Cover
Titel
Christliche Willkommenskultur?. Die Integration von Migranten als Handlungsfeld christlicher Akteure nach 1945


Herausgeber
Lepp, Claudia
Reihe
Arbeiten zur Kirchlichen Zeitgeschichte, Reihe B: Darstellungen 75
Erschienen
Göttingen 2020: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
322 S.
Preis
€ 65,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Martin Belz, Institut für Mainzer Kirchengeschichte, Bistum Mainz

Der vorliegende Sammelband geht auf eine Tagung zurück, die von der DFG-Forschungsgruppe „Der Protestantismus in den ethischen Debatten der Bundesrepublik 1949–1989“ und der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Kirchliche Zeitgeschichte im November 2018 ausgerichtet wurde.[1] Der Band blickt aus unterschiedlichen Perspektiven auf die Integration von Migrantinnen und Migranten in der Bundesrepublik und widmet sich so einem speziell für christliche Akteure „bisher nur wenig erforschten Themenfeld“, wie die Herausgeberin Claudia Lepp in der Einleitung darlegt (S. 18).

Als erkenntnisleitende Zugänge verfolgt der Band drei Fragen: Inwiefern stellt der Begriff der „Willkommenskultur“ eine sinnvolle Analysekategorie dar? Existierte zwischen 1949 und 1989 eine spezifisch christliche „Willkommenskultur“, und wie ist sie gegebenenfalls zu charakterisieren? Lassen sich aus den historischen Einzelfällen übergreifende Denk- und Handlungsmuster herausarbeiten? Ziel ist es, „eine christentumsgeschichtliche Forschungsperspektive in die Migrationsgeschichte“ einzufügen und Migration als Teilbereich „christlich-ethischer Debatten und Handlungsfelder“ historisch zu betrachten, so Lepp (S. 14).

Der Band umfasst neben der Einleitung vierzehn Beiträge in fünf Abschnitten. Die ersten drei Abschnitte, deren Beiträge im Folgenden näher vorgestellt werden, widmen sich in historischer Perspektive der „Integration von Vertriebenen und Remigranten“ im ersten Nachkriegsjahrzehnt, der „Integration von Arbeitsmigranten“ in den 1960er- und 1970er-Jahren sowie der „Aufnahme von ausländischen Flüchtlingen“ besonders in den 1970er- bis 1990er-Jahren. Ergänzt werden diese Beiträge im vierten Abschnitt zum Thema „Migration und Theologie“ durch einen Aufsatz aus Sicht der protestantischen Sozialethik (Arnulf von Scheliha) sowie im fünften Abschnitt durch zwei Kommentare eines Zeitzeugen (Jürgen Micksch) und einer Historikerin (Christiane Kuller).

Zu Beginn des ersten Abschnitts betrachtet Felix Teuchert das politische Handeln protestantischer Akteure im Zusammenhang mit der Integration der Ostvertriebenen nach 1945. Der Beitrag analysiert am Beispiel des Lastenausgleichsgesetzes von 1952 präzise, wie einerseits institutionelle und individuelle Akteure sozialethische Überlegungen in den Diskurs einbrachten, und dass andererseits diese Positionen im konkreten Gesetzgebungsprozess kaum eine Rolle spielten. So konstatiert Teuchert „nicht zuletzt ein Übersetzungsproblem zwischen religiösem und politischem Diskurs“ (S. 40). Im Anschluss betrachtet Markus Stadtrecher mit seinem Beitrag zur Integration von Vertriebenen im Bistum Augsburg katholische Akteure. Schlüssig konstatiert er, dass zwar die Bistumsleitung für eine solidarische Aufnahme der Vertriebenen plädierte, dass einheimische Priester und Gläubige gegenüber den Ankommenden jedoch mitunter ablehnend agierten. Damit ergab sich eine gewisse Ambivalenz im Verhältnis der katholischen Kirche zu den Vertriebenen. Eine ähnliche Ambivalenz konstatiert auch Romana Fojtová in ihrem Beitrag zur Integration von protestantisch-tschechischen Remigranten aus Polen und der Ukraine in die Tschechoslowakei nach 1945 und deren Aufnahme in die Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder.

Den zweiten Abschnitt eröffnet ein Aufsatz von Claudia Lepp über den protestantischen Beitrag zur Integration von Arbeitsmigranten in der Bundesrepublik während der 1970er- und 1980er-Jahre. Darin beschreibt Lepp, wie sich die evangelische Ausländerarbeit von einem Tätigkeitsfeld mit diakonischer Ausrichtung zu einem „Feld ethisch-politischer Positionierungen“ (S. 107) entwickelte. Zudem stellt sie dar, wie einerseits protestantische Beiträge in die ausländerpolitischen Debatten Eingang fanden und welche Konflikte andererseits innerhalb des Protestantismus auftraten. Diesem Überblick folgen drei „Spezialuntersuchungen“: Uwe Kaminsky geht in seinem Beitrag der „Betreuung der griechischen Arbeitsmigranten“ (S. 113) durch die Diakonie nach, deren Wirken sich von einer paternalistischen Fürsorge zu einer offeneren Sozial- und Beratungsarbeit wandelte. Anschaulich schildert Kaminsky die Konflikte zwischen evangelischer Diakonie und griechisch-orthodoxer Metropolie in der Bundesrepublik. Exemplarisch zeigt sich hier, wie Religion sowohl integrationsfördernd als auch hemmend wirken konnte. Äußerst plastisch liest sich die von Norbert Friedrich vorgestellte Geschichte „koreanische[r] Krankenschwestern in evangelischen Krankenhäusern in Deutschland“ (S. 137). Friedrich zeichnet die Ausgangssituationen in beiden Ländern nach und analysiert präzise die unterschiedlichen Erwartungen der beteiligten Akteure: Während die bundesdeutschen Krankenhausbetreiber zuallererst das Lohnniveau niedrig halten wollten, träumten die hochmotivierten südkoreanischen Schwestern von einem „besseren Leben“. Deutlich wird die mitunter problematische Haltung der Aufnahmeinstitutionen gegenüber den ausländischen, in diesem Fall sehr qualifizierten Arbeitskräften. Im Anschluss geht David Rüschenschmidt der Frage nach, inwiefern seit den 1970er-Jahren der „christlich-islamische Dialog als Integrationsgeschehen“ (S. 159) verstanden werden kann. Mit Hilfe eines theoretischen „Arbeitskonzeptes“ zum Integrationsbegriff analysiert er überzeugend an mehreren Beispielen aus Nordrhein-Westfalen, wie lokale interreligiöse Dialoginitiativen besonders dadurch integrative Wirkungen entfalteten, dass sie einerseits den beteiligten Muslimen eine gruppenimmanente Anerkennung zukommen ließen und andererseits für die öffentliche Sichtbarkeit des Islams sorgten.

Den dritten Abschnitt leitet Jonathan Spanos mit einem Aufsatz über die Entwicklung der protestantischen Haltungen zur Flüchtlingshilfe und Asylpolitik zwischen 1949 und 1993 ein. Anhand mehrerer Beispiele zeigt Spanos im historischen Längsschnitt, dass sich innerhalb des Protestantismus eine Entwicklung vollzog, in der die Akteure zunehmend die Geltung universaler Menschenrechte für Geflüchtete einforderten. Wiederum folgen drei Einzelfallstudien: In einer biographisch angelegten Untersuchung zu Helmut Frenz, 1965–1976 Propst der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Chile (und später Generalsekretär von Amnesty International in der Bundesrepublik), untersucht Daniel Lenski das christliche Engagement für die chilenischen und lateinamerikanischen Flüchtlinge. Lenski arbeitet eindrucksvoll heraus, wie Frenz vehement für Menschenrechte und Flüchtlingshilfe eintrat[2] und so zu einer umstrittenen Figur innerhalb seiner Kirche wie auf der internationalen politischen Bühne wurde – an seinem Beispiel zeigt sich das persönliche Risiko, das die Akteure mit ihrem Einsatz für Geflüchtete teilweise eingingen. Den Spezialfall des Umgangs mit von Abschiebung bedrohten Geflüchteten in der Form des Kirchenasyls betrachtet Matthias Morgenstern. Anhand von kirchlichen Positionspapieren analysiert er den Diskurs über die Legitimität des Kirchenasyls in den beiden christlichen Großkirchen. Dieses mit persönlichem Aufwand und juristischem Risiko verbundene zivilgesellschaftliche Engagement brachte die kirchlichen Akteure nicht nur in Konflikte mit staatlichen Organen, sondern löste auch Kontroversen in den Großkirchen und im öffentlichen Raum aus, wie Morgenstern überzeugend darlegt. Einen Blick über die deutschen Grenzen unternimmt am Ende des Abschnitts Jonathan Pärli in seinem Aufsatz zu den „banquets républicains“ der schweizerischen Asylbewegung während der 1980er-Jahre. In seinem demokratietheoretisch akzentuierten Text analysiert Pärli, wie sich die Asylbewegung als politischer Akteur etablierte, sich als „andere Schweiz“ inszenierte und so die Forderung nach einem universalen Asylrecht mit einer Kritik am tradierten Demokratieverständnis verband.

An dem Sammelband ist zunächst positiv hervorzuheben, dass er nicht nur Beiträge zum bundesdeutschen Protestantismus versammelt, sondern auch über die geographischen und konfessionellen Grenzen hinausblickt. Durch diese Erweiterungen wird das Thema exemplarisch in den europäischen respektive internationalen Kontext eingeordnet, und Vernetzungen werden deutlich gemacht. Zudem lässt sich erkennen, inwiefern die Großkonfessionen getrennt agierten (so anfänglich bei der konkreten Betreuung von Migrantinnen und Migranten) oder gemeinsam (so beim „Tag des ausländischen Mitbürgers“ ab 1975). Sodann bieten die Aufsätze ein breites Spektrum disziplinärer Zugänge aus historischer, sozial- und politikwissenschaftlicher sowie theologischer Perspektive. Zugleich präsentieren sie ein weites Feld von Einzelakteuren, lokalen Initiativen und (inter-)nationalen Großinstitutionen. Schließlich sei besonders erwähnt, dass die Autorinnen und Autoren ihre Argumentationen durchweg quellennah und damit transparent belegen.

Wie Christiane Kuller in ihrem abschließenden Kommentar ausführt, lässt sich bezogen auf die Leitfragen des Bandes nach allgemeinen Charakteristika kirchlichen Handelns und christlicher Haltungen gegenüber Migrantinnen und Migranten feststellen, dass die Akteure oft in typisch kirchlichen Feldern wie der Seelsorge und der sozial-karitativen Betreuung tätig waren. Zudem wiesen auch säkulare Handlungsformen mitunter eine christliche Konnotation auf (S. 315). Darüber hinaus werden aus mehreren Beiträgen die zahlreichen Ambivalenzen in der christlichen Haltung gegenüber Geflüchteten deutlich sowie eine im zeitlichen Verlauf zunehmende Betonung universaler Menschenrechte im kirchlichen wie im gesamtgesellschaftlichen Diskurs. Diese Ambivalenzen verweisen bereits darauf, dass nicht zu jeder Zeit eine uneingeschränkt positive „christliche Willkommenskultur“ existierte. Zur von Claudia Lepp in der Einleitung aufgeworfenen Frage, ob und inwiefern dieser Begriff einen erkenntnisfördernden analytischen Wert für die Geschichtswissenschaft besitzt, lässt sich nach der Lektüre des Bandes eher eine zurückhaltende bis kritische Position einnehmen. In den vorgestellten Beiträgen wird auf den Begriff zwar in unterschiedlicher Weise Bezug genommen, aus den historischen Quellen ergibt er sich jedoch meistens nicht; häufiger ist stattdessen von „Integration“ die Rede. So verweist Lepp auch auf alternative Begriffe wie beispielsweise „Aufnahme- und Integrationsbereitschaft“ (S. 11). Selbst wenn diese beiden Begriffe wiederum zu problematisieren wären, haben sie – wie die Beiträge zeigen – den Vorteil, näher an den Quellen zu sein und deren innere Heterogenität etwas stärker zu reflektieren. Die oftmals konflikthaft verlaufenden Entwicklungen der vielfältigen Handlungsformen, Diskursräume und Deutungsmuster aus dem christlichen Kommunikationsraum zusammengetragen und damit zugleich weitere Forschungsperspektiven eröffnet zu haben, kann als Verdienst der Autorinnen und Autoren dieses Sammelbandes gelten.

Anmerkungen:
[1] Siehe auch den Tagungsbericht von Luise Poschmann, in: H-Soz-Kult, 11.02.2019, https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8095 (13.05.2021).
[2] Siehe dazu auch Caroline Moine, Christliche Solidarität mit Chile. Helmut Frenz und der transnationale Einsatz für Menschenrechte nach 1973, in: Frank Bösch / Caroline Moine / Stefanie Senger (Hrsg.), Internationale Solidarität. Globales Engagement in der Bundesrepublik und der DDR, Göttingen 2018, S. 93–121.