P. Boucheron u.a. (Hrsg.): France in the World

Cover
Titel
France in the World. A New Global History


Herausgeber
Boucheron, Patrick; Gerson, Stéphane
Erschienen
New York 2019: Other Press
Anzahl Seiten
992 S.
Preis
$ 38.99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christian Jacobs, Graduate School Global Intellectual History, Freie Universität Berlin / Humboldt-Universität zu Berlin

Kann ein einzelner Sammelband die historische Erzählung eines Landes aus globalhistorischer Perspektive neu justieren? Dieses hochgesteckte Ziel setzen sich die Herausgeber:innen von Histoire Mondiale de la France, publiziert im Jahr 2017. 2019 ist eine englischsprachige Übersetzung unter dem Titel France in the World erschienen. Anhand von 131 nur wenige Seiten kurzen Kapiteln zu einzelnen Jahreszahlen von 34.000 v. Chr. bis 2015 n. Chr. soll die französische Geschichte aus globalhistorischer Perspektive neu erzählt werden.

Die französische Veröffentlichung im Wahljahr 2017 war gleichzeitig eine akademische und politische Intervention. In seinem Vorwort setzte sich Herausgeber Patrick Boucheron zum Ziel, mit dem Buch ein breiteres Publikum anzusprechen und das Geschichtsbild Frankreichs zu verändern. Der Sammelband wende sich gegen „the strange notion that opening to the world would diminish France” (Vorwort). Der Sammelband präsentiere aber keine einstimmige Hymne auf die Diversität Frankreichs und auch sonst keine kohärente oder lineare Erzählung der französischen Geschichte. Vielmehr gehe es darum zu zeigen, dass Frankreichs Geschichte in der Welt geschah, dass Diversität und das Überwinden von Grenzen – in ganz unterschiedlichen und sich verändernden Formen – Teil dieser Geschichte seien.

Die englischsprachige Ausgabe zeichnet sich durch ein Vorwort von Stéphane Gerson aus, der die französische Debatte ausführlicher zusammenfasst, als es diese Rezension leisten kann. Dem Buch ging eine Reihe von wissenschaftlichen Veröffentlichungen voraus, die insbesondere am Beispiel der Kolonialgeschichte die globale Dimension französischer Geschichte betonten.[1] Darüber hinaus forderten auch zivilgesellschaftliche Gruppen zunehmend eine Auseinandersetzung mit der nach 1962 lange ignorierten Kolonialgeschichte. Nur einige Wochen nach dem Erscheinen des besprochenen Buches löste der damalige Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron ein breites Medienecho aus, als er öffentlich die Kolonisierung Algeriens als Teil der französischen Geschichte und Verbrechen gegen die Menschlichkeit bezeichnete. Vor diesem Hintergrund war die Debatte über das hier zu rezensierende Buch auch von politischen Fragen geprägt. Gerson beschreibt treffend zwei Probleme, die sich daraus für die Globalgeschichte in Frankreich ergeben. Erstens verstellt der gleichzeitig spezifisch französisch und universell verstandene Republikanismus den Blick auf Teile der kolonialen Vergangenheit und seine Folgen, insbesondere Rassismus. Gerson argumentiert zweitens, dass das Paris-zentrierte und patriarchalische französische Wissenschaftssystem multidimensionale Perspektiven auf die eigene Geschichte oft verhindere.

Die Verkaufszahlen und das Medienecho bezeugen, dass der Sammelband das selbst gesteckte Ziel erfüllte, ein breites Publikum zu erreichen. Das Buch trägt die globalhistorische Kritik an der eurozentrischen Perspektive auf die französische Geschichte in die nichtakademische Öffentlichkeit. Die Beiträge zu 1791 und 1848 zeigen beispielhaft, wie die versklavte Bevölkerung in der Karibik nicht nur sich selbst befreite, sondern auch Diskussionen im Hexagon über Konzepte wie Menschenwürde und Verbrechen gegen die Menschlichkeit lenkte. Während diese Ideen heute als Teil der revolutionären Tradition gefeiert werden, sind die Revolutionäre aus Haiti, Martinique und Guadeloupe in Frankreich vielfach unbekannt.

Darüber hinaus sind auch für ein akademisches Publikum einige Kapitel interessant. Mehreren Autor:innen gelingt es beeindruckend, auf den wenigen Seiten wesentliche Forschungsdebatten der letzten Jahre zusammenzufassen. In dem Kapitel zu 1968 fasst Ludivine Bantigny die Erkenntnisse globalhistorischer Forschung über die sogenannten Global Sixties zusammen und zeigt, welche Bedeutung global zirkulierende Symbole und Narrative sowie die Wahrnehmung, Teil einer weltweiten Bewegung zu sein, für Protestierende in Frankreich hatten.

Besonders interessant sind jene Kapitel, die mit anderen in Dialog treten. Die Kapitel über 1989 (200-Jahr-Feier der Revolution), 1998 (Sieg bei der Fußball-Weltmeisterschaft) und 2015 (Terroranschläge in Paris) greifen gut ineinander und offenbaren den Wandel in der Rhetorik über Multikulturalismus. Während die Feiern 1989 und 1998 noch die Diversität Frankreichs als etwas Positives herausstellten, wurde ebendiese Diversität nach den Terroranschlägen in allen politischen Lagern als Gefahr für die republikanische Ordnung gelesen. Die Beiträge beschränken sich nicht darauf, diesen Wandel nur mit den Ereignissen selbst zu erklären, sondern kontextualisieren diesen Trend vor dem Hintergrund globaler Entwicklungen, wie dem Kampf gegen den Terror und dem Ende optimistischer Zukunftsvorstellungen für eine friedliche Weltordnung (Ende der Geschichte), die sich in Frankreich in den hitzigen Debatten über Immigration und Laizität der 2000er-Jahre ausdrückten. Gleichzeitig widerlegen sie den Mythos der Abwesenheit multikultureller Vorstellungen in Frankreich.

Das Format mit den Jahreszahlen eignet sich außerdem, um gleichzeitig Kontinuitäten zu zeigen und lineare Geschichtsvorstellungen zu verkomplizieren. Mehrere Artikel besprechen beispielsweise in ganz unterschiedlichen Kontexten die Idee einer universellen französischen Zivilisierungsmission und zeigen deren Wandel. Beiträge über unverwirklichte Ideen, wie diejenige Napoleons III., in Algerien ein arabisches Königreich zu installieren, führen die Kontingenz und Brüche ebendieser Geschichte vor Augen.

Diese positiven Beispiele können allerdings nicht kaschieren, dass viele Kapitel für sich allein stehen und dadurch kaum Raum für eine tiefergehende Analyse haben. Viele Beiträge begrenzen sich auf eine reine Wiedergabe historischer Ereignisse oder führen Argumente unzureichend aus.

Der Artikel zur Revolution von 1789 beschränkt sich auf den Hinweis, dass die Französische Revolution von anderen Freiheitskämpfen in Europa und den Vereinigten Staaten beeinflusst wurde und wiederum Revolutionäre in Europa inspirierte. Statt der Auflistung zahlreicher solcher Fälle in knappen Sätzen wäre eine detaillierte Analyse eines oder weniger Einzelfälle interessanter gewesen. Mögliche Verbindungen zu anderen Kapiteln des Sammelbandes ignoriert der Artikel und versucht sich stattdessen an dem vermutlich unmöglichen Unterfangen, die Französische Revolution auf fünf Seiten einzuordnen. Der Artikel ist außerdem einer von vielen, der sich allein auf die Geschichte von Eliten beschränkt. Auch wenn diese Eingrenzung den einzelnen Artikel nicht vorgeworfen werden kann, da die Kürze zur Eingrenzung zwingt, so bleiben marginalisierte Bevölkerungsgruppen in den meisten Beiträgen unbeachtet. Dass die Globalgeschichte nicht dazu gezwungen ist, sich auf kosmopolitische Eliten zu fokussieren, widerlegen einige Beiträge im Band selbst. Alban Bensa analysiert auf wenigen Seiten über die antikolonialen Revolte in Neukaledonien 1917, wie Kanak:innen gleichzeitig westliche Ideale und kanakische literarische Traditionen benutzten, um ihre komplexe Position als Kolonialisierte während des Weltkriegs einzuordnen.

Der Erfolg des Sammelbandes in Frankreich inspirierte Historiker:innen in Spanien, Italien, Portugal, Deutschland und den Niederlanden zu ähnlichen Projekten. Auch wenn das Format anscheinend ein breites Publikum anspricht, offenbart die französische Premiere die Nachteile des Formats deutlich. Mehr Dialog zwischen den Kapiteln und weniger überblicksartige Kapitel hätten mehr analytische Tiefe erlaubt. Darüber hinaus zeigten zuletzt einige Veröffentlichungen in Deutschland, dass auch klar eingegrenzte, monothematische Bücher mit globalhistorischen Interpretationen ein breiteres Publikum erreichen können.[2]

Anmerkungen:
[1] Vgl. Nicolas Bancel / Pascal Blanchard / Sandrine Lemaire (Hrsg.), La Fracture colonial. Une crise française, Paris 2005; Nicolas Bancel / Pascal Blanchard / Françoise Vergès, La République colonial, Paris 2003; Achille Mbembe, Provincializing France?, in: Public Culture 23/1 (2011), S. 85–119.
[2] Als ein Beispiel: Frank Bösch, Zeitenwende 1979. Als die Welt von heute begann, München 2019.

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Veröffentlicht am
15.07.2021
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