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Titel
Das Museum der Zukunft. 43 neue Beiträge zur Diskussion über die Zukunft des Museums


Herausgeber
schnittpunkt; Baur, Joachim
Reihe
Edition Museum 48
Anzahl Seiten
313 S.
Preis
€ 29,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Patrick Helber, Berlin

Das komplette Frühjahr 2020 und erneut seit Oktober bis mindestens Februar 2021 sind alle Museen in Deutschland ausnahmslos geschlossen. Der Kulturbetrieb, seine Ausstellungshäuser und insbesondere die auf ihn angewiesenen Lohnarbeitenden stecken in einer zur Realität gewordenen Dystopie und Sinnkrise. Lediglich digitale Rundgänge, Videoclips und akustische Angebote ermöglichen weiterhin einen Kontakt zwischen Ausstellungshäusern und Publikum. Zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Rezension weiß niemand, wann das nächste Mal Besucher/innen körperlich in einem Museum zu erwarten sind.

Mitten in dieser nahezu museumslosen Gegenwart veröffentlicht das Wiener Kollektiv schnittpunkt. Ausstellungstheorie & praxis gemeinsam mit dem freien Kurator Joachim Baur eine alarmierend rote Anthologie mit 43 Beiträgen, die über die Zukunft des Museums debattieren. Inspiriert ist die Publikation durch eine gleichnamige Veröffentlichung von Gerhard Bott aus dem Jahr 1970. Corona war damals eine mexikanische Biermarke und die versammelten 43 Stimmen „aus den Feldern Kunst, Kultur und Wissenschaft“, die „Utopien für die Zukunft des Museums entwickelten“ (S. 19), waren, abgesehen von der FAZ-Journalistin Doris Schmidt, ausschließlich Männern. Sie repräsentierten durchaus internationale Sichtweisen, waren aus dem Establishment und breiteten über die Zeit des Nationalsozialismus demonstrativ den „Mantel des Schweigens“ (S. 20) aus.

Fünfzig Jahre nach Botts Buch liefern 43 diverse Kurator/innen, Architekt/innen, Vermittler/innen, Künstler/innen, Wissenschaftler/innen, Kritiker/innen und Kollektive kurze, sehr gut zu lesende Impulse auf Deutsch und Englisch, die vor und nach der Zäsur durch die Corona-Pandemie entstanden sind. Ihr gemeinsames Ziel ist es „den Stand, die Trends und Themen des aktuellen kritischen Museumsdiskurses“ (S. 13) darzustellen. Reichhaltig mit farbigen Abbildungen illustriert – darunter auch Botts historisches Buchcover von 1970 mit der von Christo und Jeanne-Claude verhüllten Kunsthalle Bern darauf – schaffen die Texte ein beachtliches und vielstimmiges Korpus. Dieses lädt zur Diskussion über das Museum der Zukunft und die herrschenden Zustände der Gegenwart ein. Das Buch will mit dem bissigen Motto „1970 war Optimismus, ja Utopie. 2020 ist Neoliberalismus, Klimawandel und Corona“ (S. 11) Leser/innen und Museumsmacher/innen nicht nur provozieren, sondern zum (politischen) Handeln motivieren.

Sonja Beck und Detlef Weitz des Szenografiebüros chezweitz gehen in ihrem Beitrag „corpus (non) delicti“ auf den Wandel der Museen durch die Pandemie ein: „das digitale Totalarchiv als Gegenteil des Präsenzmuseums […] erfährt in Zeiten der Pandemie eine Katalyse.“ (S. 53). Auch wenn gegenwärtig „digitale Kommunikation Körperlichkeit auflöst“ (S. 53), bleibt für beide das Museum auch zukünftig ein „Ort der Faszination des Körperhaften, des Intuitiven, Atmosphärischen“ und der Sinne. Dabei betonen sie gemäß ihres Metiers die wachsende Bedeutung von Gestaltung und Szenografie, die Exponate und Aussagen der Kurator/innen neben der digitalen Erfahrung räumlich und körperlich erfahrbar machen und belegen dies mit Fotografien der von ihnen gestalteten und 2020 eröffneten Dauerausstellung des Jüdischen Museums Berlin.

Eva Kudraß beschäftigt sich mit der hitzigen Diskussion um die Neudefinition von Museen gefolgt auf den Abstimmungsvorschlag der ICOM-Generalkonferenz im September 2019.[1] Sie bedauert, dass der Begriff „enjoyment“ in der neuen Version nicht mehr auftaucht, dabei „könnte Genuss das Herzstück des Museums der Zukunft sein“ (S. 168). Kudraß beruft sich auf eine Besucherumfrage des Deutschen Technikmuseums aus dem Jahr 2012. Dadurch bringt ihr Beitrag eine Besucherperspektive in die Anthologie ein, in der sonst nur Expert/innen sprechen. Für das Technikmuseum fertigte die Künstlerin Käthe Wenzel aus den Wünschen der Besucher/innen bunte comicartige Zeichnungen an, die dem Text beiliegen und den Aspekt der Inklusion unterstreichen: „Das Publikum hat ein Recht auf Genuss durch Teilhabe“, was nicht bedeutet, „dass die kontroversen Themen ausgespart werden“ sollten (S. 171).

Lavinia Frey, Geschäftsführerin der Abteilung Programm und Projekte der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss, sieht in ihrem Text „Das Humboldt Forum – offen und nie fertig“ ihre Institution in großer Übereinstimmung mit der 2019 veröffentlichten ICOM-Definition des Museums. Das Humboldt Forum versteht sie „als einen demokratischen, inklusiven und polyphonen Raum für kritischen Dialog“, mit dem eine „internationale Plattform für kulturellen Austausch“ geschaffen wird (S. 100-111). Durch den Beitrag zum umstrittenen Museumsneubau in Gestalt des kolonial vorbelasteten Preußenschlosses, in dessen Sammlungen sich koloniale Raubkunst befindet, demonstrieren die Herausgeber/innen, dass die Diskussion um die Zukunft des Museums nicht frei von Widersprüchen ist. Das im Einleitungstext des Buchs geforderte „Para-Museum als radikaldemokratische Institution“, das „eine Sprengkraft des Museums im Hinblick auf sich selbst“ beinhaltet (S. 29), ist nur schwer mit den politischen und architektonischen Startvoraussetzungen des Humboldt Forums vorstellbar. „[D]as Archiv herausfordern, den Raum aneignen, Gegenöffentlichkeit organisieren, undisziplinierte Wissensproduktion und radikale Bildung vorantreiben“ (S. 29) ist aber auch bei den meisten anderen hierarchisch organisierten großen Museen in Deutschland weit jenseits des Status quo. Die Diskussion um das „Para-Museum“ veranschaulicht, dass der kritische und emanzipatorische Museumsdiskurs gegenwärtig erheblich weiter links verläuft, als das Weltbild der Hausleitungen und deren Geldgeber/innen.

Der Beitrag des freien Kurators Manuel Gogos „Zeitreisen ins postmigrantische Museum“ setzt sich mit dem Migrationsarchiv DOMiD auseinander, das unlängst von der Stadt Köln ein Hallenareal von 10.000 Quadratmetern erhalten hat. Er betont, dass Museen nur als postmigrantische Museen eine Zukunft haben. Gogos plädiert für ein Museumsverständnis, das „diasporische Lebensentwürfe als den Status Quo beschreibt“ und postmigrantische und postkoloniale Diskurse in einer „transnationalen Erzählgemeinschaft“ vereint: „Im postmigrantischen Museum wird antirassistisch, partizipativ und radikaldemokratisch kuratiert. Und dabei keine Zentralperspektive eingenommen, außer derjenigen der multiperspektivischen Vielstimmigkeit.“ (S. 127)

Joachim Baur untersucht abschließend in „Das Museum der Zukunft. Ansätze einer Archäologie“, wie sich der Diskurs über das Museum der Zukunft von 1889 bis 2020 gewandelt hat und stellt fest, dass manche Herausforderungen auch heute noch Bestand haben. So schrieb Eugen Kalkschmidt 1906: „Es war so, ist so und wird auch noch eine Weile so bleiben: Das Volk, soweit es die Museen besucht, besucht sie mit genau den Gefühlen eines passiven Respektes wie etwa die ,gute Stube‘ bei Onkel Gustav und Tante Ida, wo man auch aufatmet, wenn man wieder draußen ist“.[2] Die Öffnung der Museen für ein breites Publikum ist ein Imperativ der Gegenwart. Kalkschmidt plädierte für das Museum als Bildungsort anstelle der Sehenswürdigkeit. Heute geht es um „Räume der Vermittlung, Vernetzung und Versammlung“, die pandemie-bedingte Reduktion auf das Digitale und die längst fällige Auseinandersetzung mit strukturellem Rassismus, die 2020 zu „Bildersturm und Denkmalsturz“ führten und Museen zu einer Reflexion über die Kontexte zwingen, in denen „sie groß und mächtig geworden sind“ (S. 291). Baurs Beitrag schließt mit einer Auflistung aller Thesen der vorausgegangenen Autor/innen. Für die inhaltliche Orientierung im Band und die Nutzung als Nachschlagewerk wären diese in Form eines Inhaltsverzeichnisses zu Beginn einschließlich einer Kategorisierung der Beiträge nach Themenschwerpunkten etwas leserfreundlicher gewesen.

Leider setzt sich keiner der 43 Beiträge größer mit den gegenwärtigen Arbeitsverhältnissen in den Museen auseinander. Konkurrenz um wenige Stellen, Leistungsdruck, Befristungen, schlecht bezahlte Volontariate und niedrige Eingruppierungen sowie die Auslagerungen von Aufgaben an freie Mitarbeiter/innen oder Ehrenamtliche führen unter Museumspersonal nicht zu den im Band beschworenen solidarischen Verhältnissen. Sie begünstigen vielmehr Spaltungen zwischen freien, befristeten und fest angestellten Lohnarbeitenden. Wer Hoffnung auf Weiterbeschäftigung im Museum hegt, wird sich mit widerspenstigen Äußerungen und einer „subversive[n], kriminelle[n] Beziehung zur Institution“ und deren „Normierungen und Verwertungslogiken“ (S. 28) eher zurückhalten. Wiederkehrende Arbeitslosigkeit und der Mangel an Zukunftsperspektiven sind überdies keine Reklame für den Arbeitsplatz Museum bei Menschen aus marginalisierten Communitys. Die herrschenden Verhältnisse können sich nach einem Studium oder einer Promotion nur Personen leisten, die auf ein privilegiertes und wirtschaftlich abgesichertes Umfeld zurückgreifen können. Mit den prekären Arbeitsbedingungen der Gegenwart ist das utopische Museum der Zukunft also nicht durchsetzbar und allein der Ruf nach Diversität und Gleichstellung wird daran nichts ändern.

Trotzdem ist der Band in seiner Vielfalt an kritischen, inspirierenden und reflektierten Beiträgen unterstützenswert und als Überblicksdarstellung und Diskussionsgrundlage zur Zukunft der Museen eine hervorragende Lektüre – nicht nur bis zur hoffentlich baldigen Wiedereröffnung der Ausstellungshäuser.

Anmerkungen:
[1] „Museums are democratising, inclusive and polyphonic spaces for critical dialogue about the pasts and the futures. Acknowledging and addressing the conflicts and challenges of the present, they hold artefacts and specimens in trust for society, safeguard diverse memories for future generations and guarantee equal rights and equal access to heritage for all people. Museums are not for profit. They are participatory and transparent, and work in active partnership with and for diverse communities to collect, preserve, research, interpret, exhibit, and enhance understandings of the world, aiming to contribute to human dignity and social justice, global equality and planetary wellbeing.“ URL: <https://icom.museum/en/news/icom-announces-the-alternative-museum-definition-that-will-be-subject-to-a-vote/> (zuletzt aufgerufen am 13.01.2021).
[2] Eugen Kalkschmidt, Das Museum der Zukunft (Dürerbund, Fünfzehnte Flugschrift zur ästhetischen Kultur), 1906, S. 4.

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Veröffentlicht am
17.02.2021
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