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Titel
Denkmäler im Geschichtsunterricht.


Autor(en)
Dräger, Marco
Erschienen
Frankfurt am Main 2021: Wochenschau-Verlag
Anzahl Seiten
80 S.
Preis
12,90 €
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Daniel Fastlabend, Theorie und Didaktik, Universität Paderborn

Der Autor hat sich einer Thematik angenommen, welche zuletzt im Zuge von Black-Lives-Matter-Protesten und damit zusammenhängenden Denkmalsdebatten sowie -stürzen eine erneute Aktualität gewonnen hat, nämlich der Umgang mit Denkmälern und die daraus resultierende Frage nach der Einbindung von Denkmälern in den Geschichtsunterricht. Hierzu wird ein 75 Seiten umfassendes Werk vorgelegt, welches vor allem den Anspruch verfolgt, „Methoden zu erläutern, wie man Denkmäler sinnvoll in den Geschichtsunterricht einbinden kann“ (S. 45).

Der Zugang zur Thematik erfolgt – nach einer durchaus problematisierenden Einleitung der didaktischen Potentiale von Denkmälern – zunächst über die Definition dieses Lerngegenstandes. Hierzu wird Leser:innen eine Klassifizierung der Haupttypen und Eigenschaften geboten. Der Fokus liegt dazu vor allem auf der Betrachtung eines engen Denkmalsbegriffes, der auf die geläufige Unterscheidung in nicht intendierte und schon beim Bau als Denkmäler intendierte Erinnerungsmale zurückgreift (S. 8). Anzumerken wäre hier, dass Straßennamen und Stolpersteine vermutlich aufgrund der genannten Fokussierung nur am Rande der umfassenden „Kategorie Denkmal“ (S. 10) erwähnt werden, obwohl diese im Unterricht ebenfalls zentrale Gegenstände der Befassung mit Geschichtskultur darstellen können.

Die Stärke des Kapitels liegt in der längsschnittartigen Klassifizierung der geläufigsten Denkmalstypen und Gattungen. Darauf aufbauend und mit Bezug auf aktuelle Denkmalsprojekte und -debatten wird zudem eine erinnerungskulturelle Öffnung für weitere Gesellschaftsgruppen und Ereignisse bzw. Denkmalstypen rekonstruiert. Dem daraus abgeleiteten historischen Wandel von einer heroischen hin zu einer „postheroischen und opferorientierten Erinnerungskultur“ (S. 23) ist zwar generell zuzustimmen, jedoch bedarf dies z.B. für postkoloniale Betrachtungen und Perspektiven des Widerstands weiterer Differenzierung.[1]

Ein weiterer Schwerpunkt der theoretischen Ausführungen zu Denkmälern liegt in der Auseinandersetzung mit Eigenschaften von Denkmälern als „Medien des kollektiven Gedächtnisses“, deren politischen Intentionen als „Medien der Macht“ (S. 27) sowie mit deren Quellenwert. Diesbezüglich wird an verschiedenen Stellen unter Bezug auf erinnerungskulturelle Konzepte auf die ästhetische Qualität, die politische Dimension sowie die Appellfunktion von Denkmälern und deren Bedeutung für eine Analyse hingewiesen. Hier liegt ebenfalls eine Verbindung zu der für die Geschichtsdidaktik einflussreichen Dimensionierung von Geschichtskultur in die politische, kognitive sowie ästhetische Dimension von Jörn Rüsen nahe[2], allerdings wäre dies ähnlich wie Rüsens Modell auch um die ökonomische Dimension zu erweitern.[3]

Positiv anzumerken ist hier, dass aus der theoretischen Befassung mit den Entstehungsgründen sowie -prozessen von Denkmälern eine durchaus problematisierende Betrachtung des Quellenwerts von Denkmälern sowie der Eignung für die Ausprägung eines reflektierten Geschichtsbewusstseins erfolgt, z.B. wird die Selektivität sowie Normativität der im Denkmal angestrebten Geschichtsdeutungen herausgestellt. Der dargelegte Ausweg der Thematisierung des Diskurs- und Entstehungsprozesses als „immaterieller Teil des Denkmals“ (S. 29) ist unter anderem in der Geschichtsdidaktik ein anerkanntes Verfahren[4], um die vom Denkmal verdeckte Kontroversität wieder herzustellen und somit doch eine Reflexion über die im Denkmal dargestellte Geschichte anzuregen. Gelungen ist hier die Differenzierung, dass auch durch Entstehungsdebatten nur ein Teil des Geschichtsbewusstseins in einer Gesellschaft bzw. häufig nur ein „Elitendiskurs“ (S. 31) in den Blick kommt.

In der Thematisierung des „Potential[s] von Denkmälern für den Geschichtsunterricht“ werden Lerneigenschaften wie u.a. „ästhetische und haptische Qualitäten“ und „authentische Aura“ (S. 36) genannt. Jedoch wird ihre Bedeutung für den Lernprozess nicht detaillierter ausgeführt, wobei sich zur Haptik in der Geschichtsdidaktik mit dem „material turn“ durchaus neue Diskurse entwickelt haben.[5] Hinsichtlich einer „authentischen Aura“ (S. 36) wäre ebenfalls eine Problematisierung des Begriffes angebracht und unter Rückbezug auf narrativ-konstruktivistische Lernbegriffe zu hinterfragen, inwieweit diese vom Vorwissen der Betrachter:innen abhängt.[6]

Andererseits werden die Herausforderungen des Lernens anhand von Denkmälern nicht verschwiegen. So wird unter anderem auf die Eigenschaft hingewiesen, dass Denkmäler „nicht nur unsichtbar, sondern auch schweigend“ (S. 37) seien sowie ernüchternde empirische Ergebnisse zur Rezeption durch Schüler:innen angeführt. Die daraus abgeleiteten Aufgaben für Lernende wirken nachvollziehbar, ließen sich jedoch um die kritische De-Konstruktion von im Denkmal angelegten Geschichtsdarstellung erweitern. Diesbezüglich wäre hinzuzufügen, dass „gesetzte Erinnerungsmale“ neben ihrem Quellenwert für Geschichtskultur auch aufgrund ihrer Intention fertige Geschichtsdarstellungen anzubieten, eine Einordnung als „geraffte Darstellungen“ bzw. „narrative Abbreviaturen“ erfahren.[7]

Ein solcher Umgang mit Denkmälern scheint auch grundsätzlich angestrebt zu werden, sodass „fachspezifische Analyse- und Methodenkenntnisse, ein reflektiertes Geschichtsbewusstsein sowie geschichtskulturelle Kompetenz“ (S. 37) erworben werden sollen. Das heißt, Lernende sollen „Denkmäler dechiffrieren, ihre Botschaften und Appelle analysieren und kommentieren sowie zum Nutzen und zur Sinnhaftigkeit von Denkmälern Stellung nehmen“ (S. 39) können.

In dem daran anschließenden vierten „Methodenteil“ werden 29 methodisch vielfältige Vorschläge für die Einbindung von Denkmälern in den Geschichtsunterricht unterbreitet. Als Schwerpunkte sind hier Analyse und Interpretationsmethoden, handlungs- und produktorientierte Methoden, problemorientiertes sowie forschend-entdeckendes Lernen bzw. Projektarbeit auszumachen. Positiv fällt beispielsweise die Simulation einer Abstimmung zu einem Denkmal auf, da diese Methode neben dem möglichen lokalen Lebensweltbezug und der damit angestrebten Einübung der Beteiligung an geschichtskulturellen Diskursen durchaus eine Problemorientierung aufweist und somit Potentiale enthält, Kompetenzen Historischen Denkens zu fördern. Unter Bezug auf das forschend-entdeckende Lernpotential der Arbeit mit Denkmälern werden zudem projektorientierte Methoden vorgeschlagen, die z.B. auf die Potentiale einer Verknüpfung mit Gängen ins Archiv oder der Oral History hinweisen, um somit die nicht narrative Struktur von Denkmälern über zusätzliche schriftliche Quellen bzw. durch Interviews aufzubrechen und so ggf. Multiperspektivität oder Kontroversität herzustellen. Demgegenüber stehen jedoch produktorientierte Ansätze, die wie das „Wissensquiz“ und das „Denkmalsquartett“ (S. 49) eher den Schwerpunkt der Aneignung von Informationen verfolgen und weniger den reflektierten Umgang mit Denkmälern fördern mögen.

Dennoch lässt sich dem abschließenden Fazit des Verfassers dahingehend zustimmen, dass Denkmäler nicht nur als geschichtskulturelle Manifestationen ein einsichtsreicher Gegenstand des Geschichtsunterrichts sein können, sondern v.a. aufgrund der daran erkennbaren Eigenschaften von gesellschaftlichen Umgängen mit Vergangenem, wie z.B. Wandlungsfähigkeit und Kontingenz, um somit den Aufbau eines reflektierten Geschichtsbewusstseins sowie die kompetente Teilhabe an Geschichtskultur nicht nur bei Jugendlichen zu fördern. Ganz grundlegend ließe sich außerdem die mögliche Erkenntnis hinzufügen, dass „Geschichte ein Deutungsgeschäft ist und es immer verschiedene Narrationen gibt – und eben nicht die eine wahre Geschichte […]!“.[8]

Insgesamt bietet das empfehlenswerte Werk somit viele informative Aspekte zur Geschichte des Lerngegenstandes Denkmal, den verschiedenen Typen und deren erinnerungskulturellen Merkmalen sowie den daraus resultierenden didaktischen Potentialen und Herausforderungen. Darüber hinaus lassen sich einige inspirierende Methoden zur Thematisierung von Denkmälern finden, die jeweils unterschiedliche Prinzipien und Schwerpunkte historischen Lernens ansprechen, zum Teil aber auch darauf zu hinterfragen sind.

Anmerkungen:
[1] Anette Dietrichs / Juliane Strohschein, Kolonialismus, in: Susan Arndt u.a. (Hrsg.), Wie Rassismus aus Wörtern spricht: (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk, Münster 2011, S. 114–120.
[2] Jörn Rüsen, Was ist Geschichtskultur? Überlegungen zu einer neuen Art, über Geschichte nachzudenken, in: Klaus Füßmann / Heinrich Grütter / Jörn Rüsen (Hrsg.), Historische Faszination. Geschichtskultur heute, Köln 1994, S. 3–26.
[3] Holger Thünemann, Geschichtskultur revisited. Versuch einer Bilanzierung nach drei Jahrzehnten, in: Thomas Sandkühler / Horst Walter Blanke (Hrsg.), Historisierung der Historik. Jörn Rüsen zum 80. Geburtstag, Köln 2018, S. 127–150.
[4] Dietmar von Reeken, Gegenwärtige Denkmalskonflikte im Geschichtsunterricht. In: Vadim Oswalt / Hans-Jürgen Pandel (Hrsg.), Handbuch Geschichtskultur im Unterricht, Frankfurt am Main 2021, S. 36–63.
[5] Sebastian Barsch / Jörg van Norden (Hrsg.), Historisches Lernen und Materielle Kultur. Von Dingen und Objekten in der Geschichtsdidaktik, Bielefeld 2020.
[6] Olaf Hartung, Museen und Geschichtsunterricht, Stuttgart 2020.
[7] Bodo von Borries, Historisch Denken Lernen – Welterschließung statt Epochenüberblick. Geschichte als Unterrichtsfach und Bildungsaufgabe, Opladen 2008.
[8] Markus Bernhardt, Denkort Denkmal – Anregungen und Tipps für eine erfolgreiche Erschließung eines Denkmals, in: ders. u.a. (Hrsg.), Denkort Denkmal. Denkmäler als Ausdruck regionaler Identität, Duisburg 2017, S. 65–83.

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Veröffentlicht am
10.08.2021
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