J. Purchla u.a. (Hrsg.): Nation, Style, Modernism

Cover
Titel
Nation, Style, Modernism.


Herausgeber
Purchla, Jacek; Tegethoff, Wolf; Fuhrmeister, Christian; Galusek, Lukasz
Reihe
Comité international d’histoire de l’art 1
Erschienen
Anzahl Seiten
390 S.
Preis
€ 15,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stefan Dyroff, Historisches Institut, Universität Bern

Der vorliegende Band geht auf ein internationales kunsthistorisches Kolloquium zurück, dass im September 2003 in München und Krakau veranstaltet wurde. Die in englischer (13), deutscher (7) und französischer (1) Sprache verfassten Beiträge haben den Anspruch, Fragen nationaler Identitätsbildung durch die und in der Kunst zu thematisieren. Dabei liegt, wie der Titel bereits andeutet, ein Schwerpunkt auf national geführten Stildiskussionen, aber auch auf der Frage nach dem Verhältnis von nationalem Paradigma und der aus kunsthistorischer Sicht meist als international begriffenen Moderne. Diese Frage wird am Ende des Buches in einem Artikel von Verena M. Schindler über das aktuelle Verhältnis zwischen der einheimischen Bautradition und der Rezeption der westlichen Moderne in China auch über den abendländischen Kulturraum hinaus verfolgt. [1]

Die meisten Beiträge setzen sich jedoch mit dem Spannungsfeld von Geschichte, Moderne und Avantgarde in Mitteleuropa auseinander, wobei positiv hervorzuheben ist, dass gerade die Beiträge zur Schweiz, Frankreich, Flandern und auch Finnland zeigen, dass nicht nur ostmitteleuropäische Künstler bei der Suche nach künstlerischen Ausdrucksformen in das Spannungsfeld zwischen Nation und Moderne gerieten. Mit Blick auf die Geschichte der Kunstgeschichte zeigt der Beitrag von Kate Kangalashi, dass auch in Frankreich versucht wurde, andersnationale Künstler in die eigene nationale Tradition einzubinden. Im Gegensatz zu Deutschland wurde hier aber nicht das Abstammungsprinzip angewandt, sondern der Verweis auf die Sprache, auf den Schaffensmittelpunkt oder die Beeinflussung durch französische Künstler angeführt. Somit finden sich auch in diesem Bereich die von Historikern in anderen Feldern aufgezeigten unterschiedlichen Vorstellungen von Nation wieder, was auf das Potential des kunsthistorischen Beitrags zur allgemeinen Diskussion über Nationen und Nationalismus hinweist. Durch die Einbindung solcher Beiträge ist es den Herausgebern Jacek Purchla und Wolf Tegethoff aber zudem gelungen, in ihrer deutsch-polnischen Kooperation nicht in der Nische der Ostmitteleuropaforschung stecken zu bleiben.

In räumlicher Hinsicht beschäftigen sich die meisten Beiträge mit einem europäischen Land bzw. Kulturraum. Einen mehrnationalen komparatistischen Ansatz verfolgen nur Stefan Muthesius und Timothy O. Benson. Vergleiche auf deutsch-polnischer Ebene bieten die Beiträge von Arnold Bartetzky und Beate Störtekuhl. Die bei Störtekuhl am Beispiel des Posener Messegeländes thematisierte Identitätsarbeit zweier Nationen im selben Raum findet sich am Beispiel Böhmens bzw. der Tschechoslowakei auch bei Dirk de Meyer. In gewisser Hinsicht kann sogar der Beitrag von Elisabeth Crettaz-Stürzel über den Schweizer Heimatstil hier eingeordnet werden, da es dabei zur Auseinandersetzung zwischen den deutsch- und französischsprachigen Schweizern kam.

In thematischer Sicht ist die Bau- bzw. Architekturgeschichte das Schwerpunktthema der meisten Beiträge. Andere künstlerische Bereiche bleiben dagegen unterbelichtet, da die meisten Autoren Kunst ausschließlich als Teil der Hochkultur begriffen haben. Dies mag einerseits gerechtfertigt erscheinen, da nationale Identitätsdiskurse sich vor allem um herausragende Kunstwerke oder Künstler bzw. staatliche Auftragswerke gruppieren. Andererseits zeigt jedoch gerade der Beitrag von Muthesius zum „Universalismus und Nationalismus im Kunstgewerbe des späteren neunzehnten Jahrhunderts“, das durch die weite Verbreitung der Erzeugnisse des Kunstgewerbes im 19. Jahrhunderts der nationale Gedanke sprichwörtlich in jedes Haus getragen wurde. Interessant ist gleichzeitig der Hinweis darauf, dass mitunter das Ausland bestimmte, was als typisch für eine andere Nation begriffen wurde. Im Falle Deutschlands führte dies zu einer teilweise bis heute andauernden Außenwahrnehmung von bayrischer Volkskunst als typisch deutscher Kunst. Neben dem Kunstgewerbe kommt aber auch die Malerei außerhalb kunsthistoriographischer Zusammenhänge zu kurz. Einen Beitrag über Historienmalerei, der sich im Zusammenhang von Kunst und nationalen Identitätsdiskursen geradezu aufdrängt, sucht man so praktisch vergebens. Nur Agnieszka Chmielewska berührt die historische Themen aufgreifende moderne Malerei in ihrem Beitrag über die Zweite Polnische Republik am Rande. Die Wiedergabe einer Abbildung aus ihrem Beitrag auf dem Schutzumschlag weckt daher beim Leser gewisse Erwartungen, die das Buch nicht erfüllt. Die Schwerpunktsetzung auf den Bereich der Architektur führt letztlich dazu, dass sich einige Beiträge in den Band „eingeschlichen“ haben, deren Zusammenhang mit der Ausgangsfragestellung sich nicht auf den ersten Blick erschließt. Ein solches Beispiel ist der Beitrag von Rotislav Švácha über die Transformation der Dorischen Ordnung und den Prager Kubismus. Gleiches gilt aber auch für Bernd Nicolais Ausführungen über das architektonische Exil und den Geist Kaliforniens. Eine Verbindung dieser Themen könnte durch die in der Einleitung der Herausgeber Purchla und Tegethoff erwähnten kulturellen Transfers hergestellt werden, deren kausaler Zusammenhang mit dem Problemkomplex von Nation und Moderne jedoch ebenfalls unklar bleibt.

Abgesehen von dieser für umfangreiche internationale Sammelbände meist typischen Schwäche ist es den Herausgebern dennoch gelungen, eine Zusammenstellung interessanter und gut bebildeter Beiträge vorzulegen. Ein Personenindex erleichtert die Benutzung. Ungewöhnlich ist lediglich das Abdrucken der Fußnoten am rechten Rand einer Doppelseite, wobei wohl aus Platzgründen mehr als einmal auf der Suche nach dem Verweis umgeblättert werden muss.

Es bleibt zu wünschen, dass der Band nicht nur in kunsthistorischen Instituten Verbreitung findet, sondern auch von Vertretern anderer historischer Wissenschaften gelesen wird. Das einzige Hindernis stellt hier der etwas ungewöhnliche Weg des Erwerbs dar. Der Band ist nicht über den Buchhandel zu beziehen, sondern kann nur beim Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München bestellt werden. Dieser Nachteil wird jedoch durch den für ein festgebundenes, bebildertes wissenschaftliches Buch ungewöhnlich niedrigen Preis kompensiert.

Anmerkung:
[1] Auf die Angabe der Titel der einzelnen Beiträge wird hier aus Platzgründen generell verzichtet. Sie können unter <http://www.zikg.lrz-muenchen.de/main/publikationen/nsm.htm> eingesehen werden.

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Veröffentlicht am
06.03.2007
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