Diskotheken im ländlichen Raum. Populäre Orte des Vergnügens in Südwestdeutschland (1970-1995)

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Titel
Diskotheken im ländlichen Raum. Populäre Orte des Vergnügens in Südwestdeutschland (1970–1995)


Autor(en)
Fischer, Michael
Erschienen
Münster 2020: Waxmann Verlag
Anzahl Seiten
256 S.
Preis
€ 34,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Alina Laura Just, Kulturerbe und Museumswissenschaften, HafenCity Universität Hamburg

Michael Fischer untersucht in seiner neuen Monografie Diskotheken im südwestdeutschen ländlichen Raum als populäre Vergnügungsorte zwischen 1970 und 1995 und stößt damit in gleich drei wesentliche kulturhistorische Forschungslücken: den „Mainstream“, das Ländliche und die jüngste Zeitgeschichte. Kulturelle Praktiken und Angebote stehen oftmals gerade dann im geistes- und sozialwissenschaftlichen Fokus, wenn sie Gegenöffentlichkeit und Subkultur repräsentieren oder aber zum Kanon der Hochkultur zählen, wohingegen „Untersuchungsgegenstände […] selten den künstlerischen und kulturellen Mainstream ab[bilden]“ (S. 7), wie Fischer einleitend feststellt. Zwar hat sich demgegenüber in den Geschichts- und Kulturwissenschaften seit den späten 1970er-Jahren eine eigene Strömung für Populärkulturforschung durchgesetzt, doch konzentriert sich diese zumeist auf den Untersuchungsraum Stadt.[1] Und innerhalb dieser, an populärkulturellen Phänomenen interessierten Stadtgeschichte widmen sich die meisten Studien entweder der langen Jahrhundertwende um 1900, der Zwischenkriegszeit oder der „Popgeschichte“ der 1950er- und der „langen“ 1960er-Jahre.[2] Populäres Vergnügen „nach dem Boom“ gerät noch selten in Betracht. Insofern betritt Fischers Studie mehrfach Neuland.

Das Buch gliedert sich neben Einleitung und Zusammenfassung in fünf Hauptkapitel unterschiedlicher Gewichtung. Während die ersten zwei Kapitel die Genese westdeutscher Diskotheken, ihrer Publika und Schlüsselakteure (z.B. Diskjockeys) aus theoretischer, begriffs- und ereignisgeschichtlicher Sicht sehr differenziert diskutieren und typologisieren (z.B. Unterscheidung Rock- und Popdiskotheken, Profile Jugendlicher im ländlichen Raum, infrastrukturelle Rahmenbedingungen), nimmt das Kapitel „Räume, Programme, Konflikte“ quantitativ wie qualitativ den größten Platz ein. In ihm widmet sich der Autor ausführlich seinen ausgewählten Fallbeispielen. Die Diskotheken werden sozialräumlich, diskursiv und in ihrer dispositiven Anordnung untersucht, d.h. in Bezug auf ihr jeweiliges Verhältnis von architektonischer Anlage, räumlicher Gestaltung und technischer Ausstattung, medialem Angebot, zeitlicher Programmstruktur, unterschiedlichen Aneignungspraktiken der Nutzergruppen und medienvermittelter Kommunikation betrachtet. Grundsätzlich verfolgt Fischer somit einen stark medien- und kulturwissenschaftlichen Zugang. Doch er geht zugleich über diesen hinaus, indem er kultur- und lokalhistorische Hintergründe auf breiter Basis archivalischer, publizistischer und mündlicher Quellen einbezieht. So wertet er Akten aus dem Staatsarchiv Freiburg, mehreren kommunalen Archiven, dem Historischen Archiv des Südwestrundfunks und des Saarländischen Rundfunks sowie dem Redaktionsarchiv der Badischen Zeitung aus und nutzt außerdem private Sammlungen und Erinnerungsberichte ausgewählter Zeitzeug:innen. Diese breite Kontextualisierung macht das Buch auch für die Zeitgeschichte relevant und ergiebig.

Doch während Fischer seine historischen Schriftgutquellen konsequent und schlüssig in die Analyse verwebt, geschieht dies mit den mündlichen Quellen leider nicht. Stattdessen sind die ausgewerteten Interviews in einem eigenen Kapitel recht unorganisch an die Untersuchung angeschlossen. Darin wird die Methode der Oral History zwar eingangs dargelegt (S. 155-157), doch scheint sie anschließend nur wenig überzeugend umgesetzt. Die Interviews werden lediglich in kurzen sachlichen Zusammenfassungen nacheinander wiedergegeben und leider gerade nicht auf spezifische narrative Strukturen oder biografische Sinnproduktion, also „ihre aktualisierende Deutung von Erlebtem“ (S. 156), hinterfragt, obwohl Fischer diese besonderen Potentiale lebensgeschichtlicher Interviews quellenkritisch betont. Indem die Erkenntnisse aus den Interviews nicht systematisch in die empirische Analyse eingearbeitet werden, sondern nur sehr vereinzelt und oberflächlich auf sie verwiesen wird (z.B. S. 71, 82, 102, 106), kommt es im Interviewteil selbst zu Redundanzen und das Kapitel erscheint mehr als Dokumentenanhang. Dieser wird sich für kommende Studien fraglos wertvoll erweisen, doch scheint er mir im vorliegenden Buch nicht voll ausgeschöpft.

Sehr überzeugend hingegen gelingt der regionale Zuschnitt, der es dem Autor ermöglicht, für die Fokusregion in die Tiefe zu gehen und die Fallbeispiele vielseitig und materialgesättigt zu beleuchten. Ein nach Landkreisen und Gemeinden sortiertes Verzeichnis (S. 253-256) gibt schnellen Überblick über die insgesamt 66 einbezogenen Diskotheken und Gaststätten und erleichtert gezieltes Nachschlagen. Anschaulich vermittelt Fischer auch Ortsunkundigen, wie das „‚Diskofieber‘“ (S. 16) nach 1970 auch im Südwesten der Bundesrepublik ausbrach und Musik, Tanz und Gastronomie in Diskotheken wie dem Heuboden (Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald), der Arche (Landkreis Emmendingen) oder dem Waldpeter (Schwarzwald-Baar-Kreis) zum populären Vergnügen wurden, besonders, aber nicht nur für Jugendliche. Traditionelle Gasthäuser passten sich dem neuen Trend an und wandelten sich zu Diskotheken, behielten jedoch oft ihr altersgemischtes Publikum durch wechselnde Programme und einen musikalischen Mix bei. Die technische Ausstattung blieb meist schmal, die Dekoration sehr rustikal. Gastronomische Nebenräume blieben für diese Häuser ein wichtiges Zusatzangebot.

Ein anderes Konzept verfolgten die mobilen Diskotheken (z.B. Cleopha 87), deren Betreiber mit eigenem Equipment durch Festsäle und Mehrzweckhallen tourten und dort Diskopartys veranstalten. Doch auch diese Diskotheken erarbeiteten sich über die Jahre einen Stammkundenkreis und regelrechte Fangemeinden. Nach Fischer waren die örtlichen Vereine wichtige Förderer beider Diskomodelle im ländlichen Raum, weil sie häufig als Veranstalter auftraten. Zahlreiche weitere Einzelbefunde und Exkurse, wie z.B. zu Drogen im Umfeld der Disko, Autounfällen auf dem Nachhauseweg oder ausländerfeindlichen Tendenzen bei Veranstaltenden, machen die Studie empirisch gehaltvoll und ihre Lektüre abwechslungsreich.

Fischer typisiert die Diskotheken im ländlichen Raum und stellt zugleich ihre Besonderheiten eindrücklich heraus. Offenbar waren die ländlichen Diskotheken sämtlich städtisch beeinflusst, denn die Betreiber – und in einigen Fällen auch Betreiberinnen – griffen internationale musikalische und ästhetische Trends aus den Medien auf und kopierten bewusst Diskos aus der Großstadt. Insofern ähnelten sie sich oftmals untereinander. Zum einen steht diese urban-rurale Verflechtung in einer Entwicklungslinie, die bis ins frühe 20. Jahrhundert zurückreicht und daher kein Spezifikum der Disko darstellt, wie Fischer, anknüpfend an die agrarhistorische Forschung, betont. Zum anderen setzten die Diskotheken im ländlichen Raum durchaus eigene Akzente, indem sie sich gezielt an die besonderen lokalen Infrastrukturen und Bedarfe anpassten. Aus diesem Grund stellen sie ganz eigene Orte des populären Vergnügens dar, deren intensivere wissenschaftliche Betrachtung höchste Zeit wird.

Mit dem vorliegenden Band hat Michael Fischer zu dieser Forschung einen gewichtigen Beitrag geleistet. In jedem Fall ist das Buch eine große Bereicherung für die südwestdeutsche Lokalgeschichte wie für die Geschichte des Tanzens und der populären Musik. Doch auch jenseits dieser Sparten ist die Studie dank ihrer Quellenvielfalt und äußerst komplexen theoretischen und interdisziplinären Rahmung von großem Wert und kann vergleichbaren Projekten den Weg weisen.

Anmerkungen:
[1] Yvonne Robel / Alina L. Just, Stadt und Vergnügen: Einführung, in: Moderne Stadtgeschichte 2/2019; Ausnahmen stellen jüngere Arbeiten von Clemens Zimmermann und Gunter Mahlerwein dar, z.B. dies. / Aline Maldener (Hrsg.), Kulturhistorische Perspektiven auf das Verhältnis von Medialität und Ruralität im 20. Jahrhundert (=Jahrbuch für Geschichte des ländlichen Raumes), Innsbruck 2018.
[2] Klaus Nathaus, Why ‘Pop’ Changed and How it Mattered (Part II): Historiographical Interpretations of Twentieth-Century Popular Culture in the West, in: H-Soz-Kult, 02.08.2018, <https://www.hsozkult.de/literaturereview/id/forschungsberichte-1685>.

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07.01.2022
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