M. Millan / A. Saluppo (Hrsg.): Corporate Policing

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Titel
Corporate Policing, Yellow Unionism, and Strikebreaking, 1890–1930. In Defence of Freedom


Herausgeber
Millan, Matteo; Saluppo, Alessandro
Erschienen
London 2020: Routledge
Anzahl Seiten
298 S.
Preis
£ 96.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Klaus Weinhauer, Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie, Abteilung Geschichte, Universität Bielefeld

Die Erforschung von Streiks und die Analyse der Polizei sind geschichtswissenschaftliche Themenfelder, die bisweilen unverbunden nebeneinander stehen. Der von Matteo Millan und Alessandro Saluppo herausgegebene Band erfüllt eine wichtige Brückenfunktion zwischen diesen Themenfeldern. Fokussiert auf die 1890er- bis 1930er-Jahre werden drei miteinander verflochtene Problemkomplexe untersucht: bürgerlich-private Gewaltorganisationen, wirtschaftsfriedliche („gelbe“) Gewerkschaften und organisierter Streikbruch. Die Publikation entstand aus einem Workshop an der Universität Oxford vom Oktober 2018, veranstaltet und finanziert vom Department of Historical and Geographical Sciences and the Ancient World der Universität Padua sowie dem Oxford Centre for European History (OCEH). Eingebettet ist die Publikation in ein European Research Council (ERC)-Projekt über politische Gewalt und bewaffnete Organisationen vor dem Ersten Weltkrieg.

Der Band umfasst 15 Beiträge, verteilt auf drei Haupteile (Institutional Responses; Strikebreaking Tactics and Practices; Civic and Industrial Vigilantism); hinzu kommt ein Vorwort von Geoff Eley.[1] In dieser Rezension werde ich mich auf die übergeordneten Beiträge (Vorwort, Einleitung, Zusammenfassung) konzentrieren, anschließend Aufsätze vorstellen, die aus meiner Sicht besonders wichtige Ergebnisse herausgearbeitet haben, und zuletzt zwei Anregungen für weitere Forschungen formulieren, die sich aus diesem Band ergeben.

Geoff Eleys Vorwort rahmt den Band mit der Frage ein, was sich politisch zwischen 1890 und 1930 verändert hat. Ausgehend von deutschen Beispielen betont er nicht nur die Zäsur des Ersten Weltkriegs, sondern betrachtet die Jahre 1918/19 bis 1923 europaweit als einen kaum zu überschätzenden Einschnitt. Bis 1914 entstand eine allmähliche Pazifizierung von Arbeitskonflikten; antisozialistische Gewalt blieb trotz aller situativer Brutalität gesetzlich und politisch gerahmt. Der Erste Weltkrieg zerstörte diese „political culture of relative civility“ (S. xxi). Nach dem doppelten Trauma des verlorenen Kriegs und einer von Arbeitern vorangetrieben Revolution kehrte die politische Rechte der Demokratie endgültig den Rücken, und Faschismus galt als sehr gewaltsame außerparlamentarische Krisenlösung. Wie die Herausgeber in ihrer Einleitung betonen, will der Band dazu beitragen, eine bisher vergessene Seite der Arbeitsbeziehungen zu analysieren. Grundsätzlich geht es um private Gewaltorganisationen und ihren Platz im staatlichen Gewaltmonopol. Die langfristige Perspektive soll verdeutlichen, dass Bestrebungen, das bürgerliche Europa neu zu fundieren, nicht erst nach dem Ersten Weltkrieg entwickelt wurden, sondern bis in die 1880er-Jahre zurückreichen. Daran anknüpfend ließe sich resümieren, der Band bietet Einblicke in solche bürgerliche Ordnungsvorstellungen, in denen arbeitsbezogene soziale Konflikte autoritär eingehegt bzw. unterdrückt werden sollten.

Gewaltbewehrter Streikbruch war eine dieser autoritären Gegenmaßnahmen in einer Zeit, in der wirtschaftliche Macht grundlegend umkämpft war und sich auch staatliche Akteure bei größeren Streiks massiv herausgefordert wähnten, so Martin Conway in seiner Zusammenfassung. Aus westlicher Sicht lieferten diese umkämpfe globale Ökonomie sowie die darin eingebetteten unsicheren Machtverhältnisse zwischen den 1880er- und den 1930er-Jahren ein Setting für hoch konfrontative und gewaltsame Konflikte. Nach dem Zweiten Weltkrieg verschwand Streikbruch zwar nicht von der Bildfläche, war aber eingebettet in institutionell gerahmte industrielle Beziehungen. Unternehmer, Arbeiterschaft und Staat waren viel stärker miteinander verflochten. Hinzu kam die Professionalisierung von Polizei, die Gewalt dosierter und weniger konfrontativ einsetzte. Dieses Setting wurde erst seit den 1970er-Jahren wieder erschüttert.

Das bisherige Aufmerksamkeitsdefizit gegenüber den im Band untersuchten Themen lag nicht nur an der schlechten Quellenlage, auf die sowohl die Einleitung als auch die Zusammenfassung verweisen. Vielmehr passten die im Band untersuchten Akteure, letztere oft vernetzt mit mehr oder weniger militanten rechten Subkulturen oder delinquenten Milieus, kaum in das Repertoire einer auf Arbeiterorganisationen, deren Eliten oder Modernisierungs- und Demokratisierungsaspekte ausgerichteten Forschung.[2] Der vom Ende des Kalten Krieges mitbeeinflusste Niedergang der alten Arbeiterbewegungsgeschichte bot dann zwar Raum für neue Fragen; dennoch müssen auch solche Studien sich zunächst mit dieser älteren Forschung und ihren Konzepten auseinandersetzen. Diese explizite Abarbeitung an bisherigen Positionen und Ansätzen, um dann das Neue klar zu konturieren, hätte dem Band noch mehr Innovationskraft verliehen. Erstens waren die älteren Arbeiten oft nationalstaatlich ausgerichtet und fokussiert auf Industriebranchen wie Metall, Bergbau oder Chemie. Für die globale Ökonomie wichtige Transportsektoren wie Häfen, Schifffahrt, aber auch Eisenbahnen standen seltener im Mittelpunkt, wenngleich sich das allmählich ändert. Zweitens wurde mit klar abgegrenzten Entitäten wie Staat und Unternehmen oder, wie bereits angedeutet, stark organisations- und elitenzentriert geforscht. Nur wenige alltags- und/oder kulturgeschichtliche Studien nahmen dabei die Interaktion zwischen den verschiedenen Akteuren genau in den Blick. Drittens blieben in fast allen Studien das bürgerliche Milieu sowie die Presse als eigenständiger Akteur jeweils eine Blackbox. Nachfolgend sollen einige Beiträge des Sammelbands genauer vorgestellt werden, die Anregungen liefern, um diese drei Defizite zu überwinden.

Der Beitrag von Charles Bégué Fawell verdeutlicht die Erkenntnismöglichkeiten, wenn die globalen Verflechtungen von Häfen und Schifffahrt in den Blick genommen werden. Er untersucht die Arbeiterpolitik der größten Schifffahrtslinie Frankreichs auf der Route Europa – Asien, die Compagnie des Messageries Maritimes, vor allem deren Verbindung von Marseille nach Yokohama. Zum einen wird gezeigt, dass an der Konfrontation zwischen Arbeitern und Unternehmen ein sehr komplexes Geflecht verschiedener Akteure beteiligt war, die es jeweils genau zu untersuchen gilt; denn nicht nur der abstrakte Staat war involviert. Wie der Autor überzeugend nachweist, interpretierten lokale Konsulate, Bürokratien und Polizeiorganisationen in den jeweiligen Häfen ihr Verhältnis zum kolonialen Staat sowie zu den einzelnen Schifffahrtslinien, ja zu einzelnen Schiffen und zu den jeweiligen Kapitänen höchst unterschiedlich, eigensinnig und kreativ. In diesem Setting erodierten scheinbar festgefügte Entitäten angetrieben von lokalen Mikroaushandlungen. Auch auf den Schiffen selber entwickelten sich situative Eigendynamiken, zum Beispiel waren die Fronten zwischen streikenden Seeleuten und angeheuerten Streikbrechern mitnichten klar zu bestimmen. Zum anderen betont der Autor nachdrücklich, dass Mobilität im Sinne einer „militancy in motion“ (S. 118), weniger die betriebliche Bindung wie in anderen Branchen, das Faustpfand der Seeleute war – sowohl in den Häfen als auch auf den Schiffen.

Die Aufsätze von Alessandro Saluppo zur bürgerlichen Freiwilligen-Polizei in England während der Streikphase von 1911 bis 1914 sowie von Matteo Millan über bewaffnete Mobilisierungen des Bürgertums in Bologna und Mailand (1919/20) verdeutlichen zweierlei. Einerseits wurde staatliches Handeln von den bürgerlichen Akteuren als zu wenig entschlossen eingestuft (England) bzw. der Staat selbst als zu schwach und durchzogen von Gegensätzen (Italien) betrachtet. Andererseits waren die Konfrontationen zwischen bewaffneten Freiwilligenorganisationen und Arbeitern auf bürgerlicher Seite weniger von großen politischen Ideologien getrieben als von der Suche nach Ordnung und von der autoritär grundierten Bekämpfung von Krisenwahrnehmungen.

Amerigo Caruso untersucht in seiner Mikrostudie die gewaltsame Niederschlagung von Streiks durch Streikbrecher(-organisationen). Zudem geht es – und das ist eine sehr wichtige Erweiterung des Forschungsfelds – um die mediale Darstellung dieser Konfrontationen im späten Deutschen Kaiserreich. Durch die intensive Presseberichterstattung in der sich abzeichnenden Mediengesellschaft gewannen diese Konfrontationen noch an Aufmerksamkeit. Zwar wurde staatliche Gewalt durch Wahlrecht und Massenpresse eingehegt, andererseits nahmen Bedrohungskommunikation und öffentliche Debatten über „Streikterrorismus“ zu und ließen soziale Konflikte sichtbarer werden. Demokratie und Massenpolitik eröffneten so neue Arenen für privat organisierte Gewalt unter dem Dach eines staatlichen Gewaltmonopols. Zudem kann Caruso zeigen, dass Streikbruch-Organisationen nicht nur Streikbrecher anwarben. Vielmehr boten sie translokal und transnational vernetzte Dienstleistungen an; dazu gehörten die Unterbringung und auch die Versorgung von Streikbrechern. Seit Ende des 19. Jahrhunderts verschmolzen organisierte Gewaltanwendung gegen Streikende und paramilitärische Bandenorganisation zu einem professionellen Geschäft, das durch staatliche Strafen kaum bedroht wurde.

Der Band regt zum Weiterdenken an. Zum einen sollte die von Eley angesprochene Umbruchphase zwischen 1914 und 1923 unbedingt genauer untersucht werden. Sie gewinnt im Band leider keine klaren Konturen. Welche Veränderungen gab es in der Bekämpfung von und in der Berichterstattung zu Arbeitskämpfen, gerahmt von Kriegsende und dessen erinnerungskultureller Verarbeitung, den Nachwirkungen der russischen Revolutionen und der Entstehung kommunistischer Organisationen, dem Ausbau sozialstaatlicher Leistungen sowie dem Aufstieg faschistischer Bewegungen – um nur einige Aspekte zu nennen. Zweitens legt die Lektüre des Bandes die Frage nahe, ob, inwieweit und für welchen Zeitraum selbst in europäischen Ländern jeweils überhaupt von einem staatlichen Gewaltmonopol gesprochen werden kann. Hier fehlt nach wie vor eine lokal basierte und translokal wie transnational informierte „historische Ethnographie des Staates“[3], die nach überlagernden und konkurrierenden Ordnungsansprüchen und darauf bezogenen (temporären) Loyalitäten fragt.

Diese Fragen angeregt sowie das Potential lokaler Studien demonstriert zu haben, gehört zu den großen Verdiensten dieses originellen Sammelbandes. Seine Lektüre ist nicht nur denjenigen zu empfehlen, die sich mit Streiks und deren gewaltsamer Bekämpfung sowie bürgerlichen Ordnungsvorstellungen und Konfliktmodellen befassen. Sie sei auch denen nahegelegt, die auf eher abstrakter Ebene über demokratische Potentiale in Staaten streiten.

Anmerkungen:
[1] Inhaltsverzeichnis des Sammelbandes: URL: <https://www.routledge.com/Corporate-Policing-Yellow-Unionism-and-Strikebreaking-1890-1930-In-Defence/Millan-Saluppo/p/book/9780367374129> (10.12.2021).
[2] Vgl. Jürgen Kocka, Arbeiterleben und Arbeiterkultur. Die Entstehung einer sozialen Klasse (Reihe: Geschichte der Arbeiter und der Arbeiterbewegung in Deutschland seit dem Ende des 18. Jahrhundert, Band 3), Bonn 2015, sowie die anderen Bände dieser Reihe.
[3] Michael Riekenberg, Geteilte Ordnungen. Eine Geschichte des Staates in Lateinamerika, Frankfurt am Main 2017, S. 19.