S. Segler-Messner u.a. (Hrsg.): Vom Zeugnis zur Fiktion

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Titel
Vom Zeugnis zur Fiktion. Repräsentation von Lagerwirklichkeit und Shoah in der französischen Literatur nach 1945


Herausgeber
Segler-Messner, Silke; Neuhofer, Monika; Kuon, Peter
Reihe
KZ-memoria scripta, Bd. 2
Erschienen
Frankfurt am Main 2006: Peter Lang/Frankfurt am Main
Anzahl Seiten
355 S.
Preis
€ 56,50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Claudia Nickel, Universität Potsdam

In den letzten Jahren mehren sich die wissenschaftlichen Veröffentlichungen in den Literatur- und Kulturwissenschaften zum Thema Lagererfahrung und Shoah und ihrer Repräsentation.[1] Der vorliegende Band, Ergebnis zweier Sektionen des Frankoromanistentages 2005, stellt in doppelter Sicht eine Neuerung dar. Zum einen sucht er eine „frankoromanistische Perspektive“ (S. 17) in den aktuellen Forschungsdiskurs einzubringen. Denn wie die Herausgeber selbst feststellen, hat die „deutschsprachige Romanistik […] im Rahmen der internationalen Forschung zur KZ- und Shoah-Literatur keine tragende Rolle gespielt“ (S. 10). Dabei will sich der Band auch nicht nur auf die bereits „kanonisierte[n] Text[e]“ (S. 12) von Robert Antelme, Jorge Semprún, und Jean Cayrol beschränken, sondern eine erweiterte Perspektive einnehmen, um die Vielfältigkeit der Repräsentationsformen herauszustellen. Zum anderen thematisiert er die beiden Übergänge „vom Zeugnis zur Fiktion“ und „vom individuellen Bezeugen einer Lagererfahrung zum gesellschaftlichen Diskurs über Shoah und Konzentrationslager“ (S. 13). Die konsequente Unterscheidung zwischen Lager und Shoah drängt sich für den französischen Diskurs geradezu auf, da in Frankreich zunächst die Erfahrungen der politischen Deportieren im Zentrum standen. Darüber hinaus bietet sie einen differenzierten Blick auf die Ereignisse und ihre Darstellung in den Werken selbst.

Im Vorwort betonen die Herausgeber Segler-Messner, Neuhofer und Kuon die Bedeutsamkeit des Zeugnisses, das sich nach dem Ableben der letzten Zeugen und Zeuginnen noch steigern wird, wenn es gelte, das Gedächtnis „ohne unmittelbare Präsenz seiner primären Träger“ (S. 9) wach zu halten. Das Zeugnis, sein Verhältnis zur Literatur allgemein und vor allem zu fiktionalen Texten, sein Stellenwert und seine Funktionen für Erinnerung und Identitätsstiftung bilden hier die zentralen Fragestellungen.

In fünf thematischen Teilen setzt sich der Band mit den genannten Problemen auseinander. So diskutiert Aurélia Kalisky im Abschnitt über „Möglichkeiten und Grenzen von Zeugenschaft“ die Entwicklung des literarischen Zeugnisses, während Karla Grierson näher auf den „Discours d’Auschwitz“ eingeht und dabei die Postulate des Schweigens und der „unsagbaren Wahrheit“ als unhaltbar herausarbeitet. Es gilt als positiv hervorzuheben, dass die Texte der beiden französischen Wissenschaftlerinnen übersetzt sind und ihre gewinnbringenden Betrachtungen, die sich zumeist auch auf französische Forschungsliteratur zu Lagern und der Shoah stützt, die außerhalb der Romanistik wenig wahrgenommen wird, somit einem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden.[2]

Die Beiträge der folgenden Abschnitte über die „Grenzen des Humanen“ und die „Erinnerungsarbeit und Identitätskonstruktionen“ haben ihren Ausgangspunkt in der Analyse konkreter Texte. Judith Kaspar analysiert Piotr Rawicz’ Roman ‚Le sang du ciel‘ und die doppelte Identität des Protagonisten, der in einer namenlosen Ghetto- und Lagerwelt mal als Jude wahrgenommen und daher unmenschlich behandelt wird, mal als Ukrainer, „der immerhin noch ‚germanisiert‘ werden kann“ (S. 86), weshalb ihm eine gewisse Menschlichkeit entgegengebracht wird. Die Unterscheidung von ‚menschlich‘ und ‚unmenschlich‘ wird somit für den Protagonisten, der auf einen dritten Raum jenseits dieser Kategorien hofft, zunehmend unmöglich. Andreas Schmoller untersucht in seinem Beitrag die Texte von des Schreibens unerfahrenen KZ-Überlebenden aus Mauthausen unter der Fragestellung, wie die Autoren ihre persönlichen Erinnerungen auf narrativer Ebene strukturieren und wie sie sich zu kollektiven Erinnerungen verhalten. Aus der Darstellung der kommunistischen Häftlinge, ihrer Handlungen und Opfer im Lager in Pierre Daix’ Roman ‚La dernière forteresse‘ schlussfolgert er, dass die Kommunistische Partei als „kollektive[r] Auftraggeber“ (S. 172) für den Erzähler fungierte.

Der vierte Teil rückt die „Literarische[n] Vermittlungsstrategien“ ausgesuchter Werke in den Mittelpunkt. Besonders erkenntnisreich ist der Beitrag von Heidi Aschenberg zur „Polyglossie im Konzentrationslager“. Texte, die Alltagssituationen wiedergeben, bieten die wesentliche Quelle zur Bestimmung der Lagersprache, die unter linguistischen Aspekten bisher noch wenig untersucht ist. Die Sprachsituation in den Konzentrationslagern, die aufgrund der Häftlingstransporte einem „ständigen Fluktuationsprozess unterworfen“ (S. 208) war, gestaltete sich als sehr komplex, so etwa der Sprachterror durch die Redeweise des Lagerpersonals oder die Bezeichnung lagerspezifischer Realia auf Deutsch, das die Häftlinge in dieser Zwangssituation meist nur approximativ erwerben konnten. Zudem mussten Häftlinge verschiedener Nationen sich untereinander verständigen, was die Herausbildung eines „internationalen Sabirs auf der Grundlage des Deutschen“ (S. 212) bewirkte. Polyglossie bedeutete daher eine „lagerspezifische Lebensform“ (S. 214). Neben der Beschreibung der verwirrenden und bedrohlichen Sprachsituation wird sich auch anderer literarischer Strategien bedient, um die Komplexität der Lagerwelt im Text abzubilden. So stellt Sabine Friedrich bei Robert Antelme „narrative Inszenierungsformen der Zeugenschaft“ (S. 237) fest, z.B. die Fokussierung auf den Augenblick, die Dominanz der sinnlichen Eindrücke sowie eine reduktionistische Erzählweise. Diese führe zu Leerstellen fordere somit die Imagination des Lesers mit dem Ziel der „Vergegenwärtigung der Lagerrealität in der Wirklichkeit des Hier und Jetzt des Lesers“ (S. 243), der dadurch gleichsam zum Zeugen werde.

Auf den Umgang der nachfolgenden Generation mit Shoah und Lagererfahrung gehen die vier abschließenden Beiträge des Bandes ein, die unter dem Titel „Fiktionale Spiegelungen“ zusammengefasst sind. So untersuchen beispielweise Ute Fendler und Christoph Vater die Darstellung der Shoah und des Konzentrationslagers in ausgewählten französischen Dokumentar- und Spielfilmen. Charakteristisch ist, dass die Darstellung des Lagers auf wenige Zeichen reduziert wird (Bahnschienen, Stacheldraht), der Rest jedoch meist eine visuelle Leerstelle bleibt, aber dennoch präsent ist. Die Erscheinung des Lagers im Film ist somit auf eine symbolische Ebene und in die Imagination des Rezipienten verlagert.

Zu bedauern ist die uneinheitliche Strukturierung und Aufbereitung (keine einheitlichen Zwischenüberschriften oder Nummerierungen) der Beiträge durch den Verlag, was den inhaltlichen Zusammenhalt des Buches noch besser unterstützt hätte. Der Sammelband, der nicht nur Romanisten, sondern jedem thematisch Interessierten zur Lektüre empfohlen wird, gibt einen gelungenen Überblick über die Repräsentationsformen und Reflexionen zur Shoah und den Lagererfahrung in der französischen Literatur. Er zeigt die Behandlung von Zeugnissen mit solchen literaturwissenschaftlichen Methoden auf, die ansonsten der Analyse fiktionaler Texte dienen. Bleibt zu hoffen, dass die Romanistik die Forschungsrichtung weiter verfolgt, dass Zeugnisse, die in anderen romanischen Sprachen verfasst sind, miteinbezogen werden, um diese für die deutschsprachige und internationale Forschung fruchtbar zu machen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. exemplarisch: Birkmeyer, Jens; Blasberg, Cornelia (Hrsg.), Erinnern des Holocaust? Eine neue Generation sucht Antworten, Bielefeld 2006; Ibsch, Elrud, Die Shoah erzählt. Zeugnis und Experiment in der Literatur, Tübingen 2004; Martínez, Matías (Hrsg.), Der Holocaust und die Künste. Medialität und Authentizität von Holocaust-Darstellungen in Literatur, Film, Video, Malerei, Denkmälern, Comic und Musik, Bielefeld 2004.
[2] Für die französische Forschungsliteratur zu den Themen Shoah, Lager und ihre literarische Verarbeitung vgl. exemplarisch: Ertel, Rachel, Dans la langue de personne: poésie de l’anéantissement, Paris 1993; Parrau, Alain, Écrire les camps, Paris 1995; Pipet, Linda, La notion d’indicible dans la littérature des camps de la mort, Paris 2000; Pollak, Michael, L’éxperience concentrationnaire, Paris 1990.

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Veröffentlicht am
02.04.2007
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