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Title
Deutsche Krieger. Vom Kaiserreich zur Berliner Republik – eine Militärgeschichte


Author(s)
Neitzel, Sönke
Published
Extent
816 S.
Price
€ 35,00
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Eckart Conze, Seminar für Neuere Geschichte, Universität Marburg

Vor einigen Jahren hat Sönke Neitzel, der an der Universität Potsdam den einzigen deutschen Lehrstuhl für Militärgeschichte bekleidet, der „neuen“, sozial- und kulturgeschichtlich erweiterten Militärgeschichte vorgeworfen, den „Kern des Krieges“, das Sterben, Töten, den Kampf, die Schlacht oder den Feldzug zu ignorieren.[1] Ob dieser Vorwurf berechtigt war, mag dahinstehen, wenn man sich etwa die jüngere deutsche und internationale Weltkriegsforschung vor Augen führt, die „Militärgeschichte von unten“, für die nicht zuletzt der Name Wolfram Wette steht, oder die moderne Operationsgeschichte, wie sie sich seit rund zwei Jahrzehnten im Militärgeschichtlichen Forschungsamt (MGFA) und seiner Nachfolgeeinrichtung, dem Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw), entwickelt hat. Aber Neitzel zielte schon damals weit über eine „Kriegsgeschichte, die vom Tod spricht“ (Michael Geyer) hinaus[2], er plädierte vielmehr programmatisch „für die Rückkehr des Krieges in die Militärgeschichte“.

Mit dem historiographischen Plädoyer verbindet sich freilich ein politisches. Das wird in Neitzels Buch „Deutsche Krieger“ deutlich. Es ist historische Analyse und politische Intervention, und beide Dimensionen sind in der Darstellung eng miteinander verknüpft. Erschienen im Herbst 2020, hat es ein großes Medienecho hervorgerufen, das sich zunächst aus einigen brisanten Insiderinformationen speiste. Doch hinter den skandalträchtigen publikumswirksamen Enthüllungen verbirgt sich eine andere Agenda. Schon der Buchtitel – „Deutsche Krieger“ – macht klar, worum es geht: um eine Militärgeschichte, die in Krieg und Kampf – und damit letztlich selbstreferentiell – ihren analytischen Fluchtpunkt findet; eine Militärgeschichte, für die das Kämpfen, Töten und Sterben nicht nur die Zentralperspektive bildet, sondern auch den Kern einer – nationalen – Militärkultur, deren Kontinuität vom Kaiserreich über den Nationalsozialismus bis in die Gegenwart Neitzel postuliert. Diese These kleidet er in die einleitend formulierte Frage, was „ein Leutnant des Kaiserreichs, ein im Nationalsozialismus sozialisierter junger Wehrmachtoffizier und ein Zugführer der Task Force Kunduz des Jahres 2010 gemeinsam“ haben (S. 13). Mit Blick auf die Kampfverbände des Heeres, auf die sich die Untersuchung, ihren allgemeineren Anspruch durchaus konterkarierend, konzentriert, gibt bereits die Einleitung die Antwort: „Ihre Ausrichtung auf das Gefecht formte eine Kriegerkultur, die über alle politisch-gesellschaftlichen Zäsuren hinweg ein hohes Maß an Kontinuität aufwies.“ (S. 19) Das konnte gar nicht anders sein, so soll man das verstehen. Denn es ergibt sich geradezu zwangsläufig aus Neitzels Grundaxiom vom Kämpfen als dem zwar archaischen, aber doch überzeitlichen Kern des Soldatenberufs und dem Spezifikum militärischer Professionalität. Ob in diesem Zusammenhang der Begriff der „tribal culture“ und kaum entfaltete ethnologisierende Bezüge auf die indigene Bevölkerung Nordamerikas analytisch wirklich weiterführen? Die Gleichsetzung jedenfalls von Militär- und Kriegerkultur ist nicht nur wissenschaftlich von Belang, sondern auch politisch bedeutsam. Denn aus ihr resultieren eine zumindest fragwürdige Neubewertung der Geschichte der Wehrmacht sowie ein problematischer Blick auf das Verhältnis von Bundeswehr und Wehrmacht und insbesondere die Rolle der Wehrmacht und des Zweiten Weltkriegs in der Traditionspflege der Bundeswehr.

Es ist kein Zufall, dass Neitzel sein Buch beginnt mit jenem Satz, den Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen im Mai 2017 formulierte, nachdem sie in der Kaserne des wegen Terrorverdachts verhafteten Oberleutnants Franco Albrecht auf zahlreiche Wehrmachtsdevotionalien gestoßen war: „Die Wehrmacht ist in keiner Form traditionsstiftend für die Bundeswehr.“ Neitzel widerspricht dem zunächst nicht direkt, betont aber seinerseits: „Die Wehrmacht steckte von Anfang an in der DNA der Bundeswehr, und man kam auch im 21. Jahrhundert nicht ganz von ihr los.“ (S. 11) Er hält es für wenig überraschend, dass für Angehörige einer Bundeswehr, die am Hindukusch „erwachsen“ geworden sei, weil sich dort Staatsbürger in Krieger verwandelt hätten, die Wehrmacht „einen legitimen Teil ihrer Tradition“ bildet (S. 12).

Aus dieser Thesenbildung ergibt sich der Zuschnitt des Buches. Sein Schwerpunkt, 470 von etwa 600 Textseiten, liegt auf der Geschichte der Wehrmacht und der Bundeswehr. Deutlich kürzere Kapitel beschäftigen sich mit dem Militär im Kaiserreich, in der Weimarer Republik sowie in der DDR. Anders als die Teile zur Wehrmacht und zur Bundeswehr sind diese Kapitel ganz überwiegend aus der Forschungsliteratur geschrieben; hinzu kommen, beginnend mit den Ausführung zum Ersten Weltkrieg, Ego-Dokumente auch archivischer Provenienz. Diese verleihen der Darstellung nicht nur Plastizität und Farbe, sondern in ihnen spiegelt sich auch immer wieder die Gedankenwelt individueller Soldaten und Offiziere, deren Entwicklung zum Teil über mehrere Jahrzehnte verfolgt wird.

Es ist diese soldatische Perspektive, die das Buch über weite Strecken bestimmt. Das gilt auch für die Zeit nach 1945, und je näher der Autor der Gegenwart kommt, nicht zuletzt im Hinblick auf die Auslandseinsätze der Bundeswehr nach 1990, desto stärker werden Tagebücher und ähnliche schriftliche Aufzeichnungen ergänzt durch Zeitzeugeninterviews mit teils namentlich genannten, teils anonym bleibenden Gesprächspartnern. Die empirische Grundlage der Studie, zu der ansonsten noch Archivmaterial aus dem Bundesarchiv (Militärarchiv) und einigen anderen Archiven, auch international, kommt, stützt also in erster Linie die Binnenperspektive und Selbstwahrnehmung des Militärs. Dass es dazu kein substantielles Quellenkorrektiv gibt, ist methodisch nicht unproblematisch und macht sich nicht zuletzt bemerkbar, wenn es um die Verbrechen der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg geht, weil viele dieser Verbrechen, wie der Autor selbst schreibt, von den Beteiligten als vermeintliche Kriegsnotwendigkeit marginalisiert wurden (S. 232).

Was das Militär im Kaiserreich und im Ersten Weltkrieg betrifft, bewegt sich die Darstellung auf dem Stand der Forschung. Die Seitenhiebe auf die Sonderwegsthese lassen sich überlesen. Die deutschen Kolonialkriege, insbesondere das genozidale Vorgehen gegen Herero und Nama, werden rasch referiert. Ihrer Spezifik schenkt der Verfasser, der von einer situativen Gewaltdynamik spricht, ohne diese nicht zuletzt in ihrer rassistischen Aufladung näher zu analysieren, keine größere Aufmerksamkeit. Nationale Spezifika seien in den Kolonialkriegen der europäischen Mächte stets nur einer von vielen Faktoren gewesen, die über das jeweilige Ausmaß von Gewalt entschieden. Das wird nicht weiter verfolgt, obwohl es doch in dem Buch um die nationale – deutsche – Militärkultur geht. Stattdessen konstatiert Neitzel apodiktisch, dass von der Schlacht am Waterberg und General Trothas Schießbefehl gegen die Herero und Nama kein direkter Weg nach Auschwitz führte. Das freilich wird in der seriösen Forschung nirgends behauptet. Hier verbaut sich der Verfasser Erkenntnisperspektiven nicht zuletzt im Hinblick auf die Erklärung der völkermörderischen Effizienz des rassenideologischen Vernichtungskriegs der Wehrmacht.

Die Zeit nach 1919 wird von Neitzel von Anfang an als Zwischenkriegszeit begriffen. „Nach dem Krieg ist vor dem Krieg“ (S. 51). Der Fluchtpunkt Zweiter Weltkrieg bestimmt den Blick auf die Reichswehr der Weimarer Republik. Deren geheime Rüstungs- und Reservepolitik spiegelte nicht, wie es beschönigend heißt, ein „eher pragmatisches Verhältnis zum Recht“ (S. 92), sondern sie war ein einziger Rechts- und Verfassungsbruch. Zum Aufstieg eines paramilitärischen Rechtsradikalismus trug sie entscheidend bei. Die Reichswehr mag kein „Staat im Staate“ gewesen sein. Aber sie war eben auch nicht die Reichswehr der Republik, sondern fühlte sich bestimmten Ideen von Staat und Nation verpflichtet, in denen für Republik und parlamentarische Demokratie kein Platz war. Das öffnete sie weit nach rechts, und als ab 1933 der Imperativ der Wehrhaftmachung im Zeichen der nationalsozialistischen Kriegsvorbereitung zur politischen Priorität wurde, als Bestand und Primat der Reichswehr spätestens nach den Röhm-Morden garantiert wurden und die Aufrüstungs- und Aggressionspolitik zu gewaltigen Ressourcen- und Prestigegewinnen des Militärs führte, da war die von Jahr zu Jahr stärkere Selbstnazifizierung der Streitkräfte alles andere als überraschend. Es war diese Selbstnazifizierung, die die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg nicht nur zum Instrument im rassen- und raumideologisch bestimmten Vernichtungskrieg machte, sondern zum Akteur, der aus eigenem Antrieb handelte, um auf militärischem Feld – in der Formulierung Ian Kershaws – dem Führer entgegenzuarbeiten.

Dass die Wehrmacht in erster Linie eine militärische Organisation gewesen sei, in der es um die Beherrschung des militärischen Handwerks ging, darf man nicht als Distanz zwischen dem Regime und seinen Streitkräften verstehen. Selbstverständlich folgten unterschiedliche Institutionen und Organisationen im NS-Staat ihren jeweiligen Eigenlogiken, aber im politisch-ideologischen Primat der nationalsozialistischen Führung und ganz besonders Adolf Hitlers fanden Eigenlogiken und Eigensinn ihren gemeinsamen Flucht- und Bezugspunkt. Das war Grundlage und Voraussetzung der verbrecherischen Politik des Regimes, die sich in den Jahren des Zweiten Weltkriegs unter integraler Beteiligung der Wehrmacht noch weiter dynamisierte und radikalisierte. Neitzel bestreitet nicht die Beteiligung der Wehrmacht (als Institution und durch individuelles Handeln auf allen Hierarchieebenen) an den Menschheitsverbrechen des Nationalsozialismus. Aber schon die Entscheidung, den Komplex Wehrmachtsverbrechen von der militärischen Operationsgeschichte zu trennen, wird dem unlösbaren Zusammenhang von Krieg und Verbrechen nicht gerecht. Es ist ja gerade das Spezifikum der Wehrmachtkriegführung, dass Verbrechen (oder die Beteiligung daran) zum Teil militärischer Operationen wurden, ganz besonders im Ostkrieg (1939 in Polen, seit 1941 in der Sowjetunion), aber doch auch an anderen Kriegsschauplätzen. Das von der Wehrmachtführung von Anfang an einkalkulierte Massensterben sowjetischer Kriegsgefangener (weit über drei Millionen) wird als nicht „singulär“ relativiert (wie es überhaupt einen Hang zum Tu-quoque-Argument gibt). Die zu dieser Frage nach wie vor grundlegende Studie von Christian Streit „Keine Kameraden“, aber auch andere relevante Werke tauchen in der Bibliographie nicht auf.

In der Darstellung der Operationsgeschichte geht es, getrennt von den Verbrechen, um das Kämpfen und das „handwerkliche Können“. Gleich zweimal (S. 143 und 242) liest man den Satz: Als die Wehrmacht im Juni 1941 „die Sowjetunion überfiel, stand sie im Zenit ihres Könnens“. Das ist vermutlich sachlich zutreffend, und dennoch irritiert die Formulierung. Doch sie ergibt sich aus Neitzels Ansatz: Die operativen Erfolge der Wehrmacht, ihre Siege gerade in den ersten Kriegsjahren, werden aus jedem politischen Rahmen gelöst, ja geradezu entkontextualisiert. Aber die Operationen der Wehrmacht fanden nicht in jenem Vakuum statt, das die Darstellung des Autors hier schafft. Manche Passagen erinnern bis in ihren streckenweise fast begeistert klingenden Duktus an Paul Carells nach 1945 so erfolgreiche Bücher über den Zweiten Weltkrieg mit ihrer wortgewaltigen Beschwörung der „handwerklichen“ Exzellenz der Wehrmacht. An Carell sowie an die Memoiren deutscher Generäle (beispielsweise Mansteins „Verlorene Siege“) knüpft Neitzel aber auch an, wenn es um die Rolle Hitlers als Oberbefehlshaber der Wehrmacht und des Heeres geht. Seine dilettantischen Einmischungen in die Operationsführung werden nicht zuletzt als Grund für das Scheitern des Angriffs auf die Sowjetunion benannt. Das mag nicht falsch sein, aber wohin führt jenseits nostalgischer Sandkastenhistoriographie die zumindest indirekt gestellte Frage, ob – und wie – man hätte gewinnen können, ja die damit implizierte Behauptung, dass man hätte gewinnen können?

Militärgeschichte ist für Neitzel eine „Geschichte vom Kämpfen, Töten und Sterben“. Doch vom Sterben – von Soldaten und Zivilisten – ist nur wenig die Rede, und wenig auch vom Leid und vom Elend des Krieges. Mit den Opfern des Krieges, auch den soldatischen, beschäftigt sich das Buch nur am Rande, mit den Gefallenen und ihren Familien, mit den an Leib und Seele Verwundeten, den Invaliden, den Traumatisierten. Gehören sie nicht zu den Kriegern, für die sich der Autor interessiert? Wie gehen Soldaten um mit der Erfahrung von Tod und Sterben, mit der Todesangst ebenso wie mit dem Töten müssen? Wie wirkt diese Erfahrung im Krieg, was macht sie mit den Kriegern, wie wirkt sie nach dem Krieg? Ist das nicht ein Teil der Militärkultur, jener Kultur des Kämpfens, Tötens und Sterbens, die Neitzel beschreiben und analysieren möchte?

Die Jahre nach Kriegsende 1945 behandelt der Verfasser nicht – eine empfindliche Lücke. Stattdessen bewegt er sich rasch auf die Entstehungsgeschichte der Bundeswehr zu – die Geschichte der Nationalen Volksarmee interessiert ihn kaum. Routiniert schildert er die Dynamiken des Kalten Krieges und der westdeutschen Politik der Ära Adenauer, die nur ein Jahrzehnt nach dem Kriegsende die Wiederbewaffnung ermöglichten. Die westdeutsche Remilitarisierung und die Entwicklung der Bundeswehr deutet er jenseits ihrer sicherheits- oder bündnispolitischen Dimensionen im Kern als ein vor allem innermilitärisches Ringen zwischen denjenigen Kräften, welche die Bundeswehr auch nach der Erfahrung des Zweiten Weltkriegs sowie der deutschen Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts vom Frieden her dachten, und jenen, für die nach wie vor der Krieg den entscheidenden, wenn nicht den einzigen Referenzhorizont für die „neuen“ Streitkräfte bildete. In der Auseinandersetzung mit Wolf Graf Baudissin, dem Vordenker der „Inneren Führung“ und der Idee des „Staatsbürgers in Uniform“ einerseits, und Heinz Karst, dem wohl wichtigsten Kritiker von Baudissins Konzept andererseits, personalisiert und polarisiert Neitzel diesen Gegensatz. Baudissin, dessen Pläne Neitzel als „Irrglauben“ bezeichnet, als „eine Art bildungsbürgerliches Avantgardekonzept, das nur sehr bedingt den gesellschaftlichen Realitäten der frühen Bundesrepublik entsprach“, steht dabei für die „idealistische Vorstellung“ von Streitkräften in einer Demokratie (S. 270f.). Karst repräsentiert demgegenüber die Idee der „Eigengesetzlichkeit des Soldatenberufs“; er habe „die Anforderungen des Einsatzes zweifellos klarer“ (S. 272) erfasst als Baudissin, der ja schon 1941 in Kriegsgefangenschaft geraten und daher ungleich weniger von Krieg und Tod geprägt gewesen sei.

Man könnte dieser konfrontativen Darstellung ein gewisses analytisches Potential konzedieren, wenn sie nicht von Anfang an mit der Frage nach dem Umgang der Bundeswehr mit der Wehrmacht und der Wehrmachtstradition verbunden würde. In der affirmativen Revitalisierung Karsts, der zugleich zur Stimme der frühen, vom Zweiten Weltkrieg und ihrer Vergangenheit in der Wehrmacht geprägten Bundeswehrführung gemacht wird, scheint jene Traditionslinie auf, welche, so Neitzel, in der „alten“ Bundesrepublik und der „alten“ Bundeswehr vor 1990 zunehmend marginalisiert worden sei: eine vom Krieg her gedachte Bundeswehr, die alleine deswegen in der Tradition der Wehrmacht stand, ja stehen muss. Auf diesen Punkt – und damit auf die Gegenwart – läuft die Darstellung hinaus. Das binäre Modell, das dieser Interpretation zugrunde liegt, nämlich die Bundeswehr, ja Militär allgemein, ausschließlich entweder vom Krieg oder vom Frieden her zu denken, ist von diesem Gegenwartsbezug bestimmt. Es lässt weder analytisch noch normativ Raum für Konzepte, die vom Frieden (Friedenserhalt, Friedenssicherung, Friedensschaffung) her argumentieren und trotzdem den militärisch operativen Einsatz, auch den kriegerischen, nicht ausschließen.

Der postulierte Antagonismus von vom Krieg und vom Frieden her gedachten Streitkräften findet in der Darstellung seine Fortsetzung in der Gegenüberstellung von militärischer und politischer Logik. Das ist ein Analysestrang, der früh erkennbar wird, beim Blick auf die Reichswehr der Weimarer Republik oder hinsichtlich der Rolle Hitlers für die Kriegführung der Wehrmacht, der aber für die Zeit nach 1990 noch einmal aufgenommen wird: in der kritischen Auseinandersetzung insbesondere mit den Verteidigungsministern Volker Rühe und Ursula von der Leyen, aber auch mit Angehörigen der Bundeswehrführung, die sich aus politischen Gründen geweigert hätten, den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr als Krieg zu bezeichnen. Für sie steht exemplarisch Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan, „SPD-Mitglied und intellektueller Feingeist“, der „für den militärischen Habitus vieler Offiziere nicht viel übrig“ gehabt habe und der „den Geist des politischen Berlins verkörperte“ (S. 506) – ein Baudissin des frühen 21. Jahrhunderts.

Der Eigenlogik der Streitkräfte und einer um Kampf und Krieg zentrierten Militärkultur ihren Raum zu geben, ist das doppelte – historiographische und politische – Plädoyer Sönke Neitzels. Der Krieg ist der „Fixpunkt“ des Buches, so heißt es gleich zu Beginn. Das Buch selbst, nicht nur das Militär, das es behandelt, ist vom Krieg her gedacht. Politisch und gesellschaftlich weitgehend entkontextualisiert und in verengter operationsgeschichtlicher Perspektive kann selbst die Wehrmacht Teil einer auch in der Demokratie der Gegenwart anschlussfähigen deutschen Militärtradition sein. Hinter dem Duktus der Sachlichkeit freilich, der Vorspiegelung einer „Geschichtsschreibung ohne normativen Ballast“[3], verbirgt sich das Ziel einer Militärpolitik und einer Militärgeschichtsschreibung ohne normativen Friedensbezug. Das ist erschreckend.

Anmerkungen:
[1] Sönke Neitzel, Militärgeschichte ohne Krieg? Eine Standortbestimmung der deutschen Militärgeschichtsschreibung über das Zeitalter der Weltkriege, in: Hans-Christof Kraus / Thomas Nicklas (Hrsg.), Geschichte der Politik. Alte und neue Wege, München 2007, S. 287–308, hier S. 308.
[2] Michael Geyer, Eine Kriegsgeschichte, die vom Tod spricht, in: Thomas Lindenberger / Alf Lüdtke (Hrsg.), Physische Gewalt. Studien zur Geschichte der Neuzeit, Frankfurt am Main 1995, S. 136-161.
[3] Sönke Neitzel, Rezension von Ian Kershaw: Das Ende, in: Historische Zeitschrift 296 (2013), S. 560.

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Published on
05.05.2021
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
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