Cover
Titel
The Deportation Machine. America's Long History of Expelling Immigrants


Autor(en)
Goodman, Adam
Erschienen
Anzahl Seiten
X, 322 S.
Preis
£ 20.00; € 31,20
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Norbert Finzsch, Historisches Seminar, Universität zu Köln

Dies ist ein im besten Sinne des Wortes aufregendes Buch. Es hat neben seiner historischen Tiefenwirkung eine große politische Bedeutung, nicht nur für die Vereinigten Staaten, sondern auch für die Debatte um die Asylpolitik und den Status der Geflüchteten in Deutschland. Der Autor, ein junger Historiker an der University of Illinois, hat alle einschlägigen Archive in Mexiko und den Vereinigten Staaten durchforstet. Allein die Liste der besuchten Archive ist beeindruckend. Von den gut 300 Seiten des Buches sind über hundert Seiten der Dokumentation in ausführlichen Fußnoten gewidmet. Dabei ist der Text aber flüssig und lesbar geschrieben und die Leser:in erfährt eine Menge über die persönlichen Geschichten der Immigrant:innen während der letzten 100 Jahre, ihre Kämpfe um Bleiberecht und die Maschinerie der Regierung, die auf allen erdenklichen Wegen daran arbeitet, Menschen abzuschieben, die meistens aus Mexiko in die USA eingewandert sind.

In historischer Perspektive hatten die Vereinigten Staaten schon immer eine konfliktreiche Beziehung zu armen Einwanderer:innen aus dem Süden, speziell Mexiko. Der Konflikt entstand historisch aus dem Mexikanisch-Amerikanischen Krieg von 1846 und später aus dem Widerspruch zwischen dem Arbeitskräftemangel der US-Wirtschaft und der gleichzeitigen rassistischen Ausgrenzung dieser Einwanderer:innen. Die USA haben im frühen 20. Jahrhundert die notwendigen Mechanismen geschaffen, um Einwanderer:innen in leicht verfügbare und unterbezahlte Arbeitskräfte zu verwandeln, ohne die damit verbundenen sozialen Kosten tragen zu müssen. Die „Deportation Machine“ von Adam Goodman untersucht und bestätigt diese gescheiterte Beziehung aus einer historischen, politischen und ideologischen Perspektive. Goodman erörtert die Kriminalisierung von Einwanderer:innen und die Rolle, die Fremdenfeindlichkeit und der Rassismus bei der Definition derjenigen gespielt haben, die es nicht „verdienen“, in den Vereinigten Staaten zu sein. Darüber hinaus untersucht das Buch, wie solche rassistischen Ideologien benutzt werden, um „Selbstdeportationen“ zu motivieren. Das Hauptmittel dazu ist Angst, mit der Gemeinschaften von Einwanderer:innen terrorisiert werden. Als Ergebnis kommt der Autor zu dem Schluss, dass die Zahl der „freiwilligen“ Abschiebungen deutlich höher ist, als die offiziellen Daten vermuten lassen. In der Tat ist es fast unmöglich, sie zu quantifizieren. Goodman insistiert darauf, dass unter „Abschiebung“ alle Ausweisungsmechanismen gefasst werden, einschließlich der Selbstabschiebungen und freiwilligen Ausreisen.

Kapitel 1 beschreibt die verschiedenen Mechanismen und ideologischen Faktoren, die die Entstehung der Deportationsmaschinerie in den Vereinigten Staaten begünstigten. Kapitel 2 stellt die Funktionsweise dieser Mechanismen aus historischer, politischer und ideologischer Perspektive dar, während Kapitel 3 einen wertvollen Beitrag zum Verständnis der menschlichen Kosten der Abschiebungsmaschinerie leistet, die aufgrund der informellen Natur der Abschiebung unbekannt bleiben. Das vierte Kapitel untersucht die Mechanismen der Krise und der Politik der Furcht, mittels derer Immigrant:innen zu Selbstdeportationen angeregt werden. Kapitel 5 befasst sich mit Ereignissen, in denen Immigrant:innen für ihre Rechte kämpften und das letzte Kapitel analysiert, wie die rassistischen und fremdenfeindlichen Narrative der Abschiebungsmaschinerie, die Einwanderer:innen kriminalisieren, in der Gegenwart fortbestehen und die Grenzen der USA überschreiten. Als Beispiel dafür, wie solche Narrative andere Gebiete durchdringen, verweist Goodman auf Mexikos Bemühungen, arme Mittelamerikaner:innen, die vor Armut fliehen, zu stoppen, zu entfernen und zu kontrollieren.

Goodmans Darstellung von Selbstabschiebungen und freiwilliger Rückkehr als nicht-legale, nicht-institutionalisierte oder nicht-verfolgte Formen der Abschiebung ist sehr aufschlussreich, insbesondere wenn er die unermesslichen Auswirkungen solcher Taten auf Individuen, Familien und Gemeinschaften darstellt. Für Goodman sind Selbstabschiebungen und freiwillige Rückführungen das Ergebnis sowohl formeller als auch informeller Durchsetzungstaktiken wie Angst, Gerüchte und Geschichten, die in Nachbarschaften und Gemeinden kursieren, was zu einer ständigen Terrorisierung von Einwanderer:innen und damit zu ihrer erzwungenen Ausreise führt. Durch Interviews, Berichte und statistische Daten zeigt er, wie diese subtilen Taktiken eine grundlegende Rolle bei der Schaffung und Etablierung inoffizieller Mechanismen der Abschiebung spielen. Als ein Beispiel für informelle Durchsetzungstaktiken erzählt Goodman, wie zwischen der Großen Depression und der „Operation Wetback“ Tausende von Mexikaner:innen „freiwillig“ die Vereinigten Staaten verließen. Wie Goodman feststellt, machen die freiwilligen Ausreisen 85 Prozent der fast 57 Millionen Gesamtausweisungen während der letzten 125 Jahre aus (S. 208). In Wirklichkeit waren diese freiwilligen Ausreisen jedoch das Ergebnis von verdeckten Aktionen der US-Regierung und nicht das einer autonomen Entscheidung der Einwanderer:innen. Goodman belegt, dass die freiwillige Ausreise mexikanischer Migrant:innen gefördert wurde durch ihre Kriminalisierung und Dämonisierung sowie die Angst, die in ihren Gemeinden geschürt wurde.

Goodman betont sowohl die finanziellen als auch die emotionalen Kosten der Abschiebung. Aufgrund der Art und Weise, wie Abschiebungen vollstreckt werden, können die vollen emotionalen und finanziellen Konsequenzen für die Immigrant:innen nicht richtig eingeschätzt werden. Die emotionalen Kosten sind übrigens, wie Goodman nicht müde wird zu betonen, unabhängig von der Abschiebemethode (per Schiff, Zug, Bus oder Flugzeug) oder der Form der Abschiebung (formelle Abschiebung, Selbstabschiebung oder freiwillige Abschiebung). Das erzwungene oder „freiwillige“ Verlassen der Vereinigten Staaten verläuft für die Einwanderer:innen in der Regel traumatisch. Die entstehenden finanziellen, physischen und psychischen Härten im Abschiebeprozess sind dabei nicht zufällig, sondern werden durch die Gestaltung des Einwanderungssystems aktiv konstruiert.

Kriminalisierung war eine häufige Strategie während der Abschiebung, und zwar mit dem Ziel, eine Abschiebung leichter durchsetzen zu können. Zugleich diente die Kriminalisierung durch die „Abschiebemaschine“ dazu, Migrant:innen eine Lektion zu erteilen, um sie und ihre Gemeinschaften von einer erneuten Migration in die Vereinigten Staaten abzuhalten. Eine solche Perspektive hilft uns zu verstehen, wie Regierungen auf der ganzen Welt mit unerwünschten und armen Einwanderer:innen innerhalb ihres Territoriums umgehen.

Besonders überraschend ist das dritte Kapitel „The Human Costs of the Business of Deportation“. Darin zeigt Goodman, wie häufig es fragwürdige Kooperationen zwischen privaten Unternehmen und staatlichen Stellen gibt, die auch die Komplizenschaft ausländischer Regierungen miteinschließen. Hier ergibt sich Raum für weitere Forschungen, etwa bei der Frage nach der Rolle ausländischer Regierungen bei der Aufnahme von Abgeschobenen. Ich hätte mir auch im Zusammenhang mit dem großartigen fünften Kapitel über den Widerstand gegen Deportationen eine ausführlichere Würdigung der Richter:innen an den Immigration Courts gewünscht, die speziell im Bundesstaat Kalifornien oft eine progressive Position einnehmen und deswegen von Seiten des Department of Justice unter Druck geraten. Speziell seit der Trump-Administration haben deswegen etliche Richter:innen ihr Amt aus Protest niedergelegt.

Dessen ungeachtet wird die breit angelegte historische und politische Perspektive dieses Buches für die akademische Forschung, die politischen Debatten und Aktivist:innen internationaler Migration von großer Bedeutung sein. Goodmans umfassendere Definition von Abschiebung, die auch freiwillige Ausreisen einschließt, ist wesentlich für das Verständnis der Funktionsweise der Abschiebemaschinerie. Obwohl sich das Buch auf die Deportationsmaschinerie in den Vereinigten Staaten konzentriert, hilft es doch, die internationale Migration im weiteren Sinne zu verstehen, vor allem weil es aufzeigt, wie die Kriminalisierung und Dämonisierung armer Einwanderer:innen nicht nur ein US-Phänomen, sondern auch ein globaler Trend ist.

Redaktion
Veröffentlicht am
02.04.2021
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