P. Birle u.a. (Hrsg.): Las izquierdas latinoamericanas y europeas

Titel
Las izquierdas latinoamericanas y europeas. Idearios, praxis y sus circulaciones transregionales en la larga década del sesenta


Herausgeber
Birle, Peter; Fernández Darraz, Enrique; Ruvituso, Clara
Reihe
Bibliotheca Ibero-Americana 182
Erschienen
Frankfurt am Main 2021: Vervuert/Iberoamericana
Anzahl Seiten
218 S.
Preis
€ 29,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Nikolaus Werz, Universität Rostock

Zu 1968 und den nachfolgenden Bewegungen liegen zahllose Publikationen vor. Allerdings wurden bislang kaum die Wechselwirkungen zwischen Europa und Lateinamerika beachtet. Sie waren Thema eines Kolloquiums, das im Jubiläumsjahr 2018 mit Unterstützung der Friedrich-Ebert-Stiftung stattfand. Die Herausgeber:innen, die am Ibero-Amerikanischen Institut in Berlin bzw. an der Zentraluniversität in Santiago de Chile tätig sind, veröffentlichten einen Band, der einen historisch sehr weiten Begriff von 1968 zugrunde legt. Im lateinamerikanischen Kontext ist von den langen 1960er-Jahren die Rede, die von der kubanischen Revolution 1959 bis zum Staatsstreich gegen die Regierung der Unidad Popular (Volkseinheit) in Chile 1973 bzw. sogar bis zum Sieg der sandinistischen Befreiungsfront FSLN in Nicaragua 1979 reichen. Die zwölf Beiträge wurden von lateinamerikanischen und deutschen Autor:innen unterschiedlichen Alters verfasst, neben einem 68er sind es vor allem jüngere Wissenschaftler:innen. Im ersten Teil geht es um Literatur und Politik, der umfangreichere zweite Teil dreht sich um die Dritte-Welt-Bewegung in Deutschland und ihre Beziehungen nach bzw. ihre Bilder von Lateinamerika.

Kuba war in den 1960er- und 1970er-Jahren der Anziehungspunkt für Progressive und Revolutionäre. Vom Congreso Cultural de la Habana Anfang 1968 handelt der Eingangsbeitrag; an dem Kongress nahmen bekannte europäische und lateinamerikanische Literaten und Künstler teil. Sie zeigten eine gewisse Unabhängigkeit von den in den Ländern des real existierenden Sozialismus vertretenen Positionen zur Kunst. Die sich schon im gleichen Jahr abzeichnenden Unterschiede zwischen den Lateinamerikanern schildert Jaspar Vervaeke in seinem Aufsatz über ein Treffen von drei Schriftstellern mit Milan Kundera im Dezember 1968 in Prag, also drei Monate nach dem sowjetischen Einmarsch in der Tschechoslowakei. Originaldokumente von Kunderas Gesprächen mit Julio Cortázar, Carlos Fuentes und Gabriel García Márquez liegen nicht vor. Fuentes hatte den Pariser Mai direkt miterlebt, während Cortázar, der in der französischen Hauptstadt lebte, nicht anwesend war, weil er Octavio Paz in Indien besuchte. Paz wiederum sollte seinen Botschafterposten im gleichen Jahr aus Protest gegen das Massaker an mexikanischen Student:innen aufgeben. 1971 unterschrieben Fuentes und Cortázar eine Resolution für den in Kuba inhaftierten Dichter Padilla. Bei García Márquez begann sich eine neutrale Haltung gegenüber Fidel Castro abzuzeichnen. Wie unterschiedlich sich das kulturelle Feld in Lateinamerika präsentierte, zeigen die beiden sich anschließenden Aufsätze: In Venezuela wurden gegenkulturelle Einflüsse der Beat-Poeten mit länderspezifischen Merkmalen sichtbar; in Chile unterstützten Literaten und Künstler politisch die Unidad Popular, die meisten von ihnen mussten später ins Exil gehen.

Das Bild Lateinamerikas und der Dritten Welt gewann unterschiedliche Konturen, wie Teil 2 deutlich macht. Carolina Galindo schreibt zum Begriff des Partisanen und des Guerillero am Beispiel Kolumbiens. Nach einem Aufenthalt in Europa schlossen sich der Theologe und Soziologe Camilo Torres und drei spanische Priester der Guerilla an, die meisten fielen relativ bald bei Gefechten. Der Priester Manuel Pérez stieg bis zum Kommandanten der Ejército de Liberación Nacional (ELN) auf, er starb 1998 an Hepatitis. Dorothee Weitbrecht schildert den Weg von 68ern aus der Bundesrepublik, die über Stipendienprogramme oder individuell im Zuge eines „neuen Internationalismus“ nach Lateinamerika reisten. Während einige dort vor allem im Bildungsbereich blieben, kehrten andere zurück und förderten die Solidaritätsbewegung bzw. Studien über die Region. Ein Aufsatz setzt sich mit der Behauptung auseinander, die Tupamaros seien das Vorbild für die Rote Armee Fraktion (RAF) gewesen. Monika Wehrheim zeigt, dass zwar relativ viel über die (Stadt-)Guerilla in Uruguay berichtet wurde, die RAF sich aber hauptsächlich an maoistischen Mustern orientierte. Starke Verbreitung fanden die Schriften von Ernesto Che Guevara, sie trugen damit unter anderem zum Überleben alternativer Verlage in Deutschland bei (Felipe Castilho de Lacerda). Clara Ruvituso spricht für die 1970er-Jahre von einem „zweiten Boom“ neben dem der lateinamerikanischen Literatur, der sich in der Übersetzung der Dependencia-Ansätze niederschlug. Der nach Venezuela ausgewanderte Soziologe Heinz Rudolf Sonntag erwies sich als Förderer dieser Beiträge, die besonders in den von Dieter Senghaas herausgegebenen Sammelbänden bei Suhrkamp ein relativ breites universitäres Publikum erreichten und die damalige Dritte-Welt-Forschung mitprägten. Neben den Texten entfalteten lateinamerikanische Studierende ihre Wirkung und zwar nicht unbedingt in dem Sinne, wie es von einem speziell für sie von der Ford-Foundation aufgelegten Programm mit dem Ziel der Immunisierung gegen den Kommunismus gedacht war. Klaus Meschkat, der selbst als junger Dozent an der Freien Universität in Berlin daran mitwirkte, zeigt, dass damit für Einzelne eine intensive Beschäftigung mit sozialen Fragen und dem Marxismus einsetzte. Jorge J. Locane beschreibt die Anfänge eines Lateinamerikanismus durch Adalbert Dessau an dem umgewidmeten Romanistischen Institut der Universität Rostock. Allerdings bleibt unerwähnt, dass dieser als Prorektor für Gesellschaftswissenschaften und langjähriger Institutsdirektor an der Umsetzung der 3. Hochschulreform der DDR beteiligt war, die zwar im gleichen Jahr erfolgte, aber keine Gemeinsamkeiten mit den ursprünglich anti-autoritären Zielen der 68er im Westen besaß. Abschließend schildert Michael Schulz die Rezeption der Texte der Theologie der Befreiung in den beiden deutschen Staaten.

Die Aufsätze des mit 220 Seiten handlichen Buches vermitteln einen guten Überblick. Wohl aus Platzgründen bleiben die Artikel vergleichsweise kurz, einige Punkte konnten deshalb nur angesprochen werden. Vermisst wird allerdings der Abdruck eines Beitrages zu Mexiko. Mit über 200 Toten fand dort das gravierendste Ereignis des Jahres 1968 in Lateinamerika statt, die Vorfälle hatten Auswirkungen auf Politik, Gesellschaft und Literatur.

Für künftige Forschungen bleibt noch Raum: In historischer Perspektive stellt sich die Frage, ob 1968 für Lateinamerika so relevant war wie zum Beispiel die in Europa weitgehend unbekannte Universitätsreformbewegung von Córdoba/Argentinien 1918. Einzelne der ausgereisten 68er entfalteten eine bemerkenswerte Ausstrahlungskraft. Erwähnt seien Franz Hinkelammert im Bereich der Befreiungstheologie sowie die bereits verstorbenen Norbert Lechner und Heinz Rudolf Sonntag, die die chilenische bzw. venezolanische Staatsbürgerschaft annahmen. Sie leisteten unter anderem einen Beitrag zur lateinamerikanischen Wissenschaftsorganisation und sind dort viel bekannter als in ihrem Heimatland. Welche Rolle spielte die Lateinamerikaerfahrung bei den 68er „Renegaten“ Günter Maschke und Bernd Rabehl? Beide neigten später zu stark nationalistischen oder sogar rechtsradikalen Positionen. Auch Hans M. Enzensbergers Rückerinnerungen an Lateinamerika mit ihren Ein- und Auslassungen wären eine Analyse wert. Der Chilene Gaston Salvatore, ein Freund von Rudi Dutschke und Enzensberger, war eine der schillerndsten Figuren der Revolte. Für eine vergleichende historische Analyse ist schließlich die Frage interessant, warum die in der deutschen 68er Bewegung so zentrale Frage der Vater-Sohn-Beziehung sowie die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit dominierten, während in Lateinamerika (Links-)Nationalismus und Antiimperialismus im Vordergrund standen. Eventuell liegt es auch an einem unterschiedlichen Generationsverständnis im iberoamerikanischen Raum? Interessant wäre eine Untersuchung der Rolle der Asociación de Estudiantes Latinoamericanos (AELA) in der Bundesrepublik. Sie brachte eine Zeitschrift heraus und engagierte sich in der Studentenpolitik. Einzelne Mitglieder hatten sich, wie der in Buenos Aires geborene und aufgewachsene Claudio Zieschank bei einer Lateinamerikareise und durch die Erfahrungen an der Münchner Universität politisiert. Er wurde 1976 von argentinischen Militärs ermordet. Auch die Nicaragua-Solidarität, zu der schon Untersuchungen vorliegen, entfaltete eine erhebliche Wirkung. Der Arzt Tonio Pflaum sowie der Brunnenbauer und Gewerkschafter Bernd Koberstein aus Freiburg wurden von den Contra ermordet.

Neben seinen informativen Beiträgen wirft der Band damit viele Ideen für künftige Forschungen auf.

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10.06.2021
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