C. Harzig (Hrsg.): Migration und Erinnerung

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Titel
Migration und Erinnerung. Reflexionen über Wanderungserfahrungen in Europa und Nordamerika


Herausgeber
Harzig, Christiane
Reihe
Transkulturelle Perspektiven 4
Erschienen
Göttingen 2006: V&R unipress
Anzahl Seiten
228 S.
Preis
€ 28,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Joachim Baur, Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft, Eberhard-Karls-Universität Tübingen

Die Feststellung, dass die Beschäftigung mit Erinnerung seit Jahren eines der produktivsten Felder in den Geistes- und Kulturwissenschaften darstellt, ist inzwischen ein Gemeinplatz. Umso mehr erstaunt, wie wenig das Thema Migration in diesem Zusammenhang bislang beleuchtet wurde.[1] So ist man gespannt, wenn ein Sammelband verspricht, das Verhältnis von „Migration und Erinnerung“ auszuloten. Das Buch ist hervorgegangen aus der Konferenz „Transculturalism and Memory – Understanding Transitions through Life Writings“, die anlässlich des 60. Geburtstags von Dirk Hoerder im Juni 2003 an der Universität Bremen stattfand. Dieser Ausgangspunkt ist dem Band in zweierlei Hinsicht anzumerken: Zum einen liegt der Schwerpunkt zahlreicher Beiträge auf Selbstzeugnissen von Migranten, zum anderen kommen die Autorinnen und Autoren ausnahmslos aus dem Kreis (ehemaliger) Mitarbeiter oder Ko-Autoren Hoerders. Es handelt sich mithin um eine „getarnte“ Festschrift, die einmal mehr die Probleme dieser Gattung demonstriert.

Das zentrale Problem ist eine theoretische Unterbestimmtheit des vermeintlich leitenden Konzepts Erinnerung. Zwar thematisieren alle Beiträge Aspekte von Migrationsgeschichte und referieren zum Teil interessante Befunde. Dass die Artikel, wie einleitend formuliert, „Erinnerung als historisches analytisches Konzept“ (S. 7) zur Untersuchung des Komplexes Migration begreifen, lässt sich allerdings nur in Einzelfällen erkennen. Vielmehr fungiert „Erinnerung“ hier als maximal flexible Klammer, die dem Band scheinbare Kohärenz und erhöhte Aufmerksamkeit verleihen soll.

Deutlich wird dies in Christiane Harzigs Einleitung „Zur persönlichen und kollektiven Erinnerung in der Migrationsforschung“. Harzig gibt sich sichtlich Mühe, einerseits einen Rahmen für die folgenden elf Beiträge zu schaffen und andererseits – nicht zuletzt im Titel geweckte – Erwartungen zu relativieren: So sei das Ziel „nicht eine umfassende Darstellung und Systematisierung, sondern ein Beitrag zur Erkundung oder Bestandsaufnahme“ (S. 7). Als Gewährsleute zieht Harzig wie üblich Maurice Halbwachs und Pierre Nora heran. In der „theoretischen und methodischen Unschärfe“ von Noras „lieux de mémoire“ liege gerade die „produktive Kraft des analytischen Konzepts“ (S. 8). Eine gründlichere Diskussion dieser Ansätze oder die Auseinandersetzung mit alternativen Konzeptualisierungen von Erinnerung bleibt aus – was insofern konsequent ist, als auch die Mehrzahl der folgenden Beiträge von solchen Überlegungen frei ist.

Den Anfang macht Sylvia Hahn mit einem Aufsatz zu Lebenserinnerungen von Arbeitsmigranten im Wien des 19. Jahrhunderts. Es gelingt ihr, durch diese Perspektive „von unten“ Ähnlichkeiten und Unterschiede in den Erfahrungen der Zuwanderer deutlich zu machen. Indem sie die Autobiografien jedoch allein als „interessante Informationsbasis“ begreift (S. 28), vernachlässigt sie gerade deren Charakter als Erinnerungen bzw. als spezifisch geformte Erzählungen für die Autoren und für andere. Gleiches gilt für Walter D. Kamphoefners Auswertung des Tagebuchs der westfälischen Pastorenfrau Adelheid Garlichs, das diese seit ihrer Emigration nach Missouri 1835 schrieb. Auch Kamphoefner nutzt das Selbstzeugnis im Wesentlichen als Reservoir für Fakten und kann damit unter Verwendung weiterer Quellen überzeugend das soziale Netzwerk der deutschen Einwanderer an der amerikanischen Frontier rekonstruieren. Im Ganzen bleibt seine Analyse jedoch an der Oberfläche bzw. zeigt jene „underanalysis“, die David A. Gerber im sozialhistorischen Umgang mit Auswandererbriefen kritisiert hat.[2] So konstatiert er etwa, dass das Tagebuch mangels expliziter Hinweise auf das „Innenleben“ Garlichs’ „aus psychologischer Sicht eher enttäuschend“ sei (S. 136), ohne sich allerdings für spezifische Arten des Schreibens oder intertextuelle Bezüge überhaupt zu interessieren.

Kathleen N. Conzens Beitrag schöpft das ausgewählte Material, den Lebensbericht des bayerischen Amerika-Auswanderers George Kulzer, im Hinblick auf das Thema Erinnerung weit besser aus. Conzen analysiert die Autobiografie als spezifischen Selbstentwurf, indem sie auf Abhängigkeiten von anderen Erzählformen verweist – insbesondere die „Erweckungsbeichte“ und den „Pionier-Bericht“. In einem zweiten Schritt verfolgt sie den Gebrauch und die Veränderung des Textes in verschiedenen Kontexten und setzt dies in Beziehung zu sich verändernden Sichten auf die amerikanische Einwanderung im 19. Jahrhundert.

Mit Auswandererbriefen nehmen zwei Beiträge eine weitere Gattung von Ego-Dokumenten in den Blick. Wolfgang Helbich referiert in seinem zwischen Literaturbericht, Propädeutik und Apologie eigener Projekte changierenden Beitrag über „Nutzen, Missbrauch, Möglichkeiten“ solcher Briefe, wobei manches eine gewisse Selbstreferentialität der „kleine[n] Gemeinde der Auswandererbrief-Nutzer“ (S. 83) erkennen lässt. Yves Frenette, Gabriele Scardellato und John Willis untersuchen den „transatlantischen Korrespondenzraum“, der sich aus dem umfangreichen Briefverkehr des 1951 nach Kanada ausgewanderten Dänen Christian Bennedsen entfaltete. Die Autoren deuten den Briefwechsel als Moment eines sich entwickelnden „postalische[n] Dorf[s], wo sich alte Bindungen lösten, neue Wahrnehmungen über das Selbst und Andere sich herauskristallisierten und aus dem neue Identitäten entstanden“ (S. 167). Die konkrete Auswertung des Briefbestands sowie die vielversprechende Kontrastierung der Briefe mit Oral-History-Interviews bleiben indes rudimentär.

Leslie Page Moch trägt einen differenzierten Aufsatz zur Ethnisierung bretonischer Binnenmigranten in Paris zu Beginn des 20. Jahrhunderts bei. In der Analyse von Sozialstruktur, Heiratsverhalten und Arbeitsverhältnissen zeigt sie die Heterogenität dieser in der Großstadt als homogen wahrgenommenen Gruppe auf. Aspekte von Erinnerung scheinen im Wandel der Karikatur des bretonischen Hausmädchens „Bécassine“ auf, werden jedoch nicht dezidiert verfolgt. Noch weiter entfernt vom vorgeblichen Thema des Bandes ist Hartmut Keils Aufsatz zum „Verhältnis deutscher Immigranten zu Sklaverei und Abolition in der Mitte des 19. Jahrhunderts“, in dem er die Ablehnung der „peculiar institution“ seitens liberaler Intellektueller bei gleichzeitiger Beibehaltung rassistischer Denk- und Verhaltensmuster schildert. Symptomatisch sind die Verweise auf diesen Beitrag in der Einleitung der Herausgeberin: Wo Keil von aufklärerischen Einstellungen und Einschätzungen spricht, wird dies bei Harzig zu „aufklärerische[r] Erinnerung“ (S. 17), und klassische Bildung will sie verstanden wissen als „verfasstes, intellektuelles, vergesellschaftetes Erinnern“ (S. 16) – ohne dass der fragliche Beitrag auch nur Ansätze einer solchen Perspektive enthielte.

Anne E. Dünzelmann untersucht die Nutzung bestehender und Gründung neuer Kleingartenanlagen durch Migranten in Bremen und interpretiert beides als Indiz für Akkulturation und Integration. Ihre Ausführungen bleiben indes deskriptiv, und der reizvolle Gedanke, dass Migranten über die Gestaltung ihrer Gärten Elemente der Kultur ihres Herkunftslandes in Erinnerung halten, wird nicht stichhaltig belegt. Überzeugender erscheint Marianne Debouzys These, dass sich die Widerständigkeit französischer Migranten der zweiten Generation im Kontext der Streiks gegen die Arbeitsbedingungen bei McDonald’s aus der Erinnerung an die Ausbeutung ihrer eingewanderten Eltern gespeist habe. Im Rahmen einer engagierten Chronik der Kämpfe gegen die „McDonaldisierung“ in Frankreich wird indes auch dieses Argument nur wenig entwickelt.

Zwei weitere Aufsätze widmen sich dezidiert Fragen der Erinnerung. Gestützt auf 100 lebensgeschichtliche Interviews und theoretisch orientiert an Harald Welzers Studien zum Familiengedächtnis, legt Alexander Freund überzeugend dar, wie sich die Erinnerung an den Holocaust auf das Verhältnis zwischen Juden und nicht-jüdischen deutschen Immigranten in Nordamerika ausgewirkt bzw. wie die Erfahrung der Migration und interethnischer Beziehungen umgekehrt die Erinnerung beeinflusst habe. Piotr Wróblewski nimmt abschließend „Die sakralen Stätten nationaler Minderheiten in Polen“ in den Blick; er untersucht die „ethnische Mobilisierung“ von Deutschen, Ukrainern und Weißrussen sowie die Konflikte zwischen diesen Gruppen an verschiedenen Orten. Es gelingt ihm aufzuzeigen, wie historische Ereignisse zur Legitimation gegenwärtiger Ansprüche und zur Konstruktion von Gruppenidentitäten genutzt werden. Undeutlich bleiben indes die Spezifik des Feldes Religion bzw. der sakralen Stätten sowie Differenzen innerhalb der untersuchten ethnischen Gruppen – sowohl im Hinblick auf das Verhältnis von Funktionsträgern und anderen Mitgliedern[3] als auch in Bezug auf innerethnische religiöse Pluralität (etwa bei orthodoxen und griechisch-katholischen Ukrainern).

So versammelt der Band eine Reihe zumeist lesenswerter Beiträge, die die Forschung in ihrer jeweiligen Sparte der Migrationsforschung zweifellos bereichern. Wer jedoch eine konzentrierte Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Migration und Erinnerung erwartet, wer Grundsätzliches, Theoretisches, gar Programmatisches sucht, wird weitestgehend enttäuscht.

Anmerkungen:
[1] Für erste Ansätze zu Deutschland vgl.: Motte, Jan; Ohliger, Rainer (Hrsg.), Geschichte und Gedächtnis in der Einwanderungsgesellschaft. Migration zwischen historischer Rekonstruktion und Erinnerungspolitik, Essen 2004 (rezensiert von Elke Gryglewski: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2004-3-104>); Georgi, Viola B., Entliehene Erinnerung. Geschichtsbilder junger Migranten in Deutschland, Hamburg 2003 (rezensiert von Nina Leonhard: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2003-4-118>). Mit einer Blickerweiterung auf Europa neuerdings: König, Mareike; Ohliger, Rainer (Hrsg.), Enlarging European Memory. Migration Movements in Historical Perspective, Ostfildern 2006.
[2] Gerber, David A., The Immigrant Letter between Positivism and Populism. The Uses of Immigrant Personal Correspondence in Twentieth-Century American Scholarship, in: Journal of American Ethnic History 16 (1997), S. 3-34.
[3] Die Differenzen und Spannungen zwischen „offiziellen“ und „vernakulären“ Einflüssen auf Formen öffentlicher Erinnerung betont: Bodnar, John, Remaking America. Public Memory, Commemoration, and Patriotism in the Twentieth Century, Princeton 1992. Die Übertragung dieses Ansatzes auf Prozesse innerhalb ethnischer Gruppen findet sich jetzt bei: Bungert, Heike, Cultural Memory in Migration History, in: Grabbe, Hans-Jürgen; Schindler, Sabine (Hrsg.), The Merits of Memory: Concepts, Contexts, Debates, Heidelberg 2007 (im Erscheinen).