Cover
Titel
Der Stettiner "Volksbote". Eine sozialdemokratische Zeitung in Pommern 1885–1933


Autor(en)
Bader, Harald
Reihe
Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Pommern. Reihe V: Forschungen zur Pommerschen Geschichte 54
Erschienen
Göttingen 2020: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
446 S., 26 SW-Abb. und 8 Tab.
Preis
€ 70,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Niklas Venema, Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, Freie Universität Berlin

Was stand in der Zeitung? Die Beantwortung dieser zentralen Frage der kommunikationshistorischen Forschung ist Voraussetzung aller weitergehenden Überlegungen zu gesellschaftlichen Wirkungen der Presse. Viel zu selten wird sie mit einem umfangreichen Quellenstudium bearbeitet. Die wenigen Studien konzentrieren sich auf weitverbreitete Leitmedien. Harald Bader hat eine solche quellengesättigte „Zeitungsbiographie“ (S. 31) hingegen für einen weniger angesehenen, aber ebenfalls bedeutsamen Typ verfasst. Mit dem sozialdemokratischen Volksboten widmet er sich einem parteigebundenen Lokalblatt mit geringer Auflage, das zwischen 1885 und 1933 in Stettin erschien. Der Autor wurde mit dieser Arbeit an der Technischen Universität (TU) Dortmund promoviert.

Durch Baders Anspruch, den Volksboten möglichst umfassend darzustellen, ist ein wertvolles Nachschlagewerk entstanden. Akribisch hat er alles zusammengetragen, was in den Archiven und Bibliotheken von der Zeitung und über sie zu finden ist. Untersucht werden sollen zunächst nicht weiter eingegrenzte Themen und ihre Darstellung, die Harald Bader an „Aktualität, Relevanz, Richtigkeit und Vermittlung“ sowie ferner an der „Vielfalt der Standpunkte“ als Kriterien „journalistische[r] Qualität“ messen möchte (S. 22). Die kommunikationswissenschaftliche Forschung dazu diskutiert er allerdings nur knapp.[1] Auch die normativen Implikationen solcher Ansprüche an Journalismus und die Konflikte mit den Charakteristika von Parteijournalismus reflektiert er nur zum Teil. Dabei liegen differenzierte Arbeiten vor, die Begriffe wie „Unabhängigkeit“ historisch reflektieren und damit sogar für die Analyse des Journalismus im Nationalsozialismus fruchtbar gemacht haben.[2]

Die Arbeit richtet sich an Kommunikationshistoriker:innen und Leser:innen mit besonderem Interesse an der Geschichte der Sozialdemokratie oder an der Regionalgeschichte Pommerns. Die Einleitung verortet die Arbeit in diesen Feldern, macht den Einstieg in das Thema ohne erkennbaren roten Faden allerdings schwer. Das erste Unterkapitel entspricht mit Danksagungen eher einem Vorwort, danach beschreibt der Autor Relevanz, Quellen und Forschungsstand und entwickelt eine Heuristik zu journalistischer Qualität sowie sein methodisches Vorgehen. Nur durch die vorangestellte Zusammenfassung kann man diesen Ausführungen folgen. Das zweite Kapitel liefert den Kontext zu Pommern, der regionalen Presse und der Arbeiterbewegung. Nachfolgend geht Bader genauer auf die pommersche Arbeiterbewegung ein, inklusive der Abspaltungen der SPD. Die Beschreibung geht mit der Regionalgeschichte Pommerns seit dem 17. Jahrhundert einerseits und der Entwicklung der Sozialdemokratie bis in die jüngere Vergangenheit andererseits weiter als notwendig über den Erscheinungszeitraum des Volksboten hinaus.

An diese Darstellung des Kontextes schließt Bader seine eigentliche Untersuchung an. Grundlage ist eine Inhaltsanalyse, die lediglich durch eine Liste der verschiedenen Themen und Inhalte strukturiert ist und dadurch weitgehend deskriptiv bleibt. Die Kriterien zur Auswahl der Themen sind nicht transparent. Der Ergebnisdarstellung ist ein guter Überblick zur Zeitung vorangestellt und kurze Biografien der Redakteure des Volksboten ergänzen die Analyse der Zeitungsinhalte sinnvoll. Auch für weitere zentrale Personen liefert Bader im gesamten Buch hilfreiche biografische Fußnoten. Zudem beschreibt er den Volksboten treffend im (Konkurrenz-) Verhältnis zu anderen Titeln der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) und der SPD.

Bader zitiert ausführlich die Berichterstattung des Volksboten und kontextualisiert die Artikel mit der Forschungsliteratur. Die Leser:innen erhalten so einen guten Eindruck von der Zeitung. Mehrere Abbildungen, beispielsweise von Schlagzeilen, Karikaturen, zensierten Artikeln oder Anzeigenseiten des Volksboten machen die Darstellung noch anschaulicher. Allerdings macht sich hier erneut das Fehlen eines größeren Argumentationszusammenhangs bemerkbar, der als Klammer für die Beschreibungen dienen könnte. Die untersuchten Aspekte sind auf ganz unterschiedlichen logischen Ebenen zu verorten. Beispielsweise behandeln die Unterkapitel zur Berichterstattung im Kaiserreich Ereignisse (etwa die Reichstagswahlen 1912 oder die Eulenburgaffäre), politische Positionierungen (etwa zu Preußen, Polen, Antisemitismus, Alkohol, Religion, Frauen, Landarbeitern oder Krieg) oder Darstellungsformen und den journalistischen Beruf (Feuilleton, Öffentlichkeit und journalistisches Selbstverständnis). Mit den Ansätzen der Professionalisierung und Modernisierung misst Harald Bader die von ihm untersuchte Parteizeitung an normativen Kriterien, die konkurrierende bürgerlichen Blätter etabliert haben. Das beschriebene Berufs- und Öffentlichkeitsverständnis eines sozialistischen Journalismus kann somit nicht als bewusster Gegenentwurf anerkannt werden und jede Bindung zwischen Partei und Journalismus muss nach diesen Maßstäben negativ bewertet werden.

Es ist bedauerlich, dass der Autor für die Weimarer Republik ganz andere exemplarische Inhalte auswählt und somit nur einen begrenzten systematischen Vergleich zur Berichterstattung im Kaiserreich erlaubt. Für die Zeit zwischen 1918 und 1933 greift er wieder zentrale politische Ereignisse und Themen (Novemberrevolution, Versailles, Kapp-Putsch, Krise 1923, Reichspräsidentenwahl 1925, Faschismus) und weitere Aspekte des Journalismus (Lokales und Provinz, Karikaturen und Anzeigen) auf. Für den Vergleich mit zwei konkurrierenden bürgerlichen Zeitungen nimmt Bader Quantifizierungen zum Preis und Seitenumfang der einzelnen Ressorts vor. So kommt er zu dem interessanten Befund, dass die sozialdemokratische Zeitung in der Weimarer Republik mehr Lokalnachrichten und Unterhaltung als die Konkurrenz bot.

Bader zieht das Resümee, dass der Volksbote im Kaiserreich wenig Rücksicht auf die Interessen der Leser:innen nahm, und identifiziert die zu diesem Zeitpunkt noch starke theoretische Verankerung des Marxismus in der Partei und in ihrer Presse als Grund. Gleichzeitig attestiert er dem Volksboten eine stringente Analyse und Argumentation. Für die Weimarer Republik sieht er eine inhaltliche Verschiebung von Auseinandersetzungen mit politischen Grundsatzfragen und Parteitagsberichten hin zu aktuellen (lokalen) Nachrichten und eine stärkere Bebilderung. Für diese Zeit spricht er der Zeitung denn auch journalistische Qualität gemäß der von ihm herangezogenen Kriterien zu.

Es wird deutlich, dass das Erkenntnisinteresse der Arbeit nicht zuletzt auch ein politisches und aktuelles ist. Die Sympathie für den Forschungsgegenstand ist bei Studien zur Arbeiterbewegung keine Seltenheit und schränkt ihre Qualität nicht zwangsläufig ein. Die Versuche des Autors, die Linien der Geschichte des Volksboten bis in die Gegenwart zu ziehen und die Historie stringent im Sinn der heutigen Sozialdemokratischen Partei Deutschland (SPD) zu interpretieren, verengen die Perspektive allerdings stellenweise. Es verwundert, dass Bader gerade anhand des Volksboten, dem Organ eines Landesverbands, der nach der Darstellung des Autors zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum linken Flügel der SPD gehörte und die unvollendete Revolution 1918/19 beklagte (vgl. S. 86, S. 314, S. 374), konsequent allem, was links von einer regierenden Sozialdemokratie steht und stand, „Totalitarismus“ (S. 63) vorwirft. Auch Passagen, in denen Bader beispielsweise Ratschläge für die SPD und die Friedrich-Ebert-Stiftung entwickelt, um sich in Vorpommern gegenüber der Partei Die Linke zu profilieren, überraschen für eine pressehistorische Dissertationsschrift (vgl. S. 82).

Der Wert dieser aufwendigen Zeitungsbiografie wird also leicht durch den politischen Anspruch geschmälert, das Wirken der heutigen SPD historisch zu legitimieren. Hinzu kommt, dass die Lektüre wegen des sehr breiten Zugangs teilweise mühsam ist. Man würde sich eine stärkere Zuspitzung der Fragestellung und eine darauf ausgerichtete Argumentation wünschen. Jenseits dessen ist Bader jedoch eine umfassende Darstellung gelungen, die einen guten Eindruck von der Berichterstattung einer sozialdemokratischen Provinzzeitung im Kaiserreich und in der Weimarer Republik gibt. Das Buch kann eine wichtige Grundlage für anschließende Detailstudien zur (sozialdemokratischen) Regionalpresse bieten, wie sie der Autor selbst in vergleichender Perspektive zwischen Titeln unterschiedlicher Strömungen vorschlägt. Nicht nur dafür sind auch die angehängten Personen- und Ortsregister hilfreich.

Anmerkungen:
[1] Einen Überblick bietet Klaus Arnold, Qualität des Journalismus, in: Martin Löffelholz / Liane Rothenberger (Hrsg.), Handbuch Journalismustheorien, Wiesbaden 2016, S. 551–563.
[2] Horst Pöttker, Journalismus als Politik, in: Publizistik 51 (2006), S. 168–182.