Cover
Titel
Since the Boom. Continuity and Change in the Western Industrialized World after 1970


Herausgeber
Voigt, Sebastian
Reihe
German and European Studies World Rights
Erschienen
Anzahl Seiten
272 S.
Preis
$ 75.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Torben Möbius, Abteilung Geschichtswissenschaft, Universität Bielefeld

„Nach dem Boom“ ist zu einem geflügelten Wort der deutschsprachigen zeithistorischen Forschung geworden. Weiterhin regen die Thesen, die Anselm Doering-Manteuffel und Lutz Raphael im Jahr 2008 über den fundamentalen ökonomischen „Strukturbruch“ der 1970er-Jahre formuliert haben, Forschungen an.[1] Es kann dabei kaum bestritten werden, dass die Zeitgeschichte davon profitiert hat, dass der Wandel von Arbeit und Kapitalismus zentral in ihrem Gegenstandsbereich verankert wurde. Wie tragfähig das Konzept und die darin enthaltenen Thesen sind, ist jedoch weiterhin umstritten. Auffällig ist, dass diese Debatte weitgehend auf die deutschsprachige Geschichtswissenschaft beschränkt ist.

Der vorliegende, von Sebastian Voigt herausgegebene Sammelband schließt hier an. Der Band geht auf eine Münchner Tagung im Jahr 2016 zurück, die vom Institut für Zeitgeschichte und dem Deutschen Historischen Institut in Washington veranstaltet wurde. Die Publikation verfolgt dabei zwei Ziele, wie Voigt in seiner Einleitung schreibt. Sie soll erstens entlang empirischer Fallstudien die Hypothese eines radikalen Strukturbruchs hinterfragen und dabei zweitens die deutsche Debatte mit der englischsprachigen verbinden. Hierfür legt Voigt den Stand der deutschen und der US-amerikanischen Forschung über die sozioökonomischen Umbrüche der 1970er-Jahre dar. Hier zeige sich, dass die US-amerikanische Geschichtsschreibung insbesondere auf die Entwicklungen in den USA beschränkt bleibe, während die deutsche Forschung die bundesrepublikanischen Umbrüche des Jahrzehnts zumindest im westeuropäischen Zusammenhang betrachte. Der Band soll dabei helfen, diese nebeneinander existierenden Forschungen miteinander ins Gespräch zu bringen. Den Mehrwert sieht Voigt darin, die deutsche Debatte einem englischsprachigen Publikum zugänglich zu machen. Im Lichte sozialer Verwerfungen und des Aufstiegs der populistischen Rechten sei die Diskussion um die Tragweite der „Nach dem Boom“-These von politischer Relevanz. Die vom Herausgeber für die folgenden empirischen Fallstudien formulierten Leitfragen zielen auf die Transformation des Kapitalismus seit den 1970er-Jahren und inwiefern Letztere als Jahrzehnt der Krise gelten könnten – oder ob eine solche Lesart nicht vielmehr zu einer Romantisierung der „guten alten Zeit“ der drei Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg führe.

Der Sammelband ist in drei Sektionen mit jeweils drei Beiträgen geteilt, wobei sich die erste „Ambiguities“ widmet. Statt allein krisenbehaftete Entwicklungen seit der Ölkrise zu betonen, machen es sich die drei Beiträgerinnen zum Ziel, dieses verbreitete Narrativ zu hinterfragen und widersprüchliche Entwicklungen offenzulegen. Jessica Burch analysiert dafür Direktverkäufe der US-amerikanischen Amway Corp. Sie zeigt, dass die selbstständigen Verkäufer:innen des Unternehmens die ökonomische Krise der 1970er-Jahre nutzten, um finanzielle und emotionale Sicherheit zu finden, während die Anstellung in traditionellen Unternehmen dies nicht länger habe gewährleisten können. Burch fokussiert also Aneignungs- und Bewältigungsstrategien, um die Krisenerzählung zu relativieren. Sina Fabian zeigt am Beispiel von Neuwagen und Urlaubsreisen, dass sich selbst im ökonomisch hart getroffenen Großbritannien gleichzeitig die Konsumchancen für untere Einkommensschichten ausweiteten. Dagegen demonstriert Eileen Boris, wie die aus dem ökonomischen Strukturbruch resultierende Krise der sozialen Reproduktion in den USA zu einer rassistischen Ausbeutung afroamerikanischer Frauen führte – aus der Krise erwachsende Chancen blieben damit ungleich verteilt.

Die zweite Sektion fragt nach „Adaptions“. Ähnlich wie Boris zeigt Michael Kozakowksi am Beispiel Frankreichs, dass Migrant:innen als erste von strukturellen Umbrüchen betroffen waren. Kozakowski spricht hier von einer „dual crisis“: Der zunehmenden Arbeitslosigkeit folgten Arbeitsmarktgesetze, die Migrant:innen vom legalen Arbeitsmarkt fernhalten sollten. Karsten Uhl zeigt am Beispiel der westdeutschen Druckindustrie, wie die Gewerkschaften mit der Automatisierung und Computerisierung der Branche umgingen und versuchten, den technologisch bedingten Wandel vom industriellen Facharbeiter zum Wissensarbeiter selbst aktiv zu gestalten, also nicht bloß als Opfer übergeordneter Strukturen zu betrachten sind. Franziska Rehlinghaus richtet den Blick auf unternehmerische Strategien in Deutschland, die darauf zielten, die Arbeitsmarktkrise für Qualifizierungsmaßnahmen zu nutzen. Das hierfür rasant ausgebaute Fort- und Weiterbildungswesen müsse dabei im Zusammenhang ineinander verwobener Entwicklungen staatlicher, unternehmerischer und gewerkschaftlicher Politik sowie der Wünsche der Arbeitenden gesehen werden.

Die dritte Sektion schließlich fragt nach „(Dis-)Continuities“. Während schon die meisten vorausgehenden Beiträge die generalisierende Dimension der „Nach dem Boom“-These kritisierten, geht Andreas Wirsching mit dieser besonders hart ins Gericht und spricht ihr jeglichen heuristischen Wert ab. Mit Blick auf die Deindustrialisierungsdebatte in Frankreich warnt er vor einer selbstreferenziellen Geschichtsschreibung des Niedergangs. Stattdessen müssten konkrete regionale Transformationsprozesse analysiert werden. An dieses Plädoyer schließen Bart Hoogeboom und Maijn Molema mit einer Fallstudie an: In den Niederlanden habe sich seit den 1970er-Jahren eine zunehmend regionalspezifisch ausgerichtete Wirtschaftspolitik ausgebildet. Den Abschluss des Bandes liefert Hartmut Berghoff mit einer Untersuchung über die Entwicklung der „Deutschland AG“ im Zeichen globaler Herausforderungen. Auch er betont das Ineinander von Zäsuren und Brüchen im Zeichen globaler ökonomischer Herausforderungen, die schließlich zu einer Reform bzw. Flexibilisierung geführt hätten.

Auch wenn das Titelbild mit rostenden Industrieanlagen zunächst anderes vermuten lässt, dominiert somit insgesamt eine kritische Sicht auf die Lesart eines radikalen Strukturbruchs in den 1970er-Jahren. Außerdem widmet sich der Band weniger erneut dem Niedergang der „klassischen“ industriellen Branchen, sondern bietet ein breites Spektrum an wirtschaftlichen Sektoren, Branchen, Institutionen und Akteur:innen. Trotz des löblichen Vorhabens, die deutsche Debatte international anschlussfähig zu machen, und obwohl die Beiträger:innen die globalen Umbrüche im Blick haben, bleibt der Band eine westliche (westeuropäische bzw. US-amerikanische) Nabelschau und es dominiert die Sichtweise eines nationalstaatlichen Containers. Es fehlen etwa Analysen transnationaler Verflechtungsprozesse in der sich wandelnden Weltwirtschaft.[2] So hätte etwa der Blick auf Osteuropa und den Globalen Süden dabei helfen können, manche in diesem Band als „Chancen“ und Bewältigungsstrategien bezeichneten Prozesse in den westlichen Gesellschaften – insbesondere hinsichtlich neuer Konsumchancen – in einem kritischeren Licht zu betrachten.[3]

Trotz dieser Einwände liegt ein durchweg lesenswerter, gut ausgearbeiteter und problemorientierter Sammelband vor. Die Kohärenz sowie der Eindruck einer stimmigen Struktur werden nicht zuletzt dadurch verstärkt, dass die Autor:innen innerhalb der Sektionen in den allermeisten Beiträgen aufeinander Bezug nehmen oder sogar miteinander ins Gespräch kommen. Für die weitere zeithistorische Debatte wird eine Fülle von Anregungen insbesondere hinsichtlich von Fragen nach Kontinuitäten und Brüchen der Jahre und Jahrzehnte „Nach dem Boom“ sowie der Tragfähigkeit und Sinnhaftigkeit solcher Metabegriffe und -thesen geliefert. Die Beiträge hinterfragen das Krisennarrativ und plädieren überzeugend für eine differenziertere Sichtweise sowie eine Beschäftigung mit Aneignungs- und Bewältigungsstrategien. Es ist in jedem Fall zu hoffen, dass das Vorhaben des Bandes gelingt, die Debatte auf eine internationale Ebene zu heben.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Anselm Doering-Manteuffel / Lutz Raphael, Nach dem Boom. Perspektiven auf die Zeitgeschichte seit 1970, 3., erg. Aufl., Göttingen 2012 (erste Aufl. 2008). Siehe die Debatte unter http://www.sehepunkte.de/2009/05/forum/mehrfachbesprechung-a-doering-manteuffel-l-raphael-nach-dem-boom-goettingen-2008-115/.
[2] Vgl. zu dieser Perspektive für die Gewerkschaftsgeschichte etwa Johanna Wolf, Assurances of Friendship. Transnationale Wege von Metallgewerkschaftern in der Schiffbauindustrie, 1950–1980, Göttingen 2018.
[3] Vgl. Stephan Lessenich, Neben uns die Sintflut. Externalisierungsgesellschaften und ihr Preis, Berlin 2016. In Andreas Wirschings Beitrag des vorliegenden Bandes wird zumindest darauf verwiesen, auf welch kleine Weltregionen – global betrachtet – die „Nach dem Boom“-These überhaupt angewendet werden könne.