S. Ebert u.a. (Hrsg.): Von Pionieren und Piraten

Cover
Titel
Von Pionieren und Piraten. Der DEFA-Kinderfilm in seinen kulturhistorischen, filmästhetischen und ideologischen Dimensionen


Herausgeber
Ebert, Steffi; Kümmerling-Meibauer, Bettina
Reihe
Studien zur europäischen Kinder- und Jugendliteratur / Studies in European Children’s and Young Adult Literature (10)
Erschienen
Anzahl Seiten
302 S.
Preis
€ 40,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Dieter Wiedemann, Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF

Circa 30 Jahre nach dem der letzte Kinderfilm (Zirri – Das Wolkenschaf, Regie: Rolf Losansky) der Deutschen Film AG (DEFA), der auf dem Kinderfilmfest der Internationalen Filmfestspiele Berlin 1993 seine Premiere hatte, fand am medienwissenschaftlichen Institut der Universität Halle eine wissenschaftliche Tagung zur aktuellen Bedeutung des DEFA-Kinderfilms statt, deren 14 Beiträge in dieser Publikation veröffentlicht sind.

Die Herausgeberinnen verweisen in ihrer Einleitung „Der DEFA-Kinderfilm – Perspektive 2020“ zu Recht auf einige Defizite in der bisherigen Forschung zu diesem Thema. Offenbar sehen sie diese in vier Themenbereichen, nämlich den jeweiligen Kindheitsbildern, den politischen Rahmenbedingungen zwischen kultureller Bildung und Ideologie, den Medientransformationen und der Medienrezeption, zumindest sind die Beiträge danach geordnet. Der Rezensent kann hier nicht alle Beiträge der Publikation ausführlich – auch kritisch – würdigen. Ihm geht es primär um die aus seiner Sicht den aktuellen Diskurs zu den Kindermedien der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) transdisziplinär inspirierenden Analysen.

Mit Sheriff Teddy (Regie: Heiner Carow, 1957) stellt Sonja E. Klocke den wichtigsten – in der Gegenwart spielenden – Kinderfilm der fünfziger Jahre ins Zentrum ihrer Untersuchung. Für die Autorin ist die Entwicklung des Protagonisten des Films „symptomatisch für die Sozialisation einer ganzen DDR-Generation“ (S. 52). Inwieweit manche Vermutungen der Autorin über konkrete Quellen aus dem Bereich der „Schmökerliteratur“ (S. 63ff.) für die Fabel des Films historisch verifizierbar sind, kann und soll hier nicht diskutiert werden.[1] Zuzustimmen ist aber dem Resümee der Autorin: „Von Beginn an (des Films, D.W.) wird damit der Anspruch konstatiert, dass es sich bei der Geschichte des kleinen Sheriff Teddy nicht nur um eine subjektive Wahrnehmung der Situation im geteilten Berlin handelt, sondern dass ein objektives Bild gezeichnet wird, das für sich reklamieren kann, als historisches und sozialgeschichtliches Zeugnis gelesen zu werden“ (S. 67).

Ein weiterer Film der frühen DEFA-Jahre, Die Störenfriede (Regie: Wolfgang Schleif, 1953), wird von Christian Rüdiger analysiert. Sein Ansatz, von der „politische(n) Bewegung der Überzeugung“ auszugehen, aus der sich das Movens dieser Persuasion speist, um dann die spezielle Bewegung dieser „Überzeugungsarbeit“ als utopistisch zu charakterisieren und auf(zu)zeigen, wie sich deren Semantik ästhetisch im Film niederschlägt (vgl. S. 72), kann als durchaus erfolgreich realisiert und den Diskurs belebend angesehen werden.

Es folgen Beiträge zum DEFA-Kinderfilm in den achtziger Jahren. Steffi Ebert beschäftigt sich mit den Filmen Die dicke Tilla (Regie: Werner Bergmann, 1981)[2] und Moritz in der Litfaßsäule (Regie: Rolf Losansky, 1983), „weil beide Filme film- und gesellschaftshistorisch für diese Zeit […] paradigmatisch sind“ (S. 95). Sie geht von der These aus, „dass Kinderfilme immer zugleich gesellschaftliche Werte transportieren und als ästhetische Identitäts- wie Alltagsbewältigungsangebote fungieren“ (ebd.). Jenseits aller gesellschaftspolitischen Vorgaben sei daher die sensible Beobachtung kindlicher Realität Voraussetzung für gelungene Filme. Das nur zu bejahende Fazit der Autorin lautet dementsprechend: „Den Kinderfilmen der DDR ist neben aller filmästhetischen Wertschätzung und aus heutiger Sicht auch aller filmästhetischen Eigenart vor allem wegen ihrer vielschichtigen Interpretation des Alltags zu Recht ein Platz in der künstlerisch-ästhetischen Bildungs- und Gesellschaftsgeschichte einzuräumen“ (S.111).

Bei einem weiteren Beitrag „Die DEFA-Kinderfernsehserie Spuk im Hochhaus (1981/82) zwischen phantastischem Genre, Ästhetik des Komischen und sozialer Alltagskritik“ (S. 115–134) von Sebastian Schmideler, möchte der Rezensent darauf hinweisen, dass Spuk im Hochhaus (Erstsendung im Fernsehen der DDR 1982/83) im DEFA-Studio für Spielfilme – wie viele andere Fernsehfilme auch – zwar hergestellt, aber nicht produziert wurde und als Film des Fernsehens der DDR erst später in gekürzter Form in die Kinos kam. Dieser Beitrag ist dennoch absolut lesens- und diskussionswürdig: Seine gelungene Einordnung der Fernsehserie in die Kinderliteratur und -kultur zu Beginn der achtziger Jahre und die Ausführungen zur „Doppeladressierung“ „als Beispiel für die Ästhetik der Familienserie“ (S. 130) sollen hierfür als Beispiele stehen.

Michael Brodskis Beitrag zum DEFA-Märchenfilm fragt unter anderem nach seiner Relevanz für ein aktuelles kindliches Publikum. Trotz des ideologisch problematischen Produktionskontextes kam es demnach zu bestimmten inhaltlichen und formalästhetischen Entscheidungen, die für die anhaltende Beliebtheit und Zeitlosigkeit verantwortlich sind (vgl. S. 161). Brodski attestiert den Produktionen „eine allgemeingültig, geradezu zeitlose Wertigkeit“ die sie „einer spezifischen diskursiven Melange verdanken“ (S. 164).

Henrike Hahn analysiert in ihrem Beitrag das Buch und die DEFA-Verfilmung _Insel der Schwäne_unter dem Motto „Wohnen im Plattenbau. Identitätssuche und Identitätsstiftung“ (S. 181). Benno Pludras Jugendroman (veröffentlicht 1980) und dessen Verfilmung nach einem Szenarium von Ulrich Plenzdorf in der Regie von Herrmann Zschoche (aufgeführt 1983) hatten unterschiedliche kulturpolitische Karrieren in der DDR. Während Pludras Buch 1985 zu Schulstoff avancierte, wurde die Verfilmung – nach massiven Zensureingriffen – von der offiziellen Kritik verrissen. Der Film wurde danach zwar weiter aufgeführt und vom Zielpublikum auch durchaus positiv bewertet, konnte aber den notwendigen gesellschaftlichen Diskurs zum Konflikt zwischen einem Wohnungsbauprogramm und der Identitätsfindung Jugendlicher nur sehr eingeschränkt stimulieren.[3]

Andy Räder beschäftigt sich in einem Beitrag mit der „Spezifik des DEFA-Kinderfilms der frühen 1960er-Jahre und seine(r) Wirkung auf das junge Publikum“ und beginnt mit der sehr diskussionswürdigen Feststellung: „Über das Filmerlebnis und die Filmerfahrung von Kindern bei der Rezeption von Kinderfilmen in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) ist bisher sehr wenig bekannt. Einerseits ist das dem Umstand geschuldet, dass sich vergangene Rezeptionssituationen nicht rekonstruieren lassen, andererseits dienten die überlieferten historischen Daten zeitgenössischer Analysen zur Wirksamkeit audiovisueller Massenmedien auf junge Rezipient/innengruppen häufig der politisch-ideologischen Erfolgskontrolle von Medieninhalten in der staats-sozialistischen Diktatur […]. Bis auf wenige Ausnahmen gibt es kaum wissenschaftliche Untersuchungen zum Kinobesuchsverhalten in der DDR“ (S. 223). Der Verweis des Autors auf die Arbeit von Elizabeth Prommer als Beleg für diese Behauptung ist insofern mehr als kontraproduktiv: „Eine rege Forschung zum Kinopublikum fand in der DDR statt. Neben Struktur und Zusammensetzung des Publikums, den Gründen für den Filmbesuch und die Filmauswahl wurden auch konkrete Rezeptionsanalysen bestimmter DEFA-Filme vorgenommen“.[4] Es ist begrüßenswert, dass Räder die Forschungsarbeiten des „Nationalen Zentrums für Kinderfilm und -fernsehen der DDR“ in seinem Beitrag würdigt, bedauerlich ist aber, dass die Arbeiten von Pädagogen zur Filmerziehung, wie zum Beispiel Siegfried Hamisch, Fritz Beckert und Wolfgang Otto nicht ebenfalls einbezogen wurden.

Die letzte Analyse in dieser Publikation widmet sich der „Kindliche(n) Filmrezeption zwischen historischer Unbestimmtheit und filmästhetischer Konkretion. Didaktische Annäherungen am Beispiel des DEFA-Kinderfilms“ von Carolin Führer (S. 267–282). Sie untersucht die Beispiele Reise nach Sundevit (Regie: Heiner Carow, 1966) und den bereits von Ebert analysierten Moritz in der Litfaßsäule. Aus didaktischer Perspektive sieht sie einen prinzipiellen Unterschied zwischen Filmen aus der DDR-Zeit und aktuellen Filmen, die diese Zeit rückblickend behandeln: „hier ein ästhetisches Zeugnis aus der Vergangenheit, da eine Gegenwartsfiktion zur Vergangenheit. Damit kommt dem DEFA-Kinderspielfilm im Unterricht eine andere didaktische Funktion zu, weil in der kindlichen Aneignung (…) intensivere (historische) Rekonstruktions- und Narrationsleistungen notwendig sind, um Wahrnehmungsalteritäten zu überwinden“ (S. 277).

Das Buch schließt mit einem Interview, das Ebert und Räder mit dem DEFA-Regisseur Walter Beck geführt haben, dessen Kinder-, Jugend- und Märchenfilme überaus erfolgreich waren. Leider wird das sehr interessante Interview nur in Auszügen wiedergegeben. Der Rezensent hätte sich dafür mehr Platz gewünscht.

Die Publikation zeigt insgesamt, dass die Geschichte und Bedeutung des Kinderfilms der DEFA in Vergangenheit und Gegenwart bei Weitem nicht auserzählt ist und dass zum Teil neue interdisziplinäre Sichtweisen durchaus zu anderen Erkenntnissen führen können. Deutlich wird aber auch, dass die Beschränkung auf einzelne DEFA-Spielfilme für Kinder, der Gesamtbedeutung, welche die audiovisuellen Medien für Kinder in der DDR hatten, nur teilweise gerecht werden kann. Hier sollten die bereits vorhandenen Analysen zum Kinderfernsehen in der DDR in ihrer Wechselwirkung mit, aber auch in ihrer Differenzierung zum DEFA-Kinderfilm (nicht nur zum Spielfilm!) analysiert und bewertet werden.

Anmerkungen:
[1] Der Hinweis der Autorin, dass eventuell die westdeutsche Comicserien Sheriff Teddy den Titel des Buches von Benno Pludra beeinflusst haben könnte, ist ergänzend hinzuzufügen, dass in der DDR bekannt war, dass der Vorsitzende der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), Ernst Thälmann, den Tarnnamen „Teddy“ hatte.
[2] Der Film kam allerdings erst am 15. April 1982 in die Kinos.
[3] Eine Anmerkung sei dem Rezensenten an dieser Stelle gestattet: In einer von ihm mitherausgegebenen Publikation wurde dieser Film ausführlich besprochen und durchaus anders interpretiert; vgl. Ingelore König / Dieter Wiedemann / Lothar Wolf (Hrsg.), Zwischen Bluejeans und Blauhemden. Jugendfilm in Ost und West, Berlin 1995, unter anderem S. 28, S. 129ff. und S. 156.ff.
[4] Elizabeth Prommer, Kinobesuch im Lebenslauf. Eine historische und medienbiografische Studie, Konstanz 1999, S. 122.

Redaktion
Veröffentlicht am
09.05.2022
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