Cover
Titel
Komm mit ins Kino!. Die Geschichte der Potsdamer Lichtspieltheater


Autor(en)
Toussaint, Jeanette
Reihe
Filmblatt-Schriften 10
Erschienen
Anzahl Seiten
96 S.
Preis
€ 5,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Merve Lühr, Leipzig; Merve Lühr, Bereich Volkskunde, Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde

Film- und Kinogeschichte sind untrennbar miteinander verbunden, doch nicht gleichermaßen gut erforscht. Filmgeschichte ist als Metier der Medienwissenschaften ebenso wie der Kultur- und Geschichtswissenschaften seit Jahrzehnten Gegenstand diverser Untersuchungen, während Kinogeschichte lange Zeit vornehmlich unter architektonischen Gesichtspunkten existierte. Die Geschichte der Kinematografie bietet jedoch zahlreiche Anknüpfungspunkte, um gesellschaftliche Transformationen, Urbanisierung und Kulturgeschichte zu untersuchen, um nur einige Aspekte zu nennen. Erst Anfang der 1990er-Jahre, kurz vor dem 100-jährigen Jubiläum der „Lebenden Bilder“, rückte das Kino vermehrt als Medium und sozio-kultureller Raum in den Fokus der Kultur-, Geschichts- und Medienwissenschaften. Den Gegenstand bildet zumeist, nicht zuletzt aufgrund der besseren Quellenlage, die Kinogeschichte einer Großstadt. So sind insbesondere die Kinotopografie Berlins, Paris‘ und Londons gut erforscht, auch zu Städten wie Sankt Petersburg, Köln oder München liegen Studien vor. Forschungen zur Entwicklung in Klein- oder Mittelstädten und dem ländlichen Raum werden erst seit einigen Jahren vermehrt durchgeführt. Sie sind unverzichtbar für eine umfassende Kinogeschichte, da sie großstädtische Entwicklungen spiegeln und konterkarieren. Jeanette Toussaint hat nun mit dem Potsdamer Beispiel eine Lokalgeschichte des Kinos vorgelegt, die genau dies leistet.

Der Band ist in zwei Teile untergliedert, wobei sich der erste der Potsdamer Kinogeschichte widmet, die Toussaint teilweise anhand einzelner Spielstätten und Akteure erzählt. Der zweite Teil ist ein Kompendium, das Kurzporträts aller bislang bekannten Potsdamer Kinos und Spielstätten enthält. Das Quellenkorpus bilden neben Archivalien und Adressbüchern auch zahlreiche Tageszeitungen. Diese drei Säulen ermöglichen es, eine grundlegende regionale Kinogeschichte zu schreiben.

Die ersten ortsfesten Kinos sind in Potsdam 1910 dokumentiert, 1912 stieg die Anzahl sprunghaft an – mit etwas Verzögerung erreichte der damalige reichsweite Kinoboom die Stadt. Zugleich richteten sich einige der ersten Spielstätten an ein vornehmes Publikum, wie beispielsweise die Lichtspiele im Palast Barberini, wo zwischen 1910 und 1919 an den Wochenenden Filmvorführungen stattfanden. Als die Lichtspieltheater in Potsdam entstanden, hatte sich das Medium bereits in allen Gesellschaftsschichten durchgesetzt und dementsprechend differenziert war das Angebot.

Jeanette Toussaint stellt in ihren Ausführungen immer wieder Bezüge zur Kinoentwicklung im Deutschen Reich beziehungsweise in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) her, um Parallelen und Unterschiede zur allgemeinen Entwicklung des Kinos aufzuzeigen. Sie hat jedoch nicht das Anliegen, die Geschichte der Kinematografie noch einmal zu erzählen, sondern bleibt eng am Potsdamer Beispiel. Sie versteht es dabei, die allgemeinen Entwicklungen auf die lokale Ebene zu beziehen und den Einfluss einzelner Akteure hervorzuheben. Beispielsweise zeichnet sie anhand eines Unternehmers, Fritz Staar, die in den ersten Jahrzehnten übliche Monopolstellung im lokalen Kinogewerbe nach. Staar profitierte zur Zeit des Nationalsozialismus von der Judenverfolgung. Toussaint würdigt die Betroffenen, indem sie auf deren Schicksale hinweist.

Die Kinotopografie Potsdams wurde durch einige regionale Spezifika geprägt. Da wäre zunächst das Selbstverständnis als ehemalige Residenzstadt, deren innerstädtische geschlossene Baustruktur zu erhalten sei. Der erste Kinoneubau entstand somit erst 1940 und musste zugleich Wohnungen enthalten und auf eine kinotypische Fassade verzichten. Die Nähe zu Berlin ist ein weiterer Faktor, nach 1945 insbesondere die Nähe zu West-Berlin, denn bis zum Mauerbau konkurrierten die Potsdamer Kinos mit den West-Berlinern um das Publikum. Auch nach 1961 blieb die Attraktivität der Potsdamer Kinos ein wichtiges Anliegen, da die Stadt als Bezirkshauptstadt repräsentative Funktion hatte und mit Babelsberg ein renommierter Filmstandort war. Bis 1989 wurden alle Kinos der Stadt zumindest soweit gefördert und saniert, dass keines schließen musste – anders als viele andere Spielstätten in der DDR. Nach der Wiedervereinigung kam jedoch für die meisten Potsdamer Kinos im Laufe der 1990er-Jahre das Ende. 2020 verfügt Potsdam nur noch über drei Kinos: ein Multiplexkino, ein Programmkino und das Kino im Filmmuseum.

Die Kinoporträts im zweiten Teil des Bandes ergänzen die kompakte Geschichte der Potsdamer Lichtspieltheater um tiefere Einblicke in die Geschichte der einzelnen Spielstätten. Die kurzen Texte sind abwechslungsreich und informativ und fügen der Großerzählung interessante Details hinzu. Toussaint umrahmt sie mit Angaben zu Lage, Größe und Besitzverhältnissen. Diese, und die zahlreichen Abbildungen im gesamten Buch, lassen die sich wandelnde Kinotopografie der Stadt greifbar werden.

Der schmale Band bietet einen sehr guten Überblick über die Potsdamer Lichtspieltheater und bildet einen wichtigen Beitrag zur allgemeinen Kinogeschichte, die nur über die Verknüpfung von Regionalstudien geschrieben werden kann. Jeanette Toussaint plädiert für vertiefende Untersuchungen zum Einfluss der Filmstadt Babelsberg und der lokalen Kinokultur sowie zur Publikumsforschung – insbesondere ein Vergleich zwischen dem bürgerlichen Potsdam und dem Arbeiterstadtteil Nowawes (heute Babelsberg) –, aber auch zu Frauen als Akteurinnen im männlich geprägten Kinogewerbe. Um die Ergebnisse in der Geschichte der Kinematografie verorten zu können, bräuchte es schließlich Vergleichsstudien mit Städten ähnlicher Größe.

Redaktion
Veröffentlicht am
14.09.2021
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