I. Thamm: Der Anspruch auf das Glück des Tüchtigen

Titel
Der Anspruch auf das Glück des Tüchtigen. Beruf, Organisation und Selbstverständnis der Bankangestellten in der Weimarer Republik


Autor(en)
Thamm, Imke
Erschienen
Stuttgart 2006: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
298 S.
Preis
€ 59,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Nadine Rossol, History Department, University of Limerick

Wenn Eltern heute erzählen, ihre Kinder arbeiteten “bei der Bank”, so schwingen in dieser Aussage noch immer Idealvorstellungen bezüglich des Bankberufes mit. Sicherheit, ein fester Arbeitsplatz und „anständige Arbeit“ sind Schlagworte, die mit dem Beruf des Bankangestellten verbunden werden. Imke Thamms Studie „Der Anspruch auf das Glück des Tüchtigen. Beruf, Organisation und Selbstverständnis der Bankangestellten in der Weimarer Republik“ zeigt, dass diese Idealisierung schon in den 1920er Jahren wenig mit der Realität gemein hatte. Die Idealvorstellungen speisten sich vielmehr aus der Glorifizierung des Bankberufes in den Gründungsjahren des Kaiserreichs. Thamm interpretiert die Geschichte der Bankangestellten in der Weimarer Republik als „eine Geschichte beruflicher und sozialer Behauptungsstrategien“ (S. 13). Erwartungen, Selbstentwürfe und Fremdwahrnehmungen des Berufes reichten von der Beschwörung der „goldenen“ Zeit des Kaiserreichs bis zu dem durch Romane und Kinofilme überzeichneten Bild des Angestellten, dessen Tagesablauf von Maschinen diktiert wurde. Auch die Soziologen Erich Fromm und Siegfried Kracauer, so zeigt Thamm, zielten mit ihren oft griffigen Thesen zu „den Angestellten“ in der Weimarer Republik manches Mal an deren Arbeitsalltag vorbei. Der thematische Hauptteil von Imke Thamms geschichtswissenschaftlicher Studie besteht aus vier Kapiteln, die, chronologisch angeordnet, sich auf die Zeit von 1913/14 bis zur Wirtschaftskrise 1929 konzentrieren. Dabei verändert Thamms Forschungsgegenstand die üblichen Assoziationen zur Inflationszeit und der danach folgenden Stabilisierungsphase um 1924. War für Bankangestellte die Inflation eine Hochbeschäftigungszeit, so bedeutete die wirtschaftlich stabilere Lage Entlassungen und Beschäftigungsabbau.

Imke Thamm beginnt ihre Arbeit mit einem Blick auf die Lage der Bankangestellten bis zum Ersten Weltkrieg. In ihrem zweiten Kapitel beschreibt sie die Situation und die Wahrnehmung der Bankangestellten in der Vorkriegszeit, ein ständiger Referenzpunkt in der Weimarer Republik. Sie erklärt: „Aus der Perspektive der Zwischenkriegszeit waren die betrieblichen Verhältnisse der 1870er und 1880er Jahre das positive Bezugssystem, das den Kontrast zu den empfundenen Defiziten der Gegenwart erst deutlich machte…“ (S. 27). Doch auch die Vorkriegszeit war schon von Konflikten geprägt, die Thamm exemplarisch an den unterschiedlichen Einstellungen der Bankangestelltenvereine „Allgemeiner Verband der deutschen Bankbeamten“ und „Deutschen Bankbeamten-Verein“ (DBV) aufzeigt. Während der Allgemeine Verband sich als Gewerkschaft verstand und die Bankangestellten mit der Arbeiterschaft verbinden wollte, sah der DBV die Bankangestellten als Teil der qualifizierten Angestelltenschaft. Damit belegt Thamm, dass auch in der Vorkriegszeit die Rolle und die Wahrnehmung der Bankangestellten nicht mehr so eindeutig waren, wie in der Weimarer Zeit durch Glorifizierung der Gründerjahre oft behauptet wurde.

In ihrem dritten Kapitel untersucht Imke Thamm die frühen 1920er Jahre von der unmittelbaren Nachkriegszeit bis zum Ende der Inflation. Sie zeigt das Scheitern der Bankangestelltengewerkschaften, deren Forderungen nach kollektiven Lösungen, Streiks und Tarifverträgen wenig Erfolg brachten. Dies lag auch an der Haltung der Bankangestellten zu ihrem Beruf und ihrer Bank. „Die Bankangestellten hofften, den Respekt und die Anerkennung wiederzuerlangen, den sie von ihren Vorgesetzten erwarteten; eine klassenkämpferische Konfrontation suchten sie nicht“ (S. 119). Trotzdem wurde mit dem Reichstarifvertrag von 1920 ein arbeitsrechtlicher Rahmen geschaffen, der lange Bestand hatte. Die Inflation bedeutete eine Hochbeschäftigungszeit für Bankangestellte, die wegen Überstunden und langen Arbeitstagen oft als Hetze und Belastung dargestellt wurde. Doch die schmerzhaften Einschnitte bei der Belegschaft sowie der schwierige Personalabbau erfolgten erst in den Jahren nach der Inflation, welche Thamm im vierten Kapitel ihrer Arbeit behandelt.

Bankenfusionen, Massenentlassungen und allgemeine Unsicherheit der Bankangestellten bestimmten die Zeit der wirtschaftlichen Stabilisierung ab 1924. Thamm zeigt, dass die Banken ihre Überschusskapazitäten nicht nur durch Personalabbau zu senken versuchten, sondern ebenso mit anderen Rationalisierungsmaßnahmen. „Rationalisierung, Personalabbau und Maschinisierung wurden im Jargon der kreditwirtschaftlichen Fachpresse nahezu synonym verwendet“ (S. 144). Die Schreibmaschine wurde, obwohl sie für die Arbeit in der Bank nicht besonders geeignet war, zum Symbol der öffentlich so ausgiebig diskutierten Rationalisierung. Imke Thamm macht jedoch deutlich, dass das propagierte Bild der rationalisierten Großbank dem Arbeitsalltag der wenigsten Bankangestellten entsprach. Trotzdem beherrschte die Vorstellung „der Atemlosigkeit des mechanisierten Bankbetriebs“ (S. 161) die öffentlichen Diskurse der 1920er Jahre.

Im fünften Kapitel, dem letzten vor ihrem Schlussfazit, beschreibt Thamm das berufliche Selbstverständnis der Bankangestellten, welches durch den Gegensatz zu anderen Berufs- und Personengruppen in den Banken an Eindeutigkeit gewann. Es galt sich gegenüber Boten und Hilfspersonal abzugrenzen, gerade wenn die Grenzen zwischen den Arbeitsbereichen verschwammen. Weibliche Angestellte in der Bank wurden als prädestiniert für die Arbeit an der Schreibmaschine angesehen. „Das Klischee vom einfältigen, eitlen und an den Zusammenhängen seiner Arbeit desinteressierten Büromädchen hielt sich auch dann noch zäh, wenn weibliche Angestellte ausdrücklich nach Professionalisierung und fachlichem Verständnis strebten“ (S. 226). Dadurch wurde in einer Zeit der Ungewissheit die eigene Unentbehrlichkeit betont. Thamm beschreibt allerdings auch eine zunehmende Skepsis bezüglich des Bankberufes, welche durch Entlassungen und der Angst vor „Maschinisierung“ angefacht wurde.

Thamms Publikation basiert auf ihrer Dissertation, deren dichte und detailreiche Beschreibung, wie oft bei wissenschaftlichen Arbeiten, die Lektüre nicht eben erleichtert. Etwas weniger Detailreichtum, dafür aber präziser formulierte Thesen hätten der Arbeit ein schärferes Profil verliehen. Bedauerlich ist auch, dass der Darstellung und der Rezeption des Bankberufes in der Populärkultur der 1920er Jahre so wenig Raum zugestanden wurden. Wie gewinnbringend eine ausgiebigere Einbeziehung von Bildquellen hätte sein können, wird schon bei den Vergleichen des Kinobilds mit dem realen Arbeitsalltag der Bankangestellten veranschaulicht, die Imke Thamm gelegentlich vornimmt. Und dies nicht nur, um Kino- und Romaneindrücke durch die Realität zu widerlegen, sondern auch, um ihren Einfluss auf die Wahrnehmung des Bankberufes zu untersuchen.

Imke Thamms Studie zeigt deutlich, dass sich Bankangestellte in der Weimarer Republik in einem Geflecht aus althergebrachten Vorstellungen, neuen Herausforderungen und steigenden Anforderungen zurechtfinden mussten. Die Situation des Bankangestellten im Kaiserreich hatte 1929, dem Jahr, mit dem Thamms Untersuchung endet, endgültig als Bezugspunkt ausgedient. „Verklärung und Versachlichung eines Berufsbilds“ (S. 266) sind die beiden Pole, zwischen denen Thamms Arbeit angelegt ist. Sie belegt eindruckvoll und kenntnisreich die vielen Zwischentöne, die den Arbeitsalltag der Bankangestellten prägten. Oft klammerten sich Bankangestellte noch lange an die Statusattribute, die ihr Beruf vermeintlich mit sich brachte. Die eigenen Aufgabenbereiche entsprachen diesen Idealvorstellungen jedoch immer weniger. Imke Thamm hat für die Bankangestellten der Weimarer Republik eine Studie vorgelegt, die für viele andere Angestelltenberufe noch fehlt, aber ebenso wünschenswert wäre.

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