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Titel
Gelehrte Medizin und ärztlicher Alltag in der Renaissance.


Autor(en)
Stolberg, Michael
Erschienen
Anzahl Seiten
VIII, 580 S.
Preis
€ 89,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sabine Herrmann, Medizingeschichte, Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung

Bei der von dem Würzburger Medizinhistoriker Michael Stolberg vorgelegten Monographie handelt es sich um eine umfangreiche Darstellung des ärztlichen Alltags am Beispiel des bisher nur wenig bekannten Arztes Georg Handsch (1529–1578), der nach seiner Ausbildung in Padua und Ferrara und diversen Beschäftigungsverhältnissen, darunter bei Andrea Gallo in Prag, ab den späten 1560er-Jahren Leibarzt des habsburgischen Erzherzogs Ferdinand II. in Innsbruck wurde. Die Arbeit entstand im Umfeld eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten internationalen Forschungsverbundes zur Geschichte der ärztlichen Praxis im deutschsprachigen Raum vom 17. bis zum 19. Jahrhundert.[1] Die etwa 4.000 Seiten umfassenden Handschriftenbände, welche die Quellengrundlage für Stolbergs Monographie bilden, vermögen im Hinblick auf die Rekonstruktion des ärztlichen Alltags, der ärztlichen Lebenswelt und Praxis einen äußerst wertvollen Beitrag zu leisten. [2] Die methodischen Grundlagen für die Monographie bilden Alltagsgeschichte und historische Anthropologie. Stolberg konzentriert sich auf vier Schwerpunkte innerhalb der Lebenswelt des frühneuzeitlichen Arztes: seine Ausbildung, den gelehrten Habitus und sein Verhältnis zu theoretischem Wissen sowie die Beziehung zwischen Praxis und Theorie.

Die Untersuchung beginnt mit einer Einführung, in der das Ideal und die Figur des gelehrten Arztes sowie der Wandel therapeutischer Ansätze diachron und auch für Nicht-Medizinhistoriker allgemeinverständlich nachgezeichnet werden. Behandelt wird auch die Bedeutung der artes für die Medizin, die die Grundlage für das humanistische Selbstverständnis des frühneuzeitlichen Arztes bildeten. Der erste Teil der Monographie („Der Eintritt in die Welt der gelehrten Medizin“) setzt mit der Berufswahl ein, denn meist gelangten die Aspiranten nicht geradlinig zum Medizinstudium. Oft spielte „kulturelles Kapital“ in Form von gesellschaftlichem Ansehen und lukrativen Verdienstmöglichkeiten eine entscheidende Rolle bei der Aufnahme der ärztlichen Tätigkeit.

Stolberg geht in diesem Abschnitt zudem auf die Widrigkeiten des Arztberufs ein, darunter die kostspielige, durch Geldnöte und die finanzielle Unterstützung durch Familie oder Mäzene charakterisierte Ausbildung oder den auch von der zeitgenössischen Arztkritik aufgenommenen Umgang mit Ausscheidungen und Körperflüssigkeiten. Die anschließenden Kapitel widmen sich detailliert der ärztlichen Ausbildung, wobei der Schwerpunkt durch die Biographie des Protagonisten Handsch bedingt auf den oberitalienischen Universitäten der post-vesalischen Zeit liegt. Den universitären Alltag rekonstruiert Stolberg ausführlich durch die Vorlesungsmitschriften des angehenden Arztes und weitere studentische Aufzeichnungen und zeigt die Bedeutung der Praxis in der ärztlichen Ausbildung.[3]

Im folgenden Kapitel widmet sich der Autor dem durch die humanistische Ausbildung geformten gelehrten Habitus des Arztes durch Self-fashioning. Abgesehen vom Sprachgebrauch betraf dies auch außermedizinische Tätigkeiten und Interessen, darunter die Dichtkunst, das Briefeschreiben, die Anlage von Stammbüchern, ein Interesse für „patriotische“ Historiographie und Ethnographie oder das Exzerpieren und Sammeln von bekannten Sentenzen. Hervorzuheben ist hierbei auch die im Kontext der Medizingeschichte bisher wenig beachtete Rolle des „Gabentausches“ im Sinn von gegenseitigen Gefälligkeiten und materiellen Gütern, was sich insbesondere in der ärztlichen Korrespondenz niederschlug. Obwohl auch das ärztliche Studiolo als Rückzugsort zwischen otium und negotium Erwähnung findet, wäre eine kurze Darstellung zur ärztlichen Bibliothek und zur Sammlungspraxis im Zusammenhang mit dem Self-fashioning von Ärzten eventuell noch eine sinnvolle Ergänzung dieses Kapitels gewesen.

Der umfangreichste, zweite Teil der Arbeit („Ärztliche Heilkunde“) deckt die ärztliche Heilkunde in all ihren Facetten ab, wobei es insbesondere um die Umsetzung theoretischer Inhalte in die alltägliche therapeutische Praxis geht; ein wichtiger, jedoch aufgrund der rudimentären Quellenlage bisher kaum behandelter Aspekt der medikalen Alltagskultur. Das einführende Kapitel behandelt die, wie Stolberg darlegt, oft durch Alltagserfahrungen beeinflusste Krankheitslehre, wobei gezeigt wird, dass die Körpersäftelehre in der praktischen Medizin vermutlich nur eine marginale Rolle spielte. Daran anschließend analysiert der Autor die Möglichkeiten der ärztlichen Diagnostik, wobei deutlich wird, dass die „Harnschau“ entgegen der bisherigen Lehrmeinung ein äußerst anspruchsvolles und durchaus auch vom Arzt selbst praktiziertes diagnostisches Verfahren war, der zudem selbst regelmäßig körperliche Untersuchungen am Patienten vornahm.

Auch im Hinblick auf die therapeutische Praxis (etwa Purgativa, Aderlass, Schröpfen, Schwitzkuren, Heilbäder, Diätetik und Chirurgie) ergibt die Analyse der Quellen ein differenziertes Bild, denn Handsch nahm selbst Aderlässe sowie kleinere chirurgische Eingriffe vor und lernte von Barbieren und Laien. Ergänzt wird dieser Teil der Arbeit durch einen umfangreichen Überblick über die wichtigsten, nur in einigen Fällen jedoch genau zu bestimmenden Krankheitsbilder sowie die Kinder,- und Frauenheilkunde, die durch die „Wiederentdeckung“ der hippokratischen Schriften im 16. Jahrhundert das Interesse der Ärzteschaft weckte. In einem abschließenden Kapitel legt der Autor am Beispiel unterschiedlicher Themenfelder dar, dass die praktische Medizin als Motor empirischer Erkenntnisse eine nicht unbedeutende Rolle für die „wissenschaftliche Revolution“ des 17. Jahrhunderts spielte (anhand von Fallbeobachtungen (observationes), experimentellen Arzneiprüfungen, der Übernahme von paracelsischen Praktiken und der Selbst-Beobachtung).

Der dritte Teil der Arbeit („Ärzte, Patienten und medikale Laienkultur“) widmet sich den Beschäftigungsverhältnissen eines doctor medicinae und dem Praxisalltag: Schwierig war es vor allem für junge Ärzte, sich gegenüber bereits auf dem medizinischen Markt einer Stadt etablierten Ärzten durchzusetzen. Eine Möglichkeit bot das Famulussystem, bei dem der junge Arzt einem älteren und erfahreneren zur Hand ging. Vielversprechend war auch das Amt des Stadtarztes. Als ausgesprochen attraktiv galt aber die Position des Leibarztes, welche jedoch durch höfische Hierarchien geprägt und mit einem gewissen Risiko behaftet war. Stolbergs Untersuchung des Praxisalltags (Kosten, Abläufe, Briefpraxis) und der Arzt-Patient/innen-Beziehung gehört vermutlich zu den eindrücklichsten Kapiteln der Arbeit. Es vermittelt einen Einblick in die Notwenigkeit, mit psychologischem Geschick und nicht zuletzt auch einem Repertoire an Gesten zur Wahrung der Autorität auf Patient/innen einzuwirken. Die Studie erwähnt auch kritische Patient/innen, oft Frauen, die den ärztlichen Therapien aufgrund von Selbstbeobachtung nicht vertrauten, sich selbst behandelten oder die Dienste von Barbieren und Laienheilern in Anspruch nahmen.

Das Verdienst von Stolbergs Monographie ist es, eine über die Medizin-, und Sozialgeschichte hinaus bedeutsame Quelle bearbeitet und eingehend analysiert zu haben. Die vorliegende Studie beschreitet zudem neues Terrain, da sie die Aufmerksamkeit auf das Verhältnis zwischen Theorie und Praxis in der medikalen Alltagkultur lenkt. Sie offenbart dadurch markante Differenzen zwischen theoretischen Ansätzen und alltäglichem diagnostischem und therapeutischem Handeln und ermöglicht so eine differenzierte Einschätzung der Medizin des 16. Jahrhunderts. Als Fallstudie, die vornehmlich auf den Aufzeichnungen des wenig bekannten Arztes Georg Handsch beruht, bietet sie nicht nur Einblicke in seine Ausbildung und seine Tätigkeit als Arzt, sondern auch in sein Selbstverständnis. Dank eines gut lesbaren und flüssigen Schreibstils gelingt es Stolberg, selbst komplexe medizinhistorische Inhalte allgemeinverständlich zu vermitteln.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Institut für Geschichte der Medizin / Forschung: https://www.uni-wuerzburg.de/startseite/ (01.03.2021)
[1] Ergänzt werden die Handschriftenbände durch weitere Praxisjournale, medizinische Lehrbücher und Traktate sowie Ärztebriefe, die im Rahmen des Würzburger Akademien-Langzeitprojekts umfassend erfasst werden (bisher ca. 50.000).
[2] Zu ergänzen wäre hier eventuell noch Francesco Piovan / Luciana Sitran Rea (Hrsg.), Studenti, università, città nella storia padovana, Trieste 2001, der reichhaltiges Quellenmaterial zur Universität von Padua bietet. Zu den Kosten einer Promotion vgl. auch Biagio Brugi, Una descrizione dello Studio di Padova in un Ms. del secolo XVI del Museo Britannico, Nuovo Archivio Veneto 14 (1907), 72–88, besonders 75; Richard Palmer, The Studio of Venice and Its Graduates in the Sixteenth Century, Trieste 1993, 31–34.

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Veröffentlicht am
16.03.2021
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