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Titel
Hermann Wagener (1815–1889). Eine politische Biographie


Autor(en)
Peter, Christoph
Reihe
Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien 181
Erschienen
Berlin 2020: Droste Verlag
Anzahl Seiten
683 S.
Preis
€ 68,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Daniel Benedikt Stienen, Bayerische Akademie der Wissenschaften, München

In der Rückschau muss man feststellen: Hermann Wagener ist in der preußischen Geschichte eine Figur jenes Schattens geblieben, den die Epoche prägende Persönlichkeiten wie Otto von Bismarck, die Gebrüder Gerlach oder Otto von Manteuffel geworfen haben. Das bedeutet keineswegs, dass Wagener keinerlei Bedeutung beigemessen werden sollte oder von der Forschung beigemessen wurde. Tatsächlich gibt es eine reichhaltige sowohl biografische wie ideengeschichtliche Literatur: So beleuchtete Wolfgang Saile auf Grundlage des Nachlasses Bismarcks das angespannte, von beiderseitiger Reizbarkeit geprägte Verhältnis zwischen diesem und Wagener. Als kenntnisreicher Adlatus war Wagener zwar eine wichtige Stütze Bismarcks in dessen Sozialpolitik, doch waren Wageners eigene Pläne so radikal und grundstürzend, dass es schließlich zum Bruch mit dem Reichskanzler kam. Wagener tritt hier als tragische Figur in Erscheinung, die zwar sachpolitisch kompetent ist, letztlich aber ungeschickt agiert und sich von Konservativer Partei, Krone und schließlich Bismarck isoliert. Zuletzt hat sich Henning Albrecht umfassend der Person Wageners gewidmet. Vorrangig auf Grundlage von Zeitungsartikeln und Druckschriften konzentriert er sich auf die politische Geisteshaltung des Kreises der preußischen Sozialkonservativen rund um den Preußischen Volksverein, deren führender Kopf der Publizist Wagener gewesen ist. Dabei hebt Albrecht insbesondere deren Antisemitismus als Leitmotiv hervor, um in der konservativen Schwächeperiode der 1860er- und 1870er-Jahre in breiteren Schichten auf Stimmenfang zu gehen.[1]

Christopher Peter wählt in seiner Passauer Dissertation einen anderen Zugriff. Er lenkt unseren Blick insbesondere auf die Handlungsspielräume seines Protagonisten und damit auf eine mit Rudolf Vierhaus klassisch gewordenen Perspektivierung. Dieser beantwortete die biografiehistorische Gretchenfrage: „Persönlichkeit oder Struktur“ zugunsten eines „Persönlichkeit und Struktur“.[2] Dafür wird das Leben Hermann Wageners erstmals auf einer breiten Quellenbasis dargestellt. Neben dem (fragmentarischen) Nachlass Wageners zieht Peter die Nachlässe einer breiten Palette politischer Weggefährten heran, ferner Verwaltungsüberlieferungen, parlamentarische Reden sowie Periodika und andere Druckschriften, für die Wagener verantwortlich zeichnete.

Die Gliederung folgt dem klassischen Aufbau einer Biografie: Das erste Kapitel widmet sich der Zeit von Wageners Kindheit bis zum Ende seiner Ausbildung. Der 1815 im Brandenburgischen geborene Pfarrerssohn studierte Rechtswissenschaften in Berlin. Darauf folgten verschiedene Stationen seiner weiteren Ausbildung im preußischen Justizdienst, so auch am Oberlandesgericht Frankfurt (Oder). Dort fungierte Ernst Ludwig von Gerlach als Vizepräsident, königstreu und streng pietistisch, der bei Referendarstreffen und „theologischen Abenden“ einen Zirkel Gleichgesinnter um sich scharte. Gerlach wurde zum politischen Mentor Wageners. Neben der Teilhabe an Gerlachs altkonservativen Zirkeln sind es die religiöse Strömung des Irvingianismus und die Historische Rechtsschule, die einen tiefen Eindruck auf Wagener machten und die das Fundament der weiteren politischen Betätigung bildeten: eine „christlich-germanische“ Staatsphilosophie mit einem Vorrang des monarchischen Gottesgnadentums vor demokratischer Legitimität.

Die Tragfähigkeit dieses Fundaments wurde mit dem „Schockerlebnis von 1848“ (S. 48) auf die Probe gestellt. Durch die im zweiten Kapitel beschriebenen revolutionären Zeitumstände aus dem Amt gedrängt, musste sich Wagener nach einer neuen Beschäftigung umsehen. Abermals protegiert von Gerlach wurde der journalistisch unerfahrene Wagener Chefredakteur der neu gegründeten Kreuzzeitung (eigentlich: Neue Preußische Zeitung), die sich – ein maßgebliches Verdienst des Leitartiklers Wagener – binnen kurzem zum bedeutendsten konservativen Presseorgan mausern sollte. Doch bedeutete Königstreue keineswegs, uneingeschränkt die Meinung des Monarchen und seiner Regierung zu teilen. Wagener entwickelte sich zur spitzen Feder der Konservativen Partei, oft genug zum Leidwesen Gerlachs und anderer, die ihn etliche Male zur Mäßigung ermahnten. Meinungsverschiedenheiten mit dem Regierungskurs traten erstmals angesichts der Erfurter Unionspläne 1849/50 offen zutage; zahllose Presseprozesse folgten. Nach mehrmaliger Kritik an seinem Stil zog sich Wagener 1853 aus dem Blatt zurück.

Der Abgang wurde Wagener von den Parteivorderen mit einem stattlichen Geldgeschenk versüßt, was die permanente finanzielle Schieflage des Bonvivants für kurze Zeit begradigen sollte, sowie mit einer Anstellung am Berliner Obertribunal, wo er es allerdings nicht lange aushielt. Das dritte Kapitel berichtet über Wageners Zeit (1853–1858) als Parlamentarier der Zweiten Kammer (Abgeordnetenhaus). Im Zentrum seines Engagements standen tiefgreifende Sozialreformen, die er aus seinem Verständnis des organisch gegliederten Staatswesens mit einem sozialen Königtum an der Spitze ableitete – Reformen zugunsten der sozialen Unterschichten wie eine ökonomische Umverteilung und politische Mitspracherechte, die der „feudal-aristokratischen Interessenvertretung“ (S. 265), als die sich seine Parteifreunde verstanden, diametral entgegenliefen.

Das vierte Kapitel zeigt uns den notorischen Abweichler Wagener an unerwarteter Stelle: Im Staatsministerium, im Herzen der Macht. Der neue Ministerpräsident Otto von Bismarck machte 1862 den Gefährten aus alten Tagen zu seinem innenpolitischen Berater (ab 1866 als Vortragender Rat auch in offizieller Funktion). In immer neuen Denkschriften legte Wagener seine staatspolitischen Ansichten dar und versuchte mit radikalen Vorschlägen, auf den sozialpolitischen Kurs der neuen Regierung Einfluss zu nehmen. Parallel dazu arbeitete Wagener, der in der Konservativen Partei keine Unterstützung für derlei Reformen fand, an der Gründung einer sozialkonservativen „Zukunfts-Partei“. Deren Formierung wurde durch den Widerstand der Konservativen im Keim erstickt. Einschneidender noch waren die beiden „Enthüllungsreden“ Eduard Laskers, in denen der liberale Abgeordnete Anfang 1873 Wageners Bereicherung bei der Konzessionserteilung der Pommerschen Zentralbahn offenlegte. Bismarck hielt an seinem Mitarbeiter fest und solidarisierte sich öffentlich mit ihm. Doch konnte er die Eröffnung eines Disziplinarverfahrens nicht verhindern, durch das Wagener sich gezwungen sah, seinen Rücktritt einzureichen.

Nach diesem tiefen Einschnitt in Wageners Karriere, der sich mit einer ruinösen Schadenersatzforderung der Eisenbahngesellschaft verband, widmet sich das letzte Kapitel dem fortgesetzten Verfall seines politischen Einflusses. Zwar hielt Bismarck an Wagener als Berater fest, dieser fand aber immer weniger Gehör. Wagener konnte nicht den Schwenk des Reichskanzlers gegen die Arbeiterbewegung als „Reichsfeinde“ verhindern. Zumindest in der Kulturkampffrage hatte er mäßigenden Einfluss. Die Geldnöte Wageners führten zu einer zunehmenden Entfremdung von seinem Förderer: Seine Bittschreiben um finanzielle Unterstützung wurden immer drängender. Das Maß war voll, als er 1877 diese mit mehr oder weniger unverhohlenen Erpressungen anreicherte. Bismarck ließ Wagener fallen. Damit war er nicht nur seines verbleibenden finanziellen Rückhalts, sondern auch seines politischen Einflusses beraubt. Die weitere Sozialpolitik wurde ohne ihn gemacht. Am 22. April 1889 stirbt Wagener völlig verarmt und politisch isoliert in Friedenau bei Berlin.

Die Studie stützt (auf einer sehr viel breiteren Quellenbasis) in wesentlichen Zügen den älteren Forschungsstand, vertreten etwa durch Wolfgang Saile. Dieser hatte zwei charakterliche Ursachen für das Scheitern Wageners ausgemacht: Als Querkopf lag Wagener mit seinem tiefgreifenden sozialkonservativen Programm, das an den Säulen der bestehenden Gesellschaftsordnung rüttelte, mit der konservativen Parteilinie über Kreuz. Als Hitzkopf ließ er das für die Politik so elementare diplomatische Feingefühl missen, Allianzen zu schmieden, Mehrheiten zu organisieren und Kompromisse einzugehen. Schwieriger sind die strukturellen Momente bei Peter zu fassen. Unzweifelhaft gehört dazu der Nahbereich, nämlich dass weder die Konservative Partei noch Bismarck als potenzielle Transmissionsriemen seiner Ideen von diesen etwas wissen wollten. Diffiziler steht es um den Fernbereich der säkularen Prozesse des 19. Jahrhunderts. Peter bezieht sich hier auf „de[n] ambivalente[n] Charakter der Epoche“ (S. 636). Wagener habe sich den Problemen der Zeit, besonders des Pauperismus zwar angenommen, seine Rezepte seien aber unzeitgemäß gewesen und daher „im Zeitalter der Industrialisierung, Säkularisierung, von Nationalismus und staatlicher Zentralisierung nicht zu verwirklichen.“ (S. 637) Die Mittel hingegen, Arbeiterschutzmaßnahmen etwa oder später die (eng begrenzte) Einbindung der Sozialdemokratie, seien „fortschrittlich“ (S. 637) und „zukunftsweisend“ (S. 637) gewesen, aber „überschritten den (sozial-)politischen Denkhorizont seiner früheren Parteikollegen“ (S. 637), sodass es doch eher der politische Nahbereich ist, der als Verhinderer Wageners auftritt.

Peter lässt seinem Protagonisten viel Raum. Hier und da hätte sich der Rezensent eine Straffung des Stoffes gewünscht, dessen narrativ-deskriptive Darstellung sich auf rund 630 Seiten erstreckt.[3] Gleichwohl wird dieser Umstand durch das kleinteilige Inhaltsverzeichnis aufgefangen, das eine zielgenaue Navigation durch die einzelnen Buchteile erlaubt.

Zusammenfassend ist zu würdigen, dass Hans-Joachim Schoeps’ sechs Jahrzehnte alter Ruf nach einer umfassenden Biografie Hermann Wageners eine gebührende Antwort erhalten hat.[4] Peter ist eine profunde Darstellung des – modern gesprochen – sozialkonservativen „Aktivisten“ Wagener gelungen. Indem die Untersuchung die politischen Sphären von Publizistik, Partei und außerparlamentarischen Organisationen in Beziehung setzt, leistet Peter einen wichtigen Beitrag zum Verständnis des preußischen Konservatismus vom Vormärz bis zum Kaiserreich. Gerade die biografische Fokussierung hilft, einen differenzierten Blick auf dieses facettenreiche ideen- und politikhistorische Phänomen zu gewinnen.

Anmerkungen:
[1] Wolfgang Saile, Hermann Wagener und sein Verhältnis zu Bismarck. Ein Beitrag zur Geschichte des konservativen Sozialismus, Tübingen 1958; Henning Albrecht, Antiliberalismus und Antisemitismus. Hermann Wagener und die preußischen Sozialkonservativen 1855–1873, Paderborn 2010.
[2] Rudolf Vierhaus, Handlungsspielräume. Zur Rekonstruktion historischer Prozesse, in: Historische Zeitschrift 237 (1983), S. 289–309.
[3] Zum Beispiel bei den konzeptionellen Überlegungen an den Beispielen Friedrichs II. und Bismarcks (S. 33–47) oder die weltanschaulichen Eckpfeiler (S. 78–123).
[4] Hans-Joachim Schoeps, Hermann Wagener. Ein konservativer Sozialist. Ein Beitrag zur Ideengeschichte des Sozialismus, in: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte 8 (1956), S. 193–217, hier 193 u. 194, Anm. 4.

Redaktion
Veröffentlicht am
21.09.2021
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