M. Ankele u.a. (Hrsg.): Material Cultures of Psychiatry

Cover
Titel
Material Cultures of Psychiatry.


Herausgeber
Ankele, Monika; Majerus, Benoît
Anzahl Seiten
416 S.
Preis
€ 39,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Henriette Voelker, Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin, Charité - Universitätsmedizin Berlin

Was bedeutet eine Blume – auf dem Feld, auf einem Küchentisch, am Krankenbett einer psychiatrischen Klinik? Was macht die Blume mit Raum und Menschen, wenn sie in eine psychiatrische Institution gebracht wird? Der Blick auf Alltagsgegenstände zeigt, wie Objekte im psychiatrischen Setting Bedeutung und Wirkung verändern können. Am Beispiel der Blumen in Anna Schuleits Kunstprojekt „Bloom“ führen die Herausgeber:innen in ihr Vorhaben ein, das „soziale Leben“[1] von Objekten und die materiellen Kulturen der Psychiatrie aus historischer und künstlerischer Perspektive zu explorieren. Der Band basiert auf einer transdisziplinären Tagung am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf im Mai 2018.

In der jüngeren Psychiatriegeschichtsschreibung erfreut sich der material turn regen Interesses.[2] „Was Dinge mit der Psychiatrie tun und was die Psychiatrie mit Dingen tut“ (S. 11) ist nun Thema des Sammelbandes, der zugleich an die kritische Psychiatriegeschichtsschreibung anknüpfen will. Die Herausgeber:innen haben das Feld der Objektgeschichte bereits anhand symbolträchtiger Gegenstände, etwa „der Zwangsjacke, dem Bett und der Tablette“[3], sondiert. Der vorliegende Band wendet sich darüber hinaus Alltagsgegenständen zu, die nicht der Psychiatrie vorbehalten sein müssen. Gerade ihre hybride Natur gibt Aufschluss über Transformationsprozesse des Materiellen. Den „eigen-sinnigen“ Umgang von Patient:innen mit Objekten einzubinden erlaubt außerdem Einblicke in das Aushandeln von Machtdynamiken in psychiatrischen Institutionen. Dazu verbindet der Band historiographische Beiträge mit artistischen Interventionen und führt durch Psychiatrien der westlichen Hemisphäre im 19. und 20. Jahrhundert.

Zur Welt des Materiellen zählt hier „alles Physische, das den Raum beeinflusst, seine Akteure und ihre Handlungen, wie auch das nicht-Physische, das materielle Dimensionen offenbart“ (S. 17), und sinnlich Wahrnehmbares wie Licht, Luft, Farben, Gerüche und Geräusche. Kultur versteht sich in Referenz zu praxeologischen Ansätzen als doing culture. In Anlehnung an Bruno Latours Akteur-Netzwerk-Theorie stehen soziale Praktiken mit materiellen Entitäten im Vordergrund. Der Plural im Titel („materielle Kulturen“) soll sensibilisieren für die Polyvalenz und Vieldeutigkeit von Dingen. Die Herausgeber:innen verweisen auf die Vielzahl unterschiedlicher Praktiken, die Objekte abhängig von ihrer Wahrnehmung und ihrem Kontext hervorrufen und die ihrer ursprünglichen Vorsehung zuwiderlaufen können.

Der Band umfasst vier Themenbereiche und einen Abschnitt zu Lehrprojekten und wartet mit einer hohen Dichte starker Beiträge auf. Die erste Sektion, „Scenography and Space“, widmet sich szenographischen Aspekten des materiellen Arrangements im psychiatrischen Raum. Sie fußt auf der Grundannahme, dass sich materielle Kulturen im Raum entfalten, doch zugleich durchzögen diesen Macht- und Kontrollstrukturen. In diesem Teil entfaltet Kai Sammet am Beispiel der badischen Heil- und Pflegeanstalt Illenau in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Panorama von Bedeutungen, die Licht, Dunkelheit und Geräusche im psychiatrischen Raum annehmen können. Er diskutiert Facetten wie Überwachung und Kommunikation und beleuchtet physikalische, metaphorische und kulturhistorische Perspektiven. Damit lenkt er auf originelle Weise den Blick auf historiographisch zumeist unbeachtete Phänomene der sinnlichen Wahrnehmung.

Der praxeologisch orientierte Teil „Transforming Practices“ basiert auf der Annahme, dass eingeschriebene Handlungsaufforderungen Objekten ermöglichten, Praktiken und Handlungsmuster zu formen. Darin befasst sich Louise Hide mit der Einführung von Fernsehgeräten in Langzeitstationen in Großbritannien, den USA und Kanada in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie verortet das Gerät in den Stationen als hybriden Raum aus medizinischen und häuslichen Facetten. Das Objekt entfaltete eine ambivalente Rolle für das soziale Miteinander auf den Stationen. Hide stellt die therapeutische Wirkung und die vorbereitende Funktion im Kontext der Deinstitutionalisierung den belastenden, abgrenzenden und disziplinierenden Wirkungen der TV-Einführung gegenüber. Sie kommt zu einem zwiespältigen Urteil und verdeutlicht damit widersprüchliche Auswirkungen von Objekten auf die psychiatrische Praxis.

Der folgende Abschnitt, „Agents of Healing“, untersucht, wie Objekte heilende Wirkung entfalten konnten oder sollten. Stefan Wulf betrachtet darin die Bedeutung des Klaviers für Robert Schumann und Paul Abraham während ihrer Psychiatrieaufenthalte in Endenich und Hamburg. Seine Untersuchung geht über die therapeutische Wirkung des Instruments und dessen strukturgebende Funktion im klinischen Alltag hinaus. Das Klavier konnte auch Kommunikationsmedium und identitätsstiftendes Objekt im Setting der Psychiatrie sein, die durch das Spiel der Komponisten zu einem Ort künstlerischer Interaktion und musikalischer Performanz wurde. Neben klinischen Akten zieht Wulf Medienberichte heran, in denen das Klavier als „Objekt der öffentlichen Meinung“ über die Komponisten fungierte. Nach der Rückkehr aus dem amerikanischen Exil sollte der Operetten-Komponist Abraham den Zeitungen zufolge wieder komponieren wie vor seiner Verfolgung im Nationalsozialismus. Wulf wirft auf, dass das Klavier so auch etwas über die Mentalität der deutschen Gesellschaft der 1950er-Jahre verrate: „Ging es hier um die Überwindung individueller Krankheit oder ein Gefühl kollektiver Schuld?“ (S. 277) Schließlich sieht er das Klavier nicht als Objekt der Psychiatrie, sondern in der Psychiatrie an, um es in seiner vielfältigen Bedeutung erfassen zu können.

Die sinnlichen und körperlichen Dimensionen materieller Kultur und das erfahrende Subjekt stehen im Zentrum des vierten Abschnitts „Bodies, Senses and the Self“. Marianna Scarfone untersucht dazu einen verlassenen Lagerraum der Psychiatrie Perray-Vaucluse. Anhand eingelagerter Gegenstände verfolgt sie die materielle Funktion dieser Fragmente aus dem und für das Leben der Patient:innen. Scarfone diskutiert Zusammenhänge zwischen Psychiatriereform und Stauraumregelungen, den veränderten Umgang mit persönlichen Objekten und individueller Kleidung. Manche Objekte verwiesen auf die Interessen und Tätigkeiten, die Patient:innen trotz ihrer langjährigen Aufenthalte in psychiatrischen Institutionen aufrechterhielten. Die Einlagerung anderer deutet den materiellen Entzug an, dem Menschen beim Eintritt in die Psychiatrie unterzogen wurden. Nie wieder geöffnet markierten solche Koffer fortan den Zeitpunkt des Eintritts in die Institution, „während sich die Akten der Patient:innen mit Ausgängen, Fluchtversuchen, Entlassungen (vorläufig oder anderweitig), Behandlungen und neuen Internierungen füllten.“ (S. 318) Den Lagerraum zu passieren markierte die symbolische Trennung der Patient:innen von dem, was sie mit der Außenwelt verbunden hatte.

Der Band schließt mit zwei Lehrprojekten. Anna Urbach stellt ein dokumentarisches Theaterstück um textile Materialien auf der Grundlage von administrativen und medizinischen Akten der Nervenklinik Uchtspringe um 1900 vor. Über ein Projekt an der Hochschule Ottersberg berichten Céline Kaiser und Monika Ankele, die sich mit Studierenden in Kombination kulturhistorischer Forschung und künstlerischer Strategien der Transformation von Dingen im psychiatrischen Kontext widmeten. Die daraus entstandenen Arbeiten sind in den Aufbau des Bandes integriert. Beispielsweise zeigt eine Aufnahme der Performance „Have a Seat“ Raja Goltz mit einem aus Bettlaken gehäkelten Stuhl. Sie wirft Fragen nach unseren Erwartungen an Alltagsgegenstände und den praktischen Umgang mit veränderten materiellen Kulturen auf. Die Platzierung der Arbeit im Band verbindet Lisa Landsteiners Überlegungen zum Stuhl in der Psychiatrie elegant mit dem praxeologischen Ansatz des zweiten Buchabschnitts.

Auf den Band gesehen erfahren wir, abgesehen vom EKT-Gerät (Max Gawlich) und der Isolationszelle (Mascha Denke), weniger über ikonische Objekte. Dagegen entwickeln die Beiträge vielfältige und anregende Blickwinkel auf alltägliche Gegenstände. Die künstlerische Verarbeitung von Seegras durch eine Schweizer Patientin (Katrin Luchsinger) oder der „eigen-sinnige“ Umgang mit Textilien in der psychiatrischen Isolation (Monika Ankele) verweisen auf materielle Entbehrungen und Wege von Patient:innen, Teile ihrer Identität und agency in der Institution aufrechtzuerhalten. Die Patient:innenperspektive zu stärken gelingt dem Band exzellent. Außerdem schneidet der Band Bereiche wie materielle Kulturen der Pflege[4], Objekte in häuslichen psychiatrischen Regimen (Anatole Le Bras) oder das Wirken von Farben (Kirsi Heimonen und Sari Kuuva) und Gerüchen an, die sich in künftiger Forschung vertiefen ließen. Michelle Williams Gamakers Blick über westliche Psychiatrien hinaus – sie widmete sich in einer Performance unter anderem heilenden Effekten von Liedern mittelamerikanischer Cuna – deutet das Potential geographischer Erweiterung an.

In ihrer methodischen Herangehensweise sind die Beiträge vielfältig, in ihrer theoretischen Fundierung kohärent. Die künstlerischen Beiträge fügen sich stimmig in das durchdachte Design des Buches und der Dialog mit den wissenschaftlichen Textbeiträgen bereichert die Lektüre. Das transdisziplinäre Vorhaben ist gelungen: Daraus hervor ging ein herausragender Band mit originellen Beiträgen, der die Psychiatriegeschichte voranbringt und auch für all jene empfehlenswert ist, die sich für das vielfältige Wirken von Objekten interessieren.

Anmerkungen:
[1] Angelehnt an Arjun Appadurai (Hrsg.), The Social Life of Things. Commodities in Cultural Perspective, Cambridge 1986.
[2] Inzwischen gelten Krankenakten als klassische Quellen der Psychiatriegeschichte und erste Studien zur materiellen Welt der Psychiatrie liegen vor. Zu den Trends der jüngeren Psychiatriegeschichte siehe Volker Hess / Benoît Majerus, Writing the History of Psychiatry in the 20th Century, in: History of Psychiatry 22/2 (2011), S. 139–145. Ein Beispiel für jüngere Studien im Zeichen des material turn ist Jane Hamlett, At Home in the Institution. Material Life in Asylums, Lodging Houses and Schools in Victorian and Edwardian England, London 2015.
[3] Benoît Majerus, The Straitjacket, the Bed and the Pill. Material Culture and Madness, in: Greg Eghigian (Hrsg.), The Routledge History of Madness and Mental Health, London 2017, S. 263–276; Monika Ankele, Horizontale Szenographien. Das Krankenbett als Schauplatz psychiatrischer Subjektivation, in: Lars Friedrich / Karin Harasser / Céline Kaiser (Hrsg.), Szenographien des Subjekts, Wiesbaden 2018, S. 49–64.
[4] Dazu auch an anderer Stelle Monika Ankele, Materielle Konfigurationen der Pflege und ihre ethischen Implikationen. Das Dauerbad in der Psychiatrie, in: European Journal for Nursing History and Ethics 2 (2020), S. 101–123.