A. Schillig: Materielle Kultur und Familie in der Schweiz (1700–1900)

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Titel
Hausgeschichten. Materielle Kultur und Familie in der Schweiz (1700–1900)


Autor(en)
Schillig, Anne
Erschienen
Zürich 2020: Chronos Verlag
Anzahl Seiten
220 S.
Preis
CHF 38,00
Philip Hahn, Seminar für Neuere Geschichte, Eberhard Karls Universität Tübingen

Anne Schillig schlägt in ihrem Buch „Hausgeschichten“ eine Brücke zwischen historischer Familienforschung und der Erforschung von Häusern als materielle Objekte. Sie fragt danach, wie „veränderte Familienkonstellationen“ (S. 14) mit Transformationen ländlicher Architektur zwischen 1700 und 1900 zusammenhingen. Der Zeitrahmen der Untersuchung stellt die sogenannte Sattelzeit in den Mittelpunkt, gibt ihr aber einen großzügigen Rahmen, um längerfristige sozial- und baugeschichtliche Entwicklungen im ländlichen Raum nachzuverfolgen. Der Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass neuzeitliche europäische Familienformen in ihrem historischen Wandel zwar seit den 1960er-Jahren eingehend erforscht worden sind, Häuser als materielle Objekte jedoch von der Sozialgeschichte weitgehend ignoriert wurden. Auch die seit einigen Jahren wachsende Aufmerksamkeit der Geschichtswissenschaft für Aspekte materieller Kultur habe daran bislang wenig geändert. Die Verfasserin führt dies unter anderem auf die selektive Wahrnehmung von Forschungen in anderen Disziplinen seitens der Geschichtswissenschaft zurück. Vor allem die Arbeiten der Hausforschung seien so gut wie gänzlich übersehen worden, was unter anderem auf deren meist regionalen Zuschnitt und Fokus auf bautechnische Fragen zurückzuführen sei.

Angesichts dieser disparaten Forschungslage sieht Schillig ihre Aufgabe zunächst einmal darin, die für ihre Fragestellung relevanten Ansätze und Forschungsergebnisse aus Geschichtswissenschaft, europäischer Ethnologie und Bauforschung aus mehr als einhundert Jahren zu bündeln. Sie hat neben Geschichte und Germanistik auch Ethnologie studiert, was ihren interdisziplinären Blick auf das Thema prägt. Freilich kann die Übertragung ethnologischer Ansätze auf die Sozialgeschichte bereits auf eine lange Tradition zurückblicken.[1] Schillig fordert jedoch vor allem eine verstärkte „Bereitschaft universitärer Forschung, stärker mit Institutionen ausserhalb der Akademie, wie dem Freilichtmuseum [Ballenberg], zusammenzuwirken“ (S. 160). Außerdem plädiert sie berechtigterweise für eine „Neujustierung des bestehenden Quellenbegriffs“, da „Sachquellen“ und Fragen materieller Kultur gegenüber Schriftquellen nach wie vor eine nachgeordnete Bedeutung zukomme.

In den empirischen Teilen gelingt es der Verfasserin auch, das Potenzial zumeist nicht oder nur abgelegen publizierter musealer Forschungsarbeiten für die historische Analyse aufzuzeigen. Der Aufbau der Arbeit entlang etablierter Forschungsrichtungen steht dem jedoch etwas im Weg, denn die Darstellungen des Forschungsstands zur materiellen Kultur (Kap. 2), der Hausforschung (Kap. 3) und der historischen Familienforschung (Kap. 4) nehmen (allzu) breiten Raum ein und durchziehen fast die ganze Arbeit. Erst jeweils am Ende der Kapitel 3 und 4 folgt die Analyse des historischen Materials, in beiden Fällen auf der Basis bereits vorliegender Forschung. Auch wenn die Bandbreite der berücksichtigten Forschungsarbeiten und die souveräne Pointierung der jeweiligen Ansätze beachtlich ist, verleiht dies dem Buch doch zuweilen den Charakter eines Handbuchs.

Durch die Dominanz der Darstellung des Forschungsstands geht zumindest der erste der beiden empirischen Teile der Arbeit, die diachrone Analyse einer Auswahl von 50 aussagekräftigen Fallbeispielen aus der Reihe „Die Bauernhäuser der Schweiz“ (39 Bände, publiziert 1965–2019), förmlich unter und ist aus Sicht des Rezensenten viel zu knapp ausgefallen: Auf wenigen Seiten (S. 59–69) fasst Schillig ihre Beobachtungen stark abstrahierend zusammen. Den Leser:innen bleibt es überlassen, sich eine Tabelle im Anhang selbst genauer anzuschauen, in der Angaben zu Standort, Datierung, Gebäudetyp, Material, Raumgefüge, Fenster und Türen, Ausstattung und Wohnkultur, Bewohnern und dokumentierten Umbauphasen der einzelnen Häuser versammelt sind.

Lediglich das letzte Kapitel „Hausgeschichten“ ist primär empirisch angelegt und bietet Fallstudien von fünf ausgewählten Häusern aus dem ländlichen Raum aus unterschiedlichen Schweizer Regionen. Vier davon wurden bereits vor Jahrzehnten ins Schweizer Freilichtmuseum Ballenberg transloziert; nur eines steht noch am ursprünglichen Standort. Schillig weist quellenkritisch darauf hin, dass es sich bei den Häusern in Freilichtmuseen um kuratierte Museumsobjekte handelt und betont daher die Bedeutung begleitender schriftlicher Überlieferung für die Interpretation der Befunde. An den fünf Fallbeispielen macht die Verfasserin zahlreiche erhellende Beobachtungen, von denen einige an dieser Stelle erwähnt sein sollen. Schillig beschreibt etwa das Beispiel eines Hauses aus dem Baselland, das sich über mehr als 200 Jahre im Besitz einer Familie befand, die die zwei Wohngeschosse je nach Familienkonstellation geteilt oder zusammen nutzten. Ein Bauernhaus aus der Westschweiz wiederum dokumentiert zahlreiche Umbauten und die zeitweilige Kohabitation von zwei Generationen der Bauernfamilie, zweier Untermieterinnen und eines dreiköpfigen Handwerkerhaushalts. Für ein Doppelhaus aus dem Berner Oberland sind für die knapp 200 Jahre des Beobachtungszeitraums mehr als 20 Besitzerwechsel dokumentiert, woraus sich „ein verworrenes Netz aus verwandten und nicht verwandten Hausbesitzern und -besitzerinnen“ entwickelt habe (S. 133).

Interessant sind auch Schilligs Ausführungen zur Nutzung der Wohnräume: Bei nachträglicher Aufteilung eines Hauses z.B. wurde nicht immer eine zweite Herdstelle eingebaut, sodass die Nutzungsrechte der Gemeinschaftsküche ausgehandelt werden mussten. Anders als in der städtischen Wohnkultur blieb die bäuerliche Stube bis weit ins 19. oder sogar 20. Jahrhundert hinein ein multifunktionaler Raum, der zum Wohnen, Essen, Schlafen und zur Heimarbeit genutzt wurde. An der Vergabe der Räume an die einzelnen Bewohner:innen lassen sich zum einen funktionale Überlegungen (Heizbarkeit, Qualität der Einrichtung, Licht), zum anderen ihre sozialen Rollen ablesen. Während die Häuser selbst oft die Jahrhunderte überdauerten, erforderten Veränderungen im Familienzyklus räumliche Flexibilität im Inneren, die durch das Einziehen von Zwischenwänden und -decken realisiert wurde. Schillig spricht daher von „modulare[r] Raumaufteilung“ (S. 154). Allerdings stößt die Erfahrbarkeit dieser Hausgeschichten im Freilandmuseum an ihre Grenzen, da meist nur ein (später) Zeitschnitt dargestellt wird und spätere, mitunter qualitativ minder gebaute Anbauten oft nicht wieder aufgebaut wurden.

Wie sich die Verfasserin die von ihr reklamierte Erweiterung des „üblichen Forschungs- und Erkenntnisprozesses um die Perspektive des Haptisch-Kognitiven“ in der konkreten Umsetzung vorstellt, ist dem Rezensenten leider nicht deutlich geworden (S. 159 und Begehungsprotokoll S. 165). Es ist auch bedauerlich, dass bildliche Darstellungen nicht als Quelle herangezogen wurden (noch nicht einmal das auf dem Umschlag abgedruckte Gemälde einer Bauernstube um 1840), während literarische Quellen immerhin bei einem Hausbeispiel in produktiven Dialog mit dem materiellen Befund gesetzt werden.

Die Verdienste dieser Arbeit liegen also erstens in der Zusammenschau der Forschung zu Haus und Familie aus unterschiedlichen Disziplinen und darin, deren Anschlussfähigkeit für aktuelle geschichtswissenschaftliche Diskussionen zur materiellen Kultur aufzuzeigen. Sie offenbart dabei zugleich, wie sich Verschiebungen methodischer Trends und Konjunkturen bestimmter Forschungsgegenstände sowie das jahrzehntelange Ignorieren der Arbeiten in anderen Disziplinen inner- und außerhalb der Universität mitunter negativ auf den Forschungsstand eines Themas auswirken können. Zweitens geht die Verfasserin mit gutem Beispiel voran, indem sie die außeruniversitäre Wissensproduktion von Expert:innen der Geschichte materieller Kultur (hier: in Museen) ernst nimmt.

Anmerkung:
[1] Erwähnenswert sind v.a. die Arbeiten von Hans Medick, die Schillig aber merkwürdigerweise ignoriert: vgl. Hans Medick, „Missionare im Ruderboot“? Ethnologische Erkenntnisweisen als Herausforderung an die Sozialgeschichte, in: Geschichte und Gesellschaft 10 (1984), S. 295-319.

Redaktion
Veröffentlicht am
10.09.2021
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit infoclio.ch (Redaktionelle Betreuung: Eliane Kurmann und Philippe Rogger). http://www.infoclio.ch/