St. Bittner: Whites and Reds

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Titel
Whites and Reds. A History of Wine in the Lands of Tsar and Commissar


Autor(en)
Bittner, Stephen V.
Erschienen
Anzahl Seiten
255 S.
Preis
£ 75.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Daria Sambuk, Institut für Geschichte, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

„There was much more at stake than wine“ (S. 238). Dieser Satz könnte programmatisch für Bittners gesamte Studie stehen, deren Anliegen darin besteht, die Deutungen des Weins in den wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Diskursen des Zarenreichs und der Sowjetunion zu verorten. Einen zentralen Gegenstand des Buches bilden imperiale Aspirationen, deren Verbindung mit der russischen Alkoholpolitik Bittner von der Annexion der Krim im späten 18. Jahrhundert bis zum Embargo auf georgische und moldauische Weine der Jahre 2006 bzw. 2013 verfolgt. Der Schwerpunkt der Untersuchung liegt auf dem 19. und 20. Jahrhundert, einer Zeit, in der die einheimische Weinproduktion die Importe aus anderen europäischen Ländern allmählich zu ersetzen begann und schließlich weitgehend verdrängte.

Der Historiker der kalifornischen Sonoma University möchte keine Geschichte des Weins schreiben, die das Konsumgut in den Mittelpunkt des Erkenntnisinteresses rückt. Zwar ist Bittners Studie der Frage gewidmet, welchen Platz der Wein, ein „Nebenprodukt des Imperialismus“ (S. 4), im Alltag der kaiserlichen Untertanen und später der Sowjetbürger einnahm. Doch Weinbau, -handel und -konsum dienen ihm als Prisma, um sich größeren Themenkomplexen der russischen und sowjetischen Geschichte zu nähern, darunter der Rolle der Wissenschaft, den imperialen Hierarchien, dem Nationalismus und den zahlreichen Versäumnissen des Sowjetsystems.

Mit dieser Herangehensweise knüpft Bittner an mehrere aktuelle Forschungsfelder an. Die historische Forschung interessiert sich immer mehr für die Komplexität des imperialen Gefüges, die über das Bild eines dominanten Zentrums und stets unterlegener Peripherien hinausgeht. So analysierte kürzlich Erik R. Scott den herausragenden Stellenwert der georgischen Diaspora in der Sowjetunion, der sowohl eine prominente Rolle im imperialen Projekt als auch eine nationale Distinktion einschloss.[1] Die Konstruktion einer russischen nationalen und imperialen Identität beinhaltete seit dem 18. Jahrhundert auch immer eine Selbstverortung gegenüber der europäischen Kultur, die wiederum von fundamentaler Bedeutung für russische und sowjetische Zivilisierungsmissionen war.[2] Studien zu Konsumgütern, etwa dem Tabak, erlauben es, dieser Selbstverortung auch im Alltag und in unterschiedlichen sozialen Gruppen nachzuspüren.[3]

Die Bedeutung des Weins als Mittel zur Zivilisierung, die dem Getränk sowohl im Russländischen Reich als auch in der Sowjetunion zugesprochen wurde, ist ein zentrales Motiv des Buches. Als Teil des Europäisierungsprojekts fungierte der Weinkonsum seit dem frühen 18. Jahrhundert als Zivilisationsmarker, den nicht nur europäisch orientierte Teile der Eliten, sondern auch erklärte Slawophile und russische Nationalisten akzeptierten. Auf staatlicher Ebene eröffnete die symbolische Aufwertung des Weins ein weiteres Feld, auf dem sich das Russländische Reich mit westeuropäischen Ländern maß. Nicht nur erfreute sich der Weinbau seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert einer staatlichen Förderung, die russländische Weine den französischen, spanischen und italienischen ebenbürtig machen sollte. Die Weinherstellung wurde als eine Möglichkeit gedeutet, die eigene Zivilisiertheit zu demonstrieren.

Hierin liegt eines der spannendsten Ergebnisse der Studie Bittners, die im russischen Weindiskurs des 19. Jahrhunderts eine subversive Note erkennt: Während imperiale Eliten sich anschickten, eine als europäisch bezeichnete Zivilisation in die eroberten Gebiete zu tragen, mussten sie feststellen, dass manche Territorien der imperialen Metropole in Sachen Weinbau und -konsum voraus waren, denn anders als Russland blickten etwa Georgien, die Krim oder auch Bessarabien auf eine lange Weintradition zurück. Dieser Wissensvorsprung kehrte die imaginierte Hierarchie zwischen dem imperialen Zentrum als Zivilisationsträger und den vermeintlich rückständigen nichtrussischen Peripherien um. Die Hierarchie wurde wiederhergestellt, indem der Weinbau den Regeln der aus dem westlichen Europa übernommenen Önologie unterworfen wurde. Dadurch konnten sich imperiale Eliten erneut als Träger eines als fortschrittlich dargestellten Wissens gerieren.

Der Wissenschaft kam auf dem Gebiet des Weinbaus eine zentrale Rolle im russischen imperialen Projekt zu. Bittner veranschlagt deren Bedeutung so hoch, dass er die Weinproduktion in Russland sogar insgesamt als ein wissenschaftliches Unterfangen bezeichnet, das sich zunehmend von der französischen Zelebrierung der Weinproduktion als traditionsreiches Handwerk mit starker regionaler Verbundenheit entfernte. Besonders deutlich trat die Liaison zwischen Wissenschaftlern und Vertretern der imperialen Macht bei der Bekämpfung der Reblaus phylloxera seit den 1880er-Jahren in Erscheinung. Alle Methoden zur Rettung der Weinreben, die zur Diskussion standen – von der großflächigen Vernichtung befallener Rebstöcke bis zur Veredelung heimischer Weinpflanzen mit amerikanischen reblausresistenten Wurzelstöcken –, gingen auf Erfahrungen in Westeuropa und den USA zurück und degradierten weiter das lokale Wissen. Zugleich sollte europäisches önologisches Wissen Russland helfen, einerseits Anschluss an westeuropäische Weinproduzenten zu finden, andererseits die Bedingungen in den unterschiedlichen Weinbaugebieten innerhalb des Imperiums anzugleichen.

Anhand des Zivilisierungsmotivs gelingt es Bittner, Kontinuitäten zwischen dem Zarenreich und der Sowjetunion über den Bruch des Jahres 1917 hinaus zu akzentuieren. Gerade als Merkmal der Europäisierung und der Vornehmheit, als Ausdruck des sozialen Status wurde der Wein häufig zur Zielscheibe sozialen Hasses. Doch trotz seines elitären Charakters erschien der Wein – und zwar sowohl seine Produktion als auch der Konsum – den Bolschewiki geeignet, um einerseits das Niveau der Alltagskultur der Bevölkerung im eigenen Land zu heben und andererseits die Fortschrittlichkeit des sozialistischen Systems zu demonstrieren. Die beiden seit dem 18. Jahrhundert mit dem Wein verbundenen Projekte der herrschenden Eliten blieben also auch im 20. Jahrhundert bestehen, wurden allerdings in die planwirtschaftliche Produktionslogik und kommunistische Gesellschaftspolitik eingepasst.

Aus der Perspektive des Weinbaus schreibt Bittner eine Geschichte der Neuen Ökonomischen Politik der 1920er-Jahre, die das Bild von einer wohltuenden Liberalisierung der Wirtschaft relativiert. Der Wegfall des staatlichen Monopols auf alkoholische Getränke im Jahr 1921 brachte zahlreiche Winzer an den Rand des Ruins, die nach der verheerenden Reblauskrise schwere Rückschläge durch den Ersten Weltkrieg und die Prohibition, die Revolution des Jahres 1917 und den anschließenden Bürgerkrieg erlitten hatten. Denn ungeachtet aller Bemühungen seitens der Winzer, Önologen, Weingutbesitzer und politischen Akteure blieb der Absatz von Wein in Russland stets unsicher. Das galt vor allem für Weine, die nach dem Reinheitsgebot hergestellt wurden. Am besten verkaufte sich gesüßter, bisweilen mit Getreidealkohol gestreckter Wein.

Der Blick auf die Weinproduktion im Stalinismus verdeutlicht, welche Grenzen dem staatlichen Zugriff auf dieses Gebiet gesetzt waren. In einer Mangelwirtschaft bedeuteten Posten in der Weinproduktion oder -forschung zugleich einen erleichterten Zugang zu einem Luxusgut. In Form von Geschenken und Degustationen bot der Wein die Möglichkeit, informelle Netzwerke zu pflegen oder gar jenseits der offiziellen Kanäle Einfluss zu nehmen. Das Zentrum der politischen Macht versuchte dagegen Bittner zufolge, seine Verfügungsgewalt über das Volkseigentum, den Wein, zu behaupten, und verfolgte auch prominente Figuren der Weinindustrie.

Den Kampf gegen den Alkoholismus, den die Sowjetunion in den späten 1960er-Jahren antrat, schildert Bittner als inkonsistent und sogar absurd. Im Zentrum der Anti-Alkoholismus-Kampagne stand die Förderung des Weinkonsums, der den Konsum von Spirituosen reduzieren sollte. Als paradox erwies sich dieses Mittel spätestens Ende der 1970er-Jahre, als die Herstellung von größeren Mengen gestärkten Weins auf Kosten des trockenen Weins angeordnet wurde. Mit dem sinkenden Wodkakonsum gingen nämlich die staatlichen Einnahmen aus der Alkoholsteuer zurück, die sich nach dem Alkoholgehalt der Getränke richtete. Als Gegenmaßnahme sollte der Alkoholgehalt im Wein auf bis zu 20 Prozent erhöht werden. Dadurch förderte die staatliche Politik den Alkoholismus, statt ihn zu bekämpfen.

Whites and Reds zeichnet sich durch eine stringente Argumentation aus. Gleichzeitig gelingt es Bittner, sehr viele Facetten des Themas auszuleuchten: etwa die Bedeutung des terroir im russischen und sowjetischen Kontext, die Debatten um die Reinheit des Weins, die Kultur der Kennerschaft, die eng mit dem europäischen Weinkonsum verbunden ist, oder die beträchtlichen Unterschiede zwischen den Weinbauregionen – und dies in gleichem Maße für die Zarenzeit und die Sowjetherrschaft. Die chronologische Struktur der Arbeit ergänzt Bittner geschickt durch Schlaglichter auf einzelne Persönlichkeiten. Auch die hohen Erwartungen, die der spielerische Titel des Buches an dessen erzählerische Qualitäten weckt, werden bei aller analytischen Tiefe nicht enttäuscht.

Bei allem Lob sei dennoch ein Kritikpunkt erlaubt. Die Figur des renommierten kalifornischen Önologen Maynard Amerine, der in den 1960er- und 1970er-Jahren die Sowjetunion bereiste und dessen Bewertung der sowjetischen Weinproduktion eine zentrale Rolle für Bittners Argumentation spielt, wäre plastischer geworden, wenn Bittner Amerines Aufzeichnungen stärker im Kontext dessen professioneller Tätigkeit verortet und nach den Implikationen der Reisen in die Sowjetunion für die Selbstdarstellung Amerines gefragt hätte.

Die Studie ist ein wichtiger Beitrag zur Wirtschafts-, Sozial- und Kulturgeschichte des Russländischen Reichs und der Sowjetunion. Gekonnt und unterhaltsam führt Bittner seinen LeserInnen vor Augen, dass es bei der Produktion und beim Konsum von Wein stets auch um Fragen der Identität und Russlands Platz in Europa ging.

Anmerkungen:
[1] Erik R. Scott, Familiar Strangers. The Georgian Diaspora and the Evolution of Soviet Empire, Oxford 2016.
[2] Catriona Kelly, Refining Russia. Advice Literature, Polite Culture, and Gender from Catherine to Yeltsin, Oxford 2001.
[3] Tricia Starks, Smoking under the Tsars. A History of Tobacco in Imperial Russia, Ithaca 2018.