Cover
Titel
Joseph Beuys. Kunst Kapital Revolution


Autor(en)
Ursprung, Philip
Erschienen
München 2021: C.H. Beck Verlag
Anzahl Seiten
336 S., 116 Abb.
Preis
€ 29,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Helmut Zander, Faculté de Théologie, Université de Fribourg

Joseph Beuys (1921–1986), der Unangepasste: der es wagte, gegen die dominierende Abstraktion nach dem Zweiten Weltkrieg, mit der man in der Kunst den Nationalsozialismus austreiben wollte, gegenständlich zu arbeiten. Beuys, der politische Künstler, der mit der Fusion von direkter Demokratie und „Jeder Mensch ist ein Künstler“ die funktionale Differenzierung moderner Gesellschaften erledigen wollte. Beuys, der Esoteriker, der mit Objekten wie seiner „Capri-Batterie“ (1985) – einer quietschgelben Zitrone, in der ein Stecker mit einer Lampenfassung steckt, deren Birne im Gelb der Zitrone zu leuchten scheint – die Astralkräfte des Kosmos anzuzapfen wähnte (siehe im Buch S. 290–292). Er wäre am 12. Mai 2021 einhundert Jahre alt geworden.

Beuys’ runder Geburtstag hat zahlreiche Buchpublikationen auf den Markt geworfen[1], darunter diejenige von Philip Ursprung, Kunsthistoriker an der ETH Zürich. Im Herbst 2019 habe er mit dem Buch begonnen und sei an Beuys-Orte gereist; im März 2021 lag das Werk auf dem Ladentisch. Das Ergebnis ist eine lockere Erzählwanderung, in der Ursprung chronologisch wichtige Kunstarrangements und zentrale Vorstellungen von Beuys (u.a. die Entmusealisierung von Kunst, die Demokratisierung der Künstlerrolle, den „erweiterten“ Kunstbegriff) vorstellt – mit einem ästhetisch ambitioniert gestalteten Buch. Dabei dominiert der „wuchtige“, manchmal brachiale politische Beuys der späten Jahre, weniger der „hypersensible“ Beuys mit seinen „zarte[n], beseelte[n] und tastende[n]“ Erkundungen.[2] Man kann Ursprungs Wanderung als (nicht unkritische) Verehrung genießen – Wertungen fallen in dubio pro Beuys aus –, aber auch als Beitrag zur wissenschaftlichen Debatte examinieren.

Ursprung beginnt mit einer Entzauberung, die Beuys ereilt hat: Er hat uns jahrelang belogen, mit der Geschichte der Krimtataren, die ihm nach dem Absturz mit seinem Sturzkampfbomber im März 1944 angeblich das Leben retteten, indem sie den schwer Verwundeten mit Fett eingerieben und mit einer Filzummantelung gewärmt hätten. Hier könnte man über einen Klassiker der Verdrängung nachdenken: Die Opfer retten den Täter, die Unschuldigen salvieren den Schuldigen. Ursprung hingegen überhöht diese Lüge zum „Ursprungsmythos“ und nimmt sie zum Ausgangspunkt, seine Interpretation von der „Fixierung des Werks auf die Biographie zu lösen“ (S. 20). Stattdessen will er Beuys im Rahmen der europäischen Politikgeschichte deuten, anhand eines einzigen Buches, Tony Judts „Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart“ (2006 erstmals in deutscher Übersetzung erschienen) – ein hochgelobtes Werk mit unvermeidlich beträchtlichen Auswahlentscheidungen. So ist die Rolle von Religion bei Judt unterbelichtet; das wird noch wichtig werden.

Den politischen Beuys trifft Ursprung Ende der 1950er-Jahre beim Thema Auschwitz, wobei im Hintergrund Beuys’ NS-Vergangenheit als Hitlerjunge und Kriegsfreiwilliger steht, die er nie verleugnet hat. Angesichts eines (abgelehnten) Entwurfs von 1957/58 für ein Denkmal in Auschwitz etwa gestand er 1980, sich im Blick auf die NS-Zeit „verantwortlich“ zu fühlen, aber „Schuldgefühle habe ich keine“ (zit. auf S. 60). Er konnte dem NS-Regime denn auch mildernde Umstände gegenüber der Bundesrepublik zubilligen: „[…] diese Gesellschaft ist letztlich noch schlimmer als das Dritte Reich. Hitler hat nur die Körper in die Öfen geschmissen“.[3] Diesen Satz liest man bei Ursprung nicht, wohl aber einen Kommentar zum Kontext: „Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Beuys den Nationalsozialismus relativierte.“ (S. 59) Doch Beuys’ Beschäftigung mit Auschwitz indiziert noch mehr, nämlich ein grundsätzliches Dilemma von Ursprungs Ansatz: Man könne die Veränderungen in Beuys’ Kunst nach der Auseinandersetzung mit Auschwitz nur als „Resultat einer persönlichen Krise“ (S. 55) verstehen – obwohl der Autor einer „Fixierung des Werks auf die Biographie“ zuvor doch abgeschworen hatte. Letztlich geht es nicht ohne Reflexion auf Beuys’ Biographie.

Bleiben wir bei den politischen Kontexten. Beuys’ Verhältnis zur Demokratie als repräsentativer Form der Ausübung und Kontrolle von Macht sowie zu Parteien als zivilgesellschaftlichen Organisationen war gebrochen: „Überwindet die Parteiendiktatur“ kam ihm nach 1968 mehr als einmal über die Lippen. Das aber will Ursprung nicht als Auseinandersetzung um die Rolle von Parteien verstanden wissen. Anstelle dessen „hätte es auch heißen können: ‚Überwindet die Trennung von Kunst und Politik‘“ (S. 157). Das allerdings unterschätzt Beuys’ politische Intentionen, etwa hinsichtlich der direkten Demokratie. Hier wird es komplex, denn dahinter stand wohl eine elitäre Konzeption. Sie hat mit Rudolf Steiner zu tun, dem Spiritus rector der Anthroposophie, der in Ursprungs Buch an etlichen Stellen vorkommt, aber in seiner Bedeutung nicht systematisch reflektiert wird.[4] Dass Beuys ein eifriger Steiner-Leser war, einige seiner Bücher annotiert hat (was lange bekannt ist, Ursprung aber nicht thematisiert)[5] und in der Politik spirituelle Kräfte am Werk sah (dies taucht bei Ursprung punktuell auf), müsste man diskutieren. Hinter Beuys’ direkter Demokratie standen Sätze wie der folgende: „Wir arbeiten ja auch nach dem Dreigliederungsmodell [der Gesellschaftstheorie] von Rudolf Steiner.“ (zit. auf S. 155) Bei Steiner hieß das: Eine Elite von Eingeweihten weiß, was geschehen muss, sie muss die politische Praxis dirigieren. Basisdemokratisches und elitäres Denken waren zwei Seiten einer Medaille. Für die Umsetzung dieser Vorstellungen sollte ein alternativpolitisch-konservatives Netzwerk sorgen, unter anderem die 1971 gegründete „Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung“. Zu den Mitorganisatoren gehörte neben Beuys und seinem Schüler Johannes Stüttgen auch Karl Fastabend, ein ehemaliger SS-Mann.

Gesellschaftspolitisch ambitioniert war auch Beuys’ Projekt „7.000 Eichen: Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“, inszeniert zur Kasseler documenta 1982, bei der er 7.000 Steinblöcke anfahren ließ, die jeweils mit einer Eiche im Kasseler Stadtgebiet in die Erde „gepflanzt“ wurden. Man kann Beuys hier als visionären Ökologen lesen, aber erneut ist die Sache komplex. Die Basaltstecklinge waren eben für Beuys auch – wie Ursprung mit der Rückendeckung von Sekundärliteratur weitergibt – als Medien wichtig, um „die kosmischen Kräfte in den Erdboden zu holen und an die Wurzeln der Bäume weiterzugeben“ (zit. auf S. 286). Hier verbinden sich die „deutsche“ Eiche, Steiners Esoterik und ökologische Sensibilität – und der Sekretär und Redenschreiber dieses Projektes war, was Ursprung nicht verschweigt (S. 158–160), der schon erwähnte Karl Fastabend. Ich halte nun Beuys nicht für einen verkappten Nationalsozialisten, aber seine Weltanschauung und Persönlichkeit sind komplizierter, als es bei Ursprungs Deutung des Eichen-Projektes sichtbar wird. Ökologie und Nationalsozialismus waren jedenfalls eng verbandelt, wie wir seit einigen Jahren besser wissen.

Komplexer ist dieser „Schamane“, wie Beuys sich selbst manchmal nannte, schließlich hinsichtlich seiner religiösen Überzeugungen. Dieses Feld bleibt bei Ursprung marginal. So erfahren wir nichts über den katholischen Beuys, der in seiner Frühphase am Kölner Dom arbeitete, wo noch heute einige Bauplastiken von ihm erhalten sind, über Beuys’ Sonnenkreuz (1947/48) oder über die Aktion „Manresa“ mit dem Kölner Jesuiten Friedhelm Mennekes (1966). Zum religiösen Beuys würde außerdem eine subtilere Analyse der Verflechtung mit Steiners Anthroposophie gehören. Dabei darf man Beuys’ Weigerung, der Anthroposophischen Gesellschaft beizutreten (S. 12), nicht auf den Leim gehen. Institutionelle Distanz und weltanschauliche Anleihen haben sich nicht widersprochen. Die Zitronensäure der „Capri-Batterie“ hat mehr mit „kosmischen“ Energien zu tun, als die ästhetische Perspektive während einer Kunstwanderung wahrhaben will.

Auch die Fokussierung auf die politischen Kontexte von Beuys, so wichtig und angemessen sie ist (und unabhängig von der Angemessenheit von Ursprungs Analyse), reicht letztlich nicht aus. Für das Verständnis seiner Kunst wünschte man sich weitere Ausflüge in seine Biographie: intensivere Reflexionen zu den psychischen Traumata des Krieges, zur Last der schweren Krankheiten, zu Beuys als Kettenraucher, zu seinem Verhältnis zu Frauen, immer wieder zum spirituellen Beuys und dessen politischen Ideen. Vielleicht hat sich Philip Ursprung auf seiner Wanderung – die sehr anregend ist! – von Beuys’ blauem niederrheinischem Himmel verführen lassen…

Anmerkungen:
[1] Weitere sind für 2021 noch geplant, darunter ein „Handbuch“, das im August erscheinen soll: URL: <https://www.springer.com/de/book/9783476057914> (07.06.2021).
[2] Eduard Beaucamp, Immer bereit für die Revolution, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.05.2021, S. 10 (Rezension zu Ursprungs Buch).
[3] Zit. nach Hans Peter Riegel, Beuys. Die Biographie, Berlin 2013, S. 306. Der dortige Nachweis für diese Stelle (S. 561, Anm. 295), die häufig und praktisch immer ohne Beleg im Netz segelt, ist sicher falsch; vermutlich hat der Beuys-Schüler Johannes Stüttgen die Äußerung aufgezeichnet.
[4] Fast gleichzeitig erschien ein weiterer Band von Riegel zu Beuys’ Biographie, in dem er sich intensiver mit Steiner beschäftigt (Hans Peter Riegel, Beuys. Verborgenes Reden. Die Biographie, Bd. 4, Zürich 2021). Er legt Verschleierungen dieser Beziehung durch Beuys offen (S. 190 und öfter) und parallelisiert Äußerungen von Beuys und Steiner, wodurch er den immensen Einfluss Steiners auf Beuys’ Denken dokumentieren kann. Der fehlenden Einbeziehung des anthroposophischen Denkens, die nicht nur die kunsthistorische Literatur weitgehend prägt, wirkt Riegel damit entgegen. Zugleich überzieht er angesichts seines Finderglücks heftig, wenn er behauptet, dass sich „nahezu jeder Referenzpunkt in Beuys’ kulturellem und wissenschaftlichem Weltbild direkt auf die Lehren Steiners zurückführen“ lasse (S. 23). Außerdem bleibt seine Sammlung von Belegen auf der Oberfläche semantischer und weltanschaulicher Ähnlichkeiten; eine tiefere Analyse von Beuys’ konzeptionellen Anleihen bei Steiner steht noch aus.
[5] Allein aus der „Gesamtausgabe“ der Werke Steiners finden sich in Beuys’ Bibliothek 84 Bände mit Annotationen Steiners (Liste bei Riegel, Beuys. Verborgenes Reden, S. 213–220); hinzu kommt ein unbekannter Bestand von Texten anderer Anthroposophen und möglicherweise von Büchern Steiners ohne Annotationen.