P. Mirowski u.a. (Hrsg.): Nine Lives of Neoliberalism

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Titel
Nine Lives of Neoliberalism.


Herausgeber
Mirowski, Philip; Plehwe, Dieter; Slobodian, Quinn
Erschienen
London 2020: Verso
Anzahl Seiten
368 S.
Preis
£ 25.00; € 37,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Matthias Ruoss, Historisches Seminar, Universität Zürich

War’s das jetzt? „Has the coronavirus crisis killed neoliberalism?“, fragte The Guardian im Mai 2020.[1] Wie so oft in der jüngeren Vergangenheit rätselt die mediale Öffentlichkeit zusammen mit Akademiker/innen auch in der Pandemie darüber, ob der Neoliberalismus tatsächlich an ein Ende gekommen sei. „Don’t bet on it“, steht sogleich in der Headline geschrieben. Mit dieser Warnung unterschied sich der Artikel von älteren, deutlich euphorischeren Abgesängen, beginnend in den 2000er-Jahren im Kontext der pink tide in Südamerika über die globale Finanzkrise 2008 bis hin zur Wahl von Donald Trump und zum Brexit 2016. Man ist skeptischer geworden. Dennoch haben derartige Endzeiterzählungen noch immer Konjunktur. Inwiefern sie die Geschichte des frühen 21. Jahrhunderts adäquat wiedergeben, oder diese gar beeinflussen, ist ungewiss. Auf jeden Fall aber regen sie die Geschichtswissenschaften an, wie der 2020 im Verso-Verlag erschienene und über den Publikationsserver EconStor frei zugängliche Sammelband belegt[2], der sich mit „neoliberalism’s longevity“ (S. 2) auseinandersetzt. Das klingt metaphorisch bereits im Titel an, der an die sprichwörtlichen neun Leben von Katzen erinnert (im Deutschen sind es sieben). Konkretisiert wird das Forschungsprogramm in der Einleitung, in der Dieter Plehwe und Quinn Slobodian die Grundzüge einer „intellectual history of neoliberalism“ (S. 2) knapp skizzieren. Neoliberalismus verstehen sie dabei nicht als „an agentless spirit of capitalism“ (S. 3), sondern als ein institutionell breit aufgestelltes, netzwerkartig organisiertes Denkkollekiv aus Akademikern, Politikberatern und Publizisten, die sich seit den 1930er-Jahren wissenschaftlich austauschen, ökonomische Expertisen anbieten und die öffentliche Meinung beeinflussen. Dabei fetischisieren die Mitglieder des Kollektivs keineswegs den „freien“ Markt, wie es ihnen ihre Gegner/innen oft vorwerfen. Vielmehr zeichnen sie sich durch „a consistent approach of policy problems“ (S. 6) aus, der auf Kommodifizierung drängt, den Preismechanismus favorisiert und auf die Stabilisierung der Wettbewerbsordnung zielt. Methodisch schlagen Dieter Plehwe und Quinn Slobodian vor, die Formierung, Etablierung und ständige Weiterentwicklung des so verstandenen Neoliberalismus als ein Wechselspiel aus ökonomischen Debatten, neuen politischen Aktionsfeldern und gewandelten historischen Rahmenbedingungen zu untersuchen. „Nine Lives of Neoliberalism places ideas in context and follows them in action“, verspricht die Einleitung bündig (S. 5).

Welche Regionen und Schauplätze beleuchten die insgesamt elf als case studies angelegten Beiträge, welche neuen Figuren, Akteursgruppen und Netzwerke identifizieren sie? Geografisch konzentrieren sich alle Kapitel auf den transatlantischen Raum, Untersuchungen zum Globalen Süden fehlen. Dieser räumliche Schwerpunkt wird durch einen langen Untersuchungszeitraum gewissermaßen kompensiert, der von der Zwischenkriegszeit bis in die Gegenwart reicht. Rettungshistoriografische Arbeit leistet Rüdiger Graf, der sich mit dem vergessenen deutschen Verhaltensökonomen Günter Schmölders beschäftigt, der seine Forschungstätigkeit in den 1930er-Jahren begann, seine Expertise damit in Auseinandersetzung mit drei politischen Regimen (Weimarer Republik, Nazideutschland und Bundesrepublik) schärfte und so den multiplen politischen Gebrauch und Einsatz von ökonomischem Handlungswissen unter Beweis stellte, mit dem sich Staatsinterventionen sowohl abwehren als auch fordern ließen. Eine ähnliche Wandelbarkeit attestiert Dieter Plehwe der Figur des Unternehmers, die neoliberale Denker in den 1960er- und 1970er-Jahren neu modellierten: Während Joseph Schumpeter noch von einer Klasse von Unternehmern ausging, hoben Ökonomen wie Ludwig von Mises oder Herbert Giersch ein Set aus managerialen Kompetenzen hervor, die unternehmerisches Handeln begründen. Damit machten sie die Figur anschlussfähig, bis hin zum gegenwärtig vielzitierten unternehmerischen Selbst. Edward Nik-Khah untersucht schließlich am Beispiel des US-amerikanischen Ökonomen George Stigler, wie sich dieser von einem elitären Verteidiger eines freien „Marktplatzes der Ideen“ zu einem neoliberalen Reformer von Universtäten entwickelte. Wendepunkt im Leben des Vertreters der Chicago School of Economics waren die Studentenproteste 1967 an seiner Heimuniversität. Die Forderung nach Mitspracherechten konterte er mit einem Programm, das auf die Kommerzialisierung der Wissenschaft zielte und so die Forschung von Lehrverpflichtungen und damit vom Studentenplebs befreien sollte.

Dass kein Skript existiert, nach dem neoliberale Regisseur/innen kapitalistische Weltgeschichte schreiben, dass neoliberale Positionen, Politiken und Programme sich vielmehr durch Heterogenität und eine große pragmatische Anpassungsfähigkeit an die Zeitumstände auszeichnen, ist eine der Haupterkenntnisse des Bandes. Neoliberalismus bestehe gerade nicht aus einem „trans-historical set of policy prescriptions“ (S. 91), wie Quinn Slobodian am Beispiel des Umgangs mit geistigem Eigentum zeigt. Patente und Urheberrechte, so argumentiert er, wurden in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von führenden Neoliberalen aus dem Umfeld der 1947 gegründeten Mont Pèlerin Society (MPS), einem der zentralen Knotenpunkte des Neoliberalismus, keineswegs pauschal gutgeheißen oder verteufelt, sondern fallweise verteidigt oder angegriffen – je nach Bedarf des Kapitals, das in Form von lobbyierenden Unternehmen, Sponsoren und Thinktanks auftrat. Zu einem ähnlichen Schluss kommt Matthias Schmelzer, der die Kontroversen um das neu etablierte Bretton-Woods-System in der Nachkriegszeit untersucht. Zwar waren sich neoliberale Theoretiker einig, dass die globale Zirkulation des Kapitals von demokratischen Entscheidungsprozessen befreit werden müsse. Doch während ältere, vor 1900 geborene Ökonomen wie Ludwig von Mises primär die Rückkehr zum Goldstandard favorisierten, sprachen sich jüngere wie Milton Friedman für flexible Wechselkurse aus. Erst nachdem man sich geeinigt hatte, orchestrierte die MPS eine aggressive Werbekampagne zugunsten einer schrankenfreien Währungsarchitektur, die dem globalen Finanzkapitalismus den Weg bereitete. Melinda Cooper wiederum dokumentiert anhand der amerikanischen Familienpolitik die Koalitionsfähigkeit des Neoliberalismus. Als die Volkswirtschaften in den 1970er-Jahren in eine Stagflation schlitterten, brachten neoliberale Exponenten rund um den Humankapitaltheoretiker Gary Becker familiäre Verpflichtung und Selbstsorge als Gegenkonzept zum umverteilenden Wohlfahrtsstaat der Nachkriegszeit in Stellung. Damit biederten sie sich nicht nur bei Konservativen an, sondern revitalisierten auch die alte englische poor-law-Tradition, ergänzten sie mit Steuererleichterungen und neuen Konsumkredithilfen, die Familien wieder auf sich selbst zurückwarfen.

Nicht alle Beiträge verfolgen die zentrale Fragestellung nach der katzenartigen Agilität und Überlebensfähigkeit des Neoliberalismus explizit. Das kann als konzeptuelle Schwäche des Bandes ausgelegt werden, der auf eine Konferenz zurückgeht, die bereits im März 2016 am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung stattgefunden hat.[3] Zugleich zeigt der Sammelband wohl auch die Grenzen eines interdisziplinär angelegten Forschungsvorhabens, das neben Historikern auch Politikwissenschaftler, Soziologinnen und Ökonomen miteinbezieht. Vor allem die beiden Netzwerkanalysen im vierten Teil des Bandes bilden den Stoff für recht eigentliche Durchsetzungsgeschichten: Steigende Geldflüsse und expandierende institutionelle Geflechte, grafisch dargestellt und tabellarisch aufgelistet, suggerieren ein erfolgreiches Powerplay des neoliberalen Denkkollektivs. Damit liegen sie ziemlich quer zur Stoßrichtung des Bandes, der historische Kontingenzen heuristisch gewichtet und gegen glatte Wachstumserzählungen in Anschlag bringt. Andererseits ist der Beitrag von Philip Mirowski hervorzuheben, gerade weil er die Fragestellung kulturwissenschaftlich anreichert und weiterentwickelt. Am Beispiel des 1968 von schwedischen Topbankern implementierten Alfred-Nobel-Gedächtnispreises für Wirtschaftswissenschaften zeigt er auf, wie neoliberale Kritiker des schwedischen Wohlfahrtstaates ihre ökonomischen Argumente gezielt mit kulturellem Kapital anreicherten und damit popularisierten. Wie wichtig der Preis für die Bestätigung und Glaubwürdigkeit neoliberaler Theorien generell war, zeigte sich ab den 1970er-Jahren, als eine Reihe einflussreicher Ökonomen wie Friedrich Hayek (1974) und Milton Friedman (1976) die Auszeichnung erhielten.

Mit seinem Beitrag zeigt Philip Mirowski, wie die Forschungsagenda einer „intellectual history of neoliberalism“ gewinnbringend weiterentwickelt werden kann. Bezugnahmen auf konzeptuelle Angebote der Wissensgeschichte und der Geschlechtergeschichte könnten helfen, hier noch einen Schritt weiterzugehen. Zum einen drängt sich die Frage auf, wie Neoliberale ihre Ideen in der Praxis „verkauften“. Neben neuen Formen und Formaten der Wissensdarstellung oder technischen Neuerungen wie etwa dem Overheadprojektor sollte dabei vor allem der neoliberalen, meist englischen Terminologie mehr Rechnung getragen werden. Um die Durchsetzungskraft von Ideen besser zu verstehen, müssten zum anderen performative Aspekte der Männlichkeit im sogenannten Consulting, bei der Lieferung von ökonomischen Expertisen oder bei Präsentationen und öffentlichen Auftritten mitberücksichtigt und machttheoretisch reflektiert werden. Alle im vorliegenden Band erwähnten Neoliberalen und „management gurus“ (S. 121) waren Männer, ohne Ausnahme. Was bedeutet dieser Umstand für das ökonomische Wissensfeld und die kapitalistische Gesellschaft generell?

Anmerkungen:
[1] Alex Doherty, Has the coronavirus crisis killed neoliberalism? Don't bet on it, in: The Guardian, 16.05.2020, https://www.theguardian.com/commentisfree/2020/may/16/state-intervention-agenda-dont-assume-neoliberalism-dead (03.06.2021).
[2]https://www.econstor.eu/handle/10419/215796 (03.06.2021).
[3] Siehe https://www.wzb.eu/de/veranstaltungen/more-roads-from-mont-pelerin-neoliberalism-studies (03.06.2021).