A.C.T. Geppert u.a. (Hrsg.): Militarizing Outer Space

Cover
Titel
Militarizing Outer Space. Astroculture, Dystopia and the Cold War


Herausgeber
Geppert, Alexander C.T.; Brandau, Daniel; Siebeneichner, Tilmann
Reihe
Palgrave Studies in the History of Science and Technology / European Astroculture 3
Erschienen
Anzahl Seiten
XXVI, 443 S., 51 Abb.
Preis
€ 103,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sven Grampp, Institut für Theater- und Medienwissenschaft, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Die erste Star-Wars-Trilogie (USA 1977–1983) endet mit einem harmonischen Zusammensein aller maßgeblich Beteiligten: Die Toten und die Lebendigen versammeln sich um ein Feuer, tanzen oder winken zufrieden. Dass die European-Astroculture-Trilogie nicht mit solch einem harmonischen Bild endet, gehört zu den vielen Stärken dieser Sammelbände, die maßgeblich initiiert und (mit-)herausgegeben wurden vom Historiker Alexander C.T. Geppert im Kontext der von ihm geleiteten Emmy-Noether-Forschungsgruppe „The Future in the Stars: European Astroculture and Extraterrestrial Life in the Twentieth Century“.[1] Im knappen Epilog des dritten Bandes, der in vorliegender Rezension im Zentrum stehen soll, blickt Geppert konzise auf das bis dato Erreichte zurück. Sympathisch ist, dass der Historiker auch offen damit umgeht, was das Projekt nicht geleistet habe. Zudem findet sich eine kluge Wendung, die im Grunde auf jegliches Forschungsvorhaben passt: Es gehe nicht primär darum, die Forschungen zu einem vermeintlich befriedigenden Abschluss zu bringen. Viel sei schon gewonnen, wenn die Fragen am Ende aufschlussreicher, scharfsinniger, „simply ‚better‘“ (S. 371) gestellt werden könnten als am Anfang. Diese Einschätzung trifft auf Gepperts Astroculture-Projekt ganz sicher zu.

Im ersten Band der Reihe, „Imagining Outer Space“[2], wurde der Begriff Astroculture zunächst genauer konturiert: als ein Forschungsfeld, das unterschiedliche Bilder, Artefakte, Medien und Praktiken umfasst, die dem „Outer Space“ Bedeutung zuschreiben und so die Vorstellungen befeuern über das, was jenseits der Erde ist, war, sein sollte oder wird. In diesem Sinne geht es buchstäblich um ein „Space Race“. Gemeint ist damit nicht nur eine historisch vergleichsweise eng begrenzte Auseinandersetzung der ehemaligen Supermächte USA und UdSSR um die Vorherrschaft im All. Gefragt wird epistemologisch grundsätzlicher nach dem Wettkampf um das, was dieser Space überhaupt bedeuten kann und historisch bedeutete. Der zweite Sammelband, der den Titel „Limiting Outer Space“ trägt[3], kreiste um eine bestimmte Neujustierung der Weltall-Imaginationen, im Besonderen um die Desillusionierungen nach dem Space-Enthusiasmus und der technologischen Profanisierung des Weltalls zu einem Raum voller erdnaher Kommunikationssatelliten und einiger weniger Sonden, die im All irgendetwas wissenschaftlich Wichtiges erforschen sollten, das außerhalb der Weltraumbehörden kaum jemand verstand. Die Besiedelung des Alls schien nach den Apollo-Missionen – zumindest in der öffentlichen Rezeption – in weiter Ferne zu liegen oder wurde in der fiktionalen Populärkultur zum Märchen degradiert[4] bzw. dystopisch gewendet.[5] Der dritte Teil, eben „Militarizing Outer Space“, kümmert sich nun abschließend um die „dunkle“ Seite der Weltraumfahrt, die lange Zeit als visionäre Unternehmung „for all mankind“ tituliert wurde.

Dieser Sammelband zeigt eindrücklich viele Facetten tatsächlicher militärischer Nutzung des Alls sowie Spekulationen und Imaginationen über mögliche Einsatzbereiche im militärischen Kontext. Nach der Lektüre der 14 Beiträge dürften mindestens zwei Aspekte deutlich werden: Erstens begann die Militarisierung des Weltraums nicht erst – wie lange vermutet – mit der Auseinandersetzung der USA und der UdSSR im Kalten Krieg, sondern spätestens in Szenarien, die seit den 1930er-Jahren die populärkulturellen Fantasien, aber auch die politischen Gedankenspiele transnational prägten. Zweitens zeigt sich im Fall der Militarisierung des Weltraums exemplarisch, wie Science und Fiction sich immer schon durchdrangen. Ein anschauliches Beispiel hierfür ist das Projekt des damaligen US-amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan, das auch heute noch unter dem Akronym „SDI“ bekannt sein dürfte. Diese „Strategic Defense Initiative“ war ein letztlich niemals realisiertes Satellitensystem zur Abwehr von Interkontinentalraketen aus dem Outer Space. Reagan verkündete dieses Projekt 1983 in einer Rede, die in Anlehnung an die Science-Fiction-Filmtrilogie, deren dritter und (damals vorerst) letzter Teil nur einige Monate später in die Kinos kam, als „Star Wars Speech“ schnell berühmt und berüchtigt wurde.

Der Sammelband ist in vier Sektionen gegliedert. In der ersten Sektion geht es speziell um Zirkulation und Transfer von Technologie, in der zweiten um Facetten der militärischen Motivgeschichte im Zusammenhang mit Weltraummissionen. Der dritte Teil beschäftigt sich mit dem Menschenbild, das im Zusammenhang mit den Szenarien im All steht, fragt also nach dem Verhältnis von Inner und Outer Space. In der letzten Abteilung finden sich Reflexionen zu diversen militärischen Infrastrukturen, von architektonischen Aspekten diverser Missions-Kontrollzentren über Spionage-Satelliten bis zur Geopolitik von Navigationssystemen.

Was das gesamte Astroculture-Projekt mit der Speerspitze seiner drei Sammelbände facettenreich zeigt, ist erstens, dass Space eine Konstruktion ist, an der permanent weitergearbeitet wird. Geppert formuliert es im Epilog des dritten Bandes pointiert: „The product [und eben nicht die Voraussetzung, S.G.] of such processes is outer space as we think we know it.“ (S. 374) Zweitens sind die vermeintlich klar zu unterscheidenden Sphären Science und Fiction, Materialität und Idealität, Möglichkeit und Realität oder auch militärische und zivile Nutzung, Ökonomie und Politik, einzelne Akteure und systemische Entwicklungen nicht nur nicht zu trennen, sondern erst in ihrem Wechselspiel angemessen zu erfassen. Drittens wird deutlich, wie wichtig es ist, historische Tiefenschichten in die Analyse von Weltraumphänomenen einzuziehen. Besonders relevant erscheint mir in diesem Zusammenhang der Ansatz des Projekts, dezidiert nach der Rolle Europas im Kontext der Astroculture zu fragen. Damit wird von vornherein eines der bis dato zentralen Mythologeme der Weltraumforschung historisiert, nämlich die binäre geopolitische Aufteilung nach „Ost“ und „West“, angeführt von den Supermächten USA und UdSSR als „Ersatzkrieg“[6] im All. Dass die Welt und ihr Raum komplexer sind, ist im Projekt sehr deutlich geworden. Viertens zeigt sich, dass Astroculture nicht nur eine Kultur ist, in der und durch die man sich über die Sterne Gedanken macht, sondern mit der vielmehr ein Blick zurück auf die Erde von den Sternen aus ermöglicht und etabliert wurde. Aus einer transglobalen Perspektive kommt die Erde somit als globales Phänomen in den Blick. Fünftens: Auch für die Wissenschaft bedeutet dieser Blick von außen zurück einen Perspektivenwechsel zum Globalen, nämlich hin zu Beobachtungen transnationaler Motivzirkulationen und erdumspannender Technik- wie Imaginationstransfers. Damit hat das Projekt sechstens eine genealogische Ausrichtung. Es geht letztlich um die Frage, wie wir geworden sind, was wir sind, nachdem wir tatsächlich zu den Sternen aufgebrochen sind.

Trotz aller beeindruckenden Leistungen des Astroculture-Programms gibt es auch Defizite. Wie bereits erwähnt, verweist Geppert auf einige dieser Mängel im Epilog zu „Militarizing Outer Space“ bewundernswert offen. Dass der „Westen“ in den Publikationen trotz der Vermeidung der binären Rhetorik des Kalten Kriegs besonders dominant ist, wird eingeräumt. Selbst wenn man das, was „Europa“ eigentlich meint, zu Recht als topografisch unscharf bezeichnen kann, so fehlen indes Beiträge zu Süd- und Osteuropa. Außerdem könnte man gerade dank der Ergebnisse des Projekts gegen die Blickverengung auf Europa argumentieren. Solch eine Beschränkung ist besonders aus der (trans-)globalen Perspektive, die das Projekt selbst fordert, unbefriedigend. Der Globale Süden kommt gar nicht vor, die neue Weltraumgroßmacht China spielt nur eine marginale Rolle. Aber wohlwollend könnte man hier von einem Ergebnis des Projekts sprechen – eben die Erkenntnis, dass die Begrenzung auf Europa oder die Supermächte dem Gegenstand nicht angemessen ist.

Relevanter scheint mir ein anderes Defizit zu sein, nämlich eine gewisse Unklarheit der theoretischen und methodologischen Grundlagen. Zwar schreibt Geppert, dass im Laufe des Projekts bestimmte Konzepte wie „‚militant astroculture‘“ (S. 373) oder „‚Post-Apollo paradox‘“ (ebd.) entwickelt wurden, die auf der Ebene von Theorien mittlerer Reichweite angesiedelt sind. Allerdings bleiben die Sammelbände bezüglich ihrer Ansätze viel zu heterogen. Sinnvoller wäre vielleicht eine Art Handbuch-Konzeption gewesen, die die jeweiligen Beiträge klarer ausgerichtet hätte. So ist die Trilogie – wie bei Sammelbänden üblich – vor allem eine mehr oder minder interessante Kompilation unterschiedlicher Theorien, Methoden und Interessen. Theorien mittlerer Reichweite hätten eine engere Zusammenarbeit der Beitragenden erfordert. Zudem wäre es eventuell doch zielführender gewesen, den Theoriebereich anders zu skalieren, nämlich hin zu Großtheorien. Bei aller Skepsis gegenüber einem solchen Anspruch hätte der Vorteil vielleicht sein können, die heterogenen Aspekte und Gegenstände zwischen Science und Fiction der Astroculture klarer zu konturieren. Dass im Literaturverzeichnis Kandidaten für solche Großtheorien, etwa Luhmanns Systemtheorie, Foucaults Diskurs- und Dispositivtheorie oder die Akteur-Netzwerk-Theorie, nicht zu finden sind, wirkt symptomatisch. Natürlich haben wir es beim Astroculture-Projekt mit einer dezidiert geschichtswissenschaftlichen Unternehmung zu tun, die als solche mit guten Gründen Vorsicht gegenüber universalistischen Sozial- und Kulturtheorien zeigt. Dennoch wird einiges an Erkenntniswert verschenkt. Das einleitend formulierte Ziel, es werde hier ein „cultural-interpretative approach“ vorgestellt mit dem „commitment to combining a multiplicity of disciplinary perspectives into a coherent whole“ (S. 28), ist nicht nur sehr vage; es wird auch in keinem der Sammelbände eingelöst.

So darf man gespannt sein auf Gepperts seit längerem angekündigte Monografie, die in diesem Kontext entstanden ist oder noch entsteht. Hierbei wird vor allem das theoretische Setting interessant sein. Zu hoffen ist, dass dieses geplante Sequel einige der angesprochenen Defizite der Trilogie beheben kann. Mit Gepperts Kompetenzen und dem beeindruckend umfassenden Wissen, wie es sich in den Sammelbänden und anderswo zeigt, darf man diesbezüglich wohl frohen Mutes sein. Star Wars könnte als Vorbild dienen: Die Fortsetzung, „The Force Awakens“ aus dem Jahr 2015, hat die Erwartungen der Fans und der Kritik weit übertroffen. Drücken wir Alexander C.T. Geppert die Daumen für einen ähnlichen Erfolg.

Anmerkungen:
[1] Vgl. die Website zum (inzwischen abgeschlossenen) Projekt: https://www.geschkult.fu-berlin.de/en/e/fmi/astrofuturismus/index.html (27.04.2021).
[2] Alexander C.T. Geppert (Hrsg.), Imagining Outer Space. European Astroculture in the Twentieth Century, London 2012; siehe dazu die Rezension von Anke Ortlepp, in: H-Soz-Kult, 03.08.2012, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-17896 (27.04.2021).
[3] Ders. (Hrsg.), Limiting Outer Space. Astroculture after Apollo, London 2018.
[4] Man denke nur an die Star-Wars-Trilogie.
[5] Beispiele dafür wären: Silent Running (USA 1972; dt.: Lautlos im Weltraum), La Planète sauvage (FR, ČS 1973; dt.: Der phantastische Planet), Nosutoradamusu no Daiyogen (JP 1974; dt.: Weltkatastrophe 1999? – Die Prophezeiung des Nostradamus).
[6] Karsten Werth, Ersatzkrieg im Weltraum. Das US-Raumfahrtprogramm in der Öffentlichkeit der 1960er Jahre, Frankfurt am Main 2006.