G. Lübbecke: Die "Cité nationale de l’histoire de l’immigration" im Palais de la Porte Dorée

Cover
Titel
Die "Cité nationale de l’histoire de l’immigration" im Palais de la Porte Dorée. Transformationen eines Kolonialpalastes von der "Exposition coloniale" 1931 bis heute


Autor(en)
Lübbecke, Gwendolin
Reihe
Schriftenreihe des Deutsch-Französischen Historikerkomitees 17
Erschienen
Stuttgart 2020: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
468 S.
Preis
€ 72,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Andreas Ludwig, Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Am östlichen Pariser Stadtrand befindet sich das repräsentative Palais de la Porte Dorée, das als Kern der Kolonialausstellung von 1931 errichtet worden war. Der Geschichte dieses Hauses und seinen wechselnden Nutzungen widmet sich Gwendolin Lübbecke in ihrer Kasseler Dissertation. Sie zeichnet dabei ein materialreiches, komplexes Portrait des von einer erstaunlichen Kontinuität geprägten öffentlichen Umgangs mit den Kolonien, dem Kolonialismus und der Immigration. So führt sie die Leser:innen tief in die Feinheiten des französischen Diskurses.

Die Kolonialausstellung von 1931 war propagandistischer Höhepunkt der Darstellung des französischen Imperiums in der Hauptstadt; sie zog binnen sieben Monaten 33 Millionen Besucher:innen an. Während die übrigen Ausstellungsbauten im Anschluss komplett abgerissen wurden, bestand das Palais de la Porte Dorée als Musée colonial und darauffolgend mit anderen Schwerpunkten weiter. Lübbecke versteht den Kolonialpalast im Sinne Pierre Noras als lieu de mémoire, einen Ort, an dem sich Geschichte und Erinnerung verdichten und paradigmatisch erzählen lassen. Sie differenziert dies in vier Felder, die ihre Untersuchung bestimmen: den öffentlichen Umgang mit dem Bau und seiner Funktion; den erinnerungspolitischen Umgang mit der kolonialen Vergangenheit Frankreichs; die museumspolitischen Interventionen des Staates bzw. der französischen Präsidenten; die öffentliche Debatte um Immigration (S. 13). Das Gebäude selbst wird durch seine Nutzung als Museum zum Untersuchungsgegenstand „verschiedener institutioneller Schichten“ (S. 12), eine Umschreibung der Kultur- und Erinnerungspolitik des französischen Staates. Hier liegt auch der Schwerpunkt der Studie, die das Museum als „Repräsentant kolonialer Hierarchien, Denkweisen und Wahrnehmungen“ (S. 27) interpretiert und sich zugleich gegen die Trennung von kolonialer Vergangenheit und migrantischer Gegenwart Frankreichs wendet, wie sie die Debatten um das Palais bis heute dominiert (S. 26).

Dies wird aus der historischen Abfolge der im Palais de la Porte Dorée angesiedelten Museen deutlich. Das Musée colonial bestand als staatliches Kolonialmuseum, 1935 in Musée de la France d’Outre-mer umbenannt, bis 1960; dann wurde es im Zuge der Dekolonialisierung zum Musée des arts africains et océaniens umgewandelt. Als nunmehriges Museum für indigene Kunst existierte es, 1990 nochmals in Musée national des arts d’Afrique et d’Océanie umbenannt, bis 2003. Dieses Museum wurde aufgelöst, und seine Sammlungen wurden gemeinsam mit denen des Musée de l’homme in das neu gegründete Musée du quai Branly integriert. Von 2003/04 bis 2007 wurde schließlich die Cité nationale de l’histoire de l’immigration geplant und realisiert, die einige Jahre später zum Musée national de l’histoire de l’immigration wurde.

Bereits die zahlreichen Umbenennungen zeigen den komplexen und schwierigen Umgang Frankreichs mit seiner Kolonialgeschichte und mit der Immigration. Charakteristisch ist die Neuorientierung im Zuge der Dekolonisation, als das bis dahin dominante Narrativ des Kolonialreiches als einer mission civilisatrice faktisch zu einem Ende gekommen schien. Die Umbenennung in ein Kunstmuseum stand für einen Diskurswechsel, der eine Entpolitisierung des Themas im Sinn hatte, verbunden mit einer Akzentverschiebung in der Sammlungs- und Ausstellungsstrategie. Wie Lübbecke beschreibt, war damit jedoch auch ein Bedeutungsverlust des Museums innerhalb der Öffentlichkeit und der Pariser Kulturlandschaft verbunden. Das Museum wurde zur politischen Verfügungsmasse im Zuge der Neuordnung der Pariser Museen um die Jahrtausendwende unter Präsident Chirac. In das Musée du quai Branly integriert, hörte es faktisch auf zu bestehen.

Demgegenüber war die Gründung eines Immigrationsmuseums erneut ein eminent politischer Akt, dem jahrelange Debatten um die Rolle der Immigration in und für Frankreich sowie um die Stellung der Migrant:innen in der französischen Gesellschaft vorausgegangen waren. Wie Lübbecke herausarbeitet, bestimmten drei Akteur:innengruppen die Entscheidungsfindung: die Migrant:innenorganisationen, die seit den 1980er-Jahren intensiv für eine Anerkennung der migrantischen Bevölkerung Frankreichs eintraten, eine sich entwickelnde Forschung zum Algerienkrieg und zur Immigration sowie die Leitung der Pariser Nationalmuseen. Während sich die beiden ersten Gruppen für eine angemessene Repräsentation von Migration in der Öffentlichkeit einsetzten, hielten die Nationalmuseen das Thema für nicht museumswürdig. Letztlich bedurfte es einer Regierungsentscheidung, um das Migrationsmuseum zu installieren.

Lübbecke bringt dies mit der zu Beginn des Jahrtausends aktuellen Politik eines demokratischen und humanistischen Republikanismus in Verbindung, die gegen das Erstarken des Front National gerichtet war und die unter anderem auf die Anerkennung der Migrant:innen als Teil einer diversen, für Fremde offenen französischen Nation zielte. Dieses politische Konzept bedeutete, dass die aktuelle Migration in eine lange Tradition von Zuwanderung nach Frankreich gestellt wurde, eine Narration, die auch aktuell im Musée national de l’histoire de l’immigration zu sehen ist. Sie wandte sich gegen die Betrachtung der Migrant:innen unter den Gesichtspunkten ihrer sozialen Lage und Marginalisierung. Diese zentralen Aspekte des Museums sollten Migration als Teil der französischen Geschichte im öffentlichen Diskurs etablieren, wobei besonderer Wert auf die „Stärkung der nationalen Kohäsion, der Kultur sowie der Bildung und Erziehung“ (S. 271) gelegt wurde.

Die von der Regierung beauftragte Konzeption aus dem Jahr 2004 entschied auch über das ehemalige Kolonialmuseum als Ort des neuen Migrationsmuseums, eine Frage, die kontrovers diskutiert worden war. Dem Argument, dass ein solches Museum in die Pariser Banlieue gehöre, wurde mit dem Argument eines repräsentativen Standortes in der Hauptstadt begegnet. Dass der ehemalige Kolonialpalast ein reiches Bildprogramm eines idealisierten kolonialen Austauschverhältnisses aufweist, das die Besucher:innen heute sorgfältig restauriert als repräsentative Rahmung des Museumsbesuches empfängt, ist eine der Widersprüchlichkeiten im delikaten Verhältnis der französischen Öffentlichkeit zur Stellung als frühere Kolonialmacht und als Immigrationsgesellschaft.

Den Abschluss von Lübbeckes Untersuchung bildet die Beschreibung der Dauerausstellungen im Palais de la Porte Dorée. Dabei wird deutlich, dass die lange Geschichte der Immigration durch eine historische Chronologie als Kontinuitätslinie hervorgehoben wird und der positive Beitrag der Migrant:innen zur französischen Gesellschaft und Kultur als Grundtenor vorherrscht. Das gilt auch für die Galerie des dons (Galerie der Gaben), eine permanente Ausstellung von Erinnerungsobjekten an die Migrationserfahrung, die jedoch oft eher vom Ankommen berichten. Die einzelnen Abschnitte sind nach einem Integrationsmuster organisiert, das vom Erbe der Migrant:innen über ihren Beitrag für die Gesellschaft bis zur Präsenz in dieser Gesellschaft reicht.[1]

Lübbecke zeichnet die Geschichte des Pariser Kolonialpalastes und seiner aufeinanderfolgenden Nutzungsgeschichten detailliert nach. So integriert sie die Geschichte des Ortes in eine generellere Geschichte der Museumsauffassungen, der kultur- und migrationspolitischen Auseinandersetzungen und Entscheidungen sowie der öffentlichen Debatten, die um das Projekt eines Migrationsmuseums ausgetragen wurden. Quellen der Untersuchung sind neben den museumseigenen Publikationen die Positionspapiere und Gutachten der verschiedenen Protagonist:innen, die sich zum Thema geäußert haben – von den Appellen der Migrationsverbände über die Stellungnahmen der in Beiräten vertretenen Historiker:innen und den Gutachten für die Regierung bis hin zur Presseberichterstattung. Diese breite Quellenbasis macht Lübbeckes Untersuchung auch zu einem diskursgeschichtlichen Beitrag über die Migration in Frankreich. Die Beschreibung der letztendlich realisierten Ausstellungen zeigt diese als Umsetzung eines mühevoll erarbeiteten, ja durchgesetzten Narrativs, einer offiziellen Erzählung über Migration, die die Institution als approbiertes Nationalmuseum vertritt. Diesen Detailreichtum des Quellenmaterials zu bändigen und zu strukturieren, ist dabei nur eine der Leistungen von Lübbeckes Dissertation. Sie erreicht dies durch zahlreiche Rück- und Vorverweise und kontextualisierende Einschübe, die den Leser:innen eine Orientierung in der Fülle des dargebotenen Materials erlauben sollen. Das führt allerdings nicht nur zu zahlreichen Wiederholungen, sondern erschwert insgesamt auch das Auffinden zentraler Informationen. Eine Straffung des Textes und ein gründliches Lektorat hätten diese Erschwernisse beseitigen können. Der gut gewählte Ansatz, dass das Palais de la Porte Dorée die französischen Auseinandersetzungen um „das Fremde“ über einen Zeitraum von 90 Jahren hinweg repräsentiert, hätte dann dezidierter formuliert werden können. Gwendolin Lübbeckes Arbeit bleibt aber ein inhaltlich wie methodisch wichtiger Beitrag zur Diskussion über die prismatische Funktion von Orten für eine komplexe Geschichte.[2]

Anmerkungen:
[1] Musée de l’histoire de l’immigration (Hrsg.), Guide de la Galerie des dons, Paris 2014.
[2] Siehe etwa Ian Convery / Gerard Corsane / Peter Davis (Hrsg.), Making Sense of Place. Multidisciplinary Perspectives, Woodbridge 2012.