A. Jaser u.a. (Hrsg.): Walther Rathenau: Briefe

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Titel
Walther Rathenau: Briefe, Teilband 1: 1871-1913, Teilband 2: 1914-1922. Walther Rathenau-Gesamtausgabe, hrsg. für die Walther Rathenau Gesellschaft von Hans Dieter Hellige und Ernst Schulin, für das Bundesarchiv von Tilmann Koops


Herausgeber
Jaser, Alexander; Picht, Clemens; Schulin, Ernst
Reihe
Schriften des Bundesarchivs 63 V I/ V II, Walther Rathenau-Gesamtausgabe V 1/ V 2
Erschienen
Düsseldorf 2006: Droste Verlag
Anzahl Seiten
Band V (2. Bände) 2829 S.
Preis
€ 182,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Johannes Mikuteit, Fachreferent für Rechtswissenschaft und Kulturgeschichte, Universitätsbibliothek Kiel

Auf fast dreitausend Seiten breiten Alexander Jaser, Clemens Picht (†) und Ernst Schulin in dem von ihnen herausgegebenen Band V der Walther Rathenau-Gesamtausgabe ein umfangreiches Quellenmaterial in zwei Teilbänden aus, das nicht nur der Forschung über Walther Rathenau (1867-1922) selbst, der zugleich Ingenieur, Industrieller, Bankier, Wirtschaftsorganisator sowie Schriftsteller in einer Person war, reichlich neue Nahrung bietet. Die insgesamt 3088 Briefe, ganz überwiegend von Walther Rathenau an zahlreiche Adressaten in der Zeit von 1871 bis 1922 gerichtet, sind eine wahre Fundgrube für die Kultur-, Sozial-, Technik-, Industrie- und nicht zuletzt Politikgeschichte des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Die Herausgeber haben die Briefe unter großer Mühe zusammengetragen, die jeweilige textliche Grundlage überprüft, datiert und kommentiert. Für diese Ausgabe stand erstmals das gesamte überlieferte Quellenmaterial zur Verfügung, darunter viele lange Zeit unbekannte Briefe aus dem in Moskau Anfang der 1990er-Jahre wieder entdeckten Nachlass Rathenaus. Der Band ist mit einer instruktiven Einleitung, einer hilfreichen Zeittafel und einem umfangreichen Personenindex versehen.

Im Unterschied zu früheren Briefeditionen haben die Herausgeber des vorliegenden Bands keinen Brief gekürzt. Es musste aber eine Auswahl nach dem Kriterium der jeweiligen inhaltlichen Bedeutsamkeit getroffen werden. Weder konnten sämtliche überlieferten Briefe von Rathenau noch viel weniger alle an ihn gerichteten Briefe vollzählig gedruckt werden. Allein aber die Fülle der veröffentlichten Briefe und die darin behandelte Vielzahl an Themen erlauben es, einen vertieften Eindruck von der Rathenauschen Korrespondenz zu gewinnen. Mit Ausnahme des bereits 1983 im Rahmen dieser Gesamtausgabe erschienenen Briefwechsels mit Maximilian Harden werden alle früheren Ausgaben der Briefe von und an Walther Rathenau damit zu historischen Relikten ihrer Entstehungszeit.

Der erste edierte Brief aus der Hand des keine vier Jahre alten Walters (noch ohne „h“) ist 1871 an seinen Vater Emil Rathenau, den nachmaligen Gründer der legendären AEG adressiert. Den letzten Brief der Edition verfasste Rathenau als deutscher Außenminister zwei Tage vor seiner Ermordung am 24. Juni 1922. Die Briefe dokumentieren die psychologisch aufschlussreiche Entwicklung Rathenaus seit seinen Schüler- und Studententagen während der Take-off-Phase der deutschen Wirtschaft in einer jüdischen Industriellenfamilie, deren inneres Gefüge nicht anders als spannungsreich zu charakterisieren ist. Dabei zeigen die Briefe den ebenso hoch- wie vielseitig begabten Rathenau als einen von Jugend an ehrgeizigen Menschen, der fleißig wie zielstrebig an seinem beruflichen und sozialen Aufstieg arbeitete und dafür sämtliche Chancen nutzte, die ihm seine privilegierte Herkunft aus begüterter Familie reichlich bot. Die teilweise ausführlichen Briefe des jungen Rathenau von seinem Studienort Straßburg sowie von Reisen besonders an seine Mutter zeigen einen aufmerksamen und scharfen Beobachter, der bisweilen kurzweilig und amüsant, zuweilen aber auch nicht frei von scharfzüngiger Bissigkeit und ironischem Dünkel berichtet, jedoch als Mensch selten glücklich erscheint. Sensibel registriert er die gegen ihn und andere Juden auftretenden antisemitischen Angriffe und Diskriminierungen. Interessant ist, wie stark zumindest in seiner Jugend Rathenau nicht nur in der verzweigten jüdischen Familie lebte, sondern sich auch ganz überwiegend in einem Zirkel von jüdischen Mitschülern und Kommilitonen, Freunden und Bekannten bewegte.

Bereits der junge Ingenieur und Industrielle setzte sich auf seiner wenig geliebten ersten beruflichen Position in einem Schweizer Werk der jungen Aluminiumindustrie mit den modernen geistig-literarischen Strömungen seiner Zeit kritisch auseinander. Einige Vertreter dieser Avantgarde gehörten später zu seinen Korrespondenzpartnern. Darunter erscheint besonders prominent Gerhart Hauptmann wie auch viele andere bekannte und weniger bekannte Geistesgrößen. Enge persönliche Freundschaften Rathenaus lassen sich in dem weit verzweigten Beziehungsgeflecht wenigstens über einen längeren Zeitraum aber nur selten feststellen. Rathenaus berufliche Karriere verlief nicht geradlinig. Er führte beruflich ein bewegtes Leben in verschiedenen Funktionen, auf wechselnden Stationen und häufigen Reisen.

In allen Bänden der Gesamtausgabe werden insgesamt über 4000 Briefe Rathenaus veröffentlicht sein. Das bedeutet nicht, wie die Herausgeber zu Recht betonen, dass die vorliegende Ausgabe von Rathenaus privater und geschäftlicher Korrespondenz deshalb „entpolitisiert“ wäre. Vielmehr hat der überaus produktive Briefschreiber Rathenau, der sich allmählich zu einem bedeutenden Stilisten und bemerkenswerten Vertreter der deutschen Briefkultur des 19. und 20. Jahrhunderts entwickelte, auch privat ausführlich und in der Sache häufig sogar deutlicher zu politischen und militärischen Fragen Stellung bezogen. Die Politik begann Rathenau aber erst in den Jahren nach der Jahrhundertwende stärker zu interessieren. Wiederholt stellte er als Fachmann seine Expertise in Regierungsdienste. Abgesehen von wenigstens einem ebenso vorsichtigen wie frühzeitig gescheiterten Vorstoß ins parlamentarische Leben als Parteipolitiker blieb Rathenau bis zum Ende des Kaiserreichs vorwiegend an der aristokratisch dominierten Beamtenregierung orientiert, pflegte Kontakte zu Regierungsvertretern, Diplomaten und zum jeweiligen Reichskanzler, ließ sich vom Kaiser selbst empfangen, hielt aber trotz all seiner öffentlich geäußerten Kritik und seiner Überzeugung von der Reformnotwendigkeit der existierenden Institutionen sichere Distanz zu politisch radikalen Tendenzen und Bewegungen.

Bei der Lektüre der brieflichen Hinterlassenschaft entsteht insgesamt der Eindruck eines ungewöhnlich spannungsreichen Lebens – eines Lebens, geprägt von vielen Widersprüchen, Schwierigkeiten und Belastungen, das sich in Rathenaus Briefen, verfasst während einer relativ kurzen Lebensspanne mit tragischem Ende, eindrucksvoll spiegelt. Diese Briefdokumente gewähren aber nicht nur Einblicke in unterschiedlichste Milieus und Lebenswelten in der Zeit des wilhelminischen Deutschlands, als Rathenau sich zu derjenigen Ausnahme- und Außenseiterpersönlichkeit entwickelte, die nicht allein seinen Zeitgenossen oft rätselhaft erschien. Darüber hinaus werden seine letzten Lebensjahre in der noch jungen, von Krisen geschüttelten Weimarer Republik dokumentiert, wobei die letzten Briefe aus diesem Zeitabschnitt, darunter viele an Unbekannte, inhaltlich oft wenig ergiebig sind. In der Republik gelang Rathenau nach anfänglicher Ablehnung schließlich die Übernahme von politischen Aufgaben und zuletzt als Minister sogar der lange ersehnte Aufstieg in hohe Staatsämter, ohne aber je politisch in der parlamentarischen Demokratie oder auch nur in seiner eigenen Partei, der Deutschen Demokratischen Partei (DDP), wirklich eine politische Heimat finden zu können. Sein gewaltsamer Tod erschütterte die Republik bis in ihre Grundfesten.

Vieles von dem, was in den Briefen steht, ist nicht neu. Der Forschung stand bereits in den vergangenen Jahrzehnten aussagekräftiges Quellenmaterial zur Verfügung. Aber die Briefe erlauben manch neuen, detaillierten Blick auf Leben, Werk und Wirken Rathenaus. Welche Höhen und Tiefen dieser von vielen geehrte, ja verehrte, gleichzeitig viel geschmähte deutsche Jude als „Repräsentant, Kritiker und Opfer seiner Zeit“ (Ernst Schulin) [1] durchmessen hat, bevor er zu einer nie unumstrittenen Ikone der Weimarer republikanischen Kreise werden konnte, lässt sich nun erstmals frei von allen Versuchen zur Beschönigung anhand seiner Briefe nachvollziehen. Mancher Legende, manchem Mythos über diese problematische Figur kann jetzt wohl endgültig der Nährboden entzogen werden.

Zu widersprüchlich, undurchsichtig und rätselhaft ist und bleibt aber, was wir über Rathenau wissen, um je zu einem abschließenden Urteil über diese ungewöhnliche Persönlichkeit zu kommen. Leichter schon lässt sich benennen, was Rathenau, anders als seine zahlreichen Feinde und Gegner meinten, sicherlich nicht war – kein alljüdisch-antideutscher Verschwörer oder Vaterlandsverräter, kein Mitglied einer Clique von skrupellosen Großkapitalisten, auch kein typischer Wilhelminist, wenn auch die vorherrschenden Strömungen seiner Zeit nicht spurlos an ihm vorbeigingen. Als überzeugter Liberaler oder unzweifelhafter Demokrat ist Rathenau aber auch kaum treffend charakterisiert. Wohl nicht zuletzt deshalb hat das Andenken Rathenaus in Deutschland bis heute keinen festen Platz in der kollektiven Erinnerung gefunden und wird wahrscheinlich auch nie einen finden. So kann es auch als durchaus zweifelhaft gelten, ob das Erscheinen der Walther Rathenau-Gesamtausgabe, künftig hoffentlich in kürzeren Intervallen als bisher, an diesem Zustand etwas zu ändern vermag. Unser Wissen über Walther Rathenau und seine Zeit wird durch diese hervorragende Edition aber in jedem Falle bedeutend bereichert.

Anmerkungen
[1] Schulin, Ernst, Walther Rathenau. Repräsentant, Kritiker und Opfer seiner Zeit, Göttingen 1979.