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Titel
Revolution Goes East. Imperial Japan and Soviet Communism


Autor(en)
Linkhoeva, Tatiana
Reihe
Studies of the Weatherhead East Asian Institute, Columbia University
Erschienen
Anzahl Seiten
X, 281 S.
Preis
$ 21.99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Eva-Maria Stolberg, Historisches Institut, Universität Duisburg-Essen

Revolution goes East von Tatiana Linkhoeva, Assistant Professor an der New York University, untersucht die Rezeption der russischen Oktoberrevolution im Japan der Zwischenkriegszeit. Ungeachtet der kulturellen Unterschiede standen Russland und Japan nach Ende des Ersten Weltkrieges gleichmaßermaßen vor einer fundamentalen Herausforderung. In beiden Ländern war erst Mitte des 19. Jahrhunderts ein Prozess der Modernisierung überkommener imperialer Herrschaftsstrukturen eingeleitet worden – im Zarenreich die Großen Reformen, in Japan die Meiji-Restauration. Die außenpolitischen Beziehungen waren durch den Russisch-Japanischen Krieg 1904/05 nachhaltig belastet. Der Sieg Japans führte zur Etablierung der japanischen Vormacht in Nordostasien (Korea, Mandschurei), gleichzeitig vollzog sich innenpolitisch in Japan der Aufstieg des Militarismus. Die Bedeutungszunahme des Militärs äußerte sich in der Außenpolitik in einem Expansionismus, in der Innenpolitik in der Bekämpfung der vielfältigen linken Opposition, die Kommunisten wie auch Anarcho-Syndikalisten einschloss. Inflation, wirtschaftliche Depression und die Reis-Unruhen von 1918 führten zu einer angespannten Lage, in der sich weite Teile der Arbeiterschaft und Jugend radikalisierten. Die russischen Bolschewiki sahen den Zeitpunkt für eine kommunistische und anti-imperialistische Revolution in Japan gekommen.

Die Autorin setzt sich zum Ziel, die politischen und ideologischen Parameter japanischer Innen- und Außenpolitik der Zwischenkriegszeit im Kontext der russischen Oktoberrevolution, des Wirkens der Kommunistischen Internationale (Komintern) und der japanisch-sowjetischen Beziehungen zu analysieren. Linkhoevas Studie ist die erste der jüngeren, nachsowjetischen Historikergeneration, die sich dieses Themas annimmt. Zu Recht kritisiert die Autorin die sowjetische Historiografie für ihre jahrzehntelange ideologisch gefärbte Etikettierung der japanischen Gesellschaft als „militaristisch“, ohne die politische Diversität wahrgenommen zu haben. Damit schließt sich Linkhoeva dem japanischen Forschungsstand an.[1]

Die Dissertation untergliedert sich in zwei Teile mit sieben Kapiteln: Der erste Teil „Our Northern Neighbor“ behandelt die Rezeption des neuen Regimes in Russland aus dem Blickwinkel der staatstragenden japanischen Elite, das heißt der politischen Parteien von Konservativ bis Liberal, den Entscheidungsträgern im japanischen Außenministerium (Gaimushō) und im Militär (hier insbesondere die Kwantung-Armee, Kantō-gun). Im zweiten Teil wendet sich die Autorin der Bewertung der russischen Oktoberrevolution, der Stellung Sowjetrusslands in der Weltpolitik, vor allem in der Geopolitik Nordostasiens aus dem Blickwinkel der japanischen Linken zu. Die Gegenüberstellung dieser beiden Teile macht den besonderen Reiz der Dissertation aus, weil sie die tiefe Verunsicherung, die die Oktoberrevolution und die (welt-)revolutionären Ansprüche Sowjetrusslands in Japan auslösten, verdeutlichen. Hinzu kam die auf sozialen und wirtschaftlichen Ursachen beruhende tiefe Spaltung der japanischen Gesellschaft und Nation. Beide Begriffe spielten eine besondere Rolle, die Zukunft der japanischen Gesellschaft stand im Fokus der Linken, der Zusammenhalt der Nation im Fokus der nationalistisch-militaristischen Rechten. Der Autorin gelingt es überzeugend, das komplexe Geflecht von Innen- und Außenpolitik offenzulegen.

In „Our Northern Neighbor“ skizziert Linkhoeva die Entwicklung der russisch-japanischen Beziehungen vor 1917. Seit der Erschließung des russischen Fernen Ostens, einschließlich Sachalins und der Kurilen, wurde Russland für seinen östlichen Nachbarn zu einem „nördlichen Problem“ (hoppō no kōyi). Die „Ungleichen Verträge“ mit China verstärkten Mitte des 19. Jahrhunderts die japanischen Befürchtungen vor einer wachsenden geopolitischen und militärischen Dominanz des Zarenreiches in Nordostasien. Die Meiji-Restauration (Meiji Ishin) zielte auf eine innenpolitische Modernisierung nach westlichem Vorbild und außenpolitisch auf eine Gleichstellung mit den europäischen Großmächten ab, was die Stellung des Militärs stärkte und sich in der Parole „reiches Land, starke Armee“ (fukoku kyōhei) ausdrückte. Die europäischen Großmächte, darunter das Zarenreich, und die USA wurden als Konkurrenz in Nordostasien angesehen. In den Jahren vor dem Russisch-Japanischen Krieg 1904/05 formierte sich angesichts des geopolitischen Interessengegensatzes in Korea und der Mandschurei ein Bündnis von diversen antirussischen, nationalistisch-militaristischen Geheimgesellschaften und der japanischen Armee. Diese Konstellation sollte auch nach der russischen Oktoberrevolution von 1917 für die japanische Politik gegenüber Sowjetrussland bestimmend bleiben. Es war die entscheidende Konstante für die Zwischenkriegszeit.

Wie Linkhoeva detailliert nachweist, waren die japanische Regierung, das Außenministerium und das Militär über die politische Entwicklung am Vorabend der russischen Oktoberrevolution dank eigener Diplomaten und Agenten sehr gut informiert. Die Sibirien-Intervention (Shiberia no shuppei) war das bestimmende Ereignis der japanischen Außenpolitik der Zwischenkriegszeit: Zum einen – wie Linkhoeva ausführt – stellte sie die expansionistischen Ambitionen erneut unter Beweis, zum anderen verdeutlichte sie die Bedrohungsängste, so die Angst vor einem militaristischen, antisowjetischen Japan oder die Angst vor einem expandierenden, die kommunistische Revolution exportierenden Sowjetrussland.

Überzeugend beschreibt die Autorin die ideologischen Gegensätze und die geopolitischen, unter anderem auch sicherheitspolitisch motivierten Interessen Sowjetrusslands und Japans in Nordostasien. Linkhoeva nennt dabei drei Konfliktpunkte: die japanische Sibirien-Intervention, die zarische Ostchinesische Eisenbahnlinie und die Unterstützung koreanischer und chinesischer Kommunisten durch Sowjetrussland. Die Veröffentlichung des russisch-japanischen Geheimvertrages von 1916 und die in der Karachan-Deklaration von 1919 versprochene kompensationslose Rückgabe der Ostchinesischen Eisenbahn an die Republik China bewertete die japanische Regierung als sowjetischen Affront: während Sowjetrussland als Verfechter der Selbstbestimmungsrechte der Völker auftrat, wurde Japan als imperialistischer Aggressor bloßgestellt. Linkhoeva untersucht die Entscheidungsmechanismen in der japanischen Außenpolitik, die zur Intervention in den russischen Bürgerkrieg in Sibirien führten. Dabei bietet sie jedoch substanziell keine neuen Erkenntnisse, sondern referiert lediglich die japanische Forschungsliteratur wie Izao Tomio, Masanori Itō, und Terayuki Hara.[2]

Im zweiten Teil „The Japanese Left and the Russian Revolution” zeichnet die Autorin die disparate Rezeption der russischen Oktoberrevolution durch die japanische Linke nach. Diese konnte nicht als geschlossene Bewegung gelten. Anarchismus, Kommunismus in Gestalt der eher bedeutungslosen Kommunistischen Partei Japans und der aufstrebende nationale Sozialismus, der in Loyalität zur japanischen Nation und einem Bekenntnis zum Militarismus einen Schulterschluss mit der politischen Rechten suchte, verdeutlichen die politische Auffächerung der japanischen Linken in der Zwischenkriegszeit. Spätestens nach Ende der Reis-Unruhen und der Ausschaltung der Sozialrevolutionäre in Sowjetrussland hatte auch der Anarchismus in Japan seine Bedeutung verloren. Die Kommunistische Partei Japans (Nihon Kyōsantō) war 1922 gegründet worden. Im Unterschied zu den chinesischen und koreanischen Kommunisten blieb die KPJ in der japanischen Gesellschaft eine Randerscheinung. Die Stellung des Tennos und des Militärs blieb bis 1945 unangefochten, eine antikolonialistische und antiimperialistische Bewegung, wie sie von Sowjetrussland in China und Korea unterstützt wurde, konnte sich daher in Japan nicht entwickeln. Zu Recht betont die Autorin, dass die Kohärenz der japanischen Nation im Vordergrund stand. Nach Linkhoeva bot der Antikommunismus der staatstragenden Eliten in Regierung, Außenministerium und Militär eine Identifikation, der die gespaltene Linke nichts entgegenzusetzen hatte.

In Revolution goes East erfasst Linkhoeva sorgfältig die bisherige japanische und anglo-amerikanische Forschungsliteratur zu den sowjetisch-japanischen Beziehungen der Zwischenkriegszeit. Die Thesen der Autorin sind solide und schließen sich dem Forschungsstand an. Ein Manko besteht jedoch darin, dass die Autorin keine Dokumente aus den Archiven des japanischen Außenministeriums und den Parteiarchiven, insbesondere der japanischen Linken, herangezogen hat. So geht die Studie über die bisherige Forschung nicht hinaus. Zudem fehlt eine abschließende, bewertende Diskussion zum Konzept des „Neuen Japan“, das sowohl von der politischen Rechten also auch Linken in den 1920er-Jahren debattiert wurde. Für die Rechte bedeutete das „Neue Japan“ dezidiert die Stärkung der Nation in Anbetracht der wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen nach Ende des Ersten Weltkrieges und gerade auch angesichts der von Sowjetrussland ausgehenden revolutionären Gefahr. Die Linke war dagegen programmatisch zerstritten, ob das „Neue Japan“ den Weg der sozialen Reform oder der sozialen Revolution nach sowjetischem Vorbild gehen sollte. Bedeutende japanische Linksintellektuelle waren einhellig der Ansicht, dass die politischen und sozialen Kontexte Sowjetrusslands auf nichtasiatische Gesellschaften nicht übertragbar seien. Der sowjetische Kommunismus blieb ihnen ein fremdes Konzept. Die Autorin beschränkt den politischen Diskurs auf die Parteieliten der japanischen Linken. Wie Sowjetrussland hingegen an der Parteibasis rezipiert wurde, bleibt außen vor. Vor dem Hintergrund vorhandener Archivquellen ist es bedauerlich, dass Linkhoeva diese Aspekte nicht in den Blick genommen hat.

Anmerkungen:
[1] Keishi Ono, The Siberian Intervention and Japanese Society, in: Oliviero Frattolillo/Antony Best (Hrsg.), Japan and the Great War, London 2015, S. 93–115; Asada Masafumi, Shiberia shuppei. Kindai Nihon no wasurerareta shichinen sensō, Tokyo 2018.
[2] Hara Teruyuki, Shiberia shuppei. Kakumei to kanshō 1917–1922, Tokyo 1989; Itō Masanori, Shiberia shuppei go no tōshin tetsudō mondai (1924–1928): Nisso kankei no ichi sokumen, in: Sophia Historical Studies, 36 (1991), S. 29–50.; Tomio Izao, Shoki Shiberia shuppei no kenkyū: Atarashiki kyūseigun kōsō no tōjō to tenkai, Fukuoka 2003.

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27.04.2021
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