B. Bleckmann (Hrsg.): Herodot und die Epoche der Perserkriege

Cover
Titel
Herodot und die Epoche der Perserkriege. Realitäten und Fiktionen. Kolloquium zum 80. Geburtstag von Dietmar Kienast


Herausgeber
Bleckmann, Bruno
Reihe
Europäische Geschichtsdarstellungen 14
Erschienen
Köln u.a. 2007: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
XI, 170 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Natascha Königs, Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin

Der vorliegende Sammelband, der die Ergebnisse eines Kolloquiums (8.–9. Oktober 2005) zu Ehren des 80. Geburtstages von Dietmar Kienast zusammenfasst, hat sich zum Ziel gesetzt, der Glaubwürdigkeit und Wirkung des herodoteischen Geschichtswerkes nachzuspüren. Der erste Teil mit Aufsätzen von Josef Wiesehöfer (S. 3ff.) und Peter Funke (S. 21ff.) untersucht auf der Grundlage der Schrift Herodots die griechische Wahrnehmung der persischen Monarchie und ihres Handelns zur Zeit der Perserkriege. Im zweiten Teil mit Aufsätzen von Karl-Wilhelm Welwei (S. 37ff.), Wolfgang Blösel (S. 53ff.), Michael Zahrnt (S. 67ff.), Wolfgang Schuller (S. 101ff.) und Dietmar Kienast (S. 107ff.) werden einzelne Gesichtspunkte der Überlieferung Herodots zu Athen und Sparta im beginnenden 5. Jahrhundert v.Chr. behandelt. Abschließend befassen sich Bruno Bleckmann (S. 137ff.) und Ruprecht Ziegler (S.151ff.) im dritten Teil mit Fragen „Zur Rezeption der Perserkriege“. Der Band endet mit einem kurzen Schlusswort des Jubilars (S. 169f.). Von den Beiträgen können im Folgenden nur einige repräsentative Artikel näher besprochen werden.

Zunächst untersucht Funke, inwieweit das Motiv für die persische Invasion in Griechenland zu Beginn des 5. Jahrhunderts v.Chr. religiös legitimierte Rache gewesen ist (S. 21ff.). Grundlage der Überlegungen des Autors ist die Angabe Herodots, die Perser hätten sich mit ihrem militärischen Vorgehen – und insbesondere mit der Verheerung Athens 480 v.Chr. – für die Zerstörung des Kybele-Heiligtums in Sardis 499 v.Chr. durch die Griechen gerächt (Hdt. 5,102,1). Im Gegensatz zur Bedeutung des Rachemotivs für das griechische Handeln [1] sei dieser Aspekt bisher nicht hinreichend untersucht, so der Autor. Kienast war 1995 zu dem Ergebnis gelangt, dass schon vor der Verwüstung Athens die ideologisch begründete Stigmatisierung der Perser als Gottesfrevler eingesetzt habe.[2] Dieser frühen Datierung widerspricht nun Funke: Seiner Meinung nach hat erst die Zerstörung Athens die „Voraussetzung für die Genese dieses Feindbildes“ (S. 30) geschaffen. Der Autor wendet sich zudem gegen die Ansicht, „eine religiös motivierte Rachegesinnung der Perser“ (S. 25) habe die persische Strategie während des Griechenlandfeldzuges bestimmt.[3] Entscheidend für das persische Vorgehen sei vielmehr die jeweilige Haltung der Griechen gegenüber dem Herrschaftsanspruch des persischen Großkönigs gewesen (S. 27). Tatsächlich werde der Vorwurf des religiösen Frevels erst in den Quellen der 470er-Jahre greifbar, nicht jedoch in den frühesten Textzeugen.[4] Erst zu jenem Zeitpunkt seien die persischen Zerstörungen während des Krieges ideologisch instrumentalisiert worden und hätten insgesamt dem antipersischen Diskurs in Griechenland seine „polemische Schärfe“ (S. 30) verliehen.[5]

Anschließend behandelt Welwei (S. 37ff.) am Beispiel von Kleomenes I. und Pausanias „das Problem der Gruppenbildung innerhalb der spartanischen Führungsschicht [...] und die hieraus resultierenden Gefahren für die Solidarität einer Polisgemeinschaft“ (S. 38). Insgesamt hält Welwei dabei die machtpolitische Dynamik innerhalb der spartanischen Oberschicht für bedrohlicher als „die in der modernen Forschung mehrfach vermutete Machtbesessenheit“ (S. 50) der beiden spartanischen Politiker. Zwar habe in Sparta keine „effektive Interorgankontrolle“ (S. 43) existiert, die eine zielgerichtete Instrumentalisierung von Polisinstitutionen durch starke Persönlichkeiten hätte verhindern können, andererseits hätten Kleomenes und Pausanias aber auch keine ‚autonomen Machtfaktoren‘ (S. 43) innerhalb der Polis Sparta dargestellt. Vielmehr habe für Rivalen innerhalb der spartanischen Führungsschicht die Möglichkeit bestanden, „eine gleichsam personengebundene Opposition gegen einen übermächtigen [...] Konkurrenten zu mobilisieren“ (S. 43). Dies zeige sich auch an den Überlieferungen zum Tode des Kleomenes (Hdt. 7,84,1–3) und des Pausanias (Thuk. 1,128–134), die erheblich ‚deformiert‘ seien (S. 51). Sie gestatten nach Ansicht des Autors keinen Einblick in die tatsächlichen Abläufe, sondern in konstruierte Feindbilder, die „im Verlauf von Konkurrenzkämpfen ranghoher Rivalen durch Meinungsmanipulation und skrupellose Täuschungsmanöver“ (S. 50) entstanden sind. Dabei geht der Autor allerdings sehr weit, wenn er in diesem Zusammenhang eine „gezielte Desinformation“ und „Irreführung der griechischen Öffentlichkeit“ (S. 52) durch die hier verantwortlichen Hintermänner annimmt.[6]

Auf der Grundlage seiner Untersuchung zu Themistokles von 2004 [7] beschäftigt sich W. Blösel (S. 53ff.) mit der Frage des zeitlichen Ansatzes für das ‚Flottenbauprogramm des Themistokles und den Beschluss der Athener zur Seeverteidigung gegen Xerxes (Hdt. 7,140–144)‘. Nach Ansicht Blösels ist die athenische Kriegsflotte, die bei der Schlacht von Salamis 480 v.Chr. 200 Trieren umfasste, kaum das Ergebnis „einer einzigen gewaltigen Rüstungsanstrengung“ (S. 55). Trotz der Angaben des Aristoteles (Ath. pol. 22,7), der das Flottenbauprogramm auf 483/82 v.Chr. datiert, spreche einiges dafür, diese athenischen Schiffe eher „als Produkt ca. sechs- bis achtjähriger Anstrengungen seit etwa 488/87 im erbitterten Ringen mit den Aigineten anzusehen“ (S. 57). Zudem widerspricht Blösel der Überlieferung bei Herodot, die Entscheidung zur Aufgabe Athens und zur Konzentration auf die Seeverteidigung sei bereits im Winter 481/80 v.Chr. gefallen (Hdt. 7,144,3–145,1). Tatsächlich sei dieser Beschluss nur durch die Niederlage bei den Thermopylen zu erklären (S. 59), durch die die Aufgabe Athens unumgänglich geworden sei.[8] Der gesamte Aufbau der herodoteischen Schilderung folge einem dramaturgischen Konzept, das den Athenern im Rückblick weitaus mehr Ruhm garantiert habe (S. 60f.). Die Platzierung der Figur des Themistokles lasse außerdem das Bestreben Herodots erkennen, diesen „als Retter Athens zu glorifizieren“ (S. 63).

Schließlich folgt ein Artikel von Kienast (S. 107ff.), in dem der Autor der Frage nachgeht, welche entwicklungsgeschichtliche Rolle die Perserkriege für die Praxis der Kampfpreisvergabe in Griechenland gespielt haben. Zwar erhielten schon die homerischen Helden Ehrengeschenke aus der Kriegsbeute, „Preise für Tapferkeit und Bewährung im Krieg“ (S. 109) begegneten allerdings erst im Verlauf der Perserkriege. Tatsächlich scheint es – im deutlichen Gegensatz zu den Achaimeniden (S. 107ff.) – bei den Griechen in archaischer Zeit noch keine materielle Belohnung für besonders tapfere Kämpfer gegeben zu haben (S. 109). Tapferkeit und Mut wurden hier zunächst nur mit gesellschaftlichem Ansehen belohnt. Einen Wendepunkt markiere, so Kienast, die (vorgesehene) Ehrung des Themistokles im Zusammenhang mit der Schlacht von Salamis 480 v.Chr., die die Spartaner letztlich stellvertretend für alle Griechen vorgenommen hätten (S. 112f.).[9] Insgesamt lasse sich bereits während der Perserkriege eine (materiell) abgestufte Preisvergabe feststellen (S. 110ff.). Die Einführung materieller Kampfpreise (Aristeia) sei jedoch nicht allein durch den Kontakt der Griechen mit dieser persischen Sitte zu Beginn des 5. Jahrhunderts v.Chr. zu erklären (S. 116). Der Autor ist vielmehr der Meinung, dass die große Furcht der Griechen zu Beginn der persischen Invasion diese Entwicklung begünstigt und gefördert hat. Denn aus Sicht der griechischen Feldherren musste das Mittel der materiellen Belohnung eine effektive Möglichkeit darstellen, wankelmütige Griechen von einem Wechsel der Seiten abzuhalten (S. 117). Gleichzeitig habe aber die Auslobung materieller Preise „den Weg für eine gewisse Kommerzialisierung des Krieges bereitet“ (S. 119). Entsprechendes verdeutliche die Entwicklung bis in hellenistische Zeit (S. 123ff.). Hier zeige sich deutlich, dass die mit der Preisvergabe verbundene Ehre immer mehr zugunsten des materiellen Wertes zurücktrat.

Abschließend sei hier noch der Beitrag Zieglers erwähnt, der sich mit dem „Nachwirken der Perserkriegsidee in der Zeit der Zweiten Sophistik“ im 1.–3. Jahrhundert n.Chr. auseinandersetzt (S. 151ff.). Er kommt dabei zu dem Schluss, dass sophistische Vorstellungen – und insbesondere der ursprüngliche Freiheitsgedanke der Perserkriege – für die römisch-griechische Politik der Kaiserzeit (um-)gedeutet und instrumentalisiert worden sind. Der sophistische ‚Bildungskanon‘, der durch „Vergangenheitsorientierung und Betonung des Griechentums“ (S. 153) gekennzeichnet war, habe das Selbstverständnis der Eliten des griechischen Ostens entscheidend beeinflusst. Gleichzeitig habe die sophistische Ideenwelt der römischen Politik die Möglichkeit eröffnet, eine „gedankliche Verknüpfung von klassisch-griechischem Perserkriegsgedanken mit den Taten Alexanders des Großen“ (S. 163) herzustellen. Besonders im Rahmen der langwierigen Auseinandersetzungen mit den Parthern, die den Römern gewissermaßen als „Reinkarnation der Perser“ (S. 157) galten, sei dies zum Tragen gekommen. Das (Bild-)Symbol dieser gedanklichen Übertragung sei die Göttin Athena (S. 163ff.), die sich als die ideale „Repräsentantin gesamtgriechischer Vergangenheit“ (S.165) angeboten habe. Die Beschwörung der Vergangenheit und die damit verbundene Stärkung des ‚panhellenischen Wir-Gefühls‘ (S. 167) aus sophistischer Tradition heraus ebnete nach Meinung Zieglers den Weg zur Instrumentalisierung der Perserkriegsidee. Zunehmend als Kampf der zivilisierten Welt gegen die Barbaren verstanden, wurde der erneuerte Perserkriegsgedanke für politische Ziele nutzbar gemacht. Die politische Einsatz der Perserkriegsidee habe dabei auf politischer Ebene eine Verbindung römischer und griechischer Interessen „in bis dahin nicht gekanntem Ausmaß“ (S.168) zur Folge gehabt.

Als Fazit der Lektüre bleibt ein gemischter Eindruck: Einerseits erreicht der Band eine ungewöhnliche thematische Breite. Die Detailgenauigkeit und Qualität der meisten Beiträge wird der Herodot-Forschung zweifellos vielfältige wissenschaftliche Anreize geben. Andererseits wirken einzelne Aufsätze inhaltlich zu stark komprimiert bzw. gekürzt. Dadurch kann der Leser dem Gang der Argumentation mitunter nur mühsam folgen. Zum Lesekomfort hätte zudem die Festlegung einer verbindlichen Rechtschreibnorm beigetragen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. hier u.a. Bellen, Heinz, Der Rachegedanke in der griechisch-persischen Auseinandersetzung, in: Chiron 4 (1974), S. 43–67; Gehrke, Hans-Joachim, Die Griechen und die Rache. Ein Versuch in historischer Psychologie, Saeculum 38 (1987), S. 121–149.
[2] Kienast, Dietmar, Die Politisierung des griechischen Nationalbewußtseins und die Rolle Delphis im großen Perserkrieg, in: Schubert, Charlotte; Brodersen, Kai; Huttner, Ulrich (Hrsg.), Rom und der griechische Osten. Festschrift für Hatto H. Schmitt, Stuttgart 1995, S.117–133.
[3] Hier bezieht sich der Autor auf Pierre Briant, dessen Untersuchung er mehrfach heranzieht: From Cyrus to Alexander, Winona Lake 2002, S. 158. Nur schwer wird allerdings verständlich, dass der Autor eine Differenzierung der wissenschaftlichen Position Briants anstrebt. Denn durch eine etwas unglückliche Formulierung entsteht der Eindruck, die Meinung Briants – dieser lehnt religiös motivierte Rache als Motiv persischen Handelns ab und sieht darin (ebenfalls) eine Deutungskategorie griechischen Ursprungs (S. 158) – habe sich zwischenzeitlich geändert (S. 21f.).
[4] Der Autor bezieht sich hier auf die so genannten ‚Perserkriegsepigramme‘ (IG I³ 503–504) und den ‚Neuen Simonides‘. Vgl. dazu Boedecker, Deborah D.; Sider, David (Hrsg.), The new Simonides, New York u.a. 2001.
[5] Der Autor reißt kurz die literarische Fortwirkung des „Rachemotivs der Perser“ an. Die Tendenz der Quellen gehe diesbezüglich dahin, den Persern religiösen Fanatismus zu unterstellen und ihnen rückwirkend die alleinige Kriegsschuld zu übertragen (S. 31f.).
[6] Zu Recht sind allerdings die Darstellungen zum Ende des Kleomenes I. und des Pausanias angezweifelt worden. Siehe u.a. Griffith, Alan, Was Kleomenes Mad?, in: Powell, Anton (Hrsg.), Classical Sparta, London 1989, S. 51–78; sowie Powell, Anton, Mendacity and Sparta’s Use of the Visual, in: ebd., S.184f. Insgesamt bleibt jedoch zweifelhaft, ob sich hinsichtlich der Gefährdung der Polisgemeinschaft Spartas ein echter Gegensatz zwischen der Gruppenbildung innerhalb der spartanischen Oberschicht und den Einzelakteuren bzw. ihrer „Machtbesessenheit“ ergibt. Letztlich werden die Gründe für die Gruppenbildung, die Welwei hier als entscheidenden Faktor ins Spiel bringt, nicht richtig deutlich. In jedem Fall bleibt die ungewöhnliche Machtakkumulation durch Kleomenes und Pausanias als mögliches Motiv ihrer Beseitigung erhalten.
[7] Blösel, Wolfgang, Themistokles bei Herodot, Stuttgart 2004.
[8] Entsprechend datiert Blösel den Entschluss der Athener zur Seeverteidigung und zur Opferung Athens auf Mitte September 480 v.Chr.
[9] Hdt. 8,124.

Redaktion
Veröffentlicht am
17.12.2007
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache der Publikation
Sprache der Rezension