T. Must u.a. (Hrsg.): Haptische Zugriffe auf gegenständliche Quellen

Cover
Titel
Haptische Zugriffe auf gegenständliche Quellen. Eine Chance für historisches Lernen? Fachwissenschaftliche, fachdidaktische und pädagogische Impulse


Herausgeber
Must, Thomas; Buchsteiner, Martin
Erschienen
Münster 2021: Waxmann Verlag
Anzahl Seiten
180 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Falko Bell, Gymnasium Nieder-Olm

Historische Gegenstände werden von Museumsbesucher:innen in der Regel nicht in die Hand genommen, beschnuppert und befühlt. In der Schule sind sie teilweise gar nicht anzutreffen, setzt doch die Vermittlung von Geschichte vornehmlich auf (didaktisch aufbereitete) Bild- und Textquellen. Dies mag aus Sicht der Lehrkräfte an der mangelnden Verfügbarkeit von Sachquellen vor Ort und der fehlenden Berücksichtigung in der Unterrichtsplanung liegen[1], gleichzeitig aber erscheint die Einbeziehung aller Sinne für ein vielseitiges Lernangebot naheliegend.[2] An dieser Stelle setzt der vorliegende Sammelband an. Thomas Must und Martin Buchsteiner weisen darauf hin, dass sich gerade in haptischen Zugriffen auf Gegenstände Vorteile für das historische Lernen ergeben können. Neben Sachquellen werden dabei auch Nachbildungen und andere Gegenstände mit historischem Bezug verstanden.

Die Bedeutung von Sachquellen für historisches Lernen ist nicht neu. In fachdidaktischen Publikationen und praxisbezogenen Zeitschriften sind diese präsent, auch auf den „sinnlichen Eindruck“ (Gerhard Schneider) wird verwiesen.[3] Im Vergleich zu anderen Quellengattungen finden sie jedoch weit weniger Beachtung. In einem jüngst erschienenen Sammelband wird ein grundlegender Nachholbedarf für die Geschichtsdidaktik im Zuge des „material turn“ beklagt.[4] Thomas Must und Martin Buchsteiner greifen diese Vernachlässigung auf. In der Einleitung formulieren sie Fragen zu „haptischen Begegnungen“ (S. 9) in Bezug auf deren kognitive Verarbeitung, ihre Bedeutung für historisches Lernen und die Konsequenzen für die Geschichtsvermittlung, die sie als Lücken in den Bereichen Empirie, Theorie beziehungsweise Praxis ausmachen.

Die nun folgenden elf Beiträge sind auf rund 165 Seiten in drei Abschnitte aufgeteilt: „Haptik in Wissenschaft und außerschulischer Geschichtsvermittlung“, „Geschichtsdidaktische Begriffe und Konzepte“ und „Zwischen den Disziplinen“. Diese Ordnung überrascht zunächst mit Blick auf die in der Einleitung genannten Bereiche. Thomas Must und Martin Buchsteiner weisen allerdings darauf hin, dass eine andere „Leserichtung“ (S. 9) auch möglich sei.

Im ersten Abschnitt steht neben der experimentellen Archäologie vor allem der Museumsbereich im Fokus. Marianne Hilke und Stephan Quick verdeutlichen anhand von Angeboten des Archäologischen Parks in Xanten zentrale Kriterien für die museumspädagogische Arbeit mit Gegenständen. Beispielsweise müsse der eingehenden Untersuchung antiker Originale eine entsprechend ausgearbeitete Reflexionsphase folgen: „Anfassen kann kein Selbstzweck sein“ (S. 40). Anna Riethus zeigt anhand des noch laufenden Forschungsprojekts „NMsee“ und erster Auswertungen, wie ein inklusiver Rundgang im Museum mithilfe digitaler, auditiver und haptischer Angebote, darunter ein entsprechend designtes „mobile game“, umgesetzt werden könnte.

Der zweite Abschnitt bietet geschichtsdidaktische Überlegungen und konkrete Unterrichtsbeispiele. Hier wird schließlich auch auf zentrale Begrifflichkeiten des Sammelbandes eingegangen. Thomas Must schlüsselt beispielsweise den Sammelbegriff „haptische Zugriffe“ in die Bereiche „Anfassen“, „Ausprobieren“ und „Anfertigen“ (S. 94) mit ihren didaktischen Zielsetzungen und möglichen Arbeitsaufträgen auf. Anhand von zwei eher ungewöhnlichen Beispielen macht er die unterrichtspraktische Verwendung dieser Handlungen anschaulich: Waschbrett und Ledergeldbeutel – hier wird den Leser:innen übrigens auch die (vermutliche) Wahl des Umschlagbildes (Waschzuber und -brett) klar. Den möglichen Mehrwert für das historische Lernen thematisiert Hannah Röttele unter Einbeziehung eigener empirischer Ergebnisse mit Schüler:innen im Museum. Sie legt dar, wie die historische Vorstellungskraft durch „Tasterfahrungen“ gezielt gefördert werden kann, sofern diese im Zusammenspiel mit entsprechender Re-Kontextualisierung, also durch die Hinzunahme zusätzlicher Quellen, erfolgt.

Der dritte Abschnitt bietet vor allem weiterführende, konzeptionelle Überlegungen. Dabei sticht zunächst der zweite Beitrag heraus. In diesem wendet sich Jörg van Norden unter Bezugnahme auf die Akteur-Netzwerk-Theorie und ihrer Begrifflichkeiten der Materialität von „Dingen“ zu. Historisches Lernen sei dabei vor allem über die (haptische) Wahrnehmung von Kontinuität und Wandel möglich. Mathias Möller und Thomas Must wiederum verknüpfen in ihren Überlegungen zum frühen historischen Lernen Gerd Schäfers „Denkformate“ mit Peter Gautschis „Wahrnehmungskompetenz“. Sie formulieren dazu entsprechende Unterrichtsphasen, in denen unter anderem haptische Eindrücke visualisiert und versprachlicht werden. Die in einer dritten Klasse durchgeführte Unterrichtseinheit zur mittelalterlichen Stadtmauer wird dabei als eine Erprobung ihrer Überlegungen vorgestellt.

Der Sammelband will „Impulse“ (S. 9) beziehungsweise „Anregungen“ geben, sich „theoretisch, empirisch und unterrichtspragmatisch verstärkt mit Haptik und Gegenständen im Geschichtsunterricht auseinanderzusetzen“ (S. 11). Dieses Ziel wurde sicherlich erreicht. Die Frage ist, in welchem Umfang dies für die Leser:innen möglich ist. Die einzelnen Beiträge sind dabei qualitativ recht heterogen. Bestehende Unschärfen in der Geschichtsdidaktik mithilfe anderer Fachgebiete aufzugreifen ist sicherlich eine Stärke des Buches. Das Potenzial einer Museumspädagogik aufzuzeigen, die sich intensiv mit Haptik und der Verwendung von Gegenständen auseinandersetzt, ist eine weitere. Leider waren empirische Erhebungen vereinzelt noch nicht abgeschlossen oder wurden bisher nur versuchsweise durchgeführt. Die konkreten Vorschläge zur Gestaltung entsprechender Unterrichtssettings wiederum bieten eine gute Grundlage für zukünftige Untersuchungen. Die Beispiele aus der Praxis fallen unterschiedlich aus. Am überzeugendsten sind die genannten Ausführungen von Thomas Must. Nicht nur aufgrund der momentanen Verlagerung von Unterricht ins Digitale lohnt sich eine weitere Auseinandersetzung mit Hannah Rötteles Befund, dass auch imaginäre Tasterfahrungen für historisches Lernen herangezogen werden können.

Der Kohärenz und dem Ertrag des Sammelbandes wäre sicherlich ein engerer Austausch unter den Beitragenden, ein gemeinsames Literaturverzeichnis sowie eine Zusammenführung der Ergebnisse durch die Herausgeber zuträglich gewesen. Lobenswert sind die zahlreichen Abbildungen, die zumindest einen visuellen Eindruck der haptischen Zugriffe erlauben. In Bezug auf die „Leserichtung“ würde der Rezensent im Nachhinein eher mit den grundlegenden Beiträgen aus dem zweiten und dritten Abschnitt beginnen. Weiterführende Betrachtungen zur Geschichte eines Gegenstandes, bis dieser etwa von einer Lehrkraft Schüler:innen zur Verfügung gestellt wird, sowie zur Wechselwirkung historischer Gegenstände und ihrer „Aura“ (S. 39) mit Lernenden in Bezug auf affektives Lernen wären wünschenswert.

Insgesamt liefert der Sammelband aufgrund der Vielzahl an Perspektiven nützliche Angebote, um sich mit dem Stellenwert des Anfassens, Ausprobierens und Anfertigens für das historische Lernen auseinanderzusetzen. Diese Tätigkeiten sind dabei nicht als Ersatz für andere Arbeitsformen, sondern als „sinn-volle“ Ergänzung zu sehen.

Anmerkungen:
[1] Zuletzt etwa die Befunde bei Andrea Brait, „Sachquellen, ja, die gehen etwas unter“. Zu den Potentialen einer Quellengattung und den Gründen, die ihren Einsatz im Geschichtsunterricht verhindern, in: Sebastian Barsch / Jörg van Norden (Hrsg.), Historisches Lernen und Materielle Kultur. Von Dingen und Objekten in der Geschichtsdidaktik, Bielefeld 2020 (Public History – Angewandte Geschichte, Band 2), S. 137–155.
[2] Dazu Sebastian Barsch / Christoph Kühberger, Mit allen Sinnen lernen? Zur Vielseitigkeit des historischen Lernens, in: Sebastian Barsch u. a. (Hrsg.), Handbuch Diversität im Geschichtsunterricht. Inklusive Geschichtsdidaktik, Frankfurt am Main 2020, S. 385–404.
[3] Beispielsweise Gerhard Schneider, Sachüberreste und gegenständliche Unterrichtsmedien, in: Ulrich Meyer / Hans-Jürgen Pandel / Gerhard Schneider (Hrsg.), Handbuch Methoden im Geschichtsunterricht, 5. Auflage, Schwalbach am Taunus 2016, S. 188–207 mit dem Zitat auf S. 203; Thorsten Heese, Vergangenheit „begreifen“. Die gegenständliche Quelle im Geschichtsunterricht, Schwalbach am Taunus 2007; das Themenheft „Deutschland 1945 bis 1961. Gegenstände ‚erzählen‘ Geschichte(n)“ (Praxis Geschichte 4/2014).
[4] Barsch / van Norden, Historisches Lernen und Materielle Kultur.

Redaktion
Veröffentlicht am
31.05.2021
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache Publikation
Sprache Beitrag