammelband von Claudia Beltrão da Rosa und Federico Santangelo beschäftigt sich speziell mit der Religion in Ciceros Werken. Der Band versammelt acht Vorträge, die im Rahmen einer internationalen Tagung im Sommer 2017 an der Escola da Magistratura do Estado do Rio de Janeiro (EMERJ) gehalten wurden. Er soll den Auftakt einer geplanten Serie von weiteren Tagungsbänden zu Cicero und der römischen Religion bilden, die im Rahmen eines Projekts der Newcastle University und der Universidade Federal do Estado do Rio de Janeiro (UNIRIO) entstehen werden. Die herausgebenden Personen haben es sich aufbauend auf der bisherigen Forschung zu Cicero und der römischen Religion[1] für diesen ersten relativ kurzen Band zum Ziel gesetzt, das weitere Potenzial dieses Themas aufzuzeigen. Mit den gesammelten Beiträgen aus einem breitgefächerten Spektrum möchten sie zu weiterer Forschung in diesem Bereich anregen (S. 20).

Den Auftakt macht Valentina Arena, die sich auf die Bestimmungen für Auguren im zweiten Buch von Ciceros Schrift über die Gesetze fokussiert. Losgelöst von dem persönlichen Interesse Ciceros, diese Priesterschaft in einer besonders machtvollen Position erscheinen zu lassen (S. 23), arbeitet sie anhand des Quellentextes heraus, dass die Auguren in der Tat eine besondere göttliche auctoritas für das Gemeinwesen besessen haben müssen. So gelingt es ihr aufzuzeigen, dass die Ausführungen in De legibus keineswegs nur als ein Regelwerk für Auguren zu lesen seien. Zusätzlich legt sie ein besonderes Augenmerk auf den politisch-religiösen Konflikt der Zeit zwischen Cicero und Clodius (S. 34-39).

Claudia Beltrão da Rosa bietet eine neue Lesung der dritten Catilinarischen Rede, die sich auf die religiösen und „theologischen“ Aspekte in der Abbildung des Göttlichen am Beispiel der Iuppiter-Statue konzentriert. Dabei arbeitet sie heraus, dass es die Rede Ciceros tatsächlich vermochte, eine empfundene göttliche Präsenz in der Stadt zu erzeugen (S. 46). Dies legt Beltrão da Rosa über eine Untersuchung des Vokabulars der entsprechenden Passagen der Rede dar, in welcher Cicero in Hinsicht auf die Iuppiter-Statue Begriffe verwendet, die für Gegenstände sowie für Statuen irdischer Gestalten unüblich sind (S. 50f.). Auf diese Weise gelingt es ihr zu zeigen, dass Cicero auf der Basis allgemein gültiger Annahmen der römischen Gesellschaft über die Götter die Anwesenheit Iuppiters unmittelbar erfahrbar werden ließ (S. 55).

Auch der Beitrag von Patricia Horvat und Alexandre Carneiro C. Lima befasst sich mit der durch Cicero hervorgerufenen Wahrnehmung einer Statue und der persönlichen Identifikation eines Menschen mit einer Gottheit. In einer Passage aus den Verrinen (2,4,72–82) bemüht sich Cicero, die Statue der Artemis in Segesta trotz ihres Standorts außerhalb Roms für seine Zwecke zu instrumentalisieren. In der althistorischen Forschung selten ist allerdings das Vorgehen der beiden Autoren, die entsprechenden Passagen unter psychoanalytischen Aspekten zu lesen. So möchten sie aufdecken, „welche psychologischen Mechanismen die Identifikation von Individuen mit dem Göttlichen unterstützen“ (frei übersetzt, S. 60). Dazu verwenden sie den Begriff der Ontophanie, der trotz der Wichtigkeit für ihren Beitrag erst relativ spät genauer definiert wird (S. 66).[2] Ganz konkret behandeln sie die Frage, wie Cicero das Mitgefühl der Römer für eine Statue in Segesta hervorrief, die seine Zuhörerschaft selbst nicht sehen konnte. Die beiden können herausarbeiten, dass Cicero die Artemis, nicht nur konsequent mit ihrem römischen Namen, Diana, bezeichnete, sondern sie auch als ein Symbol für erstrebenswerte moralische Verhaltensweisen konstruierte. Durch die angebotene Identifikation eines jeden Einzelnen mit diesen durch die göttliche Symbolik idealisierten Werten schaffte es Cicero, Verres als eine Gefahr für eben diese Werte und die ohnehin fragile soziale Ordnung darzustellen (S. 69f.). Die psychoanalytische Lesung der Passage ist spannend, aber die Autoren stützen sich vornehmlich auf verschiedene Beiträge Sigmund Freuds, die nicht ausführlich genug eingeführt werden. Wünschenswert wäre an dieser Stelle eine umfassendere Hinführung zu einem komplexen Thema außerhalb der Geschichtswissenschaften gewesen, vor allem mit Blick auf die unter Umständen umstrittene Position der sogenannten „Psychohistorie“.[3]

Besonders hervorsticht der Aufsatz von María Emilia Cairo, die sich mit Ciceros De Hauruspicium Responso auseinandersetzt und schrittweise interpretiert, wie Cicero die religiöse Identität der Römer in seiner Invektive gegen Clodius nutzbar machte. Ihr Verständnis von Identität baut sie auf Jan Assmanns Abhandlungen zum kulturellen Gedächtnis auf und liefert bezogen auf das Vorhaben ihres Aufsatzes eine umfangreiche Definition desselben (S. 81). In ihrem Beitrag kann sie zeigen, dass es sich bei dieser Rede um weitaus mehr als eine schmuckvolle Erwiderung auf Clodius’ Vorwürfe handelt. Aus Ciceros De Hauruspicium Responso lassen sich demnach wichtige Bezugspunkte zur Konstruktion römischer Identität und der römischen Beziehung zu ihren Gottheiten ableiten (S. 84).

Eine philologische Herangehensweise verfolgen Maria Eichler und Federico Santangelo. Eichler untersucht vergleichend die Rhetorik von Cicero und Lucretius in Bezug auf die politischen Handlungen und die religiöse pietas der Priester und Magistrate, während sich Santangelo mit einer angewandten Wortstudie des semantischen Feldes des Verbs providere in Ciceros Werken beschäftigt, um dessen Blick auf die menschliche und göttliche Vorsehung zu untersuchen. Zu diesem Zweck setzt er die prudentia in Relation zu providere/providentia und kann mit seiner Analyse zeigen, dass die providentia eine Komponente der prudentia war. So legt er dar, dass es Cicero geschickt gelang, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander zu vereinen (S. 115).

Die letzten beiden Beiträge des Bandes entfernen sich etwas von Cicero. Greg Woolf betrachtet die religiösen Entwicklungen innerhalb des römischen Imperiums in Bezug auf die Einführung fremder Gottheiten und der späteren Verfolgung Andersgläubiger über Cicero und seine Zeit hinaus. Abgerundet wird die Sammlung dann durch Katherine Easts Aufsatz, die anhand des frühneuzeitlichen Konflikts von Anthony Collins und Richard Bentley die Möglichkeit der Beeinflussung der Cicero-Rezeption durch die religiösen Motive der Editoren und Übersetzer der ciceronischen Texte untersucht. Dabei plädiert sie dafür, dass der Überlieferungsgeschichte der Quellen in Bezug auf dieses Phänomen eine größere Bedeutung beigemessen werden müsste (S. 145).

Insgesamt versammelt der Band eine Reihe vielfältiger und innovativer Beiträge, die Ciceros Ausführungen zur Religion über den Erkenntnisgewinn in Bezug auf religiöse Alltagspraktiken der römischen Kultur hinaus nutzbar machen. Die Mehrzahl der Beiträge setzt sich ausführlich mit der Konstruktion von religiöser Identität durch das Medium Sprache auseinander. Zwei der Beiträge (Woolf, East) erweitern das untersuchte Themenfeld auf eine interessante Weise um Betrachtungen jenseits der inhaltlichen und semantischen Ebene der Quellen. Vereinzelt wäre zwar eine ausführlichere Einführung der Theorien außerhalb der Geschichtswissenschaften wünschenswert gewesen (so etwa zu Sigmund Freud), jedoch kann das durch die Herausgeberin und den Herausgeber eingangs formulierte Ziel, das Potenzial des Stoffes aufzuzeigen und zu weiterem Nachdenken in dem Bereich anzuregen, als eingelöst bezeichnet werden.

Anmerkungen:
[1] Dazu benennen sie u. a. die folgenden Arbeiten: Robert J. Goar, Cicero and the State Religion, Amsterdam 1972; Mary Beard, Cicero and Divination. The Formation of a Latin Discourse, in: The Journal of Roman Studies 76 (1986), S. 33–46; Malcolm Schofield, Cicero For and Against Divination, in: The Journal of Roman Studies 76 (1986), S. 47–65.
[2] Unter dem von ihnen verwendeten Begriff der Ontophanie verstehen die Autoren im Gegensatz zu Mircea Eliade, The Quest. History and the Meaning in Religion, Chicago/London 1984, eher eine unbewusst internalisierte Identifikation mit dem Göttlichen.
[3] Zum Beispiel Friedhelm Nyssen / Peter Jüngst (Hrsg.), Kritik der Psychohistorie. Anspruch und Grenzen eines psychologistischen Paradigmas, Gießen 2003.

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15.02.2021
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