E. Kuorelahti: The Political Economy of International Commodity Cartels

Titel
The Political Economy of International Commodity Cartels. An Economic History of the European Timber Trade in the 1930s


Autor(en)
Kuorelahti, Elina
Erschienen
London 2021: Routledge
Anzahl Seiten
152 S.
Preis
£ 120.00; € 149,55
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Martin Bemmann, Historisches Seminar, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Die 1930er-Jahre gelten als eine Hochzeit internationaler Kartelle und staatlich (mit-)getragener Abkommen zur Regulierung von Angebot und Nachfrage auf unterschiedlichen Warenmärkten. Elina Kuorelahti befasst sich mit solchen Kartellierungsbemühungen im internationalen Schnittholzhandel. Sie interessiert, welche Akteure mit welchen Motiven Kartelle zu etablieren oder zu verhindern suchten, wie diese funktionierten und weshalb sie scheiterten. Sie stützt sich dabei vor allem auf Archivunterlagen der Holzexportverbände, der Außenministerien und der Zentralbanken von Schweden und Finnland. Ihre nur teilweise überzeugende These ist, dass die verschiedenartigen Absprachen und Kartelle, die in dieser Branche zwischen 1931 und 1939 diskutiert und etabliert wurden, weniger aus kommerziellen Motiven angebahnt worden seien, sondern eher aus handelspolitisch-diplomatischen Gründen (1931–1933) bzw. um dem Einfluss staatlicher Kontrolle zu entgehen (1933–1939).

Schnittholz war Mitte der 1930er-Jahre die wichtigste Holzhandelsware und der Handel damit besaß ein ähnliches Wertvolumen wie jener mit Kautschuk, Zucker oder Kohle.[1] Zu etwa zwei Dritteln wurde er innerhalb Europas abgewickelt. Überwiegend gelangten Holzwaren aus dem Norden und Osten des Kontinents in die Industriezentren im Westen und im Zentrum Europas. Die wichtigsten Exportländer waren Finnland, Schweden und die Sowjetunion; Großbritannien, Belgien, die Niederlande und Italien stellten die Haupteinfuhrländer dar. Allein Großbritannien führte mehr als die Hälfte des weltweit gehandelten Schnittholzes ein. In den 1920er-Jahren litt der Schnittholzhandel unter fluktuierenden und gegen Ende des Jahrzehnts unter sinkenden Preisen. Verantwortlich für Letztere waren neben dem allgemeinen Wirtschaftsabschwung vor allem stark zunehmende sowjetische Exporte. Im Rahmen des ersten Fünfjahrplans nutzte die Sowjetunion Schnittholzausfuhren, um Einnahmen zu generieren, mit denen sie die Einfuhr von Kapitalgütern finanzieren konnte. Diese volatile Marktlage legte Absprachen zwischen den Exporteuren nahe, um einen ruinösen Wettbewerb zu verhindern. Obwohl es bereits in den 1920er-Jahren Ausfuhrregelungen zwischen schwedischen und finnischen Exporteuren gegeben habe, so Kuorelahti, sei die Situation durch die sowjetische Exportoffensive eine vollkommen neue geworden. Diese Lage, die Zeitgenossen als „Timber Problem“ bezeichneten, ist Ausgangspunkt ihrer Studie.

Ein erster Versuch, die Ausfuhr aus der Sowjetunion, Schweden und Finnland mittels einer privatrechtlichen Quotenregelung zu kontrollieren, schlug 1931/1932 fehl. Eingehend und überzeugend beschreibt Kuorelahti, wie das Unterfangen vor allem am ausgeprägten Widerwillen finnischer Firmen und Verbandsfunktionäre scheiterte, mit sowjetischen Vertretern ernsthaft zu verhandeln. Eine weitere Initiative ging von Exportverbänden ostmitteleuropäischer Länder und Frankreichs aus. Diese strebten eine von Regierungen und privatwirtschaftlichen Verbänden gemeinsam getragene Regulierung an und wurden 1932/1933 vom Völkerbund tatkräftig unterstützt. Während dies im Zusammenschluss der ostmitteleuropäischen Verbände im Comité international du bois (CIB) resultierte, das zum zukünftigen Kartellsekretariat werden sollte, opponierten die Verbände Schwedens und Finnlands energisch gegen die Einbeziehung intergouvernementaler Akteure und die direkte Beteiligung von Regierungen. Allein aufgrund diplomatischer Erwägungen, so Kuorelahti, hätten sich Funktionäre beider Verbände an entsprechenden Verhandlungen beteiligt, diese aber permanent torpediert. Ein Abkommen sei auf diesem Weg daher nicht zustande gekommen. Stattdessen sei es Finnen und Schweden im Herbst 1933 gelungen, mit Unterstützung eines leitenden CIB-Funktionärs auf rein privatwirtschaftlicher Ebene eine Verständigung mit den ostmitteleuropäischen CIB-Mitgliedern sowie der Sowjetunion zu erzielen. Damit entzogen sie sich sowohl staatlicher Kontrolle als auch der Beteiligung des Völkerbunds.

Die 1933 erzielte und 1934 erneuerte Übereinkunft war informell und kein Kartell im eigentlichen Sinne. Mangels nationaler Kontroll- und internationaler Sanktionsmechanismen war sie zudem wenig effektiv. Da die Marktlage 1935 aber weiterhin schlecht war, unterzeichneten die beteiligten Exportverbände Ende des Jahres ein formelles Exportquotenabkommen. Dieses sollte bestehende Mängel beseitigen und gleichzeitig weiterhin vorgebrachten Forderungen nach einer intergouvernementalen Regulierung zuvorkommen, wie es sie etwa für Zucker und Zinn gab.

Die Funktionsweise dieser European Timber Exporter’s Convention (ETEC) und insbesondere die großen Probleme, international festgelegte Quoten auf nationaler Ebene durchzusetzen, zeichnet Kuorelahti eingehend am Beispiel Finnlands nach. In einer marktwirtschaftlich orientierten Volkswirtschaft, so wird deutlich, gab es außer rigiden staatlichen Ausfuhrkontrollen praktisch keine Mittel, um Firmen zu zwingen, sich an festgelegte Quoten zu halten. Kleinere finnische Firmen ignorierten die Quoten faktisch und viele große Exportunternehmen opponierten zunehmend offen gegen die ETEC-Regulierung. Einige der großen Firmen traten sogar aus Protest aus dem finnischen Exportverband aus, der sie in der ETEC vertrat. Über diese landesspezifischen Probleme hinaus fehlte es auch an Vertrauen zwischen den in der ETEC vertretenen Verbänden. Zudem verhinderten die zahlenmäßige Größe der ETEC-Treffen und deren Beobachtung durch Presse und Lobbyverbände (auch aus Importländern) eine vertrauliche Gesprächsatmosphäre, die laut Kuorelahti nötig ist, damit Kartelle funktionieren. Die Rezession 1937/1938 verschärfte solche internen Probleme ebenso wie die politischen Veränderungen in Europa ab 1938, in deren Folge Österreich und die Tschechoslowakei die ETEC gezwungenermaßen verließen. Als Großbritannien ab dem Frühjahr 1939 kriegswirtschaftliche Maßnahmen einleitete, zu denen die Bewirtschaftung und Bevorratung von Holzwaren gehörte, sei die ETEC faktisch gescheitert.

Überzeugend zeigt Kuorelahti, wie stark die Anfang der 1930er-Jahre geführten Verhandlungen auf handelspolitisch-diplomatische Motive zurückzuführen waren. In den ersten beiden Kapiteln, die den interessantesten Teil der Studie darstellen, breitet sie die komplexe Gemengelage von unterschiedlichen Akteuren und deren Handlungsmotiven aus, die die Kartelldebatten prägten. Ihr hauptsächliches Quellenkorpus ergänzt Kuorelahti dabei gewinnbringend mit Dokumenten britischer Akteure aus Privatwirtschaft und Regierung. Sie verdeutlichen, wie stark das konfliktbehaftete und ideologisch aufgeladene wirtschaftliche und politische Verhältnis der Sowjetunion zu allen am Schnittholzhandel beteiligten Ländern das Handeln der Akteure prägte. Das gleiche gilt für die im Sommer 1932 in Ottawa abgeschlossenen Handelsverträge innerhalb des britischen Imperiums, die die kanadische Regierung und die dortigen Exporteure zu wichtigen Akteuren auf dem europäischen Holzmarkt machten. Eine dritte Facette, die eine eingehendere Behandlung verdient, stellen Pressekampagnen in mehreren europäischen Ländern dar, die die finnischen und schwedischen Verbände aktiv unterstützten. Sie richteten sich gegen Holzimporte aus der Sowjetunion und thematisierten dafür die katastrophalen Arbeitsverhältnisse sowie die Zwangsarbeit, ohne die die sowjetische Exportoffensive unmöglich gewesen wäre. Dass britische Unternehmen, Banken und Behörden auch wegen dieser Kampagne 1931 die Verwendung von Schnittholz aus der Sowjetunion boykottierten, verdeutlicht den Stellenwert dieser Debatte.

Weniger überzeugt Kuorelahtis Darstellung, das erste informelle Abkommen von 1933 sei eine Zäsur für die internationalen Kartellverhandlungen gewesen, weil die privatwirtschaftlichen Verbände nun die Initiative von Regierungen und dem Völkerbund übernommen hätten. Das ist aus schwedischer und finnischer Perspektive nachvollziehbar, die Kuorelahti in den letzten beiden Kapiteln fast ausschließlich einnimmt. Ohne Zweifel war insbesondere der schwedische Verband ein wichtiger Treiber der Entwicklung. Allerdings ist ein zentraler Aspekt von Kuorelahtis Argument, dass die Ausbootung „des Völkerbunds“ (der generell zu wenig differenziert dargestellt wird) mithilfe des CIB gelungen sei. Dieses aber war gerade keine „rein privatwirtschaftliche“ Vereinigung. Die Mitgliedsverbände aus den ostmitteleuropäischen Ländern waren teils halbstaatlich, wie etwa jener der Tschechoslowakei. Frankreich und Italien wiederum wurden ab 1933 bzw. 1936 von Regierungsbehörden im CIB vertreten. Die CIB-Verbände zeichneten sich gerade durch eine enge Verschränkung privatwirtschaftlichen und staatlichen Handelns aus. Da Kuorelahti das CIB nicht näher untersucht, erscheint es bei ihr als Black Box und gewissermaßen als Instrument des schwedischen Verbands.

Missverständlich ist der Untertitel, der – vielleicht eher auf Wunsch des Verlags als der Autorin – eine Abhandlung über den europäischen Holzhandel ankündigt. Kuorelahtis Studie ist in erster Linie eine quellenbasierte Darstellung des Handelns schwedischer und finnischer Akteure im europäischen Schnittholzhandel. Da aber mit Ausnahme der überaus wichtigen britischen Perspektive Sichtweisen aus anderen Ländern fast gänzlich fehlen, sollte das Buch als wichtiger Beitrag zur Geschichte des europäischen Holzhandels gelesen werden, nicht aber als Einführung in oder Überblick über diese. Weshalb ein Fazit fehlt, bleibt unklar, und dass die kaum mehr als 100 Textseiten über 100 Euro kosten, ein Ärgernis.

Anmerkung:
[1] Jahrbuch des Weltholzhandels 1938, Wien 1938, S. 1, 3.

Redaktion
Veröffentlicht am
01.04.2021
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