M. Schulze Wessel (Hrsg.): Nationalisierung der Religion

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Titel
Nationalisierung der Religion und Sakralisierung der Nation.


Herausgeber
Schulze Wessel, Martin
Reihe
Forschungen zur Geschichte und Kultur des östlichen Mitteleuropa 27
Erschienen
Stuttgart 2006: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
272 S.
Preis
€ 40,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kerstin Susanne Jobst, Universität Salzburg

Für West- und Mitteleuropa gilt es mittlerweile als erwiesen, dass sich die Religion als Ordnungsprinzip im Verlauf des 19. Jahrhunderts auf dem Rückzug befand. Zwar spielte Religion für viele Menschen als normative und spirituelle Richtschnur immer noch eine zentrale Rolle, die Kirchen als Institution mussten sich jedoch in einem nicht unerheblichen Maß nationalisieren, um sich auch weiterhin politisch profilieren und einflussreich bleiben zu können. Für Osteuropa ist dieser Befund so eindeutig noch nicht erbracht, zumal dort, wie der Herausgeber des vorliegenden Sammelbandes, Martin Schulze Wessel, in seiner Einleitung feststellt, das „Verhältnis von Religion und Nation (...) nicht ohne das Imperium zu denken (ist), das in die kirchlichen Verhältnisse regulierend eingriff und Religion als eine seiner wichtigsten Legitimationsressourcen betrachtete“ (S. 12). Ein Schritt zur Erhellung des Wechselverhältnis zwischen Religion und Nation in der Zeit vom ausgehenden 18. bis in das 20. Jahrhundert hinein, welche allgemein als Zeitalter des Nationalismus gilt, soll dieses Werk sein. Es basiert auf einer bereits im Jahr 2000 (!) im „Geisteswissenschaftlichen Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas“ (GWZO, Leipzig) abgehaltenen Tagung. Die lange Zeitspanne zwischen Tagung und Veröffentlichung des Tagungsbandes bringt es mit sich, dass einige der Autoren mittlerweile ihre Thesen in zum Teil elaborierter Form bereits als Dissertation veröffentlicht haben. Der Band gliedert sich in insgesamt sechs Abschnitte: Neben einer Einführung des Herausgebers sowie den von Thomas Bremer ausgeführten Bemerkungen zu konfessionellen Konflikten aus theologischer Sicht werden „Nationale und religiöse Kulte“, „Religion in den Nationalbewegungen des 18./19. Jahrhunderts“, „Religion und nationale Festkultur“, „Religion und Krieg“ sowie „Religion in Kulturmustern“ behandelt.

Fast alle Autorinnen und Autoren gehen davon aus, dass der Nationalismus der Neuzeit auch in Ost- und Ostmitteleuropa keinesfalls als eine neue, eine „Ersatzreligion“ gelten konnte, auch wenn gewisse strukturelle Analogien zwischen „Nation“ und „Religion“ offenkundig sind. Vielmehr seien Religion und auch Konfession auch abseits nationaler Inanspruchnahme noch gesellschaftsformende Kräfte gewesen, auch wenn man nicht so weit gehen muss, das 19. Jahrhundert als „Zweites Konfessionelles Zeitalter“ zu bezeichnen.[1] Ob allerdings im Einzelfall tatsächlich von der Sakralisierung der Nation oder aber einer Nationalisierung der Religion auszugehen ist, wird durchaus unterschiedlich beurteilt: John-Paul Himka (ungewöhnlich uninspiriert) geht in seinem Beitrag „The Place of Religion in the Ukrainian National Revival“ im ukrainischen Fall von einer quasi-religiösen Aufladung der Nation aus. Einen etwas anderen Akzent setzt Ricarda Vulpius, welche in ihrem Beitrag über den Kirchenkampf in den ehemaligen zum Zarenreich gehörenden ukrainischen Ländern zumindest für den Zeitraum zwischen 1917 und 1921 die präzise Aussage treffen kann, dass die Nationalisierung der Religion eine wichtige Rolle gespielt hat (S. 103). Nicht nur im zugegebenermaßen sehr komplizierten ukrainischen Kontext mit seinen verschiedenen Konfessionen und Autokephalieerscheinungen kann dies ein Ausgangspunkt weiterer fruchtbarer Diskussionen werden.

Die immense Bedeutung, welche der römische Katholizismus bei der Bewahrung und Identitätsbildung der modernen, also nicht allein auf die Oberschichten begrenzten polnischen Nation spielte, ist hinlänglich bekannt. Vier von den insgesamt vierzehn Beiträgen befassen sich denn auch mit den dort zu beobachtenden Wechselwirkungen: Einen komparatistischen Ansatz wählte Stefan Laube, der nationale Heiligenkulte in Polen und Deutschland im 19. Jahrhundert miteinander vergleicht und im polnischen Fall auf die nicht wirklich überraschende enge Verquickung von Religion und Nation hinweist, welche fast in einer ´Theologie der Befreiung´ der Nation mündete. Komplizierter stellte sich die Situation im Deutschen Reich dar, welches auch durch den konfessionellen Dualismus geprägt war. Der Artikel Laubes weist in eine Richtung, in die zukünftige Forschung gehen könnte, da Arbeiten über transnationale Heiligenverehrung und ihre Anreicherungen mit synkretistischen Elementen erst am Anfang stehen. Polen ist auch Thema der Beiträge Harald Binders („Kirche und nationale Festkultur in Krakau 1861 bis 1910), Christoph Micks („Der Kult um den unbekannten Soldaten in der Zweiten Polnischen Republik“) sowie Dirk Uffelmanns über den neben Mickiewicz und Norwid bedeutendsten polnischen Romantiker, Zygmunt Krasiński. Die philosophischen Betrachtungen über die „gespannte Historiosophie“ in dessen Werk „Przedświt“ erscheinen der Rezensentin in diesem Band allerdings deplatziert.

Anders als im polnischen Fall war die „rumänische Nation“ von einem religiösen Dissens geprägt. Hans-Christian Maner zeigt, dass sowohl orthodoxe als auch griechisch-katholische Geistliche und Intellektuelle für ihre Gemeinschaft den Anspruch erhoben, Nationalkirche zu sein. Eine andere Form von Konkurrenz, nämlich die im 19. Jahrhundert in Russland nebeneinander existierenden Identitätskonstruktionen der Sakralgemeinschaft, des Imperiums und der Nation ist Thema von Frithjov B. Schenk. Davon war auch das kollektive Erinnern an Aleksandr Nevskij beeinflusst, dessen im 19. Jahrhundert als kirchlich-sakraler, dynastisch-imperialer, aber eben auch als Nationalheiliger gedacht wurde. Letzteres wurde allerdings, wie Schenk zeigt, vornehmlich eine Denkgewohnheit der gebildeten, hauptstädtischen Eliten (S. 69). Dass Wir-Gruppen wesentlich durch die semantische Abgrenzung von als fremd deklarierten anderen Gruppen definiert werden, zeigt Vera Urban in ihrem Beitrag über „Nationalisierung der Religion durch Abgrenzung? Orthodoxie versus Katholizismus in russischen Kulturtheorien des 19. Jahrhunderts“. Er leidet zwar unter vielen ermüdenden Wiederholungen, zeigt aber überzeugend, wie russische Kulturtheoretiker verschiedenster Couleur wie Čaadaev, Dostojevskij oder Tjutčev den so heftig diskutierten „Westen“ in religiöser, nicht theologischer Hinsicht, essentialisierten: Der Westen war demnach ein mehr oder minder monolithischer, katholischer Block, dessen konfessionelle Differenz und religiöse Vielgestaltigkeit kaum eine Rolle in den innerrussischen Debatten spielte.

Joachim von Puttkammer („Alltägliche Inszenierungen. Kirchliche und nationale Schulfeste in Ungarn 1867-1914) zeigt auf der Grundlage seiner 2003 veröffentlichten Habilitationsschrift [2] noch einmal prägnant, dass das gegenüber den Minderheiten von „oben“ gewollte religiös verbrämte nationale Pathos in Konkurrenz zu den gewachsenen „Formen religiöser Praxis“ (S. 152) stand. Er exemplifiziert diese These anhand der Erinnerungen des auch im deutschsprachigen Raum vor einigen Jahren wieder entdeckten Schriftstellers Sándor Márai (1900-1989). Mit Juliane Brandts Untersuchung über ungarische Protestanten im Ersten Weltkrieg liegt ein weiterer Beitrag zu Transleithanien vor. Klaus Buchenau zeigt schließlich in seinem Beitrag über das svetosavlje, dem orthodoxen Christentum serbischen Stils, die in den Zeitläufen und von unterschiedlichen Diskursbeiträgern divergenten Konzeptionen dieses Phänomens, welches auch gegenwärtig große Popularität genießt.

Dieser geraffte Überblick gibt hoffentlich einen ersten Eindruck über die Ansätze und Möglichkeiten der weiteren Befassung mit Religion auch im so genannten nationalen Zeitalter – und er ist keinesfalls nur für Historikerinnen und Historiker der Osteuropäischen Geschichte von Belang. Es wäre wünschenswert gewesen, dass die Stoßrichtung nicht „nur“ eine konfessionelle (und eben nicht religiöse, wie der Titel vorgaukelt) gewesen wäre. Religiöse Differenzen in Ost- und Ostmitteleuropa, vor allen Dingen die Frage nach den innerjüdischen Debatten und der Funktion des Judentums als das Fremde spielen in dem vorliegenden Band genauso wenig eine Rolle wie andere nichtchristliche Gruppen.

Anmerkungen:
[1] Blaschke, Olaf, Das 19. Jahrhundert als Zweites Konfessionelles Zeitalter, in: Geschichte und Gesellschaft 26 (2000), 38-75.
[2] Puttkammer, Joachim von, Schulalltag und nationale Integration in Ungarn. Slowaken, Rumänen und Siebenbürger Sachsen in der Auseinandersetzung mit der ungarischen Staatsidee 1867-1914, München 2003.