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Titel
Produktive Unproduktivität. Zum Verhältnis von Arbeit und Muße


Herausgeber
Wilke, Inga; Dobler, Gregor: Tauschek, Markus; Vollstädt, Michael
Reihe
Otium. Studium zur Theorie und Kulturgeschichte der Muße 14
Erschienen
Tübingen 2021: Mohr Siebeck
Anzahl Seiten
314 S.
Preis
€ 69,00
Rezensiert für den Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie / Kulturanthropologie / Volkskunde" bei H-Soz-Kult von:
Sabine Arend, Heidelberger Akademie der Wissenschaften

Der an der Universität Freiburg angesiedelte Sonderforschungsbereich 1015 erforscht seit Jahren das Thema Muße. Zu den zahlreichen Veröffentlichungen des SFB, die das Thema in unterschiedlichsten Kontexten untersucht haben, ist nun ein weiterer Tagungsband hinzugekommen, der sich dem spannungsreichen Thema „Muße und Arbeit“ widmet. Dass dieses Thema gesellschaftspolitisch aktuell ist, zeigt auch die jüngst von dem Ökonomen und Philosophen Birger Priddat vorgelegte Studie.[1]

Der vorliegende Tagungsband fragt danach, inwieweit Muße als Gegenbegriff zur Arbeit zu verstehen ist, inwiefern es Überschneidungen beider Zustände gibt und wie sich Muße und Freizeit zueinander verhalten. Die ersten drei Beiträge gehen diesen Fragestellungen in historischer Perspektive nach.

Karen Lambrecht untersucht Muße im Kontexte adeliger Lebenswelten in der Vormoderne. Die Lebensweise des Adels, die aus unserer Sicht vielfach mit Muße assoziiert wird, ist als spezifisch adelige bzw. ständische Arbeit zu verstehen, „in der die Muße integriert ist und ihren natürlichen Platz hat, ohne als Gegensatz begriffen zu werden“ (S. 29). Diese „Adelsarbeit“ umfasst die Verwaltung und Vermehrung des wirtschaftlichen Kapitals, auf dem das Leben des Adels basierte, repräsentative Aufgaben sowie die Pflege von Netzwerken.

Albert Schirrmeister befasst sich mit der Diskussion um die Feiertage, die bereits in der Frühen Neuzeit vom Gegensatz zwischen Fleiß bzw. Arbeitsamkeit und Müßiggang bzw. Faulheit geprägt war. Für Ökonomen dienten Feiertage der Regeneration und damit letztlich der Optimierung der Arbeitskraft, für Theologen der religiösen Erbauung. Insbesondere die Kirche gab eine starke Regulierung des Tuns an Feiertagen vor, etwa den Besuch von Gottesdiensten und Katechismusunterweisung. Neben diese formalen Strukturen treten Handlungen, die dem „Eigensinn“ der Menschen entsprangen, etwa der Wirtshausbesuch.

Marco Swiniartzki führt eindrucksvoll vor Augen, dass Industriearbeiter:innen im 19. und frühen 20. Jahrhundert während ihrer Arbeit, trotz des strikten Arbeitsrhythmus der durchgetakteten Akkordarbeit, individuelle Mußemöglichkeiten schufen. Die Bandbreite erstreckte sich dabei vom gelegentlichen Nickerchen, über Alkohol- und Nikotinkonsum, das Memorieren von Reimen und das Singen von Liedern bis hin zu Schwätzchen mit Kolleg:innen.

Die folgenden sechs Beiträge haben Gegenwartsbezug und richten ihren Blick auf ökonomische Faktoren. Michael Vollstädt befasst sich mit einem gegensätzlich erscheinenden Begriffspaar – Muße und Wirtschaft. Seine Untersuchung von Entrepreneurship als Form mußevoller Tätigkeit bleibt jedoch in theoretischen Diskursen wirtschaftlicher Modelle und Begriffsbestimmungen stecken. Er nähert sich dem Thema nur insofern, als dass die mit Unternehmer:innentum verbundene Kreativität mit einer gewissen mußevollen Selbstentfaltung einhergeht.

Stephanie Sommer fragt nach dem Zusammenspiel von Industrie, Technologie und Muße anhand des „Design Thinking“, eines Ansatzes zur Problemlösung durch Teams. Im spielerischen Miteinander entfaltet sich Kreativität, der Arbeitscharakter des gemeinsamen Tuns wird verschleiert, Arbeit und Muße verlieren ihre spezifischen Konturen und gehen immer mehr ineinander über. Muße wird dabei zur Voraussetzung des Arbeitsprozesses und somit selbst Teil der Arbeit.

Ähnlich wie Feiertage ist auch das „freie Wochenende“ – insbesondere der Sonntag – ein gesellschaftlich eröffneter offiziell arbeitsfreier Raum. Jürgen P. Rinderspacher betont die hohe Bedeutung dieser kollektiven Ruhezeiten, die eine große integrative Funktion haben und das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken, allerdings durch den 24/7-Online-Handel infrage gestellt werden.

Die beiden Stressforscherinnen Erika Spieß und Julia A. M. Reif untersuchen Arbeit und Muße aus Sicht der Arbeitspsychologie. Sie sehen den Aufbau innerer und äußerer Ressourcen als wichtige Faktoren, um mit Stress in der Arbeitswelt besser umgehen zu können. Für den Aufbau dieser Ressourcen ist Muße unerlässlich.

Die Kulturwissenschaftler:innen Markus Tauschek und Inga Wilke befassen sich mit den weitreichenden Angeboten, bestimmte Formen von Muße – etwa Achtsamkeit oder Yoga – in Freizeit-Kursen erlernen zu wollen. Das Bemühen um Entschleunigung und Erholung bewegt sich auf dem schmalen Grat zwischen „Arbeit am Selbst“ mit dem Ziel persönlichen Wachstums und Selbstoptimierung sowie größerer Leistungsfähigkeit.

Jochen Gimmel fragt nach der Utopie von Selbstverwirklichung durch die Entgrenzung von Arbeit und durch die Auffassung von Arbeit als Spiel. Nachdem er die wesentlichen Linien dieses Ansatzes bei Hannah Arendt, Karl Marx, Charles Fourier und Herbert Marcuse vor Augen geführt hat, kommt er zu einem Mußebegriff, der sich nicht in Bezug zur Arbeit definiert, sondern diese regelrecht ausschließt: Arbeit unterliegt heute mehr denn je dem Diktum des wirtschaftlichen Wachstums, Muße im Sinne eines erfahrungsoffenen Erlebens ohne Zweckbindung kann folglich nur jenseits von Arbeit stattfinden. Gimmel plädiert daher mit Karl Marx für die radikale Begrenzung von Arbeit.

Die abschließenden vier Beiträge fragen nach bestimmten Orten und Räumen von Muße und Arbeit. Christian Timo Zenke untersucht zunächst schulische Raumkonzepte. Während die starren Raum-Arrangements der preußischen „Schulkasernen“ im 19. Jahrhundert monofunktional und geradezu mußefeindlich waren, hat sich die Entwicklung in der Gegenwart zu „Lernlandschaften“ fortgesetzt, zu polyvalent nutzbaren Zonen, in denen sich Schule als Lebens- und Erfahrungsraum präsentiert. Zenke macht deutlich, dass die mit diesen Konzepten intendierte Muße mit einer gewandelten Pädagogik einhergeht, bei der Schüler:innen individuelle Gestaltungsmöglichkeiten für ihren Schulalltag geboten werden.

Melina Munz und Raphael Reichel werfen einen Blick auf Mußeräume in Asien. Munz untersucht die Verschränkung von Muße und Arbeit in der indischen Gegenwartsliteratur. In den fiktionalen Quellen wird zum einen die ländliche Idylle mit einem harmonischen Rhythmus von Leben und Arbeiten als direkter Gegenentwurf zum rasanten Leben in der Stadt herausgestellt. Zum anderen führen die Texte die Beschwerlichkeiten des Landlebens vor Augen und zeigen die besondere Bedeutung von Muße-Erfahrungen im ruralen Kontext.

Der Ethnologe Raphael Reichel fragt nach Arbeit und Muße bei deutschen Ruheständlern, die nach Thailand ausgewandert sind. Für diese Rentner, die sich in einer Lebensphase mit Dauer-Muße zu befinden scheinen, ist es wichtig, durch selbstgewählte Tätigkeiten einerseits eine Tagesstruktur zu schaffen, andererseits, sich von den zahllosen Sextouristen, insbesondere aber von der großen Gruppe dauerhaft alkoholisierter Rentner abzugrenzen.

Die Historikerin Ute Sonnleitner untersucht Mußestunden und -räume darstellender Künstler:innen an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Das Theater ist ein Ort, an dem Muße, Arbeit und Freizeit für die Künstler:innen eng miteinander verwoben sind, da nicht nur die abendlichen Vorstellungen auf der Bühne, sondern auch die Vorbereitungsphasen mit individueller Zeiteinteilung zu berücksichtigen sind. Auch für die Zuschauer ist das Theater ein besonderer Raum, in dem sie fern ihres Alltags in andere Sphären eintauchen können.

Abschließend reflektiert Gregor Dobler die dreizehn Beiträge. Für das in allen Aufsätzen untersuchte Verhältnis von Muße und Arbeit stellt er vier übergreifende Konzepte fest: 1. Muße gegen Arbeit, zwei getrennte Felder, die einander feindlich gegenüberstehen, 2. Muße in Arbeit, wobei sich innerhalb des Arbeitsfeldes unerwartete Mußemöglichkeiten bieten, 3. Arbeit als Muße, bei der die Arbeit selbst als mußevoll wahrgenommen wird, und schließlich 4. Muße als Arbeit, bei der Muße gelernt und nach Momenten der Erfahrung von Freiheit gesucht wird.

Die Beiträge des Sammelbandes, die auf unterschiedlichsten Forschungsansätzen und Quellen basieren, zeigen eindrucksvoll, wie breit das Thema ist und wie vielfältig es untersucht werden kann. Die interdisziplinär ausgelegten Beiträge, die historisch, wirtschaftswissenschaftlich, soziologisch, ethnologisch, kulturwissenschaftlich, philosophisch und psychologisch ausgerichtet sind, führen zugleich die Erfahrungsoffenheit des SFB 1015 vor Augen, der seinem Thema „Muße“ damit auch selbst ganz pragmatisch treu bleibt. Die Vielfalt der Beiträge wird in der konzisen Einleitung vorgestellt, einige übergreifende Ergebnisse in der Schlussreflexion gekonnt gebündelt. Die Vielschichtigkeit der Ergebnisse zeigt einmal mehr, dass es Mikrostudien wie derjenigen des vorliegenden Bandes bedarf, um jenseits von pauschalisierten Annahmen und Urteilen neue Erkenntnisse gewinnen zu können.

Anmerkung:
[1] Birger P. Priddat, Arbeit und Muße. Über die europäische Hoffnung der Verwandlung von Arbeit in höhere Tätigkeit, Marburg 2019.