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Titel
RockStar. Sexobjekt Mann in der Musik


Autor(en)
Kreutzer, Dietmar
Erschienen
Berlin 2005: Querverlag
Anzahl Seiten
208 S., 250 Fotos
Preis
€ 24,90
Rezensiert für den Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie / Kulturanthropologie / Volkskunde" bei H-Soz-Kult von:
Peter F. N. Hoerz, Reutlingen

Rockmusik ist Sex! Nur Sex? Nein, das vielleicht doch nicht, denn auf den Konzertbühnen werden auch Instrumente gespielt, und es wird gesungen. [1] Doch spätestens im Zeitalter von Boygroups und permanent lasziver Inszenierungen von Lolitas à la Britney Spears wird deutlich, dass Musik – vor allem dann wenn sie ohnehin aus Playbacksystemen erschallt – häufig nur das legitimatorische Beiwerk für etwas ist, das im Kern eine erotische Tanzdarbietung darstellt. „Wir wollen Eure Schwänze sehen“ malten adoleszente Mädchen jüngst auf ein Transparent, das sie auf einem Konzert der aus nicht adoleszenten Jünglingen bestehenden Band „Tokio Hotel“ in die Höhe hielten [2] und zeigten damit auf, worum es bei Rockmusik eigentlich oder zumindest auch ganz wesentlich geht.
Alles, was er tue, sei sexueller Ausdruck, hat uns Rolling Stone Mick Jagger einmal wissen lassen [3] und indem der ewig pubertierende Sänger seine tänzerischen Aktivitäten auf der Konzertbühne in Analogie zum weiblichen Striptease gesetzt hat, die Überlegung aufgeworfen, inwieweit die Darbietungen männlicher Popmusiker als Substitut für den gesellschaftlich bislang nur mäßig anerkannten Men Strip stehen. Gewiss, seit Tina Turner, Debbie Harry und Madonna haben auch Frauen in der millionenschweren Männerdomäne „Pop-Business“ Fuß gefasst, die Mehrzahl aller Bands populärer Musikgenres indessen ist nach wie vor männlich besetzt. Und schon dieser Umstand alleine wirft kulturwissenschaftliche Fragestellungen auf. Etwa jene nach dem tieferen Grund der männlichen Dominanz in Pop und Rock, jene nach der Konstruktion von Männlichkeit durch Rock(bands) [4] oder jene nach der tatsächlichen oder vermeintlichen frauenfeindlichen Grundströmung in der Rockmusik, die sich progressiv gibt und doch im Blick auf „Sex“ und „Gender“ Überkommenes reproduziert. [5] Und natürlich schließen sich hieran fokussierte Fragestellungen, wie etwa die nach der sozialkulturellen Konstruktion von Geschlechterrollen im Musikfernsehen (MTV, Viva etc.).[6] Fragen zu den Aspekten „Sex“ und „Gender“ in der Popmusik spielen somit eine Rolle in den Kulturwissenschaften – auch im deutschsprachigen Raum. Und wiewohl sich auch Soziologen, Erziehungs- und Medienwissenschaftler mit ebendiesem Themenkomplex auseinandersetzen, können Popmusik und ihre Inhalte, Repräsentationsformen und Funktionen bei einer Kulturwissenschaft, die sich zeitgenössischen Kulturphänomenen nicht entziehen will, kaum außen vor bleiben. [7]

Insofern erscheint ein Buch bemerkenswert, welches sich der Thematik „Sexobjekt Mann in der Popmusik“ widmet. Bemerkenswert deshalb, weil die Thematik nicht eben „überfischt“ ist. Bemerkenswert auch, weil das Buch im Querverlag erschienen ist, einer Edition, die sich als „Deutschlands erster lesbisch-schwuler Buchverlag“ [8] versteht und den Gegenstand somit aus einem „queeren“ Blickwinkel betrachtet. Allerdings handelt es sich bei Kreutzers Buch – und dies ist der Pferdefuß bei diesem Werk – nicht um eine wissenschaftliche Arbeit, sondern um eine journalistische Gesamtschau, die Unterhaltungswert „Alles über Testosteron in der Pop- und Rockmusik der letzten fünfzig Jahre“ (4. Umschlagseite) über Erkenntnisgewinn stellt und somit weder mit Literaturverweisen noch mit Materialreferenzen aufwartet. Erwähnenswert bleibt „Rock Star“ gleichwohl, zumindest am Rande, nicht nur, weil die Thematik im deutschsprachigen Raum bislang eher unbelichtet ist, sondern auch weil Kreutzer die Männer des Pop und Rock, die bislang überwiegend als machtvoll-machohafte Erscheinungen dargestellt wurden, (vorsätzlich) unter dem Gesichtspunkt ihrer mehr oder minder freiwillig gewählten Eigenschaft als Sex-„Objekte“ betrachtet.

Dementsprechend wird die Leserschaft bereits im Vorwort dorthin entführt, wo die Devise „sex sells“ besonders hohe Bedeutung zu haben scheint: In das Auswahlverfahren für den deutschen „Superstar“, an welchem sich bewahrheite, was als zentrale These durch das gesamte Buch diffundiert: Musik ist nichts, Sex ist alles. Eine These, die sich aus kulturwissenschaftlicher Sicht zumindest dahingehend differenzieren ließe: Ohne Sex ist Musik nichts.

Gut gelungen ist Kreutzer dabei immer wieder die Gegenüberstellung von Zitaten aus der Musikszene und jenen aus wissenschaftlichem Kontext. Etwa, wenn der Musikpsychologe Klaus-Ernst Behne über den Sänger als persona erotica zu Wort gebracht wird und ein Mitglied der Boygroup „East 17“ das Erfolgsgeheimnis seiner Formation auf die sexuelle Wirkung derselben zurückführt (S. 9). Dergleichen Passagen machen – nicht zuletzt bei interessierten Studierenden – Lust zum tiefgründigeren Weiterforschen, was freilich angesichts fehlender Verweise und eines nur 72 Werke umfassenden Literaturverzeichnisses (bei 237 Seiten) nur unter erschwerten Bedingungen möglich ist.

Insgesamt als brauchbare und durchaus anregende Darstellung erweist sich der Hauptteil des Buches, der im Rahmen des Makrokapitels „Star Tour“ eine illustrierte Rock- und Popgeschichte unter dem Aspekt symbolischer, mitunter auch praktizierter Sexualität umfasst. Für bisher nicht mit der jüngeren Sozial- und Kulturgeschichte der Jugend vertraute Leserinnen und Leser erscheint die Darstellung der Skandale um Chuck Berry, Elvis, die Beatles und die Rolling Stones ebenso aufschlussreich wie die Erläuterungen zum Woodstock-Festival von 1969, wobei einzelne Exkurse – etwa jener, der die Rock-Rezeption in der DDR aufgreift (S. 42-44) – anregende Wirkung haben. Kenntnis- und materialreich wird der Leser über die mit androgyner Ästhetik spielenden Stars des „Glam Rock“ über „Heavy Metal“ zur Partykultur der „Disco“-Periode und schließlich zu den öffentlich zur Schau gestellten Entgrenzungen (Love Parade) zur Hochblütezeit des „Techno“ geführt. Gerade bei der Erörterung der Techno-Kultur, die zwar nicht zu Unrecht als Abkömmling der von Schwulen dominierten „House“-Szene dargestellt wird, hätte man freilich noch etliches über die Mechanismen der Verbreitung von Stilen schreiben und überdies noch das eine oder andere Wort über die Veralltäglichung von „Clubwear“ und (scheinbar) erotischen Ausdrucksmitteln verlieren können. Allerdings wäre dann die aufsteigende Dramatik des Buches, die nach dem Muster „es wird alles immer heftiger“ konstruiert ist, genau an der Einsicht gescheitert, dass das Außergewöhnliche irgendwann doch zum Normalen wird. [9]

Auch erfahren wir in einem Kapitel über „Videoclips“ (S. 76-85), unter Rückgriff auf den britischen Soziologen John Fiske [10], dass MTV ein Orgasmus sei und dank Musikfernsehen der Fortschritt als physischer Ausdruck lustvoll im Körper explodiere (S. 76). Doch erscheinen derlei Erkenntnisse – weil unkommentiert und nicht immer mit den eigenen Recherchen Kreutzers verknüpft – mitunter ein wenig hilflos in den Raum gestellt. Und weil nach den auf 40 Seiten konzentrierten, wenig kommentierten Farbillustrationen, erst ein „Büchlein“, aber noch kein „Buch“ zustande gekommen ist, schließt sich dem Bildteil noch ein wenig spektakuläres, lexikalisch aufgebautes Makrokapitel „Star Fact“ an, in dem Biographisches und mehr oder minder Skandalöses über Bands und Sänger von AC/DC bis Frank Zappa vermittelt wird.

Fazit: Es war gut, dass jemand darüber geschrieben hat, weil die Lektüre des Buches Gedanken anstößt. Beim Lesen der Ankündigung jedoch hatte ich mir in der Tat mehr erhofft.

Anmerkungen:
[1] Wobei freilich außer Zweifel steht, dass Instrumentenspiel und Gesang per se eine erotische Komponente zu Eigen ist und dies auf dem Feld von Pop und Rock besonders akzentuiert wird, was wiederum das Eingangsstatement unterstreicht.
[2] Vgl. die einschlägige Vierfarb-Teenager-Presse vom Sommer 2006 oder auch: Luft, Marcus, Mein erstes Mal. Ein Teenie-Star wird erwachsen, in: Max, September 2006, S. 110-116, hier S. 116.
[3] Die Bedeutung von Sexualität im Kontext der Rockmusik wurde offenbar auch außerhalb der Szene wahrgenommen, freilich unter dezidiert negativen Voraus-Setzungen. Die Innen- wie die Fremdwahrnehmung ließ in der Folge Sex, Drogen und Rockmusik zu einem fest gefügten Amalgam verschmelzen, das Brake vor gut 25 Jahren zu einer Arbeit veranlasste, die an der Universität Tübingen bezeichnenderweise in der Bibliothek des Instituts für Kriminologie zu finden ist: Brake, Michael, The Sociology of Youth Culture and Youth Subculture. Sex and Drugs and Rock'n Roll? London 1980.
[4] Coates, Norma, (R)Evolution Now? Rock and the political potential of gender, in: Sheila Whiteley (Hrsg.), Sexing the Groove, London 1997, S. 55.
[5] Press, Joy; Reynolds, Simon, The Sex Revolts – Gender, Rebellion and Rock´n´Roll, London 1995.
[6] Bechdolf, Ute, Puzzling Gender. Re- und Dekonstruktionen von Geschlechterverhältnissen im und beim Musikfernsehen, Weinheim 1999.
[7] In einer Bilanz der Entwicklung der Volksliedforschung hatte Brednich die Tendenz „Vom Text zum Kontext“ ausgemacht. Wollte man in diese Richtung weitergehen, so ließe sich an frühere kulturhistorische und ethnographische Arbeiten zu erotischen Aspekten der Popularmusik (Krauss, Friedrich Salomon; Giglleithner, K./Litschauer G.[= Blümml, Emil Karl/ Gugitz, Gustav]) anknüpfen und über „Sex“ und „Gender“ in der Rock-/ Popmusikkultur arbeiten. Brednich, Rolf Wilhem, 75 Jahre deutschsprachige Volksliedforschung. Vom Text zum Kontext, in: Burkhardt-Seebass, Christine (Red.), Volksliedforschung heute. Beiträge des Kolloquiums vom 21./22. November 1981 in Basel zur Feier des 75jährigen Bestehens des Schweizerischen Volksliedarchivs, Basel 1983, S. 7-18; Krauss, Friedrich Salomon, Das Minnelied des deutschen Land- und Stadtvolkes, Hanau 1968.
[8] So die Selbstdarstellung des Verlags z.B. im Internet unter <http://www.querverlag.de/> (Zugriff 20.2.2007).
[9] Darstellungen zur Kulturgeschichte von Techno im weiteren Sinne finden sich z.B. bei: Pfandenhauer, Michaela, Die Techno-Szene, Prototyp posttraditionaler Vergemeinschaftung? ,in: Artmaier, u.a. (Hrsg.), Techno zwischen Lokalkolorit und Universalstruktur (Dokumentation zum Workshop im Haus der Jugendarbeit in München), München 1997, S. 7-16; Gebhardt, Winfried; Hitzler, Ronald; Pfadenhauer, Michaela (Hrsg.), Events. Soziologie des Außergewöhnlichen, Opladen 2000. Eine Gesamtschau zum Stand von Techno Anfang/Mitte der 1990er-Jahre dagegen bieten: Anz, Philipp; Walder, Patrick (Hrsg.), Techno, Zürich 1995. Der hier in Rede stehenden Thematik im engeren Sinne widmet sich: Pfadenhauer, Michaela, Raver Sex. Körper und Erotik in der Techno-Szene, in: DU (Themenheft Hautnah. Bilder und Geschichten vom Körper) 4.1998, S. 66-68.
[10] Zum Verständnis der Jugend- und Popkultur vgl.: Fiske, John, Understanding Popular Culture, London 1989; ders., Lesarten des Populären, Wien 2000; ders., Die Fabrikation des Populären. Der John-Fiske-Reader, Bielefeld 2001.

Redaktion
Veröffentlicht am
06.04.2007
Redaktionell betreut durch
Kooperation
Diese Rezension entstand in Kooperation mit dem Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie/Kulturanthropologie/Volkskunde" (Redaktionelle Betreuung: Prof. Dr. Beate Binder) http://www.euroethno.hu-berlin.de/forschung/publikationen/rezensionen/
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