Cover
Titel
Doing Journeys. Transatlantische Reisen von Lateinamerika nach Europa schreiben, 1839–1910


Autor(en)
Riettiens, Lilli
Anzahl Seiten
276 S.
Preis
€ 44,00
Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Susanne Spieker, Erziehungswissenschaften, Universität Koblenz Landau

Lilli Riettiens Monographie mit dem Titel Doing Journeys, die 2020 an der Universität zu Köln als Dissertation angenommen wurde, widmet sich Reiseberichten von Lateinamerikaner:innen, die sich in der Zeit der frühen Unabhängigkeit ihrer Staaten aufmachten Europa zu besuchen. Ins Auge gefasst wird der Zeitraum zwischen 1820 und dem Beginn des Ersten Weltkriegs. Die Quellen der historischen Studie sind 14 spanischsprachige Reisebeschreibungen über Atlantiküberquerungen mit dem Dampfschiff im Zeitraum zwischen 1837 und 1908. Die Verfasser:innen und ihr jeweiliger biographischer Kontext waren bei der Auswahl nicht relevant, ging es Riettiens doch vor allem um das Topos der Atlantiküberfahrt (S. 58). Lediglich in der Analyse werden Selbst- und Fremdzuschreibungen sowie ihr individueller Kontext einbezogen.

Die Berichtenden gehörten überwiegend der „weißen oberen Mittel- bzw. Oberschicht“ (S. 60) an und hatten europäische Vorfahren unterschiedlicher regionaler Herkunft. Lediglich der Peruaner Juan Bustamente (1808–1868) hatte indigene und europäische Vorfahren. Seine Mutter gehörte zur indigenen Oberschicht. Einige der Reisenden sind für ihre jeweiligen Länder bekannte historische Persönlichkeiten, der Bekannteste unter ihnen ist wohl Domingo Faustino Sarmiento (1811–1888) der spätere Präsident Argentiniens. Unter den Reisenden, deren Berichte analysiert werden, sind insgesamt vier weibliche Autorinnen. Die Chilenin Maipina de la Barra (1834–1904) war die einzige Frau, die im 19. Jahrhundert in Chile einen Reisebericht publizierte. Sie unternahm die Reise als Bildungsreise für ihre Tochter, nach dem Tod ihres Ehemannes. Weitere Frauen waren die Schwestern und Ordensgründerinnen Enriqueta (1851–1906) und Ernestina (1854–1925) Larráinzar, die als Kinder bereits mit ihren Eltern einige Zeit in Europa lebten. Biographisches Hintergrundwissen bleibt weitgehend außen vor, es sei denn die Reisenden nutzen es in ihrer Darstellung, etwa bei Gabriel Carrasco (1854–1908) „in der ersten [Klasse] befinden sich mehrere bekannte Familien aus Buenos Aires, Rosario und Montevideo (en la primera [clase] se encuentran varias familias conocidas de Buenos Aires, Rosario y Montevideo)“ (S. 99, FN 113). Diese Setzung Riettiens‘ erfordert von den Leser:innen ein Umdenken, weg von der schreibenden Person hin zum Thema Überfahrt.

Die Untersuchung fragt danach, welche übergreifend bedeutsamen Inszenierungen von Körpern in Räumen oder von Räumen durch Körper in den Berichten verschriftlicht sind. Das Dampfschiff wird in der Verschriftlichung „eine eigene soziale Ordnung“ (S. 98), die in und durch die Beschreibung des Lebens an Bord, entweder als „‘Welt‘“ als „‘Stadt‘“ oder einfach als „‘Bewohner an Bord‘“ entsteht. Dabei kommen die beschriebenen sozialen Handlungen der Reisenden ebenso in den Blick, wie die von ihnen durch spezifische Inszenierungen entworfenen geographischen Bezüge im Atlantischen Raum und ihre Praktiken der Verschriftlichung. Riettiens entwickelt „Doing Journeys“ (S. 14, kursiv im Original) als Konzept für Forschungen zu Körperpraktiken der Mobilität, dafür adaptiert sie die Methodologie des historisch praxeologischen Zugangs zum Material.

Die Studie ist in fünf Kapitel gegliedert. Im ersten Kapitel, der Einleitung (S. 9–32), nähert sich Riettiens dem Gegenstand an, sie erörtert relevante Forschungen zu Reiseberichten aus Lateinamerika. Sie situiert sich in der Historischen Bildungsforschung, wobei sie die Bewegung in den Mittelpunkt stellt. Entlang der historischen Berichte lässt sich zeigen, dass Zugehörigkeiten auf Reisen abhängig von der Situation veränderlich waren, „wobei neben Nationalität auch Geschlecht und soziale Schicht“ (S. 27) bedeutsam werden konnten. Leitend sind vier Thesen, die Riettiens in ihrer Einleitung aufstellt. Erstens konstituierten sich die Autor:innen durch die Beschreibungen als Europareisende. Die Praktiken waren mit gemeinschaftlicher Bedeutung aufgeladen, nämlich den Annahmen derjenigen, die sie vollzogen, und den Vorannahmen der Beobachtenden. Die verschriftlichten „Körperpraktiken“ (S. 29) brachten, zweitens, in den Berichten den Atlantik als Raum hervor. Die sinnliche Wahrnehmung ermöglichte es durch den Kontakt mit anderen Reisenden, drittens, Zugehörigkeiten sowie überindividuelle Gemeinsamkeiten auszuhandeln. Viertens hatten die Vorannahmen über spätere Leser:innen und ihre Erwartungen Einfluss auf die Ausgestaltung der publizierten Schriften.

Das zweite Kapitel, Expositionen (S. 33–66), erarbeitet die grundlegenden Konzepte der Studie, Körper, Orte und Räume sowie Zeit. Der Körper wird von Riettiens als der Welt ausgesetzt vorgestellt. Orte und Räume werden im Sinne der Historischen Praxeologie als konstruiert durch die in ihnen anwesenden und handelnden Körper, deren Wahrnehmungen und Vorstellungen gedacht. Klasse, Herkunft oder Geschlecht sind somit nicht von vornherein gegeben, sondern in den aufgeschriebenen Handlungen lesbar. Das dritte Kapitel (S. 68–206), Inszenierungen der Atlantiküberquerung, nimmt die Reise entlang des Dreischritts Abfahrt, Überfahrt und Ankunft in den Blick. Der erste Teil widmet sich Praktiken des Abschiednehmens, die Bezugspunkte dabei sind das Land und die Menschen, die verlassen werden. Die Reise über den Ozean ist gleichzeitig „Schreibanlass und -bedingung“ (S. 92). Übergreifende Themen in den Reisebeschreibungen sind etwa die Darstellung des Dampfschiffs, Aufbau und Ausstattung, oder die Inszenierungen sozialer Zugehörigkeiten unter Bezugnahme auf nationale und sprachliche Grenzen. Mit der Ausfahrt aus dem Hafen wird Verletzlichkeit ein Thema. Das Meer wird in allen Berichten beschrieben. Starke Auswirkungen hatte vor allem die stürmische See auf die beschriebenen Körperpraktiken, denn viele Reisende litten unter der Seekrankheit. Die Ankunft beginnt, als das Festland in den Blick kommt. Sie verdichtet sich in den Berichten, in der Beobachtung von Menschen an Land und in den Häfen, den Vorbereitungen an Bord und je nach Kontext den Erklärungen zu Quarantänezeiten. Somit gestaltet sich der Übergang auf das Land durch einen Zwischenschritt, der den Hafen als Übergangsort hervortreten lässt. Das vierte Kapitel (S. 207–238), Europareisen schreiben und lesen, nimmt das Sortieren, Ordnen und Schreiben für eine Publikation in den Blick. Das Schreiben durchlief, wie Riettiens herausarbeitet, verschiedene Phasen, nämlich das Abfassen von Notizen in der Gegenwart der Reise, das erneute Lesen und/oder ausformulieren und dann die Auswahl entlang von Vorannahmen über das Lesepublikum. Riettiens bezieht in dieses Kapitel die Vorwörter der Reisebeschreibungen ein. Diese Paratexte bieten die Möglichkeit der Erschließung der Vorannahmen und Erwartungen, die die Schreibenden von den Lesenden hatten. Zeitlichkeit wird durch die Darstellung des Verlaufs der Reise hergestellt, wobei Zeitangaben teilweise im Text notiert sind. Durch diese Zeitangaben positionieren sich Berichtende als Augenzeug:innen und stellen zudem eine „Unmittelbarkeit des Erzählten“ (S. 225) her. Riettiens gelingt es durch die Rekonstruktion der Ordnungen in den Berichten aufzuzeigen, wie „künftige Leseerwartungen“ (S. 238) sich entwickelten. Das abschließende fünfte Kapitel (S. 239–248) kehrt zu den Leitthesen zurück und fasst die Ergebnisse zusammen.

Das Werk weist in einzelnen Aspekten Redundanzen auf. Etwa wird wiederholt darauf verwiesen, dass in der Untersuchung nicht rekonstruiert wird, was sich in der Praxisgegenwart zugetragen hat. Oder wenn Riettiens Kontexte, theoretische oder methodologische Aspekte wiederholt erwähnt. Es hat mintunter den Anschein, als seien die Kapitel für sich geschrieben und nicht auf ein Buch hin. Insgesamt wäre eine stärkere Situierung in der bestehenden Forschung zu transatlantischen Reisen wünschenswert gewesen, um aufzuzeigen, was dieser Zugang im Vergleich zu den bestehenden an Neuem bringt.[1] Der pädagogische Bezug ist auf den ersten Blick nicht gegeben, etwa dass die reisenden Personen pädagogische Praktiker:innen wären oder zur Zirkulation von Theorien einen Beitrag leisteten. Mit dem Bericht des späteren argentinischen Präsidenten Domingo Faustino Sarmiento (1811–1888) Viajes en Europa, Africa i America (Chile, 1849) kommt lediglich eine Person in den Blick, deren Bezug zum argentinischen Bildungswesen untersucht ist. Es werden auch keine individuellen Bildungsprozesse diskutiert, wie etwa in Fallstudien zu persönlicher Korrespondenz des 19. Jahrhunderts.[2]

Es geht Riettiens um Routinen, in denen Menschen durch ihre Handlungen sich selbst in einem bestimmten Kontext, hier der Reise auf dem Dampfschiff, hervorbringen und um das, was von ihnen und dem von ihnen durchlaufenen Prozess in ihren autobiographisch abgefassten Berichten lesbar wird. Es gelingt ihr zu zeigen, wie fruchtbar ein historisch praxeologisch geprägter Zugang zu Ego-Dokumenten sein kann, der die Individuen nicht vom Ende her oder von ihrer Herkunft oder ihrem sozialen Kontext her denkt. Damit bietet das Buch einen spannenden Einblick in die Körperpraktiken auf Reisen und ihrer Bedeutung für in den Reiseberichten lesbaren Subjektivierungen der Verfasser:innen als Europareisende. Durch die Situierung als Beitrag zur Historischen Bildungsforschung erweitert sie das Quellenspektrum dieses Forschungsgebiets und leistet einen Beitrag zur mobilen historischen Bildungsforschung[3], indem sie das Da-zwischen, also zwischen Abfahrt und Ankunft des Schiffes, erforscht. Ihr historischer Zugang blickt auf die Vielfalt der Aushandlungen und das im Bericht entstehende. Besonders hervorheben möchte ich die Transparenz der Übersetzungen in dieser Schrift, die durch die konsequente Darstellung der Originalauszüge einen Einblick in die Prozesse der Übersetzung erst ermöglicht.

Anmerkungen:
[1] Andrea Pagni, Post-koloniale Reisen. Reiseberichte zwischen Frankreich und Argentinien im 19. Jahrhundert, Tübingen 1999; Tanja Fittkau, In die neue Welt – von Bremerhaven nach Amerika. Atlantiküberquerungen im 19. Jahrhundert und die Bedingungen an Bord der Schiffe, Stuttgart 2010; Catriona D. Gibson / Kerri Cleary / Catherine J. Friedman, Making Journeys. Archaeologies of Mobility, Oxford 2021.
[2] Merixell Simon-Martin, Barbara Bodichon’s travel writing. her epistolary articulation of Bildung, in: History of Education 45 (2016), S. 1–19.
[3] Kevin Myers / Paul J. Ramsey / Helen Proctor, Rethinking borders and boundaries for a mobile history of education, in: Paedagogica Historica 54 (2018), S. 677–690.

Redaktion
Veröffentlicht am
08.04.2022
Redaktionell betreut durch
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). https://bildungsgeschichte.de/
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