H. Schafranek: Wer waren die niederösterreichischen Nationalsozialisten?

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Title
Wer waren die niederösterreichischen Nationalsozialisten?. Biografische Studien zu NSDAP-Kreisleitern, SA und SS


Author(s)
Schafranek, Hans
Series
Forschungen zur Landeskunde von Nierderösterreich 42
Extent
159 S.
Price
€ 24,00
Reviewed for H-Soz-Kult by
Kurt Bauer, Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung Graz – Wien – Raabs

Niederösterreich, das weitgehend agrarisch geprägte Kernland der katholisch-konservativen Christlichsozialen Partei, zählte in der Zeit vor 1938 nicht zu den Hochburgen der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP). Gleichwohl war der Deutschnationalismus und damit in weiterer Folge der Nationalsozialismus in manchen Landesteilen – wie etwa in Krems und Umgebung und anderen Weinbaugebieten, im Waldviertel (wo Hitlers Idol Georg Schönerer seinen Stammsitz hatte) und in zahlreichen Bezirksstädten – traditionell stark verankert. Hitlers Eltern stammten übrigens von Kleinbauern aus dem Waldviertel ab, was dem Reichsgau Niederdonau in der NS-Ära den zweifelhaften Ehrentitel „Ahnengau des Führers“ einbrachte.

Die Literatur zur Geschichte des Nationalsozialismus in Niederösterreich weist beträchtliche Lücken auf. So vermisst man eine wissenschaftlich fundierte Monografie oder einen umfassenden Sammelband über die NS-Jahre in Niederösterreich, wie sie für andere österreichische Bundesländer längst vorliegen.[1] Auch Arbeiten zum niederösterreichischen Nationalsozialismus vor dem „Anschluss“ sind dünn gesät und zudem in der Regel auf bestimmte Themenbereiche und/oder Regionen beschränkt. Noch dürftiger sieht es mit biografischen Studien aus. So gesehen ist es überaus verdienstvoll, dass der Verein für Landeskunde von Niederösterreich in seiner Schriftenreihe ein Werk herausgebracht hat, das als Ausgangspunkt für weitere Forschungen zu diesem nach wie vor heiklen Abschnitt niederösterreichischer Geschichte dienen kann.

Der Autor, Hans Schafranek, Jahrgang 1951, ist seit vielen Jahren eine bekannte Größe in der österreichischen Zeitgeschichtsforschung und zeichnet sich durch fundierte Quellen- und Sachkenntnis aus. Seine Schwerpunkte liegen auf der vergleichenden Diktaturforschung, Stalinismus, Nationalsozialismus, antifaschistischem Widerstand und Nachrichtendienste im Zweiten Weltkrieg.

Das vorliegende Werk besteht aus drei Teilen. Der erste befasst sich mit den Niederösterreichern in der Österreichischen Legion und der Schutzabteilung (SA), der zweite mit den Kreisleitern des Reichsgaus Niederdonau, der dritte mit niederösterreichischen Tätern der Schutzstaffel (SS).

Die Österreichische Legion war eine Einheit der SA, die aus österreichischen Nationalsozialisten gebildet wurde, die nach dem Verbot der NSDAP in Österreich im Juni 1933 wegen angeblicher oder tatsächlicher Verfolgung durch die österreichischen Behörden nach Deutschland flüchteten. Schafranek konnte für diesen Abschnitt auf die Erkenntnisse aus mehreren Forschungsprojekten zurückgreifen, in denen er sich mit der Thematik ausführlich befasst hat. Er ist Autor des einschlägigen Standardwerks.[2]

Nach informativen Vorbemerkungen bietet Schafranek statistisches Material zu den niederösterreichischen Legionären. Freilich, eine stärkere Interpretation und Kontextualisierung der präsentierten Daten wäre wünschenswert gewesen. Ein Beispiel: Der Autor setzt die Anzahl an Legionären je politischem Bezirk und Statutarstadt Niederösterreichs in Bezug zur jeweiligen Stärke der Wohnbevölkerung und errechnet daraus Abweichungen vom österreichischen Durchschnitt. Das ist aufschlussreich, aber er geht in weiterer Folge leider nicht der Frage nach, was die Gründe für die errechneten signifikanten Abweichungen sein könnten. Konkret: Wieso waren Niederösterreicher unter den Legionären insgesamt auffallend unterrepräsentiert? Und wieso lagen einige niederösterreichische Bezirke entgegen diesem Trend über dem österreichischen Durchschnitt, was die Anzahl der Legionäre betrifft? Auf welche soziokulturellen und sonstigen Faktoren könnte das zurückzuführen sein?

Die faktenreichen biografischen Abrisse von insgesamt 18 SA-Führern aus Niederösterreich, die in der Legion führende Funktionen innehatten, basieren hauptsächlich auf den NS-Personalakten (Bundesarchiv Berlin), den Akten der nach 1945 zur Ahndung von NS-Straftaten geschaffenen Volksgerichte (Wiener Stadt- und Landesarchiv u.a. Landesarchive), den Gauakten (Österreichisches Staatsarchiv) sowie der hin und wieder vorhandenen Fachliteratur.

Dieselben Quellen standen auch für die im zweiten Teil präsentierten, verhältnismäßig umfangreichen und zum Teil je nach Quellenlage recht „dicht“ erzählten Biografien von 22 niederösterreichischen NSDAP-Kreisleitern zur Verfügung. Bei diesem Abschnitt handelt es sich zweifellos um das Kernstück der vorliegenden Arbeit. In seinen Vorbemerkungen arbeitet Schafranek anschaulich die heterogene Alters- und Sozialstruktur dieser sehr stabilen mittleren Ebene an Parteiführern heraus, die in ihrem regional begrenzten Rahmen über eine bemerkenswerte Machtfülle verfügten und sich eine starke „Hausmacht“ aufgebaut hatten. Beim Studium der einzelnen Biografien ergibt sich ein erschreckendes Bild der Verhältnisse in der NS-Ära, vor allem zur Zeit des „Anschlusses“ und in der Kriegsendphase. Zudem lässt sich ein deprimierender Blick auf die Zustände im Österreich der Nachkriegszeit werfen, als die dominierenden Parteien Österreichische Volkspartei (ÖVP) und Sozialdemokratische Partei Österreichs (SPÖ) mit „Persilscheinen“ für hochgradige Nazis großzügig um sich warfen, nicht selten empörend milde Gerichtsurteile mit hanebüchenen Begründungen gesprochen und verurteilte NS-Täter schon nach unangemessen kurzer Zeit begnadigt wurden.

Die Beschränkung auf Kreisleiter ist bedauerlich, denn man hätte sich in einem Band mit biografischen Studien zum Thema „Wer waren die niederösterreichischen Nationalsozialisten?“ auch Beiträge über die wichtigsten und bekanntesten NS-Führer Niederösterreichs erhofft: über den Gauleiter Hugo Jury etwa, über dessen Vorgänger, den von Hitler persönlich degradierten Josef Leopold, den kommissarischen Gauleiter der Zeit des „Anschlusses“ Roman Jäger, den aus Hessen stammenden stellvertretenden Gauleiter Karl Gerland und andere. So bekommt man, was die führenden politischen Akteure der Jahre 1938 bis 1945 in Niederösterreich betrifft, leider ein recht fragmentarisches Bild geboten.

Der dritte Abschnitt des Buches enthält insgesamt 18 biografische Abrisse von SS-Tätern mit Niederösterreich-Bezug, darunter der Linzer Gestapo-Chef und Sonderkommandoführer Gerhard Bast, der Wiener Polizeivizepräsident und Höhere SS- und Polizeiführer in Albanien Josef Fitzthum, der kommissarische Gauleiter von Kärnten und SS- und Polizeiführer von Warschau Franz Kutschera oder die Kommandanten des Ghettos Theresienstadt Karl Rahm und Siegfried Seidl. Hervorzuheben ist, dass Schafranek auch weniger bekannte Täter wie etwa den aus Hainburg an der Donau stammenden Franz Kleedorfer in den Fokus rückt, der sich im Kampfeinsatz gegen griechische Partisanen den Beinamen „Bluthund von Athen“ erworben hatte.

Der dünne, aber inhaltsreiche Band enthält erstaunlicherweise kein zusammenfassendes Resümee. Schade, der Versuch einer Kollektivbiografie der niederösterreichischen Nationalsozialisten hätte durchaus anregend sein und dem Werk insgesamt mehr Substanz verleihen können. Hervorzuheben sind das übersichtliche Personen- und Ortsregister sowie die sorgfältige redaktionelle Betreuung und gediegene Machart des Buches.

Fazit: Eine Publikation, die trotz der erwähnten Kritikpunkte von beträchtlichem Wert für die weiterführende Forschung ist – als biografisches Nachschlagewerk sowie als Quellen- und Literaturüberblick. Historiker, die sich mit der Geschichte des Nationalsozialismus in Niederösterreich oder mit NS-Täterforschung im weiteren Sinn beschäftigen, werden nicht darauf verzichten können.

Anmerkungen:
[1] Demnächst wird die Lücke geschlossen. Noch 2021 soll der folgende Band erscheinen: Stefan Eminger / Ernst Langthaler / Klaus-Dieter Mulley, Nationalsozialismus in Niederösterreich. Opfer. Täter. Gegner, in: Horst Schreiber (Hrsg.), Nationalsozialismus in den österreichischen Bundesländern 9, Innsbruck 2021. Einen Überblick bietet: Klaus-Dieter Mulley, Niederdonau: Niederösterreich im „Dritten Reich“ 1938–1945, in: Stefan Eminger / Ernst Langthaler (Hrsg.), Niederösterreich im 20. Jahrhundert. Band 1: Politik, Wien 2008, S. 73–102. Hervorzuheben ist eine umfassende Studie über die niederösterreichische Landwirtschaft in der NS-Ära: Ernst Langthaler, Schlachtfelder. Alltägliches Wirtschaften in der nationalsozialistischen Agrargesellschaft 1938–1945, Wien 2016.
[2] Hans Schafranek, Söldner für den „Anschluss“. Die Österreichische Legion 1933–1938, Wien 2011.

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04.05.2021
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