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Titel
Die Grenzen der Gemeinsamkeit. Deutsche, Letten, Russen und Juden in Riga 1860-1914


Autor(en)
Hirschhausen, Ulrike von
Reihe
Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 172
Erschienen
Göttingen 2006: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
448 S.
Preis
€ 52,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Anja Wilhelmi, Institut für Kultur und Geschichte der Deutschen in Nordosteuropa

Mit „Die Grenzen der Gemeinsamkeit“ geht die Osteuropahistorikerin Ulrike von Hirschhausen der Frage nach Multiethnizität in der größten städtischen Metropole der Ostseeprovinzen des Russischen Reichs nach. Die Stadt Riga mit ihren lettischen, deutschen, russischen und jüdischen Bewohnern bildet für die Untersuchung einer Beziehungsgeschichte ihrer Bevölkerungsteile den idealen Forschungsboden, dem sich gleichwohl bislang kein Wissenschaftler annahm.

Der durch lokale Grenzen beschränkte Untersuchungsraum täuscht den ersten Blick einer abgeschirmten Bevölkerungsstruktur vor. Gerade die Wahl des Untersuchungszeitraums von 1860 bis 1914 verweist hingegen auf eine Phase intensivster städtischer Entwicklung, ausgelöst vor allem durch massive demografische Migrationsschübe.

Dies berücksichtigend, leitet von Hirschhausen ihre Untersuchung mit einer umfangreichen Darstellung des demografischen, sozioökonomischen, ethnischen und dem sich spiegelnden städtebaulichen Wandels ein. Er brachte der Stadt Riga ein neues Gesicht – weg von ihrer dominierenden Bedeutung als deutsche Handelsstadt, hin zur ethnisch segmentierten Industriemetropole. Damit ging eine Umkehrung der städtischen Sozialstruktur einher, die die einstige ständische Ordnung zerbrechen und eine bürgerliche Klassengesellschaft aufzubauen half.

Mit ihrem auf Multiethnizität gerichteten Fokus hebt sich von Hirschhausen bewusst von „nationalzentrierten Modernisierungsparadigmen“ (S. 12) ab. Dabei geht sie von Multiethnizität als einen „europäischen Normalfall“ (S. 15) aus, der in den meisten europäischen Gesellschaften zum Tragen gekommen sei. Für die lokale Vergleichsebene zieht von Hirschhausen Odessa und Prag heran und arbeitet insbesondere im resümierenden Kapitel ihrer Arbeit die Unterschiede dieser drei durch Multiethnizität geprägten Städte heraus.

Dieser Metaebene nähert sich von Hirschhausen in kleinen Schritten, indem sie erstens jede einzelne Bevölkerungsgruppe in Riga für sich betrachtet und ihre in Anspruch genommenen und bestehenden Identitätsmodelle und zivilgesellschaftlichen Muster analysiert. Die Ergebnisse werden in einem zweiten Schritt gegenübergestellt, um Überschneidungen und Differenzen in den Identitätsmustern herauszufiltern. Mit ihrem Anspruch, „Austausch- und Transferprozesse“ zwischen nationalen Kulturen und Gesellschaften zu untersuchen, bezweckt von Hirschhausen eine Distanzierung von bisherigen Forschungsleistungen, die Beziehungsgeschichte als reine Hierarchiegeschichte verstehen. Von Hirschhausens Perspektive richtet sich im Kontrast dazu gerade auf das Spannungsfeld der Wechselseitigkeit innerhalb der ethnischen Verflechtungen.

Mit der analytischen Kategorie des „ethnischen Milieus“ (S. 27) definiert von Hirschhausen ihre Untersuchungsgruppen. Sie bedient sich damit einer wenig verbreiteten Herangehensweise, in der die Ethnizität als Abgrenzung zu anderen „Ethnien“ und zur Formierung des eigen „Milieus“ vorgegeben wird. Zugleich erleichtert die gewählte Kategorisierungsgröße den Zugang zu einer Vergleichsebene zwischen den ethnischen Bevölkerungsgruppen, wenngleich ihre Heranziehung auf den ersten Blick die Homogenität innerhalb des einzelnen ethnischen Milieus vortäuscht.

Die Tragfähigkeit der terminologischen Bestimmung ethnischer Milieus wird in von Hirschhausens Untersuchung der „Innenwelten“ von ethnischen Milieus sichtbar. (Kap. 2) Auf der Suche nach „spezifischen Leitvorstellungen“ (S. 120) analysiert sie jede Bevölkerungsgruppe bzw. Ethnie für sich und stellt exemplarisch für „allgemeinverbindliche Denkfiguren“ (S. 102) die Biografien von Einzelpersonen in den Vordergrund der Darstellung. Diese überaus plastische und überzeugende Vorgehensweise wird lediglich überschattet von einer Quellenlage, die nicht alle Ethnien gleichmäßig berücksichtigt. Die ungleiche Überlieferung von autobiografischen Schriften kommt deutlich bei der Darstellung der jüdischen Bevölkerungsteile zum Tragen, wo als einziger Repräsentant eine Frau herangezogen werden musste, was die Vergleichbarkeit der „Denkfiguren“ durch die hinzugewonnene Gender-Komponente um einiges erschwert.

Die Politisierung der Milieus, eingebettet in die rechtlichen Rahmenbedingungen des städtischen Lebens, bildet eine weitere aufbauende Fragestellung, in deren Vordergrund die Untersuchung der Multiethnizität und ihr Einfluss auf die Reformfähigkeit der Stadt steht. Mit ihr wird erstmals ein Vergleichshorizont mit anderen Städten in und außerhalb des Russischen Reichs aufgebaut. Der administrativen lokalen Reformpolitik, von Hirschhausen nennt sie „Rigaer Munizipalsozialismus“ (S. 190), sei es als einziger Stadt des Russischen Reichs gelungen, Urbanisierung und Industrialisierung erfolgreich zu begegnen. Diese eindrucksvoll und stringent dargestellte Erfolgsgeschichte der Ostseestadt stellt von Hirschhausen in den Kontext der deutschen Reichs- und Hansestädtegeschichte, wobei sie den Zusammenhang ständischer Traditionen mit „zivilgesellschaftlichen Ausprägungen“ (S. 194) in diesen Städten hervorhebt und für den Fall Riga Multiethniziät als wesentliches Element der Zivilgesellschaft und als Kraft für ein „übernationales Gemeinwohl“ (S. 195) herauskehrt.

Neben dem politischen Forum analysiert von Hirschhausen als zweite Keimzelle von Milieubildung die lokale Vereinskultur und die in ihr zutage tretenden Entwicklungen von Denkfiguren und Leitvorstellungen, die aus einer ständisch geprägten Sozialordnung ethnische Milieus zu formen imstande waren. Die Einbettung des Vereinswesens in die Analyse drängt sich gerade am Beispiel Rigas auf, da sich hier - wie sonst in keiner Stadt des Russischen Reichs - ein Vereinsleben in enormer Dichte etablieren konnte, aus dem sich die Politisierung und Nationalisierung der Bevölkerungsteile erfolgreich herausarbeiten lässt.[1]

Einzelne kulturelle Praktiken, Artikulationen ethnischer Zugehörigkeit in der städtischen Öffentlichkeit, Inszenierungen und symbolische Zurschaustellungen ergänzen im letzten Kapitel der Monografie die Charakterisierungen der ethnischen Milieus um weitere Selbstentwürfe, Identitätsdiskurse sowie Exklusions- und Inklusionspraktiken. Die Herausarbeitung von mental maps stellt in diesem Abschnitt einen überragenden, bislang in der Forschung gänzlich ausgesparten und überaus interessanten Ansatz dar. In ihm wird der jeweils spezifische Entwurf der ethnischen Milieus zum ‚Baltischen Raum’ bzw. zu ‚Latvija’ als kollektive Raumvorstellungen beleuchtet. Von Hirschhausen belegt anhand der Genese beider Begriffe, einschließlich ihrer poetischen, politischen und geografischen Komponenten, wie „historisches Erleben“ (S. 366) im sprachlichen Niederschlag auch in Raumbegriffen zu finden war.

Insgesamt betrachtet, überzeugt von Hirschhausen durch eine gut strukturierte, äußerst fundierte und überdies gut lesbare Darstellung der Mechanismen multiethnischer Koexistenz am Beispiel einer Lokalstudie. Die von ihr aufgezeigte Nationalisierung oder - wie sie es nennt - „Politisierung von Ethnizität und Ethnisierung von Kultur“ (S. 370), die sich in Konflikten der Sprachpolitik hervorholen lässt, weist sie als Charakteristikum von durch Multiethnizität geprägten Räumen nach. Am Beispiel Riga kann sie belegen, das gerade die Multiethnizität als Konkurrenz zwischen den einzelnen Ethnien eine enorme Triebkraft für administrative Reformbestrebungen darstellte. Wenngleich dieser Faktor in den zum Vergleich herangezogenen osteuropäischen Metropolen allein nicht ausreichte (denn einzig für Riga weist von Hirschhausen eine weitestgehend erfolgreiche Reformpolitik nach), begründet sie diesen ‚Rigaer Sonderfall’ mit der ausgesprochenen Orientierung nach Westen, mit einem Wissenstransfer, der von Riga aus bewusst zur Modernisierung der Kommunalpolitik betrieben wurde.

Von Hirschhausens Arbeit beeindruckt durch den Umfang der herangezogenen Quellen und die Bearbeitung verschiedenster Quellengattungen. Städtische Akten und Statistiken ermöglichten die detaillierte Darstellung der demografischen Entwicklung Rigas und seiner Bevölkerungsgruppen. Vereinsliteratur gab Aufschluss über die Organisationsstruktur und -dichte, Presseerzeugnisse verdichteten aktuelle Geschehnisse und Wahlen. Persönliche Quellen erlaubten die Skizzierung von Einzelpersonen und ihren Lebenswelten. In diesem Kontext erschwert eine - redaktionelle - Schwäche der Monografie den Zugang zum Text und oftmals auch zum Verständnis einzelner Zitate: Es fehlt in vielen Fällen die genaue Seitennennung in den Anmerkungen. Bei Zitierungen aus zeitgenössischen Pressezeugnissen wäre überdies die Angabe des Verfassers hilfreich, da auch in ein und derselben Zeitung unterschiedliche Redakteure mit differierenden Meinungen vertreten waren. Nicht nur die Recherche des interessierten Lesers wird mit diesen Kürzungen stark beeinträchtigt, auch die Kontextualisierung des Zitats wird unnützerweise erschwert.

Ein kleiner Wermutstropfen für die Lesenden des Bandes stellen - dies sei am Rande ergänzt - die Register dar. Ein Ortsregister, in dem Einträge wie ‚Estländer’ und ‚Estland’ gleich indiziert werden, bleibt in seinem Aufbau unklar. Und ein Quellen- und Literaturverzeichnis, das in einem Unterabschnitt unter zeitgenössischer Literatur, Literaturangaben bis 1945 vorsieht, in dem zudem vereinzelt Werke aus den endenden 1950er Jahren als zeitgenössisch betrachtet werden (S. Pantenius), verkompliziert die Literatursuche.

Anmerkungen
[1] Ein Forschungsfeld, für das übrigens eine Grundlagenforschung erst im Entstehen begriffen ist. Vgl. hierzu v.a. die Arbeit von Kristine Wohlfart zum Rigaer Letten Verein: Der Rigaer Letten Verein und die lettische Nationalbewegung von 1868 bis 1905 (Materialien und Studien zur Ostmitteleuropa-Forschung 14), Marburg 2006.