C. Merridale: Iwans Krieg. Die Rote Armee 1939-1945

Cover
Titel
Iwans Krieg. Die Rote Armee 1939-1945.


Autor(en)
Merridale, Catherine
Erschienen
Frankfurt am Main 2006: S. Fischer
Anzahl Seiten
474 S.
Preis
€ 22,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Beate Fieseler

Die zuständigen Rezensionsredakteure von H-Soz-Kult glauben, dass das Buch von Catherine Merridale über die Rote Armee in verschiedene Richtungen hin gelesen werden kann. Sie haben deshalb zwei Rezensionen in Auftrag gegeben: eine aus der Perspektive der Osteuropahistorikerin (Beate Fieseler), eine aus der Perspektive des Militärhistorikers (Alexander Brakel).

Seit 2006 liegt die Untersuchung „Iwans Krieg. Die Rote Armee 1939-1945“ von Catherine Merridale, deren englischsprachige Originalausgabe [1] bereits im Jahr 2005, pünktlich zum 60. Jahrestag des Kriegsendes, auf den Markt gekommen war, nun auch in einer gelungenen deutschen Übersetzung (von Hans Günther Holl) vor. Wie bereits der Titel des Buches suggeriert, geht es Merridale weder um einen weiteren Beitrag zur Militärgeschichte des Zweiten Weltkrieges noch um eine erneute Darstellung der Niederlagen und Siege der Roten Armee. Vielmehr will sie die Geschichte der einfachen Soldaten, der Millionen von „Iwans“ – meist junge Russen bäuerlicher Herkunft – systematisch erkunden und widmet sich damit einem Thema, das in der russischen Historiographie komplett ignoriert worden ist. Die kriegsbedingten Nöte und Leiden der Rotarmisten spielen im pompösen Kult um den Großen Vaterländischen Krieg, der bis heute gepflegt wird und das russische kollektive Gedächtnis prägt, keine Rolle, wie überhaupt nach dem Preis des Sieges selten gefragt wurde. In den unzähligen patriotisch-heroischen Mythen haben nur Sieger Platz, aber keine geschundenen Soldaten, die vor, während und nach dem Krieg zugleich unter der stalinistischen Diktatur litten.

Diese beiden Aspekte, den Krieg und den Stalinismus, in ihrer Wirkung auf die einfachen Angehörigen der Roten Armee (übrigens nicht nur Männer, sondern auch Hunderttausende Frauen) zusammengebracht zu haben, ist das große Verdienst dieser gut lesbaren und vor allem für Nichtspezialisten empfehlenswerten Monographie. Auch wenn man nicht allen Schlussfolgerungen und Generalisierungen Merridales zustimmen mag, die sich mitunter nur auf ein einziges Dokument als Beleg stützen, gelingt es ihr in überzeugender Weise, den abgedroschenen offiziellen Mythen, die sich insbesondere unter Veteranen bis heute großer Popularität erfreuen, sechzig Jahre nach Kriegsende ihre „wahren Kriegsgeschichten“ (S. 17) entgegenzustellen.

Anders als der Umschlagtext vermuten lässt, sind es jedoch nicht die über 200 Interviews mit Veteranen, also die Früchte der Oral History, die Catherine Merridale, unterstützt von einer ganzen Schar von Forschungsassistenten, in der ehemaligen Sowjetunion geführt hat, die den Stoff für diese Monographie geliefert haben. Sie tauchen höchstens ein Dutzend Mal in dem umfangreichen Anmerkungsapparat auf. Als viel ergiebiger haben sich offensichtlich Briefe und zeitgenössische Kriegstagebücher von Rotarmisten [2] sowie ausgewählte offizielle Dokumente aus der Materialfülle verschiedener Archive in Moskau, Kursk, Smolensk und Freiburg erwiesen, die seit Jahren zugänglich sind und entsprechend häufig benutzt werden. Umso ärgerlicher ist es, dass Merridale komplett darauf verzichtet, die Leser darüber zu informieren, welche Bestände sie konsultiert hat und welche Archivalien (Autor, Gegenstand, Datum usw.) zitiert werden. Die Archivkürzel geben darauf bekanntlich keine Antwort.

„Iwans Krieg“ behandelt nicht nur die Kriegsjahre 1939-1945, sondern liefert im ersten Kapitel „Die Früchte der Revolution“ („Marching with Revolutionary Step“) zunächst einen Überblick über die innere Entwicklung des Landes zwischen dem Ersten Weltkrieg bzw. der Oktoberrevolution und dem Terror der 1930er-Jahre – im Wesentlichen eine Geschichte fortgesetzter staatlicher Gewalt gegen die eigene Bevölkerung. Das vorletzte Kapitel „Der kalte Frieden“ („Sheathe the Old Sword“) beleuchtet außerdem die Nachkriegsjahre – eine Zeit der zerstörten Hoffnungen, der maßlosen Enttäuschungen, ja des staatlichen Misstrauens gegen die zwar traumatisierten, aber auch selbstbewusster gewordenen Veteranen. Statt Dankbarkeit zu zeigen, brachte die Diktatur Stalins sie um die Früchte des Sieges: „Die wahre Tragödie und Perfidie der letzten Jahre Stalins lag jedoch darin, dass man sie zwang, sich aus Furcht in seine Tyrannei zu fügen, und ihnen damit fast alle großen Ideale raubte, für die sie im Krieg gekämpft hatten“ (S. 402) Das Schlusskapitel „Die Kultur des Gedenkens“ („And We Remember All“) beleuchtet sowohl die Ursachen für die Eindimensionalität des offiziellen Kriegsmythos wie auch die Gründe für seine Haltbarkeit über den Zusammenbruch des Sowjetsystems hinweg.

Die übrigen acht Kapitel folgen der Chronologie des Kriegsverlaufs vom Chaos und den dramatischen Niederlagen zu Kriegsbeginn über die symbolträchtige Wende von Stalingrad und die Vertreibung der Wehrmacht bis zum marodierenden Vordringen der nunmehr siegreichen Roten Armee auf kapitalistisches Terrain, das überall von Plünderungen, insbesondere in Ostpreußen und Berlin zudem von brutalen Vergewaltigungen und Morden begleitet war. Abgesehen von der verheerenden Wirkung systematischer Rachepropaganda, die erst im Frühjahr 1945 gebremst wurde, macht Merridale weitere Faktoren für die Orgie der Gewalt und Vergeltung verantwortlich. Zum einen die Diktaturerfahrung im eigenen Land: „Ob bewusst oder nicht, viele Rotarmisten machten bald auch einem Ärger Luft, der sich im Lauf der Jahrzehnte durch die staatliche Unterdrückung und endemische Gewalt angestaut hatte. Als sie schließlich Ende Januar 1945 ins Feindgebiet überwechselten, konnte sich dieser Ärger praktisch an alles heften“ (S. 329f.). Zum anderen betont sie den Gruppendruck und die im jahrelangen engen Miteinander der Soldaten entstandenen grausamen Rituale: „Bei den Ereignissen von Ostpreußen spielte nicht nur Hass eine Rolle, sondern auch Hoffnung und Leidenschaft, insbesondere die Liebe zueinander, und auch die – selbst durch Meere von Wein und Schnaps nicht zu ertränkende – Trauer um all die verlorenen Menschen und Möglichkeiten“ (S. 338). Schließlich mag auch die Wut über untreue Ehefrauen und zerbrochene Familien zu Hause, gegen die die Armeeangehörigen vorerst nichts ausrichten konnten, bei den Angriffen auf deutsche Zivilistinnen eine Rolle gespielt haben. Mit der lang entbehrten Erfüllung sexueller Bedürfnisse hatte dieses Treiben jedenfalls nichts zu tun.

Ähnlich wie dieser etwas ausführlicher vorgestellte Abschnitt „Schändungen“ („Despoil the Corpse“) zielt jedes einzelne Kapitel darauf ab, die für die jeweilige Kriegssituation typischen Erfahrungen der Rotarmisten, z.B. die völlig unzureichende militärische Vorbereitung, die schändliche Versorgungsrealität, die politische Gehirnwäsche und Überwachung, die unmenschlichen Strafen, den barbarischen Umgang mit Menschenleben, die Traumatisierungen, aber auch den Zuwachs an Kompetenz, Professionalität und Selbstvertrauen sowie die daraus resultierenden Stimmungen und Verhaltensweisen zu erfassen, zu deuten und zu verstehen. Dabei nähert sich Merridale – gestützt auf eine breite Basis an Quellen, vor allem aber auch auf die einschlägige Sekundärliteratur in englischer und russischer Sprache – ihrem Gegenstand mit großem Respekt, beeindruckender Empathie und zugleich nüchtern-kritischem Blick.

Spezialisten dürften viele Informationen, die das Buch liefert, bekannt sein. Viele mögen den konsequenten Verzicht auf Quellenkritik, Theorie- und Methodendiskussionen bedauern und mehr Statistiken oder Quantifizierungen fordern. Doch um akribische Belege für jede Einzelaussage geht es Merridale gar nicht. Ihre Stärke ist die konsequente Konzentration auf die Kriegserfahrung und die darauf gründende Mentalität der Veteranen, die sie zu einer elegant geschriebenen großen imaginativen Erzählung zusammenfügt – ein Genre, das naturgemäß ein breites Publikum anspricht, derzeit aber eher von britischen als von deutschen Historikern gepflegt wird.

In der deutschen Fassung wurden die ursprünglich aus russischen symbolistischen Poemzeilen gebildeten Kapitelüberschriften durch nüchternere Formulierungen ersetzt. Von dem umfassenden Personen-, Orts- und Sachindex des Originals blieb leider nur ein Namenregister übrig, das Abbildungsverzeichnis fehlt. Die Abbildungen selbst, die Karte zum Krieg an der Ostfront, die Chronologie zum Kriegsverlauf sowie die Auswahlbibliographie sind zum Glück erhalten geblieben.

Anmerkungen:
[1] Merridale, Catherine, Ivan’s War. The Red Army 1939-1945, London 2005
[2] Die während der Geschichtsdebatten der Perestroika veröffentlichten Kriegsmemoiren sind thematisch zusammengefasst in: Broekmeyer, Marius, Stalin, the Russians and Their War, Madison 2004

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19.03.2007
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