R. Lindner: Unternehmer und Stadt in der Ukraine, 1860 - 1914.

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Titel
Unternehmer und Stadt in der Ukraine, 1860 - 1914. Industrialisierung und soziale Kommunikation im südlichen Zarenreich


Autor(en)
Lindner, Rainer
Erschienen
Konstanz 2006: UVK Verlag
Anzahl Seiten
556 S.
Preis
€ 49,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kerstin Susanne Jobst, Fachbereich Geschichte, Universität Salzburg

Auf den ersten Blick mag es erstaunen, dass die an der Universität Konstanz angefertigte und für den Druck überarbeitete Habilitationsschrift Lindners in der gut eingeführten Reihe „Historische Kulturwissenschaft“ erschienen ist, scheint es sich doch um eine eher wirtschaftsgeschichtliche Abhandlung zu handeln. Dieser Eindruck zerstreut sich allerdings schnell, denn Lindner hat sich zum Ziel gesetzt, eine Neue Wirtschaftsgeschichte zu schreiben, wobei das Wort „neu“ eine kulturgeschichtliche Einbettung verspricht. So geht es ihm darum, eine „Kulturgeschichte sozialer Ordnung“ (S. 11) zu präsentieren, in der zum einen die Handlungsräume der auch im Zarenreich seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstandenen sozialen Gruppe der Wirtschaftsbürger ausgelotet werden sollen. Zum anderen sollen deren Kommunikationsformen, die Prozesse von Integration und Desintegration sowie deren Symbolwelten aufgezeigt werden. Der Terminus „Symbol“ in allen seinen Facetten – insbesondere unter Aufgreifung des Bourdieuschen symbolischen Kapitals – ist somit der zentrale operationale Begriff in dieser Arbeit.

Lindner hat sich hierfür auf den „russischen Süden“, also die Gebiete der heutigen Ukraine, beschränkt. Und dies mit gutem Grund, kann dieses Territorium doch innerhalb des durch eine rückständige Ökonomie geprägten Zarenreichs als Zone des beschleunigten Wandels gelten. Am Beispiel von fünf städtisch-industriellen Konglomeraten unterschiedlicher historischer Prägung entfaltet er seine Argumentation. Es sind dies die mittelalterlichen Stadtgründungen Kiew und Schitomir, die imperialen Stadtgründungen Charkow/Charkiw und Jekaterinoslaw sowie das Industriedorf von Jusowka. Diese waren im zarischen Kontext „Inseln der Modernisierung“, welche wesentlichen Anteil daran hatten, dass das Zarenreich bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs zumindest partiell seine so häufig beschriebene und auch heute noch von der historischen Zunft diskutierte Rückständigkeit überwand.

Lindner stellt jedoch zu Recht fest, dass dieser Begriff eine gewisse Einschränkung erfahren muss, da „der Westen“ genauso wie der europäische „Osten“ eine höchst diffuse Entität war, der allein kein Vergleichsmaßstab für „Fortschritt“ sein kann. Er schlägt deshalb vor, eher ostmitteleuropäische Gebiete als Gradmesser für das Zarenreich zu nehmen; schließlich ließe sich auch die Frage danach, wie modernisierungsfähig das russländische Imperium gewesen sei, nicht allein an den dichotomischen Polen Reform versus Reaktion messen (S. 14).

Lindner präsentiert das Kaleidoskop der sozialen, nationalen, lokalen und personellen Identitäten und Lebenswelten sowohl strukturell als auch biographisch: Nach einer stadtgeschichtlichen Einführung sowie der Darstellung der Genese industrieller Entwicklung in den ausgewählten Städten zeigt er, wie die in der Metropole nicht als Kolonie wahrgenommenen südrussischen (ukrainischen) Gebiete auch (wirtschafts-)strukturell in den Reichsverband integriert wurden. Er kommt dabei unter anderem zu dem älteren Forschungen widersprechenden Ergebnis, dass die dort zu beobachtende Modernisierung wesentlich auf lokaler Ebene initiiert wurde, ohne dass das Zentrum die Oberaufsicht gegenüber der örtlichen Gesellschaft aufgeben musste. Da gerade in dem untersuchten Territorium die ethnische und religiöse Differenz ein wesentliches Merkmal war, prägte diese auch die Zusammensetzung der dortigen Unternehmerschaft: Die Prozesse von Akkulturation, zumeist an die dominierende imperiale, also russische Kultur, als auch die Persistenz lokaler und ethnischer Identitäten werden beleuchtet.

Das vermutlich interessanteste Kapitel ist das über die „Lebenswege und Symbolwelten“ ausgewählter Unternehmerpersönlichkeiten ukrainischer, russischer, jüdischer und ausländischer Herkunft, wobei der für die letzte Gruppe ausgewählte John Hughes bereits wiederholt geschichtswissenschaftlich behandelt worden ist.[1] Aspekte wie die Entwicklung einer spezifischen Wohnkultur, die Totenverehrung oder der „Unternehmer als Privatmann“ werden hier behandelt, wobei auch auf die partiellen Gentrifizierungstendenzen und den selbst gesetzten Anspruch zur Erlangung der im russischen Kontext so zentralen Kategorie kulturnost (Kultiviertheit, kulturelles Niveau) hingewiesen wird.

Die vertikale Kommunikation zwischen Staat und Arbeitswelt wird im nächsten Abschnitt behandelt. Wie Lindner zeigt, waren und blieben die Zaren die höchste Autorität, und dies auch in symbolischer Hinsicht, denn der Herrscher vermochte es, durch ein ausgefeiltes Belohnungssystem auch das symbolische Kapital der Wirtschaftsbürger zu mehren. Der sozialen Integration der Unternehmer in der jeweiligen Region ist das nächste Kapitel gewidmet. Darin untersucht Lindner unter anderem deren Partizipation in den regionalen Institutionen wie der Selbstverwaltung. Zentral war aber auch der Anteil der Wirtschaftsbürger etwa auf dem Gebiet der Vereine und des karikativen Sektors. Wohltätigkeit auf dem Gebiet der Gesundheitsfürsorge oder der Bildung, so wird deutlich gezeigt, war immens wichtig für die Akkumulation symbolischen Kapitals. Das Engagement geschah aber auch, dies muss unterstrichen werden, aus höchst pragmatischen Überlegungen, denn für Unternehmer waren besser ausgebildete und gesunde Arbeiter auch aus wirtschaftlichen Gründen von Interesse.

In diesem Abschnitt werden auch die in dieser Arbeit insgesamt eher wenig konturierten Ehegattinnen der Wirtschaftsbürger genauer beleuchtet, zumal Wohltätigkeit eine Domäne von privilegierten Frauen war. Lindner zeigt dies am Beispiel des Projekts der Sonntagsschule der Christiana Altschewskaja, die zudem Aktivitäten auf dem Gebiet der Entwicklung eines ukrainisch-patriotischen Landesbewusstseins entwickelte. Auch wenn Lindner zu Recht darauf hinweist, dass Frauen dieser sozialen Gruppe im Zarenreich vornehmlich auf die private Sphäre (als Erzieherin des Nachwuchses, als Repräsentationsfigur an der Seite des Mannes) beschränkt waren, so hätte man sich insgesamt mehr Erkenntnisse hinsichtlich der Wirkungsmächtigkeit der Kategorien von Männlichkeit und Weiblichkeit innerhalb der untersuchten sozialen Gruppe gewünscht.

Insgesamt liegt eine überzeugende, auf der Grundlage einer breiten Quellen- und Literaturbasis ausgeführte Arbeit vor. Den selbst gesetzten Anspruch, die Symbolwelten der Wirtschaftsbürger im Kontext des Obrigkeitsstaats zu analysieren, setzt Lindner konsequent um. Allerdings rücken zuweilen die pragmatisch begründeten Inszenierungen und Handlungen dieser Gruppen zugunsten des Strebens nach symbolischem Kapital zu sehr in den Hintergrund. Auf diese Weise wird oft alles symbolisch, es gibt zahllose „Symbolwelten“, „Symbolbrüche“ und „Symbolkrisen“. Selbst die Annahme des Nachnamens des Schwiegervaters Brodskis als zweiten Familiennamen durch den Schwiegersohn Dreyfus nach der Heirat mit der Unternehmertochter Marija wird allein auf der nach außen gerichteten „Symbolebene“ gedeutet (S. 219-220).

Für Lindner war die Industrialisierung des russischen Südens „die letzte umfassende Modernisierungsanstrengung der Autokratie“, die aber nicht zu einem take off geführt und deshalb durch den sichtbar werdenden sozialen und ökonomischen Druck letztlich ihren Anteil am Untergang des Imperiums gehabt habe: „Das Zarenreich ging an der ökonomischen Rückständigkeit, an den Folgen verspäteter Modernisierungsoffensiven und den entfesselten sozialen und ethnischen Differenzen zugrunde“ (S. 471), so Lindners fast apodiktisches Fazit. Es ist zu fragen, ob diese Entwicklung wirklich eine unausweichliche war. Sowohl im Hinblick auf das als modern bezeichnete britische Weltreich als auch das ja zumindest als relativ rückständig geltende Habsburgerreich stellt die Forschung mittlerweile auch andere Fragen, nämlich wieso diese Imperien überhaupt so lange existierten und welchen Anteil (zumindest bei der Donaumonarchie) der Erste Weltkrieg am Zusammenbruch hatte.

Anmerkungen:
[1] Vgl. z.B. Edwards, Susan, Hughesovska. A Welsh Enterprise in Imperial Russia, Glamorgan 1992.