: Die trügerische "First Line of Defence". Zum deutsch-britischen Wettrüsten vor dem Ersten Weltkrieg. Freiburg 2006: Rombach , ISBN 3-7930-9477-4, 215 S. € 19,90.

: Die englisch-russische Marinekonvention. Das Deutsche Reich und die Flottenverhandlungen der Tripleentente am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Göttingen 2006: Vandenhoeck & Ruprecht , ISBN 978-3-525-36069-9, 790 S. € 79,90.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Hubert Woltering, Bibliothek, Friedrich-Ebert-Stiftung

Gut hundert Jahre ist es her, dass den Kiel des britischen Linienschiffs “Dreadnought” das erste Mal Salzwasser umspülte. Der sogenannte "Dreadnought-Sprung" war ein Wendepunkt in der deutsch-britischen Flottenrivalität der Vorkriegsjahre. Er war aber nur ein Punkt der maritimen Rüstung jener Jahre. Das Wettrüsten dieser Jahre und auch die sich wandelnde Bündnisstruktur sind Thema beider Bücher.

Das Buch von Eva Besteck, entstanden aus einer Examensarbeit, befasst sich mit der direkten Flottenrivalität und -politik zwischen Großbritannien und dem Deutschen Reich 1890 bis 1914. Von beiden Seiten werden die jeweiligen Überlegungen zu ihrer künftigen nationalen Marinepolitik beleuchtet. Die Autorin stellt den Forschungsstand zum Thema komprimiert dar. Hierbei schildert sie geschlossen die Geschichte der marinehistorischen Forschung zu Entstehung, Verlauf und Scheitern des navalistischen Wettrennens der Jahre vor dem Ersten Weltkrieg und - später in den Einzelkapiteln - auch bezogen auch auf spezielle Teilfragen der Auseinandersetzung. Auffällig ist hierbei nur, dass die zum Zeitpunkt ihres Erscheinens bahnbrechende Studie von Eckart Kehr [1] und das anhand ihrer entstandene Konzept vom „Primat der Innenpolitik“ auch nicht nur kurz angesprochen wird.

Die Exponenten der Politik ihrer Länder waren Admiral Alfred von Tirpitz (1849-1930) und Admiral Sir John Arbuthnot Fisher (1841-1920), deren Bilder das Buch-Cover und die Einleitung des jeweiligen Kapitels zieren. Ihre Vorstellungen von der maritimen Stärkung ihrer Länder bestimmte diese Politik maßgeblich.

So beschloss das Deutsche Reich die Schaffung einer sogenannten "Risikoflotte" im Zuge des später so genannten "Tirpitz-Planes". [2] Die Unvereinbarkeit dieser Risikotheorie mit der in der Dienstschrift IX propagierten offensiven Marinekriegsführung blieb jedoch das Dilemma der deutschen Flottenrüstung jener Zeit. Diesen Konflikt beider vorgestellten Konzepte, die in Gegensatz zueinander standen, aber durch die deutsche Marineführung kompatibel zueinander gemacht (oder geredet) wurden, schildert die Autorin ausführlich. Stand und Diskussion der Forschung zum Thema werden vorgestellt. Die marinepolitischen, die technischen und auch die geographischen Gegebenheiten, die die deutsche Marinepolitik mitbestimmten, werden thematisiert.

Auf Seiten Großbritanniens beeinflusste seit Ende des 19. Jahrhunderts die Bedrohung durch die neuen Seekriegsmittel Torpedo- und U-Boote als maritime Waffen der kleinen Nationen das seestrategische Denken. Das britische Empire wechselte in seiner Seestrategie von der „Inselverteidigung“ zum Schlachtflottenbau und zur maritimen Sicherung der imperialen Seewege. Als Ziel wurde für Großbritannien der Two-Power-Standard festgelegt, das heißt dass ihre Flotte stärker sein musste als die Stärke der beiden nächstgrößeren Seemächte zusammen. Finanziert wurde dieser Umstellungsprozess unter anderem durch den Naval Defence Act von 1889. Einher ging mit diesem Wandel eine Änderung der Blockade-Taktik (von der Nah- zur Fernblockade). Mit der Berufung Admiral Fishers zum Ersten Seelord trat zunächst kein Wandel des maritimen Feindbildes ein: gesehen wurden weiterhin Frankreich und Russland, nicht aber das Deutsche Reich. Fishers Dienstzeit war gekennzeichnet durch den Vorrang des Schlachtkreuzers vor dem Linienschiff und den Ausbau der britischen U-Boot-Waffe.

Das abschließende Kapitel befindet, dass in den zehn Jahren vor dem Krieg beide Nationen einander - nicht unbedingt zeitgleich - als Gegner wahrnahmen und die zuvor entwickelten Prinzipien in Rüstungspolitik gegeneinander umsetzten. Fast die Hälfte des Buches (85 von 215 Seiten) macht der erstmalige Abdruck der deutschen Dienstschrift IX aus, die jedoch dem Leser einen Einblick in das maritime Denken deutscher Marineverantwortlichen jener Zeit erlaubt.

Auch die aus einer Dissertation entstandene Veröffentlichung von Stephen Schröder lässt einen Blick in die Außen- und Sicherheitspolitik jener Jahre zu. Er beschäftigt sich mit den britisch-russischen Gesprächen 1912 bis 1914 über eine Kooperation der beiden Staaten im Marinebereich. Die auch im Buch von Eva Besteck für Großbritannien beschriebene strategische Gegnerrolle Frankreichs und Russlands während des letzten Jahrzehnts des 19. und der ersten Jahre des 20. Jahrhunderts folgte in den letzten zehn Jahren vor dem Ersten Weltkrieg eine Phase des Ausgleichs mit dem vormaligen Kolonial-Konkurrenten Frankreich (1904 der Abschluss der "Entente Cordiale") und dem russischen Reich (1907 der Abschluss eines britisch-russischen Bündnisses). Ohne sich zunächst auch auf eine militärische Ebene zu bewegen, erfuhren diese Bündnisse im Verlaufe der Jahre eine stete Vertiefung.

Stephen Schröder stellt in der Einleitung seiner Arbeit den Forschungsstand zu seinem Thema, Zielsetzung/Fragestellung, Quellenlage und Aufbau seiner Untersuchung vor. Diese circa 40 Seiten bilden mit den 35 Seiten Schlussbetrachtung den Rahmen der insgesamt 790 Seiten umfassenden Arbeit.

Als Zielsetzung formuliert Schröder, "eine detaillierte Untersuchung der Verhandlungen über eine englisch-russische Marinekonvention der Jahre 1912 und 1914 sowie der Haltung des Deutschen Reiches und der Rückwirkungen auf die deutsche Staatsführung zu leisten."(S. 34) Diesem Anspruch wird er auf den 640 Seiten des Hauptteils gerecht, indem er auf der Basis einer detaillierten und tiefgründenden Quellenarbeit eine fast minutiöse Darstellung des Ganges der Verhandlungen bietet, nicht nur in der Präsentation der Bemühungen um die Konvention auf britisch-russischer Seite, sondern auch in dem Versuch auf deutscher Seite, dies natürlich zu hintertreiben. Der Autor fragt in seiner Untersuchung jedoch nicht nur nach der Rolle der Marinepolitik im Rahmen der Gesamtpolitik jener Zeit, sondern er untersucht auch, warum in Zeiten einer erneuten Annäherung zwischen dem Deutschen Reich und Großbritannien der Inselstaat trotzdem die maritime Kooperation mit dem Russischen Reich suchte. Von ebensolchem Interesse ist für ihn, welche Auswirkung die britisch-russische Annäherung auf die deutsche Vorkriegspolitik gehabt hat. Mit der genauen Beschreibung des Geschehens gehen Nebenstränge der Geschichte einher, die Schröder ebenfalls darstellt: das russische Bemühen um Annäherung an Großbritannien und Frankreich, die deutsche und französische Diplomatie dieser Jahre oder die Widerspiegelung des Prozesses in der deutschen und englischen Presse. Die russische Presse wird nicht ausgewertet.

Die Quellenlage beschreibt Schröder ausführlich in der Einleitung: Neben den standardmäßig ausgewerteten, offiziellen edierten Quellenwerken führte das nichtedierte Material zum Teil zu neuen Erkenntnisse, erwies sich andererseits unerwartet oft auch als wenig ergiebig. Genauer gesichtet wird Material aus britischen und deutschen Archiven. Die anhängende Liste der besuchten Archive zeigt deutlich das breite Quellenfundament, auf dem die Arbeit ruht. Offen bleibt, warum nicht auch die russischen Archive stärker in diese Untersuchung einbezogen wurden.

Ausführlich und detailliert beschreibt Schröder im Hauptteil das Geschehen der Marinepolitik. Der erste Teil beinhaltet nicht nur den Gang, die Inhalte und das Ergebnis der anglo-russischen Verhandlungen über eine Kooperation beider Staaten im maritimen Bereich, sondern auch die konkrete Motivation Englands, Russlands und Frankreichs in dieser Frage. Im zweiten Teil befasst sich der Autor mit der konkreten deutschen Politik in Reaktion auf die britisch-russische Annäherung. Aufbauend auf diesen zwei ersten Teilen steht im dritten Teil die Rückwirkung des Geschehens auf die allgemeine Politik des Deutschen Reiches im Mittelpunkt. In allen drei Teilen erfolgt eine fast minutiöse Darstellung des Geschehens auf der Basis einer fundierten Quellenarbeit.

In beiden Büchern erfolgt die Einordnung der Marinepolitiken beider Staaten in die maritime Theorie jener Zeit. Im Buch von Eva Besteck geschieht dies für den Zeitraum 1890 bis 1914 in Form einer Überblicksdarstellung, während das Buch von Stephen Schröder als Spezialstudie ausgehend vom Geschehen um die britisch-russische Marinekonvention das Marinegeschehen jener Jahre und damit das sicherheitspolitische Denken und Handeln vor dem Ersten Weltkrieg beleuchtet.

Anmerkungen
[1] Kehr, Eckart, Schlachtflottenbau und Parteipolitik 1894 - 1901. Versuch eines Querschnitts durch die innenpolitischen, sozialen und ideologischen Voraussetzungen des deutschen Imperialismus, Berlin 1930.
[2] Berghahn, Volker R., Der Tirpitz-Plan. Genesis u. Verfall einer innenpolitischen Krisenstrategie unter Wilhelm II., Düsseldorf 1971.

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Veröffentlicht am
03.05.2007
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