Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz u.a. (Hrsg.): Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht

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Titel
Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht. Von Karl dem Großen bis Friedrich Barbarossa


Herausgeber
Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz; Schneidmüller, Bernd
Erschienen
Anzahl Seiten
560 S.
Preis
€ 48,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Alheydis Plassmann, Abteilung für Frühe Neuzeit und Rheinische Landesgeschichte, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Die Mainzer Ausstellung „Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht“ hatte gleich mehrere Probleme zu bewältigen. Zum einen ist es immer schwierig, anhand von Gegenständen – und mögen sie auch noch so spektakulär sein – dem interessierten Publikum den neuesten Stand der Geschichtsforschung näherzubringen. Weiterhin haben sich die Macher:innen der Ausstellung mit dem zeitlichen Horizont von Karl dem Großen bis zu Friedrich Barbarossa, wie es im Titel heißt, einen nicht gerade kleinen Bereich vorgenommen – obwohl sogar noch darüber hinaus bis zur Entstehung des Kurfürstenkollegiums gegangen wird. Schließlich wurde die Ausstellung im Coronajahr 2020 eröffnet und musste im zweiten Lockdown für die Öffentlichkeit ganz gesperrt werden. Was das für die erhofften Einnahmen und die Sichtbarkeit der Ausstellung ausmacht, lässt sich wahrscheinlich nicht in vollem Ausmaß ausmalen, auch wenn jetzt eine Verlängerung bis Juni in Aussicht gestellt worden ist.

So waren für die ehrgeizige Ausstellung gleich mehrere Spagate zu bewältigen. Je weiter sich die Geschichtswissenschaft von den Meistererzählungen des 19. Jahrhunderts entfernt, je schneller die Forschungsmoden getaktet sind, desto schwieriger wird die Aufgabe, die Ergebnisse einem geneigten Publikum nahezubringen, das oft noch in alten Erzählmustern denkt. Daran auf der einen Seite anzuknüpfen und auf der anderen Seite Zusammenhänge zu beleuchten, die die Sichtweise der Forschung heute bestimmen, ist keine leichte Aufgabe. Sie kann wohl als gelungen gelten, wenn neue Forschung plausibel gemacht werden kann.

An den großen Mittelalterausstellungen der Bundesrepublik kann man diese Versuche anhand der Titel gut nachzeichnen. „Die Zeit der Staufer“ hieß es 1977 in Stuttgart schlicht, als es noch darum ging, Interesse für das Mittelalter überhaupt wiederzubeleben. 1992 konzentrierte man sich in Speyer schon nicht mehr nur das Herrschergeschlecht, sondern auf das gesamte „Reich der Salier“, 1998 sah man mit „Otto der Große, Magdeburg und Europa“ auf den europäischen Kontext, 2014 in Aachen „Karl der Große. Macht, Kunst, Schätze“ lenkte man den Blick auf die Materialität eines solchen Themas. Und nun folgen „Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht“. Erstmals wird im Titel eine Aussage über die Verfasstheit dieses mittelalterlichen Reiches gewagt, die, so könnte man sagen, das alte Narrativ von der Kaiserherrlichkeit und dem Eigennutz der Fürsten aufbricht. Die Kaiser – hier nur als Amtsträger, nicht als Vertreter einer Dynastie oder als einzelne „Lichtgestalten“ – können nicht allein dastehen, sondern nur auf den Säulen, die ihre Macht konstituieren und die gleichzeitig je einzeln zu betrachten und zu verstehen sind, aber eben im Ensemble auch das „Reich“ bilden; dies bleibt im Titel der Ausstellung außen vor, ist aber mitgedacht.

Wenn man es so anhand des Titels auf den Punkt bringen möchte, könnte man sagen, dass man sich darum bemüht hat, die Forschungsvorstellung von der „konsensualen Herrschaft“ dem historisch interessierten Publikum zu vermitteln – wie die griffige Formulierung lautet, die Bernd Schneidmüller 2000 erstmals verwendete[1] und die sich seitdem in der Forschung eingebürgert hat. Gemäß dem Perspektivwechsel vom Herrscher weg zu den verschiedenen Säulen, nicht nur den Fürsten, die das Gefüge des Reiches tragen, bemüht man sich um ein möglichst abgerundetes Gesamtbild. Das macht sich dann daran bemerkbar, dass neben den Herrschergeschlechtern und einzelnen Herrschern nicht nur die „Eliten“, also weltliche und geistliche Fürsten, sondern auch – soweit sich das anhand der Quellen bewerkstelligen lässt – andere Säulen abgebildet werden. Die Städte kommen so zu ihrem Recht, die religiöse Minderheit der Juden, die Bauern, der Handel, die Gemahlinnen der Könige und Kaiser (allerdings als einzige prominente Vertreterinnen ihres Geschlechts) – letztlich alles, was das Bild abrunden kann und dabei gleichzeitig hilft, auch die Ausschnittshaftigkeit unseres Wissens zu betonen.

Die einzelnen Abschnitte des Ausstellungsbandes sind dabei ähnlich gestaltet und orientieren sich grob an wichtigen Einschnitten: Das Karolingerreich und die Gründung des Kaisertums stehen im Mittelpunkt (I), die Zeit der ausgeglichenen Stabilität unter den Ottonen und ersten Saliern (II), die Krise unter Heinrich IV. und Heinrich V. (III), Friedrich Barbarossa (IV) und schließlich (ungezählt) das Kurfürstenkolleg. In jedem Abschnitt wird eine wichtige „Säule der Macht“ gewürdigt, wobei sich anhand dieser Säulen und ihrer Verschiebungen auch ein guter Überblick über zentrale Themen der einzelnen Jahrhunderte gewinnen lässt. Für die Karolinger wird die Bedeutung der Grundherrschaft hervorgehoben, für die Ottonen die Kirche, für die Salier die aufstrebenden Städte, für die Staufer der aufstrebende Adel und die jüdischen Gemeinden. Gemäß der Verortung des Themas im Rheinland als einer Zentrallandschaft werden die Auswirkungen auf Architektur und Kunst häufig an Mainzer Beispielen festgemacht.

Im Großen und Ganzen gelingt es, die Ideen von der „Kaiserherrlichkeit“ und den „eigensüchtigen Fürsten“ in die Mottenkiste zu verbannen, wenn auch der Teufel im Detail den historisch Interessierten, an die sich solche Ausstellungen wenden, sicher nicht auffallen wird. Für Forscher:innen, die sich von dem Band kurze konzise Überblicke erhoffen, sind die einzelnen Abschnitte dann gelegentlich eine Enttäuschung.

So liest man mit Überraschung, dass Friedrich Barbarossa in Karl dem Großen einen Reichsheiligen schaffen wollte (Olivia Mayer, S. 348), einer Aussage, der Knut Görich widerspricht (S. 356), als er erklärt, dass der Kanzleiausdruck des sacrum imperium zur Barbarossazeit noch nicht programmatisch gelesen werden sollte. Im Salierabschnitt wird auf der Höhe der Forschung deutlich gemacht, dass die Krise weit mehr umfasste als nur die Frage nach der Investitur, dann kommt aber doch bei der Betonung der Säulen und der Fürstenverantwortung das Kompetitive auch innerhalb des Fürstenstandes, das oftmals nur wenig mit dem Festhalten an kirchlichen Idealen zu tun hat, etwas zu wenig zum Vorschein.

Nur an einer Stelle wird indes der Gesamteindruck, dass man der Komplexität der Verfasstheit des Reiches in dem Ausstellungsband durchaus nahekommt, dann doch getrübt. Im letzten Abschnitt über das Nachleben des Reiches (S. 490–495, aufschlussreich mit "Pracht – Plunder – Propaganda" überschrieben) wird dann nämlich doch wieder in die Mottenkiste gegriffen und der Kleinteiligkeit (sowie der Vielfalt!) des Alten Reiches eine Absage erteilt. Angeblich habe sich das Reich, das 1806 aufhörte zu bestehen, selbst überlebt und die Zeitgenossen seien über den Untergang des Reiches weder erstaunt noch betrübt gewesen. Das entspricht nun keinesfalls den Erkenntnissen der neuesten Forschung zum neuzeitlichen Reich – es sei hier nur auf Joachim Whaley und Barbara Stolberg-Rilinger verwiesen[2] – und schmeckt doch zu sehr nach dem „Irrweg“ des Reiches in die Kleinstaatlichkeit. Das hätten auch Mediävist:innen besser wissen können.

Über diesem kleinen Wermutstropfen sollte nicht in Vergessenheit geraten, dass der Band nicht nur die Essays bietet, die das Hintergrundwissen für die Ausstellung liefern sollen, sondern eben auch Fotografien der Ausstellungsstücke, die in hoher Qualität vorliegen. Manche Stücke sind Klassiker von Mittelalterausstellungen wie die berühmte Purpur-Urkunde, in der die Hochzeitsgabe für Theophanu festgelegt wurde. Aber die Pracht und Herrlichkeit ist eben nicht das Einzige, was das mittelalterliche Reich ausmacht, und so kann man sich auch an Alltagsgegenständen erfreuen, selbst wenn die ungewöhnlichen und prächtigen Stücke natürlich in der Mehrzahl sind. Dieses Erfahren der Gegenständlichkeit der behandelten Zeit eröffnet weitere Dimensionen der Anknüpfung an die Geschichte, die jenseits der Verschriftlichung von Forschungsständen einen ganz eigenen und wichtigen Beitrag zur historischen Erinnerung leisten. In Zeiten von geschlossenen Museen und Ausstellungen oder dem Zugang unter sehr erschwerten Bedingungen sollte das nicht außer Acht gelassen werden.

Anmerkungen:
[1] Bernd Schneidmüller, Konsensuale Herrschaft. Ein Essay über Formen und Konzepte politischer Ordnung im Mittelalter, In: Paul-Joachim Heinig / Sigrid Jahns / Hans-Joachim Schmidt / Rainer Christoph Schwinges / Sabine Wefers (Hrsg.), Reich, Regionen und Europa in Mittelalter und Neuzeit. Festschrift für Peter Moraw, Berlin 2000, S. 53–87.
[2] Joachim Whaley, Germany and the Holy Roman Empire, 2 Bde., Oxford 2012; Barbara Stollberg-Rilinger, Des Kaisers alte Kleider. Verfassungsgeschichte und Symbolsprache des Alten Reiches, München 2013.

Redaktion
Veröffentlicht am
07.04.2021
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