Cover
Titel
Neofaschismus in Italien. Politik, Familie und Religion in Rom. Eine Ethnographie


Autor(en)
Faust, Lene
Anzahl Seiten
366 S.
Preis
€ 40,00
Rezensiert für den Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie / Kulturanthropologie / Volkskunde" bei H-Soz-Kult von:
Patrick Wielowiejski, Institut für Europäische Ethnologie, Humboldt-Universität zu Berlin

Im Zuge des weltweiten Erstarkens autoritärer, neonationalistischer und rechtspopulistischer sowie -extremistischer Bewegungen in den letzten Jahren hat auch das Interesse der kulturanthropologischen Fächer an diesen Entwicklungen zugenommen. Noch vor wenigen Jahren wurde ein Mangel an empirischen Forschungen beklagt: Methodologische und forschungsethische Bedenken schienen einer ethnografischen Beschäftigung mit dem „repugnant other“[1] fundamental im Weg zu stehen – wenngleich sich Kulturanthropolog:innen freilich immer schon auch mit solchen Akteur:innen befasst hatten, mit denen sie nicht sympathisierten. Einigkeit bestand und besteht dennoch darüber, dass neben politikwissenschaftlichen und soziologischen Analysen gerade kulturanthropologische Zugänge vonnöten sind, die durch ihre Nähe zu den Akteur:innen ein tieferes Verständnis dieser neuen – und nicht so neuen – politischen Formationen ermöglichen können.

Erfreulich ist deswegen insbesondere, wenn ausführliche ethnografische Studien in Form von Monografien erscheinen, wie Lene Fausts Dissertation Neofaschismus in Italien. Politik, Familie und Religion in Rom. Eine Ethnographie. Faust erhebt den Anspruch, den italienischen Nachkriegsfaschismus als eine politische Subkultur in ihrer Gänze zu porträtieren und zu erklären, wie der Neofaschismus als kulturelle Identität zustande kam und aufrechterhalten wird. Die Studie ist im Gegensatz zu fokussierten Forschungen über einzelne Bewegungen auf Breite angelegt: Insgesamt werden drei Generationen und verschiedenste Zweige des neofaschistischen Netzwerks in Italien beschrieben, mit einem Fokus auf Rom. Dennoch besticht die Ethnografie durch die Tiefe ihres Materials und den beeindruckend umfassenden Zugang, den Faust zum neofaschistischen ambiente – wie ihre Forschungsteilnehmenden ihre politische Lebenswelt nennen – gefunden hat. Zugleich sind die normativen Schlussfolgerungen, die Faust in Bezug auf den richtigen zivilgesellschaftlichen Umgang mit Faschist:innen[2] zieht, brisant, und aus Sicht des Rezensenten problematisch. Die alte Frage, ob man „zuviel verstehen“ kann, wenn man es mit Faschist:innen zu tun hat, muss nach der Lektüre von Fausts Buch emphatisch mit Ja beantwortet werden.[3]

Faust untersuchte in ihrer Feldforschung (stationär von Januar 2012 bis April 2013, daran anknüpfend kürzere Aufenthalte bis 2015) die Identitätskonstruktionen des Neofaschismus, familiäre und politische Alltagspraktiken sowie deren rituelle und religiöse Dimensionen (insbesondere den Totenkult, den sogenannten presente). Dabei geht sie im Sinne der ethnologischen Netzwerkanalyse vor und betont vor allem den Aspekt der sozialen Zugehörigkeit jenseits ideologischer Positionierungen.

Faust unterscheidet drei Generationen (S. 47ff.): erstens die Generation der Veteranen, die nach dem Waffenstillstand vom 8. September 1943 auf der Seite der Norditalienischen Sozialrepublik (RSI) gegen die Alliierten und italienische Partisanenverbände gekämpft hatten und nach dem Krieg häufig in der neofaschistischen Partei Movimento Sociale Italiano (MSI) organisiert waren. Zweitens betrachtet sie die Generation der Kinder der Veteranen, die in den sogenannten „anni di piombo“ (bleierne Jahre) der 1970er- und 80er-Jahre politische Aktivist:innen gewesen waren, die durch heftige, gewaltvolle Auseinandersetzungen mit linksradikalen Aktivist:innen und dem Staat geprägt waren. Die dritte Generation definiert sie als jene, die zu jung für eigene politische Aktivitäten während der bleiernen Jahre waren und somit im Gegensatz zu den vorangegangenen beiden Generationen nicht in einen gewalttätigen Konflikt involviert waren und sind. Insgesamt stand Faust mit über 50 Personen in regelmäßigem Kontakt (S. 49).

Das Buch gliedert sich in sechs inhaltliche Kapitel, denen ein Prolog vorangestellt ist und auf die ein Anhang folgt. Den Kern machen die vier mittleren Kapitel aus. Das auf die Einleitung folgende zweite Kapitel befasst sich mit dem italienischen Nachkriegsfaschismus als einem in Raum und Zeit verorteten, Identität stiftenden Netzwerk. Das dritte Kapitel fokussiert die Verflechtungen von politischem und familiärem Raum: Es porträtiert die interne Dynamik verschiedener Familien aus dem Netzwerk im Hinblick darauf, wie sie den Zweiten Weltkrieg selbst erlebt haben und heute erinnern und welche Folgen die faschistische Täterschaft der Großväter für die folgenden Generationen hat. Diese ersten beiden Kapitel umfassen zusammen gut zwei Drittel des Buches. Die folgenden beiden legen den Fokus auf die zentrale legitimierende Instanz des Neofaschismus: die Toten (Kapitel 4) sowie die religiöse Komponente im Umgang mit ihnen (Kapitel 5).

Ausführlicher möchte ich auf das besonders diskussionswürdige dritte Kapitel eingehen, das sich dem „Zweite[n] Weltkrieg im Spiegel der Generationen“ (S. 147) widmet. Faust wertet ihr Material mithilfe der Erinnerungskulturforschung und (ethno-)psychoanalytisch aus. So geraten vor allem Fragen nach dem Verhältnis von Täterschaft und Traumatisierung im transgenerationalen Zusammenhang in den Blick. Die lebendigen, mitunter mitreißenden Porträts einzelner Familien gehören zu den stärksten Teilen des Buches. Sie zeichnen ein komplexes Bild unterschiedlicher Formen der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, die von Heldennarrativen und Selbstviktimisierung bis zum Verschweigen persönlicher Täterschaft und zur Last persönlicher Schuld reichen, von der Übertragung elterlicher Traumata auf die Kinder bis zu plötzlichen Konfrontationen, ausgelöst durch die Anwesenheit der Ethnografin selbst. Besonders hervorzuheben sind in diesem Zusammenhang auch die selbstreflexiven Analysen ihrer eigenen emotionalen Auseinandersetzung mit ihren Gesprächspartner:innen, darunter etwa Analysen ihrer Träume (S. 181f.). Dies ist im Sinne des Arguments gewinnbringend, auch wenn es bisweilen etwas pathetisch daherkommt.

Gemein ist den unterschiedlichen Dynamiken, dass sie familiäre Identitäten konstituieren, die wiederum die soziale Basis des faschistischen ambiente darstellen. Zugehörigkeit zur Familie scheint häufig Zugehörigkeit zum Neofaschismus zu implizieren oder gar unausweichlich zu machen. Faust folgert: „Die politische Umsetzung und Inbetriebnahme familiärer Traumata ist eine Übertragung des Individuellen in den Raum des politisch organisierten Kollektivs.“ (S. 250) Zweifellos ist dies eine reizvolle These, wobei sich einwenden ließe, dass sie in ihrer klaren Kausalität und psychoanalytischen Motivation spekulativ bleibt. Zudem verweist sie auf das Kernproblem der Arbeit, nämlich die nahezu vollständige Ausblendung der ideologischen Dimension. Sicherlich ist es sinnvoll, den Neofaschismus auch als soziokulturelle Identität zu betrachten, da nur unter Einbeziehung dieser Perspektive überhaupt verständlich wird, was ihn so langlebig und offenbar attraktiv macht. Doch was zunächst als legitime Eingrenzung der Fragestellung erscheint, führt Faust zu fragwürdigen normativen Schlussfolgerungen, was insbesondere im Prolog und im Fazit deutlich wird.

Der Prolog und das Fazit bilden eine Art ethisch-normative Klammer um die restlichen Kapitel und müssen insofern eigens besprochen werden, als sie den eigentlichen „Zündstoff“ (S. 12) des Buches enthalten: Faust problematisiert, dass der offizielle, „antifaschistische[] Erinnerungsdiskurs[]“ (S. 17) die Täter:innen ausschließe, und stellt die für das gesamte Buch leitende Frage, was passiere, wenn „nicht alle Toten einen Platz bekommen im öffentlichen Gedenken“ (S. 15). Obwohl Faust uns unmissverständlich zu verstehen gibt, dass sie selbst „antifaschistisch[]“ (S. 19) positioniert sei, geht es ihr letztlich darum, „auch ihnen [den Täter:innen, P.W.] ihre Menschlichkeit zurück[zu]geben“ (S. 16). Die ethische Kernthese des Buches, die erst im Fazit wieder aufgegriffen und in Gänze verständlich wird, läuft darauf hinaus, dass der gesamte Nachkriegsfaschismus auf einer unbearbeiteten Trauer über die eigenen Toten basiere, die in immer wiederkehrenden, kreisförmigen Gedenkritualen erneuert, aber ohne offizielle Anerkennung letztlich nicht durchgearbeitet werden könne. Die Wut auf die Niederlage im Zweiten Weltkrieg und die anschließende Marginalisierung im antifaschistischen Nachkriegsitalien nähre eine gewaltaffine Subkultur, die sich nur durch ihre Opposition zur Mehrheitsgesellschaft legitimieren könne. Es sei somit an der Mehrheitsgesellschaft selbst, die faschistischen Toten und ihr Gedenken zu integrieren, um zu erreichen, was aktuell unmöglich scheine: „Befriedung“ und „Versöhnung“ (S. 332).

Versöhnung mit dem Faschismus? Dies erscheint Faust gerade deswegen als ein erstrebenswertes Ziel, weil sie den Neofaschismus nahezu ausschließlich als kulturelle Identität betrachtet. Identitäten, so scheint es, bedürfen der Anerkennung, um friedliche Koexistenz zu ermöglichen. Doch der Faschismus beabsichtigt nicht friedliche Koexistenz mit der Demokratie; eine Anerkennung faschistischer Trauer impliziert seine Normalisierung, und das ist gefährlich. Dies entgeht Faust, weil sie der ideologischen Dimension zu wenig Beachtung schenkt. Das Buch ist indes nicht unkritisch; doch die Kritik scheint sich auf Gewalt zu beschränken, insbesondere auf das Töten und Morden im Krieg und während der bleiernen Jahre, und auf die daraus resultierende, unaufgearbeitete „Schuld“. Doch zu welcher Gewalt wären Faschist:innen erst in der Lage, wenn sie als identitäre Subkultur aufhören würden zu bestehen und stattdessen normalisierter Teil der Gesellschaft wären?

Fausts Ethnografie ist das beeindruckende Porträt einer – beängstigenderweise – lebendigen politischen Lebenswelt. Gerade der italienische Kontext eröffnet für deutschsprachige Leser:innen zahlreiche erhellende Vergleichsmomente. Der empirischen Stärke des Buches steht jedoch die Bedenklichkeit seiner normativen Implikationen gegenüber. „Neofaschismus in Italien“ ist damit ein diskutabler Beitrag zu der anhaltenden Diskussion darüber, wie die äußerste Rechte mit ethnografischen Mitteln erforscht werden kann.

Anmerkungen:
[1] Susan Harding, Representing Fundamentalism: The Problem of the Repugnant Cultural Other, in: Social Research 58 (1991), S. 373–393.
[2] Fausts Buch ist „[a]us Gründen der Leserlichkeit“ (11) durchweg im sogenannten generischen Maskulinum gegendert. Aus Gründen der Inklusivität verwende ich dennoch den Doppelpunkt (auch wenn von Faschist:innen die Rede ist, deren Weltbild ausschließlich zwei Geschlechter vorsieht).
[3] Unter dem Titel „Kann man zuviel verstehen?“ wurde im Tübinger Korrespondenzblatt Nr. 34 (November 1989) über den richtigen Umgang mit Zeitzeug:inneninterviews zum Alltagsleben im Nationalsozialismus diskutiert.